Immer noch steht die regionale Literaturforschung im Verdacht eines im rassistischen Sinn lesbaren Stammesdenkens, dem insbesondere Josef Nadlers vierbändige Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften zuarbeitete, und verbreitet gilt die regionale Literatur als rückwärtsgewandt, volkstümlich und daher von ästhetisch zweifelhafter Qualität, als "uninteressant".
Demgegenüber hat Regionalität im Zeichen omnipräsenter und angesichts eines "Europas der Regionen" eine neue, ganz anders geartete Konjunktur: Jenseits des Gegensatzes von "Eigenkultur" und "Fremdkultur" (Wolfgang Welsch) bieten Lokal- und Regionalbezüge identitätsstiftende Potentiale, wobei der Begriff Transregionalität für ein komplexes Netz von horizontalen und vertikalen Verbindungen und Unterscheidungen stehen kann, das den Austausch zwischen den Regionen bestimmt. Literatur in der Region bildet diesen Prozess nicht ab, sondern ist selbst ein Element und Medium innerhalb dieses Geflechts. Die Forschung, die sich mit der Literatur in einer Region beschäftigt, analysiert und beschreibt die Komplexität des literarischen Geschehens in einem subnationalen und auch unterhalb bzw. jenseits der Verwaltungseinheit der Bundesländer räumlich bestimmbaren Gebiet im historischen Verlauf.
INHALT
Martina Wagner-Egelhaaf: Regionalliteraturforschung heute?!
Neue Ansätze in der Regionalliteraturforschung
Peter Schmitt-Egner: 'Regionale' und 'Europäische Identität'. Theoretische, methodische und normative Überlegungen zur Konstituation einer Beziehung
Hans-Peter Ecker: Joseph Roths Galizien. Zur poetischen Konstruktion eines Kulturraums und über die Frage, wie aus Regionalliteratur Dichtung von Weltrang entstehen kann
Andreas Schumann: Heimat ist überall gleich. Strukturelle Traditionen regionaler Identität
Florentine Strzelczyk: Frauen - Heimat - Identität: Überlegungen zur Neukonzeption von Kulturräumen
Literatur - Raum - Westfalen
Walter Gödden: Westfälische Literaturforschung gestern und heute. Ein Überblick
Wilhelm Kühlmann: Das humanistische Westfalen. Zur Bewußtseinsgeschichte von Regionalität in der Frühen Neuzeit
Bettina Gruber: Westfalen-Schottland. Oder: Regionalismus als innerer Exotismus. Zur Grundproblematik regionaler Identitätskonzepte
Jochen Grywatsch: Annette von Droste-Hülshoff - Autorin im Spannungsfeld zwischen Regionalität und Internationalität
Schriften - Bilder - Töne. Intermedium Literatur
Astrid Herbold: Stadt - Theater - Politik. Das Schauspielhaus Bochum als rhetorische Anstalt betrachtet
Karl Riha: Zum Thema: Regionalliteratur. Ein Vortrag
Georg Bühren: Stimmen in der Landschaft. Neue Formen des regionalen Hörspiels
Erpho Bell, Jörg Löffler, Sven Schröder: Präsentation von Regionalliteratur im weltweiten Netz. Die Bibliothek Westfalica
Die Autorinnen und Autoren dieses Bandes