Literaturmuseum Haus Nottbeck.
Eine Projektskizze.

 

Von Walter Gödden

Das Vorspiel

Wer plant, braucht manchmal einen langen Atem. Im Falle des Westfälischen Literaturmuseums dauerte es gut acht Jahre von der ersten Idee bis zur Eröffnung.

In der Zwischenzeit galt es, Überzeugungsarbeit zu leisten, d. h. Kredit zu erspielen: durch Präsentationen, Vorträge (inklusive Rotary-Club) und die Teilnahme an Diskussionsrunden und Workshops, die unter anderem das Ziel verfolgten, das Museumsprojekt ins Ensemble anderer westfälischer Kultureinrichtungen einzureihen. Ein maßstabsgetreues, vom Gestalter des Museums, Robert Ward, entworfenes Modell war quer durch die Lande unterwegs. Ein nützliches Hilfsmittel, weil es mehr aussagte als noch so detaillierte Baupläne. So konnte man schon recht früh einen ersten Eindruck vom späteren Literaturmuseum gewinnen.

Aber sprang der Funken auch über? Bei meinen Vorträgen über Sinn und Zweck eines Museums für westfälische Literatur hatte ich dieses Gefühl durchaus nicht immer. Ein Grundwissen »Westfälische Literatur« konnte, so wurde mir immer deutlicher, nicht vorausgesetzt werden. Das lag nicht an fehlendem guten Willen. Der Impuls, die regionale Literatur intensiver als bisher zu erforschen, war noch nicht bis in die Provinz durchgedrungen. Es war viel Grundlagenarbeit nachzuholen.

Die Skepsis gegenüber der Tragfähigkeit des Projekts blieb bis ganz zuletzt. In der Öffentlichkeit und bei der Verwaltung des Kreises Warendorf, die jede verausgabte Mark ihrem Kreistag gegenüber zu rechtfertigen hat, wurde, durchaus verständlich, die Frage aufgeworfen, warum der Kreis Warendorf, die Stadt Oelde, eine kleine Gemeinde wie Stromberg Träger eines überörtlichen Museums werden solle. Ein Museum für die Literatur des Kreises Warendorf wäre den Wählern möglicherweise eher nahe zu bringen gewesen. Ein solches aber wäre in Konkurrenz getreten zum Kreismuseum Abtei Liesborn. Ein Bedarf für ein weiteres Museum wäre schwerlich erkennbar und auch finanziell nicht zu rechtfertigen gewesen. Dass man sich doch mit einem Westfälischen Literaturmuseum im Kreis Warendorf anfreunden konnte, lag nicht zuletzt an der günstigen Zuschusssituation. Den Stein ins Rollen brachte letztlich ein symbolisch ausgestellter Scheck der NRW-Stiftung, der vom Präsidenten der Stiftung, Herbert Neseker, dem Förderverein Haus Nottbeck überreicht wurde.

Die unmittelbare inhaltliche Planungsphase zog sich über eineinhalb Jahre hin. Sie schloss im Vorfeld Besuche in anderen deutschen Literaturmuseen ein. Dabei wurde schnell deutlich, dass Haus Nottbeck ein eigenes, anders gelagertes Profil aufweist. Vergleichbare regionale Literaturmuseen gibt es in Deutschland nicht. Die meisten Dichtermuseen präsentieren nur einen, »ihren« Autor. Häufig befinden sie sich in dessen Geburts-, Wohn- oder Sterbehaus. Die Exponate der Schausammlung ergeben sich in solchen Fällen wie von selbst: Persönliche Requisiten und Memorabilien, Schreibtisch, Arbeitszimmer und Bibliothek, Fotos, Handschriften, Erstdrucke, Zeugnisse zur Wirkungsgeschichte usw. Im Falle von Haus Nottbeck lagen andere Grundvoraussetzungen vor. Hier geht es nicht um eine Autorin oder einen Autor, sondern um die Präsentation von über einhundert westfälischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Die gesamte Literatur einer Region kommt ins Blickfeld, von den Anfängen bis in die unmittelbare Gegenwart. Und diese gilt es aus der Globalperspektive möglichst ausgewogen und facettenreich zu präsentieren.

Es existierte nicht einmal eine Sammlung mit einem Ausstellungsfundus, auf den man hätte zurückgreifen können. Von daher wurde, parallel zur Ausstellungsgestaltung, mit dem Aufbau einer Sammlung von Erstausgaben begonnen. Diese wurden im überwiegenden Fall antiquarisch erworben, wobei das Internet (www.zvab.de = Zentrales Verzeichnis antiquarischer Bücher) hilfreiche Dienste leistete. Auch wurden Kontakte zu den großen westfälischen Landesbibliotheken in Münster, Detmold und Dortmund sowie zum Dortmunder Fritz-Hüser-Institut für deutsche und ausländische Arbeiterliteratur geknüpft bzw. intensiviert. Die angesprochenen Institutionen zeigten sich kooperativ und waren bereit, Exponate - allerdings aus konservatorischen Gründen nur für begrenzte Zeit - an das Museum auszuleihen. Es wurden längerfristige Kooperationen abgesprochen. Die genannten Institutionen bestücken die Vitrinen zukünftig - nach den thematischen Vorgaben des Museums - in Eigenregie neu. Durch diese Kooperation erfährt der Ausstellungsfundus eine fortwährende Modifizierung und Verlebendigung.

Der erste Schritt der inhaltlichen Konzeption bestand darin, die Ausstellungsthemen auf die vorhandenen Räume zu verteilen. Wir hatten dabei von ganz konkreten Rahmenbedingungen auszugehen: Die zur Verfügung stehende Ausstellungsfläche beläuft sich auf rund 300 Quadratmeter. Sie verteilt sich auf elf Räume. Davon sind ein Multimedia-Raum und ein Bibliotheksraum abzuziehen. Auch das Kellergewölbe konnte nicht in die unmittelbare Ausstellung einbezogen werden. Dafür ist es wie geschaffen für eine Sonderdokumentation zur Kinder- und Jugendliteratur.

Das Museum muss zuallererst der Erwartung gerecht werden, einen Überblick über die wichtigsten Werke der westfälischen Literatur von den Anfängen bis heute zu vermitteln. Unsere Wunschvorstellung war dabei keine rein bibliophile Ausstellung, die sich auf kostbare »Rarissima« der westfälischen Buchlandschaft beschränkt. Statt dessen wird ein chronologischer Überblick über die westfälische Literaturgeschichte unter sozialgeschichtlichen Aspekten angestrebt.

Um diesen übergeordneten Anspruch verwirklichen zu können, musste der große Materialfundus immer weiter gefiltert und auf das Wesentlichste reduziert werden. Viel Wandfläche blieb zudem für Bildmaterial reserviert, das die Funktion übernimmt, einen schnellen Einstieg in ein bestimmtes Thema zu erleichtern (ein schreibender Mönch versinnbildlicht die Literatur des Mittelalters; die Käfige der Wiedertäufer den literarischen Fanatismus und Aberglauben jener Zeit, Greuelszenen aus dem Dreißigjährigen Krieg dienen zur Illustrierung von Grimmelshausens Simplizissimus-Roman, der teilweise in Westfalen spielt, usw.).

Im Zuge der weiteren Arbeit wurde das Textmaterial - in ständiger Abstimmung mit Robert Wards gestalterischem Rahmenkonzept - immer wieder neu gewichtet und proportioniert. Wie viel Platz blieb letztlich noch für Exponatbeschreibungen und Erläuterungstexte? Wie viel Textmaterial kann einem Museumsbesucher überhaupt zugemutet werden? Grundsätze aus der Museumsarbeit besagen, dass Exponattexte nur in geringem Umfang gelesen werden. Jede Überfrachtung sei kontraproduktiv und löse Unmut aus. Mit allzu reduzierten Texten läuft man andererseits Gefahr, Platitüden zum Besten zu geben. Insgesamt wurden die Texte dreißig Mal und öfter umgearbeitet und umarrangiert - unter anderem auch deshalb, weil sich die Architekturpläne wiederholt änderten. Die Phase des work-in-progress erforderte fortwährende Arbeitssitzungen in den Büros aller Beteiligten - nervenaufreibende, letztlich aber produktive »Schlachten«, bei denen die grundlegend unterschiedlichen Auffassungen eines Designers mit denen eines Literaturwissenschaftlers aufeinander prallten. Der psychische und physische Aufwand solcher »klärender« Arbeitsprozesse übersteigt den Aufwand, der für die Abfassung eines Aufsatzes oder gar Buches zu veranschlagen ist, bei weitem.

Die Ausgangssituation

Der Kreis Warendorf hatte das großräumige, jedoch fast völlig verfallene halb ländliche, halb repräsentative Anwesen, das einstmals als Sitz eines Landrates diente, 1987 von der letzten Besitzerin, Luise Eissen, mit der Auflage geerbt, es zu erhalten und der Kultur- und Heimatpflege zuzuführen. Mehrere Nutzungsmöglichkeiten wurden diskutiert, von denen sich jedoch keine als tragfähig erwies. Um 1983 war noch immer keine »zündende Idee« vorhanden. Die Anregung seitens des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, dort ein Museum für westfälische Literatur zu eröffnen, kam gerade noch rechtzeitig. Denn die Gebäude verfielen immer mehr. Es mussten bereits große Summen für die Sicherung der Bausubstanz aufgewandt werden. Konkret: Das Dach der Scheunengebäude bog sich inzwischen bedenklich durch. Auch große Teile des Mauerwerkes mussten erneuert werden. Der Vorschlag des Landschaftsverbandes war so etwas wie ein Rettungsanker.

Es bedurfte vieler finanzstarker Prinzen, so Landrat Dr. Kirsch bei der Eröffnung des Museums, um das alte Rittergut Haus Nottbeck aus seinem »Dornröschenschlaf« wachzuküssen. Durch den Verkauf von Landfläche, die zum Anwesen gehörte, sowie Barmittel und Erlöse aus dem Verkauf eines Hauses, das mit dem Erbe zusammenhing, leistete der Kreis Warendorf einen eigenen, großen Finanzierungsanteil. Wegweisend war die schon erwähnte Finanzspritze in Höhe von einer Million DM durch die NRW-Stiftung, die bereits sehr früh das Nutzungskonzept »Literaturmuseum« unterstützte. Hinzu kamen Mittel des Landes NRW sowie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. Letzterer steuerte über sein Westfälisches Museumsamt rund 1,3 Millionen DM hauptsächlich für die Gebäudesanierung und Inneneinrichtung des sog. »Haupthauses« bei. Die Stadt Oelde sorgte für die Zuwegung und baute eine Landrat-Predeick-Allee, über die das Museum nun gut zu erreichen ist. Die Beschilderung zahlte die ortsansässige Sparkasse. Insgesamt kostete der erste Bauabschnitt rund fünf Millionen DM - wohlgemerkt nicht allein für die Einrichtung des Literaturmuseums, sondern für eine Grundinstandsetzung des Anwesens einschließlich der Ausbaggerung der Gräfte, der Errichtung eines Parkplatzes und eines Klärteiches, der Sanierung des Innenhofes sowie weiterer »globaler« Maßnahmen. Die eigentlichen Kosten für die Innensanierung des »Haupthauses« und die Einrichtung des Literaturmuseums beliefen sich auf rund 780.000 DM.

Der Träger

Damit war freilich noch kein Wort über die Folgekosten verloren. Träger des Museums ist der Kreis Warendorf, das inhaltliche Konzept wurde vom Verfasser dieses Beitrags erarbeitet, der auch die wissenschaftliche Leitung innehat. Seinen Verbandsstatuten gemäß darf der LWL nur mittelbar (also wie in diesem Fall über eine seiner Kommissionen) das Museum unterstützen, nicht aber als Träger auftreten. Die genauen Zuständigkeiten sind vertraglich geregelt. Demzufolge sorgt eine maßgeblich vom Kreis Warendorf finanzierte Kulturgut Haus Nottbeck GmbH für die Unterhaltung des Anwesens, während der Landschaftsverband durch die Literaturkommission sein wissenschaftliches Know-how bei der Museumskonzeption und bei der Programmplanung (Lesungen, Wechselausstellungen, Kolloquien) einbringt. Der Kreistag stellt für die Unterhaltung jährlich 300.000 DM bereit. Von diesem Betrag werden ein Kulturmanager, der eine ständige Präsenz vor Ort gewährleistet, sowie ein Hausmeister bezahlt. Der Restbetrag wird für laufende Grundkosten (Energie, Wartung, Telefon etc.) sowie das literarische Programm und den Ausbau der Sammlung aufgewandt.

Der Standort

Im Vorfeld wurde viel gemutmaßt: Das Museum liege viel zu weit ab vom Schuss, die Besucherinnen und Besucher würden ausbleiben. Solche Bedenken können schon jetzt, ein Dreivierteljahr nach der Eröffnung, ausgeräumt werden. Bislang fanden rund 12.000 Personen den Weg in das Museum, das ist das Fünffache dessen, was wir uns in unseren kühnsten Träumen als Besucher-Jahresschnitt ausgerechnet hatten.

Die ländliche Lage erweist sich als unbedingter Standortvorteil. Wer das Museum besucht, bringt Zeit mit und hetzt nicht, wie vielleicht in einer Großstadt mit vielen Museen, von einem kulturellen Highlight zum nächsten.

Das alte Rittergut ist eine Attraktion für sich. Seine Geschichte lässt sich bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen. Das denkmalgeschützte Anwesen verströmt sowohl herrschaftliches Flair als auch bäuerlichen Charakter. Es liegt in einer schönen Landschaft. Fünf Kilometer von der Ems entfernt, unmittelbar östlich der Beckumer Berge, öffnet sich ein weiter Blick bis hin zum Teutoburger Wald und den Vorbergen des Sauerlandes. Im überwiegend ebenen Südost-Münsterland stellt diese markante Abgrenzung zum ostwestfälischen Raum einen bemerkenswerten Landschaftsaspekt dar. Das Haus ist wie geschaffen für Ausflügler. Auch Radtouristen kommen auf ihre Kosten. In Haus Nottbeck legt man gern eine Zwischenstation ein.

Das gesamte Anwesen vermittelt eine angenehme, ruhige Stimmung. In den sommerlichen Abendstunden (mit Einladung zu Froschkonzerten!) ist sie nahezu einzigartig. Wer nach Nottbeck kommt, tut dies, um sich von einer kulturell anregenden Atmosphäre stimulieren zu lassen. Es sind längst nicht nur enthusiastische Literaturliebhaber, die den Weg in das Museum finden, sondern Besucher unterschiedlichster Interessenlagen quer durch alle Bildungsschichten. Das »Singuläre« des Standortes gab auch den Ausschlag dafür, dass der Lenkungsausschuss für die Emsregionale 2004 dem weiteren Ausbau des Kulturguts Haus Nottbeck (zweiter und dritter Bauabschnitt) höchste Priorität einräumte und weitere Finanzmittel in Aussicht stellte.

Dies ist zweifellos ein Loblied auf die Provinz. Ihr besonderer Reiz liegt darin, dass hier noch etwas bewegt werden kann. Bei den bisherigen Veranstaltungen haben wir ein dankbares, geradezu literaturhungriges Publikum angetroffen. Beispielsweise bei der Autorenlesung von Norbert Johannimloh am Tag der Literatur, der auf die Eröffnung des Museums (30. Juni 2001) folgte. Als er aus seinem Erzählband Appelbaumchaussee las, dessen - so der Untertitel - Geschichten vom Grossundstarkwerden ganz in der Nähe von Haus Nottbeck, in Verl bei Gütersloh, spielen, hingen die Besucherinnen und Besucher wie gebannt an den Lippen des Autors. Viele Anwesende hatten erstmals einer Autorenlesung beigewohnt.

Auch aus literarhistorischer Sicht spricht manches für den Museumsstandort. Die westfälische Literatur vergangener Jahrhunderte ist eher ländlich als urban geprägt. Hier entwickelte sich die Literatur »wie auf kleinen Literaturinseln« abseits der Buchmetropolen Leipzig, Frankfurt oder Berlin. Entsprechend waren die Droste, Freiligrath oder Grabbe Autodidakten, die vor Ort auf kein größeres Publikum rechnen durften. Aufgrund der abgeschlossenen, oft geradezu literaturfeindlichen Situation verließen viele Autorinnen und Autoren Westfalen und versuchten ihr Glück anderorts. Solche Faktoren, die Westfalen nicht gerade zum Ruhme gereichen, werden in der Ausstellung nicht ausgeblendet, sondern ausführlich dargestellt. Es verwundert fast, dass sich in Westfalen »trotz alledem« eine literarische Kultur etablieren konnte.

Die Museumskonzeption ist so gestaltet, dass sie Angebote an »jedermann« macht. Man muss kein Insider oder Literaturexperte sein, um auf seine Kosten zu kommen. Es sind auch Besucherinnen und Besucher willkommen, die in der hauseigenen kleinen Gastronomie eine Tasse Kaffee trinken und vielleicht nur nebenbei einen Blick in das Museum werfen möchten. Eine »Überpädagogisierung« oder Missionseifer werden strikt abgelehnt.

Dass ein solches »offenes« Konzept aufgeht, zeigt nicht zuletzt das Gästebuch. Das Museum wird allgemein als Bereicherung empfunden. Es wird bescheinigt, dass etwas Sinnvolles entstanden sei. Es sei der Beweis erbracht worden, dass ein Literaturmuseum spannend sein könne. In diesem Zusammenhang wird immer wieder die Gestaltung Robert Wards lobend herausgestellt. Viele Besucher möchten, wie sie schreiben, gern wiederkommen und würden dann mehr Zeit mitbringen. Dies sei notwendig, um die vielen Facetten, die das Museum biete, vollständiger kennen zu lernen.

Die Gestaltung

Die Gretchenfrage lautete: Kann man Literatur attraktiv ausstellen? Zweifellos kann man Bücher ausstellen. Das ist einfach. Was aber sagt ein noch so schöner Buchrücken aus? Die Stichworte des im Literaturmuseum Haus Nottbeck verwirklichten Konzeptes lauten Visualisierung und Inszenierung. Robert Ward sah es als besondere Herausforderung an, Altes (das antiquierte Rittergut) und Neues (das renovierte »Innenleben« des Gebäudes) im harmonischen Gleichklang zu präsentieren. Die atmosphärische »Wärme« des Gebäudes blieb erhalten. Sie wird partiell mit moderner Technik bereichert. Auf ein High-Tech-Museum mit flackernden Bildschirmen wurde jedoch bewusst verzichtet. An mehreren Stellen des Gebäudes schimmert die frühere Bausubstanz durch: in der Bibliothek findet sich beispielsweise eine kleine Ecke mit den ursprünglichen, alten Kacheln; im Obergeschoss sieht man hinter Glas Proben des ehemals porösen Mauerwerks; neben der neuen Stahlkonstruktion sind alte Dachbalken stehen geblieben; im Dachgeschoss legen »Gucklöcher« den Blick auf das strohgedeckte Dach frei usw.

Weitere Gestaltungselemente:

Die Hauptinformationen finden sich auf einer chronologischen Zeitleiste, die sich durch das gesamte Museum zieht. Große Ziffern gewähren eine schnelle Orientierung über den behandelten Zeitabschnitt.

Die von Raum zu Raum wechselnde Wandlasur unterstreicht den individuellen Charakter der einzelnen Themenkomplexe.

Die vielen, großflächigen Fenster wurden durch bedruckte (jedoch lichtdurchlässige) Folien in die Ausstellung einbezogen; zu sehen sind Motive der Kultur- und Buchgeschichte.

Die Vitrinen bilden eigene, großdimensionierte Raumobjekte; sie wurden entsprechend der Raumarchitektur angefertigt und passen sich harmonisch in die Gesamtgestaltung ein.

An verschiedenen Stellen des Museums sind Medien der Buchherstellung sichtbar: von Lettern, wie sie im frühen Buchdruck verwendet wurden, bis zum Internet-Café (im sog. Cyber-Room), in dem die Gegenwartsliteratur »ersurft« werden kann.

Vertiefende Informationen werden auf Din A 1 großen Postern präsentiert; diese kann der Besucher aus buchähnlich gestalteten Schubern herausziehen; eine von vielen Möglichkeiten, um sich das Museum aktiv zu erschließen.

Literaturgeschichte wird, wo irgend Platz zur Verfügung stand, inszeniert: im Erdgeschoss beispielsweise durch verzierte Pergamentrollen, die die Aufzeichnungen eines literarischen Entwicklungsreisenden aus dem 17. Jahrhundert, Engelbert Kaempfer, buchstäblich transparent machen; im Obergeschoss versinnbildlicht ein etwa zwei Meter hohes Radio den Kontext »Heimatliteratur« und damit die Präsenz der westfälischen Hörspielkultur der 1930er bis 1960er Jahre; eigene Inszenierungen sind der Bergarbeiterliteratur und dem westfälischen Theater nach 1945 gewidmet; in einem Video-Pavillon ist ein von Robert Ward realisierter Film zu sehen, in dem westfälische Autoren aller Epochen Antwort auf die Frage »Warum schreibe ich?« geben; der Pavillon ist der Form barocker Lesepavillons nachempfunden; im Kellergeschoss ist der westfälischen Kinder- und Jugendbuchliteratur eine eigene Inszenierung gewidmet. Das Thema lautet Schlossgespenst trifft Straßengang. Die Inszenierung ist angeregt durch zwei Bücher des Dortmunder Autors Ralf Thenior: eines für Erstleser über das kleine Schlossgespenst Weißnicht von Wasserwinkel und eines für Leser ab etwa 14 Jahre (Die Nacht der Sprayer). Zu sehen sind auf der rechten Raumseite die Kulissen eines Schlosses, auf der linken die Silhouetten einer Großstadt, kombiniert mit Graffity-Motiven. Begleitend ist in Form einer Montage eine Lesung des Autors aus beiden Büchern zu hören.

Ferner finden sich im Museum zwei PC, auf denen via Datenbank Informationen zu über 2.000 westfälischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern abrufbar sind. Die Daten basieren auf dem von der Literaturkommission für Westfalen erarbeiteten Westfälischen Autorenlexikon.

Außerdem befindet sich in der Bibliothek eine »Audiothek«, an der 18 Hörspiele westfälischer Autoren per Knopfdruck abgerufen werden können.

Überall sind im Museum ausgeklügelte, verspielte Details zu finden. Um nur einige herauszugreifen: Der Besucher betritt die Ausstellung durch ein überdimensioniertes Buch; in der Bibliothek findet er einen magic-ball mit Literaturzitaten; im Obergeschoss ist im ehemaligen, zum Räuchern benutzten Kamin, begleitend zur grafischen Abbildung eines Schinkens, der Spruch: »Ich lese am liebsten dicke ...« zu entdecken.

Insgesamt wird durch die Verwendung heller Farben die angenehme Atmosphäre verstärkt. Dies trifft besonders für die Bibliothek zu, die mit ihren Buchregalen aus naturbelassenem, hellem Eschenholz zum Schmökern und Verweilen einlädt.

Eigene Elemente der Literaturvermittlung bilden die überall im Museum installierten Hörstationen. Via Kopfhörer sind jeweils ca. zehnminütige Literaturfeatures zu Themen der westfälischen Literatur zu hören. Die O-Ton-Einspielungen gehen über die bloße Aneinanderreihung von Dichterstimmen weit hinaus. Sie bilden vielmehr lebendige und kommentierte Features, die das in Vitrinen Gezeigte kommentieren bzw. konterkarieren. Für die Gestaltung der Features zeichnet Georg Bühren (WDR) verantwortlich.

Das Foto zeigt eine Ausstellung
Eigene Elemente der Literaturvermittlung...

Zahlreiche Gegenwartsautoren liehen dem Museum ihre Stimme. Die Zusammenarbeit mit den Autoren ist ein elementarer Teil des Museums. Für uns ist wichtig, dass sich die Autoren angemessen repräsentiert fühlen. Sie und die Besucher sind die Hauptpersonen, wir die Moderatoren.

Das Thema

Hat die westfälische Literatur genügend Substanz, ist sie interessant genug, um Besucher anzulocken? Die westfälische Literatur ist nicht besser oder schlechter als die Literatur anderer Regionen. Der bundesrepublikanische Süden, Baden-Württemberg, kann für sich den Status eines wahren »Dichterländles« beanspruchen. Auch andere Landstriche können mit Geistesheroen glänzen. Daneben stehen geistesdürr besiedelte Gebiete, die als kulturelle Diaspora angesehen werden können. Westfalen ist in diesem Kontinuum gutes, solides Mittelmaß, nicht mehr und nicht weniger. Allenfalls die Droste und Grabbe sind überregionale und internationale »Größen«. Daneben sind Georg Weerth, Ferdinand Freiligrath und der Kreis um die Fürstin Amalia von Gallitzin zu nennen, die höhere Bekanntheit beanspruchen dürfen.

Unser Anliegen war keinesfalls, einen »neuen Goethe« zu entdecken. Wir lesen und begreifen, wie erwähnt, Literaturgeschichte im weitesten Sinn als Kultur- und Sozialgeschichte. Die Schriftsteller treten als Kronzeugen ihrer Zeit auf. Sie erzählen Geschichte(n) aus subjektivem, individuell gefärbtem Blickwinkel, oft auch aus der Perspektive von Betroffenen. Unter solchen Vorzeichen kommen auch die vermeintlichen Poetae minores zu ihrem Recht.

Durch die in der Literaturkommission geleisteten Vorarbeiten ist der Materialfundus, aus dem wir schöpfen konnten und können, sehr groß. Bereits erwähnt wurde das Westfälische Autorenlexikon, das detaillierte Informationen zu über 2.000 westfälischen Schriftstellern bereitstellt. Hinzu kommen Materialien aus früheren Ausstellungen des »Referats Literatur« wie Von den Musen wachgeküsst. Als Westfalen lesen lernte oder Die Lust, Nein zu sagen. Eine kleine Geschichte der westfälischen und flämischen Kinder- und Jugendliteratur.

Im Mittelpunkt der Nottbecker Dauerausstellung stehen jene Themen, die Leser und Publikum querbeet durch die Epochen interessiert, bewegt, oft auch schockiert haben - von den frühesten Anfängen einer Lesekultur in Westfalen bis in die heutige Gegenwart. Im Erdgeschoss wird die Literaturgeschichte Westfalens vom ausgehenden Mittelalter bis zum Jahre 1900 aufgeblättert. Schwerpunkte sind Werner Rolevincks Buch vom Lobe Westfalens (1474), Hexenverfolgung und Dreißigjähriger Krieg, Aufklärung und Empfindsamkeit, der Kreis von Münster um die Fürstin Gallitzin, die politische Dichtung der Vormärzzeit (um 1840) und die drei Großen der westfälischen Literatur: Annette von Droste-Hülshoff, Christian Dietrich Grabbe und Ferdinand Freiligrath. Im Obergeschoss werden Autoren des Kreises Warendorf vorgestellt (u. a. Augustin Wibbelt und der Warendorfer Paul Schallück) sowie Themen, die sich wie ein roter Faden durch die westfälische Literaturgeschichte ziehen: Heimatbewusstsein, Politik, Gesellschaft, Moderne. An den iMacs im cyber-room kann man 16 Gegenwartsautorinnen und -autoren in Wort und Bild kennen lernen.

Die Rubriken sind hier Lyrik, Prosa, Satire und Krimi. Der Kinder- und Jugendliteratur ist im Kellergeschoss eine kleine Sonderausstellung gewidmet. Hier findet man historische Kinderbücher ebenso wie Titel von Gegenwartsautoren.

Die Bibliothek im Erdgeschoss hat den Charakter einer umfassenden Wissenszentrale. Ein Grundgedanke ist, jede literaturgeschichtliche Epoche mit repräsentativen Werken westfälischer Autoren vorzustellen. Hinzu kommen Literaturlexika und Nachschlagewerke, Jahrbücher literarischer Gesellschaften, Literaturzeitschriften sowie Informationen über westfälische Literaturbüros, literarische Gesellschaften, Literaturstiftungen und weitere Institutionen, die sich mit westfälischer Literatur beschäftigen. Dem Besucher werden weitreichende Recherchemöglichkeiten angeboten. Dies gilt besonders für die erwähnte, ebenfalls

in der Bibliothek plazierte Audiothek und die PC-Datenbank zu westfälischen Autorinnen und Autoren. Außerdem bieten die Bibliotheksregale Platz für kleinere Ausstellungen. Den Anfang machte hier eine Mail-Art-Aktion: Westfälische Schriftstellerinnen und Schriftsteller gaben Antwort auf die Frage: Welches Denkmal ich mir schon immer in einem Literaturmuseum setzen wollte (Idee und Konzeption: Karl Riha, Walter Gödden). Ein »Outing« als literarische Nabelschau, witzig und selbstironisch zugleich. Zukünftig ist daran gedacht, in der Bibliothek auch belletristische (Klein-)Verlage mit ihrer Produktion vorzustellen.

Die Zukunft

Das Museum für westfälische Literatur will ein lebendiges, ein quicklebendiges Museum sein. Um dieses Zeil zu ereichen, sind vielfältige Aktivitäten rund um das Thema Buch und Literatur unverzichtbar.

Ein 1995 ins Leben gerufener Förderverein Haus Nottbeck hat durch sein unermüdliches Engagement schon jetzt dazu beigetragen, dass zahlreiche Veranstaltungen stattfinden konnten - unter anderem ein Bücherflohmarkt mit etwa 3.000 Besuchern.

Das Museum will kein Ablageplatz für angestaubte Exponate sein, die nur den Insider interessieren. Vielmehr sollen die ausgestellten Bücher und Requisiten wie Brücken, Katalysatoren wirken, um die sich möglichst bunte, intermediale Aktionen ranken. Dabei sollen auch die Kontakte zur bildenden Kunst und Musik genutzt werden.

Die geplanten Aktivitäten haben nichts Oberlehrerhaftes, Stocksteifes an sich. Der erhobene Zeigefinger wird konsequent außen vor gelassen. Statt drögen Betroffenheits-Dichterlesungen sind offensive, auch provokante Diskussionen gefragt. Auf keinen Fall ist Haus Nottbeck ein elitäres Museum. Jeder, der sich, in welcher Form auch immer, mit dem Medium Buch auseinandersetzen oder beschäftigen möchte, soll auf seine Kosten kommen. Dies kann - außer durch die Begegnung mit Autorinnen und Autoren - beispielsweise in Form von literarischen Aktionen (geplant ist beispielsweise ein Dada-Podium), durch die Vermittlung von Büchertipps in der Vorweihnachtszeit, durchaus aber auch bei der Vorstellung von Kochbüchern der Fall sein.

Prinzipiell ist das Museum ein »offenes Haus«, das sich auch für Veranstaltungen anderer Vereinigungen und literarischen Gesellschaften anbietet. Es sollen Hemmschwellen abgebaut und Dialoge gestiftet werden. Das Museum will animieren statt besserwisserisch belehren. Es soll jugendliches Publikum gewonnen werden.

»Poetry-Slams« und Diskussionen über Hip-Hop-Texte sind ausdrücklich erwünscht. Auch für anderes, zum Beispiel Halloween-Literaturpartys, Harry-Potter-Nächte oder Gespenstergeschichten à la carte, ist Haus Nottbeck ein nahezu idealer Ort.

Durch die Verwirklichung des zweiten und dritten Bauabschnitts werden sich auch für das Literaturmuseum neue Perspektiven eröffnen. Mit dem Ausbau des Anwesens zu einem Zentrum für Musiktheater wird im ehemaligen Scheunengebäude ein großer Veranstaltungsraum geschaffen, der es später ermöglicht, Lesungen vor größerem Publikum stattfinden zu lassen. Der Raum wird mit moderner Audio- und Videotechnik ausgestattet. Im Seitenflügel entstehen Räumlichkeiten, in denen unter anderem visuelle Dokumentationen erarbeitet werden sollen. Dies lässt an partnerschaftliche Projekte beispielsweise im Bereich Jazz und Lyrik oder Video und Literatur denken. Vor allem profitiert die Literatur von geplanten Übernachtungsmöglichkeiten und dem Ausbau der Gastronomie. So wird es etwa ab dem Jahre 2004 möglich sein, auf Haus Nottbeck mehrtägige Workshops und Tagungen durchzuführen. Auf jeden Fall wird durch die Projekte der Musikschule des Kreises Warendorf (an denen oft hundert Kinder und mehr beteiligt sind) weiteres Leben in das alte Rittergut einziehen.

Für die Literaturkommission ist das neue Literaturmuseum ein wichtiger Baustein ihrer Aktivitäten. Die Kommission verfügt damit gleichsam über eine »Außenstelle«, die sie für Tagungen und Ausstellungen nutzen kann. Diese Möglichkeiten stehen aber auch den 16 literarischen Gesellschaften Westfalens offen, die unter dem Dach des Landschaftsverbandes in einer Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften Westfalens zusammengefasst sind. Sinnvolle Synergieeffekte bieten sich auch im Zusammenhang mit dem von der Literaturkommission neu gegründeten Westfälischen Literaturarchiv im Westfälischen Archivamt an. So wird es möglich sein, »Highlights« aus dem Literaturarchiv in Haus Nottbeck zu präsentieren.

Darüber hinaus bieten sich noch zahlreiche Möglichkeiten, das Museum mit literarischem Flair zu füllen. So ist daran gedacht, im Innenhof skulpturale »Textwürfel« aufzustellen. Auf diesen sollen (beispielsweise anlässlich literarischer Jubiläen) Texte westfälischer Autoren zu lesen sein. Die »Textwürfel« sind so konzipiert, dass die Texte in einem bestimmten Turnus ausgetauscht werden können. Der Besucher kann sich - ein auch anderorts erfolgreich praktiziertes Prinzip - Literatur stets neu »erwandern«. Die philosophisch inspirierten Texte eines Ernst Meister, dessen 90. Geburtstag im Jahre 2001 u. a. mit zwei Ernst-Meister-Projekttagen in Münster begangen wurde, waren für eine solche Textpräsentation beispielhaft geeignet.

Dem Projekt Westfälisches Literaturmuseum Haus Nottbeck bleibt zu wünschen, dass es sich weiterhin der Gunst der Förderer erfreut. Ein reibungsloses Zusammenspiel von Förderverein, Verwaltung, dem Personal vor Ort und den Beteiligten der Literaturkommission kann dazu beitragen, der westfälischen Literatur zu einem attraktiven Standort zu verhelfen. Ganz im Sinne von Hans Magnus Enzensbergers »Museum der modernen Poesie«. Zwar vergangenheitsorientiert, aber doch so lebendig und vielfältig, dass das Museum unmittelbar in die Gegenwart hineinwirkt und Literaturgeschichte(n) auf zeitnahe Weise erzählt. Auf diese Weise können Literaturwelten (wieder-)erstehen und vielleicht neue entworfen werden.

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