Agnes B., Bäuerin, geb. 1914, gest. 1991
Wohnort: Geseke
Datum der Niederschrift: September 1986
Berichtsort: Geseke, Kreis Soest
betrifft die Zeit von 1918 bis 1930
Mein Elternhaus war ein altes Bauern-Fachwerkhaus, erbaut 1648. In der Mitte des Wohnhauses war eine große Deele, rechts und links die Wohnräume. Mit einer Treppe und Galerie ging man zu den oberen Wohnräumen, zu den Bühnen und dem großen Hausboden. Die Stallungen lagen direkt am Wohnhaus und zogen sich nach hinten in den Hof hinein. Dahinter lag der Garten. Wir wohnten direkt im Ort an einer belebten Straße, der Mühlenstraße. Neben unserem Haus hatten wir keine Durchfahrt. Alles mußte über die Deele oder durch den Stall. Zu unserem Haushalt gehörten Vater, Mutter, 4 Kinder (Mädchen), der Bruder meines Vaters als Onkel und bis ca. 1922 1 Haushaltshilfe. Das war ein junges Mädchen.
Am frühen Morgen. Das erste Frühstück
Meine Mutter war morgens immer die erste. Sie machte den Herd an und ging in den Stall zum Melken. Das Mädchen mußte die Milch durch die Zentrifuge drehen und den Tisch für den Morgenkaffee decken. Mutter weckte uns Kinder, machte die Schulbutterbrote fertig und sorgte, daß wir unser erstes Frühstück aßen. Die beiden Großen, Jahrgang 1907 und 1910, mußten um 7 Uhr in die Schulmesse. Ich war Jahrgang 1914 und die Jüngste, Jahrgang 1917. Die Jüngste mußte in die Spielschule, heute sagt man Kindergarten. Unser Frühstück vor der Schule war Milch und Butterbrot mit Butter und Kraut. Das Schulbutterbrot wurde mit Wurst belegt. Ich kam 1920 in die Schule.
Danach hat Mutter die Schweine und Hühner gefüttert. Inzwischen waren Vater und Onkel auch aufgestanden. Die beiden haben nach dem ersten Frühstück die Pferde und das Rindvieh (Kühe, Rinder, Kälber) mit Futter versorgt und die anderen Stallarbeiten gemacht. Das Mädchen mußte die Kühe zur Weide treiben, die vor dem Stadttor lag.
Das Ankleiden am Morgen
Wir 4 Mädchen schliefen damals in einem großen Zimmer. Jeden Abend mußte die älteste Schwester 2 Kannen frisches Wasser auf unser Zimmer bringen, für den anderen Morgen zum Waschen. Wir hatten auf unserem Zimmer 2 große Waschschüsseln. Mutter wusch sich am Morgen als erste. Wir hatten neben der Küche einen kleinen Raum mit Waschgelegenheit für alle.
Wer zum Kaffeetisch kam, mußte auch angezogen und gewaschen sein. Mutter hatte ein Hauskleid und eine Schürze und leichte Schuhe. Vater und Onkel hatten Drell-Arbeitszeug an und Arbeitsschuhe. Oft trugen die beiden auch noch Leder-Gamaschen, damit die Hose unten nicht so schnell dreckig wurde. Beim Ausmisten usw. trugen sie Holzschuhe. Auch Mutter trug oft beim Melken und Füttern Holzschuhe. Die Holzschuhe wurden dann immer wieder blank gescheuert.
Das 2. Frühstück
So wie wir zur Schule Butterbrote mitnahmen, so wurde auch zu Hause gegen ½ 10 bis 10 Uhr gefrühstückt. Da gab es Brot mit Butter, Wurst, Schinken oder wie es die Jahreszeit erlaubte.
Derjenige, der schon früh ins Feld mit den Pferden mußte, Vater oder Onkel oder auch beide, bekamen das Frühstück mit. Ich erinnere mich, man sagte bei uns, den Knappsack fertig machen. Manchmal mußte man auch für Mittag mit hinein tun, wenn das Essen nicht ins Feld gebracht wurde.
In den Knappsack kamen: 1 dickes Stück Brot, 1 Dose mit Schmalz oder Butter (im Sommer wurde die Butter schnell weich), 1 großes Stück Schinken oder ein End trockene Mettwurst. Dazu kam eine Blechkanne oder Töte mit schwarzem Roggenkaffee. Ein Buddel (Flachmann) mit Schnaps wurde besonders bei kaltem Wetter mitgenommen. Ein Messer zum Schneiden durfte man nicht vergessen.
Bei uns in Geseke liegen alle Felder vom Haus weit entfernt. Geseke hat eine Feldflur von 25.000 Morgen. Manche Felder liegen 4 bis 6 km entfernt.
Die Arbeit der Hausfrau am Vormittag
Am Vormittag gab es immer viel zu tun. Das Melkgeschirr, die Zentrifuge mußten nach dem Melken gespült werden. Dann kam das Kaffeegeschirr in der Küche zum Spülen, ebenso das Aufräumen. Für das Mittagessen mußte das passende Fleisch zum Kochen aufgesetzt werden. Das besorgte unsere Mutter. Man mußte am frühen Morgen schon wissen, was es zum Mittagessen gab.
Dann wurden die Betten abgelegt und die Zimmer gelüftet. Das war die Arbeit der Hilfe, wenigstens die Zimmer für uns und unseren Onkel. Wir hatten in der Küche Steinfußboden aus bunten Fliesen und in den Zimmern Dielenfußboden. Freitags wurden die Zimmer gewischt und geputzt. Unsere Küche wurde samstags immer ganz gründlich geschrubbt und alles geputzt.
Die Treppe und Galerie nach oben waren auch aus Holz. Die wurden freitags mit geputzt. Bei ganz schlechtem Wetter war es manchmal auch nötig, die Küche und auch die Treppe öfters zu wischen. Unsere große Deele, die aus kleinen Deelensteinen war, sogar mit Muster, wurde jeden Morgen gefegt und einige Mal im Jahre geschrubbt.
Dann waren noch andere Vormittags-Arbeiten. Das Waschen der Wäsche, das Mittagessen Vorbereiten, die Kartoffel Schälen, das Gemüse Putzen, evtl. erst aus dem Garten Holen, den Viehtopf Füllen mit Runkeln und Kartoffeln und Anheizen und zum Kochen Bringen, evtl. Kuchen Backen, Obst und Gemüse Einkochen und vieles mehr.
Als unsere Hilfe 1922 von uns fortging, mußte meine älteste Schwester, die inzwischen 15 Jahre alt war, Mutter bei der Arbeit mithelfen. Da mein Vater 1923 schwer krank war, mußte auch die andere Schwester, 13 Jahre, schon helfen. Die beiden lernten sehr früh melken. Dadurch wurde Mutter entlastet. Aber die Schweine füttern hat meine Mutter immer selbst getan.
Die Tischordnung
Die Tischordnung war bei uns zu Hause immer geregelt. Jeder hatte seinen Platz. Plätze verwechseln, gab es nicht. Wir aßen alle an einem Tisch, auch wenn wir fremde Arbeitskräfte hatten. Mein Vater hatte immer den Vorsitz. Vor dem Tisch saß dann Mutter, die älteste Schwester, unsere Christine, und die Hilfe. Vater gegenüber, am anderen Ende saß mein Onkel. Wir 3 Mädchen, Thea, die Zweitälteste, die Jüngste, Elisabeth, und ich saßen auf der großen Bank, die hinter dem Tisch stand.
Unsere Küche
Wir hatten eine große Küche mit einem großen Kohleherd-Woeste[?], 2 große Schränke, langem Tisch, Bank, 4 bis 6 Stühle und für Vater einen Sessel neben dem Herd. Ebenso neben dem Herd eine Holzkiste. In einem Schrank stand alles Eßgeschirr was man gebrauchte: Tassen, Untertassen, Dessertteller, Milchkännchen, Zuckerdosen, Trinkgläser und Puddingteller und Schüsseln aus Glas. All diese Sachen befanden sich oben im Schrank, hinter Glas. Unten waren Teller, Schüsseln, Töpfe, Kannen usw. Alles, was etwas schwerer war. Zwischen oben und unten waren mehrere Schubladen für Besteck, Anschreibe- und Kochbücher, Küchenhandtücher. Im 2. Schrank waren oben Vorratsdosen für Mehl, Zucker, Reis, Graupen, Kaffee und Kaffeemühle und vieles mehr. Unten war Platz für Nähzeug, Nähkorb, Zeitungen usw. Die Kochtöpfe standen neben der Küche im Vorrat im Regal, ebenfalls die großen Spülschüsseln. Auch hatten wir einen Handtuchhalter in der Küche, eine Wanduhr, und als wir noch keine Wasserleitung hatten, standen in der Nähe des Herdes immer 2 Eimer Wasser.
Wir aßen immer in der Küche. Sonntags legte meine Mutter immer ein Tischtuch auf. Sie hatte sehr schöne weiße Tischtücher, die ihre Mutter selbst gewebt hatte. Auch beim Dreschen wurde ein Tischtuch aufgelegt. Wenn wir Besuch hatten oder eine Feier, dann aßen wir alle in der Wohnstube oder der guten Stube.
Unser Küchenherd
Unser Herd wurde geheizt mit: Holz, Kohle und Brikett. Jeden Mittag nach dem Kochen mußte er gescheuert werden, damit er immer blank war. Man mußte sich darin spiegeln können.
Wir hatten alles emaillierte Kochtöpfe, aber auch ältere aus Gußeisen. Der Wasserkessel war aus weißer Emaille. Später hatten wir einen Wasserkessel aus Nickel. Dann hatten wir auf dem Herd an der Seite ein Wasserschiff aus Kupfer. Dadurch hatte man immer heißes Wasser, denn der Herd blieb ja den ganzen Tag am Brennen.
Als Kinder mußten wir abends dafür sorgen, daß am anderen Morgen, wenn Mutter den Herd anzünden wollte, alles beim Herd war, kleines Holz, dickeres zum Nachlegen, Kohlen und Brikett.
Das Mittagessen als Mahlzeit
Es kam auf die Jahreszeit an, was gekocht wurde. Das Essen kochte unsere Mutter. Früher wurde das gekocht, was man selbst im Garten, im Keller oder Fleischbühne hatte. Nur für Sonntags wurde öfter Rindfleisch zur Suppe oder evtl. Fleisch zum Braten gekauft.
Wochentags gab es viel Eintopf oder Gemüsesuppen. Bohnen, Linsen und Erbsen hatte man im Sommer selbst geerntet und evtl. die Bohnen im Winter gedöppt. Erbsen und Linsen wurden mit dem Flegel gedroschen. Alle 3 Sorten wurden dann in luftigen Beuteln auf der Bühne aufgehängt. Wenn man davon kochen wollte, wurden sie am Abend vorher in Wasser eingeweicht.
Frischgemüse, sei es Salat, alle Kohlsorten, Große Bohnen, andere Salatbohnen, junge Erbsen mit Möhren wurde vor dem Verzehr aus dem Garten geholt. Außerdem machte man früher in große Steintöpfe Brechbohnen, Schnippelbohnen und Sauerkraut für den Wintervorrat ein. Wirsing, Weißkohl und Rotkohl wurden in Erde eingeschlagen. Ebenfalls Porree, Sellerie und Möhren wurden in Kisten mit Sand gelegt.
Obst wurde in Weckgläser eingekocht oder auch getrocknet. Kartoffeln hatte man selbst geerntet. Geschlachtet wurde auch. Sonntags gab es auch oft Hühnersuppe, da wir immer viele, ca. 50, Hühner hatten.
Wir aßen immer, wenn wir alle aus der Schule zurück waren. Jeder mußte seinen Teil essen. Wer etwas nicht mochte, bekam nichts extra. Mein Vater sagte dann: Mutter kann doch nicht nach euren Wünschen kochen. Eßt etwas, es ist ja um ½ 4 Kaffeezeit. Ihr werdet bis dahin nicht verhungern.
Wenn Vater oder Onkel in der Erntezeit mit fremden Arbeitskräften im Felde waren, brachte, wie wir noch zur Schule gingen, unsere Mutter zu Fuß den weiten Weg das Essen ins Feld. In einer großen Düppe das Essen in der Hand, in der anderen Hand den Korb oder Tasche mit Besteck und Geschirr. Wir haben uns immer gewundert, pünktlich um 12 Uhr hat sie immer das Essen im Feld gehabt, und dann die weiten Wege. Aber sie tat es gerne. Später, als meine älteste Schwester aus der Schule entlassen war, bekamen wir ein Fahrrad. Dann hat meine Schwester das Essen ins Feld gebracht. Meine Mutter sollte auch Fahrrad fahren lernen, aber sie wollte nicht. Sie sagte immer: Ich bin gut zu Fuß. Wenn man mit dem Rad fährt, sieht man nichts mehr von der Natur.
Und sie hat noch oft zu Fuß das Essen ins Feld gebracht. Früher, als mit Pferden gearbeitet wurde, mußte schon wegen der Pferde die Mittagszeit eingehalten werden. Die Pferde mußten gefüttert werden, und das dauerte seine Zeit.
Das Tischgebet
Wenn wir alle zu Hause waren, z.B. in den Ferien, wurden alle Mahlzeiten pünktlich eingenommen. Morgens 7 bis ½ 8 Uhr erster Kaffee, ½ 10 Uhr Frühstück, 12 Uhr Mittagessen, ½ 4 Uhr Nachmittagskaffee und um 7 Uhr Abendessen.
Als wir kleiner waren, hat Mutter vorgebetet, später eines von uns Kindern. Aber ohne Tischgebet mittags oder abends gab es nichts.
Der Mittagstisch
Es wurde für jeden Teller und Besteck gedeckt. Das mußte eines von uns Kindern machen. Suppe wurde jedem aufgefüllt. Vater als erster. Meine Mutter sagte immer: Der Herr des Hauses bekommt als erster die Suppe. So habe ich das von meiner Mutter übernommen und gelernt. Gab es allerdings Eintopfsuppe, dann stand die Suppe in einer großen Terrine auf dem Tisch.
Gab es Eintopf, z.B. Wirsing, Weißkohl oder Schnippelbohnen, dann gab man den Eintopf in eine weiße runde oder eckige Porzellanschüssel. Dazu kam dann das passende Fleisch, Rippen, Speck, Mettwurst gekocht. Gab es einzelne Gemüse allein gekocht, kam auch alles in passende Porzellanschüsseln, ebenso die Kartoffeln. Gab es Bratkartoffeln, dann kamen auch die Bratkartoffeln in eine Schüssel. Alle aus einer Pfanne essen, habe ich bei uns nicht gekannt.
Das Abendessen
Abends gab es Reste vom Mittagessen, das aufgewärmt wurde. Wenn es nicht reichte, gab es Butterbrot mit Tee dazu. Oft haben wir für abends auch eine Milchsuppe gekocht, Griesmehl mit Rosinen, Vanillepuddingsuppe, Buttermilchsuppe, Reissuppe oder auch eine Weinsuppe. Dazu gab es dann Butterbrot.
Freitagsessen
Bei uns gab es freitags grundsätzlich keine Fleischspeisen. Da wir ja Kühe hatten und von der Milch Butter machten, kochten wir für freitags viel Kochkäse oder Kümmelkäschen als Brotbelag. Ebenfalls gekochte Eier.
Mittags gab es oft Bohnensuppe mit eingelegten Heringen, oder Kartoffelpfannkuchen, Mehlpfannkuchen oder Eieromelette wurden gebacken. Ein anderes Gericht war: Kartoffel und Bohnen mit Specksoße und Spiegeleiern. Frischfisch wurde früher nicht so oft gekauft, wohl in der Karwoche.
Nachspeise
Wenn wir zu Mittag Eintopf hatten, gab es bestimmt eine leckere Nachspeise. Sonntags war die Nachspeise selbstverständlich. Meine Mutter hatte auch in Düsseldorf in einem Pensionat die Küche erlernt. Wir Kinder haben viel von ihr gelernt.
Sonntagskuchen
Für Sonn- oder Feiertag wurde immer eine große Platte Streußelkuchen gebacken. Im Herbst auch Äpfel- oder Pflaumenkuchen. Mutter machte den Hefeteig fertig, und dann wurde der Teig zum Abbacken zum Bäcker gebracht. Auch Brotteig mit Sauerteig wurde von Mutter selbst angemengt und dann zum Abbacken zum Bäcker gebracht. Ebenso die Herdstuten.
Das Spülen
Zuerst wurden alle Teller oder Tassen oder Schüsseln von Resten abgespült. Alles kam in einen Futtereimer. Man sagte bei uns auch „Drangeimer“. Beim Spülen gebrauchte man 2 große Schüsseln. Die waren aus Emaille. 1 Schüssel mit warmem bzw. heißem Wasser zum Spülen, die andere zum Ablaufen des Wassers. Ebenfalls ein Spültuch und Küchentücher zum Abtrocknen. Die Schüsseln standen auf dem Tisch. Nach dem Spülen wurde alles an den bestimmten Platz eingeräumt. Die Spülschüsseln kamen in den Vorrat nebenan. Die Küchentücher wurden über oder neben dem Herd zum Trocknen aufgehängt.
Als wir Kinder größer und älter waren, mußten wir mittags und abends spülen. Abends hatte jedes von uns 4 Mädchen eine Spülwoche. Dann konnten die anderen machen was sie wollten. Im Sommer, wenn es lange hell war, gingen wir nach dem Spülen noch auf die Straße Fahrrad fahren, Völkerball spielen mit den Nachbarkindern oder auch in unseren schönen Garten.
Damals hatten wir noch kein Radio. An den langen Winterabenden saßen wir oft mit Nachbarmädchen bei uns in der Küche und machten Handarbeiten. Vater, Mutter und Onkel saßen dann im warmen Wohnzimmer. Wir Mädchen wetteiferten dann mit unseren Handarbeiten: Stricken, Häkeln, sticken, Hohlsaum Machen, Locharbeiten, Fielieren und Kunststricken und vieles mehr. Jeder wollte etwas für die Aussteuer machen. Es waren schöne Abende, an die ich gerne zurückdenke. Im Sommer, wenn es lange hell war fehlte für solche Arbeiten die Lust.
Unterstunde
Das Wort kannte man bei uns nicht. Man sprach wohl von Mittagsstunden oder Pause. Im Sommer war dafür wohl wenig Zeit. Nur am Sonntag. Im Winter war das anders. Dann ruhten sich unser Onkel und meine Eltern im Wohnzimmer ein wenig aus. Dort stand ja ein Sofa und ein Sessel. Mutter sagte oft: Fünf Minuten die Augen zu, dann geht es wieder.
Vesper
Dieses Wort wurde bei uns nur sonntags gebraucht. Dann sagte Mutter oft: Zum Vesperbrot müßt ihr wieder zu Hause sein, das hieß gegen 5 Uhr bis ½ 6 Uhr. Dann ging nämlich die Arbeit wieder an. Die Kühe mußten von der Weide geholt werden, die Schweine gefüttert und das Abendbrot fertig gemacht werden. Dabei mußten wir schon mal helfen.
Besuch
Wir Kinder freuten uns immer, wenn Besuch kam. Das waren hauptsächlich die Geschwister meiner Eltern oder andere Bekannte. Meine Eltern waren sehr gastfreundlich. Es wurde immer etwas angeboten. Nachmittags wurde schnell vom benachbarten Bäcker etwas Gebäck geholt. Selbstgebackene Röllgen, oder einige sagen „Kaiserkuchen“, hatten wir immer zu Hause. Wenn die Dose leer war, wurden neue gebacken. Gegen Abend wurde Butterbrot mit Kaffee angeboten. Auch hatten wir, wenn Besuch kam, Schnaps, Likör und gute Zigarren zu Hause. Likör war meistens Selbstaufgesetzter von Beeren. Auch machten wir Wein selbst, von Hagebutten und Schlehen.
Der Besuch wurde meistens in der Wohnstube bewirtet. In der guten Stube nur bei besonderen Anlässen.
Nachbarschaftsbesuch
Wir hatten mit allen Nachbarn ein gutes Verhältnis. Meine Eltern sprachen oft mit den Nachbarn, hauptsächlich über betriebliche Sachen. Gegenseitig die Nachbarn einladen gab es nur bei besonderen Anlässen. Allerdings, die nachbarschaftliche Hilfe war sehr gut. Dann wurde allerdings wenigstens Schnaps angeboten. Auch für ein Plauderstündchen an der Haustür oder am Gartenzaun war immer Zeit. Wir hatten 6 Garten-Nachbarn.
Zu Bett gehen
Solange wir Kinder waren, mußten wir um 8 Uhr zu Bett. Meine Eltern und Onkel blieben gewöhnlich bis 10 Uhr auf. Wenn die Pferde den ganzen Tag gearbeitet hatten, mußten sie zu Hause noch gefüttert werden. Gegen ½ 10 Uhr bekamen die Pferde für die Nacht ihr Krippenfutter, d.h. Heu kam noch mal in die Krippe. Wenn dann am anderen Morgen die Krippen leer waren, wußte man, daß die Pferde gesund waren. Wenn die Pferde mal nicht genug hatten oder die Krippe wurde zu spät gefüllt, fingen die Pferde an zu wiehern oder mit den Hufen auf die Erde zu kratzen. Das bedeutete, daß sie auf das Heu warteten.
Das Feuer im Küchenherd ließ man gewöhnlich ausgehen. Aber in der kalten Jahreszeit wurden einige Briketts aufgelegt, damit es über Nacht in der Küche nicht zu kalt wurde. In der kalten Jahreszeit wurden am Abend warme Kruken in alle Betten gelegt. Geheizte Zimmer gab es damals nicht. Auch hatten wir Mädchen später 2 Schlafzimmern, je mit 2 Betten.
Unsere Mutter war gewöhnlich die letzte, die zu Bett ging. Sie machte vor dem Schlafengehen erst noch einen Rundgang, um nachzusehen, ob alles in Ordnung war. Diesen Rundgang machte später, als ich verheiratet, war, auch meine Schwiegermutter. Sie hatte dafür einen schönen Satz, den ich nie vergessen habe und auch nie vergessen werde. Meine Schwiegermutter sagte: Eine Hausfrau muß jeden Abend das Wunderkästchen durchs Haus tragen. Ich verstand nicht, was sie damit meinte. Da sagte sie zu mir: In Zukunft mußt du jeden Abend vor dem Schlafengehen nach dem Rechten sehen, ob alle Türen verschlossen sind, alle Lampen aus sind und die Wasserkräne nicht dröppeln usw. Wenn der Mann den ganzen Tag gearbeitet hat, hat er seine Ruhe verdient. Die Hausfrau muß morgens die erste und abends die letzte sein. Diesen Rat habe ich mir immer gemerkt und auch befolgt. Ich kann ihn jeder Frau empfehlen.
Die Arbeit am Nachmittag
darf man nicht vergessen. Verschiedene Hausarbeiten wurden bei meinen Eltern immer am Nachmittag gemacht.
Zunächst das Bügeln der Wäsche. Das Bügeln wurde in der Küche gemacht. Der Herd mußte ordentlich geheizt werden, damit alle Bügeleisen oder Bolzeneisen richtig heiß wurden. Dafür mußte auch die Herdplatte frei sein.
Dann das Stopfen und Flicken der Wäsche. Dafür gebrauchte man Platz in der Küche. Meine Mutter hatte eine Hand-Nähmaschine. Wir Kinder mußten oft das Rad drehen. Als meine älteste Schwester zur Nähschule ging, kauften meine Eltern eine große Tret-Nähmaschine. Dann konnte meine Schwester Mutter die Näharbeiten abnehmen. Mutter besorgte dann die Stopfarbeiten.
Buttermachen war auch eine Nachmittags-Arbeit. Mutter schüttete den Rahm in die große hölzerne Butterkerne oder Buttermaschine. Als wir Kinder größer waren, mußten wir das Rad drehen, bis die Butter da war. Das konnte oft lange dauern. Meine jüngste Schwester und ich mußten uns immer abwechseln. Jeder drehte das Rad und zählte bis 100. Wir freuten uns, wenn Mutter dann die Butter wusch und formte und wir zur Belohnung 1 Tasse Buttermilch bekamen. Das war Buttermilch mit kleinen Butterklümpchen drin, die köstlich schmeckte.
Gartenarbeit war auch Nachmittags-Arbeit, da meistens morgens dafür keine Zeit war. Auch mußten wir Kinder unsere Schularbeiten machen und 1 oder 2 mal in der Woche zur Schule am Nachmittag, für ca. 2 Stunden.
Als wir Kinder älter waren, änderte sich vieles bei uns. Meine beiden älteren Schwestern mußten mit aufs Feld, im Stall oder andere Hausarbeiten verrichten. Dadurch wurden Mutter viele Arbeiten abgenommen. Aber das Schweinefüttern wollte sie weitermachen, ebenso die Gartenarbeit.
Meine älteste Schwester erlernte 1926/27 die Küche in einem Pensionat in Dortmund. Als sie nach einem Jahr wieder zu Hause war, hat sie nachmittags oft Kuchen und Plätzchen gebacken. Auch durfte sie die Küche übernehmen. Sie sollte doch zeigen, was sie alles gelernt hatte. Schließlich mußten meine Eltern dafür jeden Monat 35,- bis 40,- RM zahlen. Da gab es bei uns schöne Gerichte. Wir mußten alle feststellen, daß sie wirklich viel gelernt hatte. Deshalb kam auch meine andere Schwester 1930 in dasselbe Pensionat. Sie sollte auch alles erlernen.
Meine jüngste Schwester und ich waren inzwischen auf dem Lyzeum in Geseke. Wir beiden sollten was erlernen. Meine Eltern sagten: 2 Mädchen zu Hause zum Arbeiten sind genug. Aber ganz verschont von der Arbeit wurden wir nicht. Unsere Spülwoche abends blieb bestehen. Und auch manche andere Arbeit am Nachmittag mußten wir verrichten. Aber erst, wenn wir unsere Schularbeiten fertig hatten. Darauf achteten meine Eltern sehr. Schließlich sollten wir gute Zeugnisse nach Hause bringen.
Gerade denke ich noch an eine Arbeit, die auch nur nachmittags gemacht wurde, das Kaffeebrennen. Der Herd mußte gut heiß sein, Mutter schüttete Gerste oder Roggen in den Kaffeebrenner. Das war ein eiserner Topf mit Rührwerk und Deckel. Das Korn mußte immer gerührt werden, dabei qualmte es manchmal sehr, so daß alle Fenster und Türen geöffnet werden mußten. Dann bekam das Korn eine braune Farbe, je länger man das Rührwerk drehte. Man mußte aufpassen, daß das Korn nicht zu dunkel wurde, dann schmeckte nachher der Kaffee verbrannt. Wenn das Korn gut war, schüttete Mutter das heiße, zu Kaffee gebrannte Korn auf einen großen Tisch, der mit Zeitungspapier ausgelegt war. Es wurde dünn ausgebreitet und ab und zu mit einem Holzlöffel durchgerührt, damit es abkaltete. Wenn der Kaffee dann kalt war, kam er in große Blechdosen.
Es gab im Laufe des Jahres auch noch andere Arbeiten, die man nur nachmittags verrichtete.
Ab 1930 hat sich auch in meinem elterlichen Betrieb und Haushalt viel geändert. Es wurden elektrische Geräte angeschafft und dadurch gab es viele Arbeitserleichterungen.