Ein skurriles Hilfsmittel rettete Leben

Interview mit den Ausstellungsmacherinnen Jana Johe und Vanessa Rüttler

Was ist eine Hosenboje?

Jana Johe: Eine Hosenboje ist eine Art Rettungsring mit Hose, in die der Gerettete einsteigen konnte. Die Technologie wurde im 19. Jahrhundert von dem britischen Admiral William Manby entwickelt, um bei sehr küstennahen Einsätzen den Einsatz von Ruderrettungsbooten in der gefährlichen Brandung zu vermeiden. Mithilfe der Hosenboje konnten Menschen in Not gerettet werden. Man schoss mit einem Raketen-Apparat eine Leine hoch über das havarierte Schiff. An dieser Leine wurde ein stabiles Tau auf das Schiff gezogen und ein Flaschenzugsystem zwischen dem Schiff und den Helfern an Land aufgebaut. Die Schiffbrüchigen setzten sich nacheinander einzeln in die Hosenboje und konnten mit dem Flaschenzug an Land geholt werden.

Wie seid ihr auf so ein seltsames Ausstellungsstück gestoßen?

Vanessa Rüttler: Bei der Recherche zu den verschiedenen Themenbereichen für die Sonderausstellung „Wasser bewegt“, sind wir irgendwann fast zwangsläufig auch auf die Geschichte der Seefahrt und somit auch der Seenotrettung in früher Zeit gestoßen. Da fiel uns dann die Hosenboje auf. Heute gibt es modernere Maßnahmen zur Rettung Schiffbrüchiger. Die Hosenboje ist allerdings ein interessantes Stück Seefahrer-Geschichte. Die Rettung von einem havarierten Schiff bleibt auch in modernsten Zeiten schwierig und risikoreich. Die Hosenboje gilt als sehr effektives Rettungsmittel. Wir möchten den Besuchern damit einerseits zeigen, wie sich die Technik der Seenotretter in mehr als hundert Jahren entwickelt hat und andererseits auch deutlich machen, welche Gefahren das Leben und Arbeiten mit dem Wasser, auch heute noch, bergen kann. Denn auch wenn die Technik sich sehr stark weiterentwickelt hat, sind wir weit davon entfernt, die Kräfte des Wassers zu beherrschen und allen Gefahren aus dem Weg zu gehen.

Wie wurden die Menschen denn vor der Erfindung der Hosenboje gerettet?

Raketenapparat der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Foto Copyright DGzRS - Die Seenotretter

Jana Johe: Das Weltbild und die Denkweise der Menschen waren lange Zeit stark von der Religion geprägt. Jemand, der sich auf See begab, befand sich „in Gottes Hand“ und war mehr oder weniger seinem Schicksal überlassen. Erst allmählich setzen sich humanitäre Gedanken durch und mit der Industrialisierung kam auch der technische Fortschritt und das Weltbild wandelte sich. Plötzlich gewannen Erforschung und Entwicklung neuer Rettungsmethoden an Bedeutung. Die Hosenboje war also eine sehr gezielte Erfindung. Übrigens hat sich in Deutschland als Folge schwerer Schiffsunglücke 1865 die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffsbrüchiger (DGzRS) gegründet. Die DGzRS setzte bald neben Ruderrettungsbooten auch Raketenapparate und Hosenbojen ein. Bis heute ist sie für den Such- und Rettungsdienst auf Nord- und Ostsee zuständig und finanziert ihre gesamte Arbeit nach wie vor ausschließlich durch Spenden und freiwillige Beiträge. Die Raketentechnik wird zwar heute nicht mehr eingesetzt, aber vergleichbar mit ihr sind druckluftbetriebene Leinenwurfgeräte, mit denen die Seenotretter Verbindungen zu Havaristen herstellen können.

Wie schwer ist alles zusammen?

Vanessa Rüttler: Raketenapparat, Tau, Leinenkasten und Hosenboje wiegen zusammen 500 Kilogramm. Nur mit Hilfe zweier Pferdewagen konnte alles zum passenden Küstenabschnitt transportiert werden. Vor allem bei Sturm und hohem Seegang war es keine leichte Aufgabe, die Schiffbrüchigen sicher an Land zu bringen.

 

Über die Seenotretter

Die DGzRS ist zuständig für den maritimen Such- und Rettungsdienst in den deutschen Gebieten von Nord- und Ostsee. Zur Erfüllung ihrer Aufgaben hält sie rund 60 Seenotrettungskreuzer und -boote auf 54 Stationen zwischen Borkum im Westen und Usedom im Osten einsatzbereit – rund um die Uhr, bei jedem Wetter. Jahr für Jahr fahren die Seenotretter mehr als 2.000 Einsätze. Ihre gesamte Arbeit wird ausschließlich durch freiwillige Zuwendungen finanziert, ohne Steuergelder. Seit Gründung der DGzRS 1865 haben ihre Besatzungen mehr als 82.000 Menschen aus Seenot gerettet oder drohenden Gefahren befreit. Schirmherr der Seenotretter ist der Bundespräsident.


Wir danken für die Unterstützung:

Sammelschiffchen der DGzRS. Foto Copyright DGzRS, Die Seenotretter

Hintergrund zur Ausstellung

Das LWL-Museum für Naturkunde in Münster zeigt ab dem 30. September 2016 die inklusive Sonderausstellung "Wasser bewegt - Erde Mensch Natur". Auf 1.200 Quadratmetern lernen Besucher, welche Herausforderungen der Lebensraum Wasser birgt. In der Ausstellung werden Lebewesen vorgestellt, die perfekt an das Leben im Wasser oder an Leben ohne Wasser angepasst sind. Besucher aller Altersgruppen erleben die Schönheit, Kraft und die Bedeutung des Wassers für die Erde. Die Ausstellung ist dank Brailleschrift, einem speziellem Audioguide und Tastmodellen für Menschen mit Sehbehinderung genauso geeignet wie für Sehende oder für Hörbehinderte. Begleitend zur Ausstellung werden museumspädagogische Programme für Kinder und Jugendliche sowie Führungen für Erwachsene angeboten.

LWL-Museum für Naturkunde, Sentruper Str. 285, 48161 Münster. Weitere Infos unter Telefon: 0251 591 6050 (Servicezeiten: Mo-Fr 8.30-12.30 Uhr, Mo-Do 14-15.30 Uhr).