1. September - 5. November 2006
Zwei künstlerische Perspektiven auf Annette von Droste-Hülshoff im Museum für Westfälische Literatur. Ausstellung von Aribert von Ostrowski. Literarisches Kammerkonzert von Bernd von Ostrowski mit Droste-Rezitationen von Sabine Negulescu am 1. September.
"Droste (Second sight)" nennt Aribert von Ostrowski seine Ausstellung im Museum für Westfälische Literatur, die er auf Einladung der Literaturkommission für Westfalen entwickelt hat. Er bezieht sich dabei, wie bereits in seiner Meersburger Ausstellung "The Nest. Annette lacht." von 2005, auf die Autorin Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848). Dass das "(Second sight)" des aktuellen Ausstellungstitels (einschließlich Klammern!) dem Titel des Droste-Gedichtes "Vorgeschichte (Second sight)" entspricht, ist nur eine der in der Ausstellung aufgeworfenen Implikationen. Indem Ostrowski "Vorgeschichte" im Sinne der Montage durch "Droste" ersetzt, verfährt er methodisch vergleichbar zu vielen seiner Zeichnungen, Bildern und Installationen. Die Ausstellung ist vom 1. September bis zum 5. November auf dem Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde zu sehen.
Ein literarisches Kammerkonzert bereichert die künstlerische Auseinandersetzung mit Annette von Droste-Hülshoff auf eine einzigartige Weise. Der Kontrabassist Bernd von Ostrowski hat drei Musikstücke der Droste zu eigenen Kompositionen umgesetzt, die er zur Eröffnung der Ausstellung seines Bruders am 1. September zu Gehör bringt. Dazu rezitiert die Schauspielerin Sabine Negulescu Gedichte der bedeutendsten Dichterin Westfalens. Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr.
Aribert von Ostrowskis künstlerische Arbeiten thematisieren die Verunsicherungen im Prozess der Verortung des Subjekts in der Welt. Sie entwerfen Stadien eines Ich, das gezwungen ist, sich in der irritierenden Vielfalt des postmodernen Lebens zurechtzufinden. Das entspricht den literarischen Bildern der Droste, bei der häufig ein tief verunsichertes Ich spricht, das nach Orientierung sucht in einer als diffus und brüchig empfundenen Zwischenwelt. Die Autorin formuliert in ihren Texten die Erschütterung der vertrauten Verhältnisse, die Verwirrung der Wahrnehmung, den Verlust des festen Bodens. So fokussieren ihre Werke, ähnlich wie es für Ostrowski gilt, vor allem den Prozess der Veränderung, der Transformation.
Die Auseinandersetzung Ostrowskis mit dem Droste-Werk kulminiert in dem vielfach gestalteten Bild der Gottesanbeterin, jenem seltsam anmutenden Insekt, das in kontemplativ andächtigen Haltungen innehält und so verschiedene Stadien des Ich auszudrücken scheint. Hier fühlt sich der Betrachter unwillkürlich erinnert an das bekannte Droste-Gedicht "Das Spiegelbild", in dem sich das lyrische Ich mit seinen nicht-manifesten Varianten konfrontiert sieht. Ostrowskis Entwürfe unterschiedlicher Zustands-Stufen spiegeln den Prozess des Wandels, und dabei gilt sein Interesse dem mutierenden 'point of view', der sich stets verschiebenden Perspektive.
Die Ausstellung "Droste (Second sight)" umfasst eine Reihe unterschiedlicher Bildserien und Zeichnungsfolgen, die in ihrem stark skripturalen Gestus als Reflex auf Drostes Gedichte gelesen werden können, dazu diverse großformatige Arbeiten, Collagen und Aquarellzeichnungen. Insgesamt eine ebenso anregende wie mutige Auseinandersetzung, die den Brückenschlag wagt zwischen Biedermeier, Realismus und Postmoderne, zwischen dem Künstler-Ich des 19. und des 21. Jahrhunderts, zwischen Text und Bild - ein Beispiel dafür, wie sich durch den inspirierten Dialog zwischen Kunst und Literatur, Gegenwart und Vergangenheit überraschende neue Lesarten ergeben können.
Das künstlerische Werk Aribert von Ostrowskis bewegt sich zwischen opulenter bildnerischer Varianz und konzentrierter graphischer Reduktion. Vielen seiner Arbeiten ist ein besonderes Interesse an der Beziehung von Zeichen, Wort und Darstellung zu Eigen, als sich darin die Frage nach der Schnittmenge von gesellschaftlicher Aussagekraft und künstlerischem 'Individualismus' zuspitzt. Stets setzt Ostrowski einen denkaktiven Betrachter voraus. Seine Arbeitsweise erzeugt eine Art 'produktiven Mangel', der vom Rezipienten ein Zu-Ende-Denken verlangt.
Der Künstler Aribert von Ostrowski wurde 1953 im nordhessischen Günsterode geboren und lebt heute in Berlin. Seine Kindheit verbrachte er in einem Dorf bei Göttingen und wuchs später im westfälischen Gronau auf. Nach dem Studium an der Münchener Kunstakademie wurde er in den 1980er Jahren mit zahlreichen Projekten überregional bekannt. Neben architektur- und ortsbezogenen Arbeiten, zeichen- und modellhaften Skulpturen, Collagen sowie Installationen produzierte Ostrowski seit jeher Bildserien in Form von kleinformatigen Zeichnungen. In ihnen manifestiert sich ein künstlerisches Denken in Bildern, das – aus der postmodernen Erfahrung kommend - nach neuen Orientierungen des Ich sucht. Dabei bezeichnen seine Arbeiten niemals eine bestimmte Sicht, sondern erzeugen eine Vielfalt von Ansichten und betonen das Prozessuale der künstlerischen Erfindung und der Anschauung. Wie aus einem großen Gedankenpool scheinen seine kleinformatigen, oft auf den Blättern eines Notizkalenderbuches fixierten Zeichnungsserien zu entstehen. Sie entwerfen ein vielfaches Bild, wenden es, variieren und entwickeln es und lassen auf diese Weise unterschwellig wirkende Strukturen und Zusammenhänge erkennbar werden.
Der Kontrabassist Bernd von Ostrowski, geb. 1956, ist wie sein Bruder Aribert u.a. im westfälischen Gronau aufgewachsen und lebt heute in Hamburg. Nach der klassischen Ausbildung auf dem Bass studierte er in den USA bei Größen des Jazz wie Ornette Coleman, Charlie Haden und Don Cherry. Stark beeinflusst ist er von dem zeitgenössischen italienischen Bass-Virtuosen und Komponisten Fernando Grillo. So reiht sich Ostrowski ein unter diejenigen Künstler, die den Bass, der seine Ursprünge im Barock hat, im Verlauf des 20. Jahrhunderts stark nach vorn gespielt haben.
Bernd von Ostrowski bereichert das Droste-Projekt durch einen ebenso interessanten wie ungewöhnlichen Aspekt, der in seiner Form einzigartig ist. Der Musiker hat drei Stücke Annette von Droste-Hülshoffs zu eigenen Kompositionen umgesetzt, die er allein auf dem Kontrabass intoniert. Ostrowskis 'Verarbeitungen' beziehen sich stark auf einen sprachlichen Aspekt der Musik. Sie betonen Impulse des Erzählens und transformieren die emotionale Sprache der Droste-Liedkompositionen durch neue Konnotationsbezüge. Erzeugt wird ein sprachlicher Musikduktus, der manchmal als Rückkoppelung, manchmal wie eine Art Morseschrift funktioniert. Motive aus Droste-Stücken werden so in neue rhythmische und klangliche Formen übersetzt.
Die in Siegen geborene Rezitatorin Sabine Negulescu ist nach 15-jährigem Aufenthalt in Paris ins Westfälische zurückgekehrt. Als Schauspielerin war sie in zahlreichen Theaterproduktionen in Deutschland und Frankreich tätig.
Anlässlich der Ausstellung Aribert von Ostrowskis "Droste (Second sight)" erscheint in Kürze ein Booklet mit Farbabbildungen von Zeichnungen in Originalgröße, ergänzt durch den Abdruck von Droste-Gedichten sowie einen einführenden Text von Jochen Grywatsch. Dem Booklet ist eine CD eingelegt mit den Einspielungen Bernd von Ostrowskis „Drei Stücke für Kontrabass allein nach Originalkompositionen der Annette von Droste-Hülshoff“ sowie Rezitationen von Droste-Gedichten von Sabine Negulescu.
Literarisches Kammerkonzert zur Eröffnung der Ausstellung
Aribert von Ostrowski - "Droste (Second sight)"
zur Eröffnung der Ausstellung
Freitag, den 1. September 2006, 19:30 Uhr
Bernd von Ostrowski:
Drei Stücke für Kontrabass allein
nach Originalkompositionen
der Annette von Droste-Hülshoff
Sabine Negulescu:
Gedichte der Annette von Droste-Hülshoff
Programm
Begrüßung: Dr. Walter Gödden
Annette von Droste-Hülshoff: "Spätes Erwachen"
Rezitation: Sabine Negulescu
Bernd von Ostrowski: "A.D.A.M. zwei Jahre später"
Annette von Droste-Hülshoff: "Das Spiegelbild"
Rezitation: Sabine Negulescu
Bernd von Ostrowski: "lerWellen" (nach: Der kranke Aar)
Annette von Droste-Hülshoff: "Im Moose"
Rezitation: Sabine Negulescu
Einführung: Dr. Jochen Grywatsch
Bernd von Ostrowski: "Salzbutterbread"
(nach: Wer nie sein Brod in Thränen aß)
Annette von Droste-Hülshoff: "Die Mergelgrube"
Rezitation: Sabine Negulescu
Vor und nach dem Konzert kann die Ausstellung im
Museum für Westfälische Literatur besichtigt werden.
Veranstaltungsort:
Kulturgut Haus Nottbeck
Museum für Westfälische Literatur
Landrat-Predeick-Allee 1
59302 Oelde-Stromberg
Fon (02529) 94 94 57
www.kulturgut-nottbeck.de
Veranstalter:
Museum für Westfälische Literatur Kulturgut Haus Nottbeck in Kooperation mit der Literaturkommission für Westfalen, Münster
Karten für das literarische Kammerkonzert am 1. September sind beim Glocke-Ticket-Service (Tel.: 02522/73300) und beim Forum Oelde (Tel.: 0 25 22 / 7 28 00) für 12,- EUR / ermäßigt 10,- EUR (zzgl. VVK-Gebühr) und an der Abendkasse für 14,- EUR bzw. 12,- EUR erhältlich.