Arbeiter-Philosophen und-Dichter. Reprint der Originalausgabe. Berlin 1909. Hg. von Uwe K. Ketelsen. Bielefeld: Aisthesis 2009.



Die Anthologie Arbeiter-Philosophen und -Dichter. Blech-, Berg-, Metall- und Textílarbeiter, Sticker, Handschuhmacher, Bäcker, Buchdrucker, Weberinnen, Dienstmädchen erschien im Jahre 1909; sie enthielt 53 Texte, nämlich 44 Gedichte, fünf Aphorismenblöcke, drei Prosastücke und ein Dramolett; sie stammten aus der Feder von insgesamt 23 Autoren, 21 Männern und nur zwei Frauen. Herausgegeben wurde die Sammlung von Adolf Levenstein (1870-1942), einem heute vergessenen frühen Vertreter einer Soziologie der Arbeitswelt.Er sah im Erscheinen des Bändchens weniger ein literarisches Ereignis als vielmehr – wie er in seinem knappen Vorwort anmerkte – ein kulturell-politisches. Es gehe ihm darum, „sehnenden Menschenkindern“, die da „unten“ im „Chaos“ einer bildungsfernen und die Seele vernichtenden industriellen Arbeitswelt leben müssten, die Gelegenheit zu geben, am kulturellen Leben teilzuhaben und ihre Sehnsüchte dichterisch auszudrücken, was ihnen unter der Last der obwaltenden Verhältnisse harsch verweigert werde.




Es ging ihm also – kurz gesagt – um die Forderung, dass nach einem Jahrhundert intensiver philosophischer Diskussionen und umfassender politischer Aktivitäten endlich das idealistische Versprechen eingelöst werde, dem ganzen Volk, und d. h. ganz dezidiert der Arbeiterschaft im Rahmen einer „allgemeinen Nationalkultur“ (wie Goethe das bereits 1795 in seinem Aufsatz Literarischer Sansculottismus genannt hatte) die Teilhabe an „Bildung“ zu ermöglichen.

Dieses Projekt hat (bei aller Kritik an Levensteins Vorstellungen) in der Distanz eines Jahrhunderts nichts an Bedeutung und unter gewissen Vorzeichen auch nichts an Aktualität verloren. Das Bändchen lässt wie in einem (zugegebenermaßen milchigen) Spiegel Tendenzen erkennen, die das soziale Leben in Deutschland gegen viele und vielerlei Widerstände nahezu ein Jahrhundert lang machtvoll durchzogen und – besonders auch im Ruhrgebiet – nachhaltig bestimmt haben. Das rechtfertigt es – über den regionalgeschichtlichen Aspekt hinaus –, mit einem Reprint darauf aufmerksam zu machen.


INHALT:

Vorwort – Adolf Levenstein

Fritz Olk – Bergmann
a) Einsamer Weg
b) Frühling
c) Nach dem Streik
d) Arbeit

Wilhelm Klecha –Maschinenschlosser
a) Arbeit
b) Mein braves Weib
c) Aussperrung

Wilhelm Puphal – Bäckergeselle
a) Gott – Seele – Schöpfung
b) Satiren
c) Mensch
d) Gedanke –Moral
e) Vom Weibe

Bruno Göthel – Fraiser
a) Wie es kam
b) Der Stand verpflichtet
c) Mein Frühlingstraum

Friedrich Blume – Blechwarenarbeiter
a) Die Fabrik
b) Ueberstunden

Karl Kühler – Maschinist
a) Streik
b) Bekehrt

Carl Ficher – Schlosser
Meine Lieder

Amalie Thamm – Dienstmädchen
a) Die Liebe zur Scholle
b) Der Kampf ums Brot
c) Meiner kränklichen Tochter ins Album
d) Zwischen Nacht und Morgen

Wilhelm Marek – Bergmann
a) Mahnung an einen Patrioten
b) Im Bergwerk

Georg Lange – Buchdrucker
a) Junge Liebe
b) Mein Stern

Balduin Sänger – Bergarbeiter
Am Abend

Julius Lehmann – Stricker
a) An die Natur
b) Mutterliebe
c) Abendgedanken

Heinrich Hesse – Bauerntagelöhner
a) Stromerherbstlied
b) Die Gefallene
c) Wiegenlied
d) Märzveilchen
e) Todessehnsucht

Robert Rauch – Gelbgiesser
Der Dornenzaun

Carl Bluhm – Fabrikarbeiter
a) Mein Tagewerk
b) Frühlingssonntag
c) Der Bettler
d) Der Streikbrecher
e) Nach Feierabend
f) Des Schäfers Traum

Joseph Kiel – Hauer
Schwarze Listen

Richard Richter – Tuchweber
Vom Wesen und Leben der Seele

Ernst Umbreit – Handschuhmacher
Der alte Arbeiter

Wilhelm Vogel – Former
a) Die Toten von Gravelotte
b) Frühlingsnacht

Robert Brade – Schmiedegeselle
Es klingt der Amboss

Eugen Barreiss – Eisendreher
Der Bergfriedhof

Anna Bräutigam – Weberin
An mein Kind