Dietrich B., Bauer, geb. 1902, gest. 1974
Wohnort: Petershagen-Bierde
Datum der Niederschrift: 20. Dezember 1966
Berichtsort: Petershagen-Ilserheide, Kreis Minden-Lübbecke
betrifft die Zeit um 1913
Vor dem 1. Weltkriege waren auf dem Bauernhofe neben der Frau und neben dem Bauern noch Knechte und Mägde vorhanden, die es heute hier bei uns nur noch selten gibt. Der Hausherr hatte die Verpflichtung, des Morgens das Wecken zu besorgen. Er hatte ja auch das Interesse daran, daß rechtzeitig aufgestanden wurde, denn desto eher begann die Arbeit. Wenn es Abend wurde, fragte von seinen Leuten niemand mehr danach, ob man verspätet aufgestanden war, dann sah jeder nach der Uhr, ob es noch nicht Feierabend war. Wegen verspäteten Aufstehens des Abends länger arbeiten wollte niemand, der Hausherr selber auch nicht. Deshalb stand der Hausherr zuerst auf, ging die Hausdiele herunter, öffnete dann die große Haustür und guckte nach dem Wetter, und anschließend weckte er dann die übrigen Familienangehörigen. Im Sommer wurde um 5 Uhr aufgestanden, in der Erntezeit um 4.30 Uhr. Im Winter dagegen um 5.30 Uhr. Dann ging jeder an seine gewohnte Arbeit. Der Bauer oder der Hausherr fütterte die Schweine. Der Knecht putzte und fütterte die Pferde. Die Mägde oder die eigenen Mädchen besorgten das Melken und trieben dann die Kühe auf die Weide. Dann besorgte der Knecht oder auch der eigene Sohn mit den Mädchen zusammen das Ausmisten des Kuhstalles. Die Hausfrau machte in der Küche das Feuer an und kochte den Morgenkaffee. Er bestand aus Zichorien und Kathreiners Malzkaffee oder Kornfrank, also gebrannte Gerste, die man in den Geschäften kaufen konnte. Bohnenkaffee gab es nicht. Aus Gründen der Sparsamkeit wurde dafür kein Geld ausgegeben. – Dann machten die Mädchen die Betten fertig. Die Männer fegten noch die Hausdiele sauber. Wer mit seiner Arbeit zuerst fertig war, ging schon zum Waschen. Inzwischen rief die Hausfrau zum Kaffeetrinken, so nannte man die erste Mahlzeit. Hier gab es nur Graubrot mit Butter, manchmal auch noch Marmelade oder Zwetschenmus als Überstrich. Gekauft wurde dieses natürlich nicht, wenn es aus eigenen Beständen vorhanden war, konnte es geboten werden, sonst eben nicht. Die Butter wurde selbst hergestellt. Wenn zu der Zeit einer freiwillig seine Milch an die Molkerei lieferte, so wurde trotzdem die Butter für den eigenen Haushalt selbst hergestellt. Brotschneidemaschinen gab es noch nicht. Der Großknecht mußte mit dem großen Brotschneidemesser das Brot schneiden. In kleineren Betrieben, wo der Knecht fehlte, war es die Arbeit des Hausherrn. Dieser Kaffee wurde in der Küche eingenommen. Im Winter bei etwa 20° Kälte wurden sämtliche Mahlzeiten in der Wohnstube gegessen, weil es dort wärmer war.
Die Hausbewohner wuschen sich sämtlich in der Küche. Natürlich wurde auch Seife gebraucht, denn die Stallarbeit ist eine schmutzige Arbeit. Die Kinder wurden in der Küche angezogen. Wer von den Frauen gerade zugegen war, half beim Anziehen. Hier war es Sitte, daß jeder, auch die Frauen, voll angezogen aus dem Schlafzimmer trat. In Nachtjacke und Nachtmütze im Haus herumzulaufen, hätte gegen die guten Sitten verstoßen. Es konnte auch vorkommen, daß schon am frühen Morgen ein fremder Mann das Haus betrat, da mußte doch jeder fertig angezogen sein. Man ging in Arbeitskleidung, die man den ganzen Tag trug. Als Fußbekleidung dienten Holzschuhe (Holsken), damals und auch heute noch. Darin hat man im Winter warme Füße. Wenn im Hause noch eine Oma lebte, die auf Grund ihres Körperzustandes noch in der Lage war, häusliche Arbeiten zu verrichten, so kochte diese das Mittagessen, während dann die junge Frau mit Außenarbeiten beschäftigt wurde. Die Vorarbeiten, wie Kartoffelschälen usw., wurden schon am Tage vorher durch die Oma verrichtet, sonst eben durch die junge Frau oder, wenn nicht vorhanden, durch die älteste Tochter.
Jeden Morgen wurden die Zimmer gefegt und frisch mit leicht angefeuchtetem, krümeligem Sand gestreut. Die Küche wurde jeden Sonnabend geschrubbt. Vor dem 1. Weltkriege waren die Hausdielen noch nicht gepflastert, sondern bestanden aus gestampftem Lehmfußboden. Zu der Zeit waren auf den Höfen noch keine Kornscheunen vorhanden. So mußten also im Sommer die hoch beladenen Kornwagen in das Haus auf die Diele gefahren werden. Diese Fuder klemmten sich manchmal in der Tür fest, so daß die Pferde gewaltig ziehen mußten, um das Fuder ins Haus zu befördern. Wenn da die Diele gepflastert gewesen wäre, würden die Pferde gestürzt sein und hätten sich verletzt. Als Folge davon hätten sie aus Angst nicht mehr ziehen wollen, wenn es mit einem Fuder ins Haus ging. Aus diesem Grunde wurden die Dielen zu der Zeit nicht gepflastert, weil es denn nicht zweckmäßig gewesen wäre. Nach dem 1. Weltkriege, etwa um 1920-25, wurden in den Zimmern die Fußböden gestrichen, und das Sandstreuen hörte auf.
Die zweite Mahlzeit des Tages nannte man Frühstück (Freustück). Den Leuten, die draußen auf dem Felde beschäftigt waren, wurden belegte Butterbrote hingebracht. Aber in den meisten Fällen sofort mitgegeben, denn zum Hinbringen war meistens niemand vorhanden. Im Sommer und Herbst waren die Butterbrote belegt mit Schinken und Mettwurst, im Frühjahr Leber- und Blutwurst. Mettwurst wurde niemals gekocht, sondern immer roh gegessen. Auch gab es öfters Spiegeleier oder gekochte Eier zum Frühstück oder auch zum Mittagessen. Pannkuchen gab es nur als Mittagessen. Man hatte besondere Körbe, die es in den Geschäften zu kaufen gab, um das Frühstück aufs Feld zu bringen. Der Kaffee wurde in Blechkannen befördert. Die Tassen waren dieselben, die man täglich zu Hause gebrauchte. Zogen im Oktober die Kraniche nach Süden, so nahmen die das Frühstück mit. Das heißt, daß es im Winter kein Frühstück gab. Kamen im Frühjahr die Kraniche zurück, so kam das Frühstück wieder auf den Tisch. Dies ist eine alte Regel, die noch heute gebräuchlich ist.
Das Gesinde gehörte mit zur Familie. Deshalb wurde immer nur an einem Tische gegessen. In der ganzen Umgebung, auch in den Nachbardörfern ist mir kein Fall bekannt, wo an zwei Tischen gegessen wurde. Auch die alten Leute und die Kinder saßen mit an demselben Tische. So war es bei den großen Bauern und auch bei kleineren Leuten. Der Tisch war immer mit einer Tischdecke aus Wachstuch belegt, weil dieses bequem abgewischt werden konnte. Eine selbst gewebte weiße Tischdecke mit Drillichmustern wurde des Sonntags über die Wachstuchdecke gelegt. – Jeder hatte seinen festen Platz. Wenn jemand aus irgendeinem Grunde abwesend war, so blieb sein Platz bei dieser Mahlzeit eben leer. Vor dem Ende des Tisches saß der Bauer, neben ihm seine Frau, gefolgt von den Mädchen. Diese saßen auf Stühlen. An der anderen Seite des Tisches stand an der Wand entlang eine Bank ohne Lehne. Hier saßen die Knechte, die eigenen Söhne und die Kinder. Es heißt heute noch: Die Jungens gehören auf die Bank. Lebten die Großeltern noch, so saßen diese am anderen Ende des Tisches.
Wenn im Nachsommer die Erbsen im Garten reif waren, so wurden sie im Obstgarten über eine Holzstange zum Nachtrocknen aufgehängt und nach ungefähr einer Woche auf der Diele mit dem Flegel ausgedroschen. Diese Arbeit besorgten die Frauen. Dann wurden sie auf dem Boden in einem Beutel luftig aufgehängt. Die Fietzebohnen wurden geschnippelt, und in einem großen glasierten Topf aus Steingut eingemacht zum Dauervorrat für das ganze Jahr. Ein Teil blieb im Garten stehen zum Reifen, als Saatgut und zum Kochen in verschiedenen Suppen. Diese Bohnen wurden in kleine Bündel (Sangen) gebunden, immer zwei Handvoll in zwei Teile zusammen, und dann unter dem Dach eines Gebäudes auf einer Holzstange zum Nachtrocknen aufgehängt. Im Winter, bei starkem Frost, wurden sie mit dem Dreschflegel oder mit einem Stock ausgedroschen, so hatte man trockene Fietzebohnen zum Kochen und als Saatgut. Auch Weißkohl wurde im Herbst geschabt und in das Sauerkohlfaß eingemacht. Das Feststampfen geschah mit einer Holzstange von ungefähr 10 cm Durchmesser. Heute wird auch Sauerkraut in große glasierte Töpfe aus Steingut eingemacht. – Honig gab es wenig zu essen, denn der mußte gekauft werden. Es gab im ganzen Dorfe nur zwei Bienenstände. Butter gab es jeden Tag zu essen, denn sie war eigenes Erzeugnis.
Beim Mittagessen durfte niemand mit dem Essen beginnen, bevor nicht der letzte seinen Platz eingenommen hatte. Erst sprach dann der Hausherr das Tischgebet. Allerdings nur beim Mittagessen. Die mir bekannten Tischgebete waren folgende:
1. Laß uns, Jesu, diese Speise, brauchen recht nach Christenweise.
Stell uns bei dem Tische hier, dich selbst gegenwärtig für.
Essen, Trinken, Reden, Dichten, laß uns alles so verrichten,
daß wir ohne Heuchelschein, zeigen, daß wir dein sein. Amen.
2. Speise, Vater, deine Kinder. Tröste die betrübten Sünder.
Sprich den Segen zu den Gaben, die wir jetzt hier vor uns haben,
daß sie uns in diesem Leben, Stärke, Kraft und Nahrung geben,
bis wir endlich mit den Frommen, zu des Himmels Mahlezeit kommen. Amen.
3. Wir danken dir für diese Gaben, die wir jetzt hier vor uns haben,
und bitten unsern lieben Herrn, er wolle uns hinfort noch mehr beschern.
Er wolle uns Speisen mit seinem Wort, auf daß wir satt werden, hier und dort.
Ach, lieber Gott, du wollst uns geben, nach dieser Welt das ewige Leben. Amen.
4. Komm, Herr Jesu, sei du unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast.
Hilf, Gott, allzeit, mach uns bereit zur ewigen Freude und Seligkeit. Amen.
5. Alle Augen warten auf dich, Herr, du gibst ihnen ihre Speise seiner Zeit. Und tätigest alles mit Wohlgefallen. Amen.
6. Diese Speise segne uns Gott, der Vater, Gott, der Sohn, und Gott, der heilige Geist. Amen.
Nach dem Essen ist mir nur das Psalmenwort bekannt: Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich. Amen.
Die Speisen wurden im Laufe der Woche abwechslungsreich gestaltet. Da gab es „dröge Kartoffeln“ mit Mettwurst, „Klüttkenmaus“-Milchsuppe mit Klößen, „Möhren und Kartoffeln“, „grün Fietzebohnen mit Kartoffeln“, „Saures Mus“ – Kartoffeln mit Buttermilch und Mehl gemischt. Im allgemeinen wurden nur des Sonntags die Kartoffeln allein gekocht. In den Wochentagen war das Essen durcheinander als Suppe gekocht. Das ganze Essen war darauf abgestellt, daß nur das zubereitet wurde, was man selbst erzeugte. Nach dem Mittagessen war 1 Stunde, manchmal auch 1 ½ Stunden Mittagspause. Im Winter natürlich etwas länger, als im Sommer, da im Winter mehr Zeit zur Verfügung stand und die Arbeit nicht so drängte wie im Sommer.
Die Nachmittagsmahlzeit nannte man genau wie des Morgens Kaffeetrinken. Man trank genau wie des Morgens Zichorien und Kornfrank. Es gab genau wie des Morgens, Graubrot mit Butter. Vielleicht als Aufstrich noch Käse. Es gab keine Wurst, keinen Tee, auch kein Bier.
Das Abendessen nannte man „Nachsen“, dies gab es um 7 Uhr. Die Reste des Mittagessens wurden aufgewärmt und gegessen. Der Topf, worin das Mittagessen gekocht wurde, war so groß, daß für das Abendessen genug übrig blieb. Waren zum Mittagessen die Kartoffeln allein gekocht, so gab es des Abends Bratkartoffeln. Reichte das Essen wider Erwarten des Abends nicht, so gab es noch Brot mit Butter und Wurst. Besondere Freitagsgerichte sind hier unbekannt.
Wenn plötzlich Besuch kam, so wurde Kaffee mit Brot, Butter und Wurst angeboten. Kamen die Nachbarn, so wurden ihnen Zigarren zum Rauchen, aber kein Schnaps angeboten. Auch Äpfel standen auf dem Tisch. Mit dem Pastor und Lehrer ging man in die beste Stube. Selber Schnaps oder Bier zu brennen, verstand man nicht, und gab es deshalb nicht.
Der Tagesablauf heute
Im wesentlichen ist der Tagesablauf derselbe geblieben als vor dem 1. Weltkriege. Die Wohnverhältnisse sind ganz erheblich verbessert worden. In vielen Häusern in den Dörfern ist heute Zentralheizung angelegt. Desgleichen ist eigene Wasserleitung schon seit ungefähr 10 Jahren vorhanden. Im vergangenen Jahre wurde unsere Gemeinde an die zentrale Wasserleitung angeschlossen. Heute besuchen die Töchter Haushaltsschulen, Landwirtschaftsschulen usw. oder gehen auf Güter in den Haushalt, wo sie das Kochen erlernen. Deshalb ist das Essen heute sehr verbessert worden. Im übrigen sind die Mahlzeiten genau so geblieben wie damals.