Der Geographisch-landeskundliche Atlas von Westfalen

seit 1985 ein Arbeitsschwerpunkt der Geographischen Kommission für Westfalen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe LWL

von Julius Werner

1. Warum dieser Atlas ?

Bereits seit Gründung der Geographischen Kommission für Westfalen 1936 werden wichtige den Raum Westfalen betreffende geographisch-landeskundliche Forschungsergebnisse auch in Form von Themenkarten dargestellt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. So legten schon der erste Kommissionsleiter, Prof. Dr. H. Dörries als Ordinarius für Geographie an der Universität Münster, sowie sein Nachfolger als Lehrstuhlinhaber und Kommissionsvorsitzender, Prof. Dr. W. Müller-Wille, mit ihren Schülerinnen und Schülern im Rahmen textlicher Darstellungen zahlreiche Karten vor, in denen geographisch-landeskundliche Befunde allgemeinverständlich veranschaulicht sind. Allerdings fristeten etliche dieser inhaltsreichen Themenkarten – in der Regel kleinmaßstäbig und mehrfach gefaltet – als Beilagen damaliger Veröffentlichungen ein Schattendasein, dem die Beachtung durch eine breitere Fachöffentlichkeit nicht selten versagt blieb. Ein Beispiel hierfür stellt u. a. der von W. Müller-Wille selbst 1965 vorgelegte Karten- und Textband „Bodenplastik und Naturräume Westfalens“ dar; es war Müller-Wille selbst, der „seiner“ Geographischen Kommission 1979 das von ihm bereits zuvor etliche Jahre lang erwogene Projekt eines „Geographischlandeskundlichen Atlas von Westfalen“ nahe brachte. Der Zeitpunkt für ein derartiges Vorhaben darf insofern als günstig gewählt gelten, weil aus zahlreichen geographischen Staats-, Diplom- und Doktorarbeiten jener Jahre ein beachtlicher Themenkartenfundus resultierte, den die Autorinnen und Autoren – oft bereits als Mitglieder der „GeKo“- zur Aufnahme in ein derartiges Werk gerne weiterentwickeln wollten. Ferner begrüßten auch außerhalb der Kommission namhafte Fachwissenschaftler die durch einen solchen Atlas geschaffene Möglichkeit, eigene geographisch-landeskundliche Forschungsergebnisse auch kartographisch zu präsentieren. An verbindlichen Zusagen, durch die ehrenamtliche Übernahme von Kartenentwürfen zum Gelingen dieses neuen Atlasprojekts beizutragen, fehlte es also etwa ab 1980 nicht.

Bereits 1975 hatte das damalige Provinzialinstitut für Westfälische Landes- und Volksforschung des LWL die erste Lieferung des „Geschichtlichen Handatlas von Westfalen“ herausgegeben, und es war von vornherein vereinbart, durch themenbezogene Kooperationen zwischen den Redaktionen beider Atlaswerke Synergieeffekte zu erzielen. Auch auf kartographisch-technischer Ebene bestanden inzwischen vergleichsweise günstige Voraussetzungen für die Realisierung eines derartigen Atlasprojekts: Das partnerschaftliche Miteinander von Geographischer Kommission und Universitäts-Geographie in demselben Gebäude ermöglichte die Mitbenutzung der reprotechnischen Institutsausstattung, so dass dem Vorhaben eigentlich nur noch die enge Begrenztheit der Personalressourcen im Wege stand. Der LWL dokumentierte sein lebhaftes Interesse an diesem neuen Atlasprojekt u. a. durch die Bereitstellung einer zweiten Kartographenstelle sowie durch eine Etaterhöhung ab 1984, so dass 1985 die erste Atlaslieferung im Verlag Aschendorff in Münster erscheinen konnte. Dem ideenreichen und unermüdlichen Initiator des Vorhabens sollte es nicht mehr vergönnt sein, diesen ersten Erfolg mitzuerleben; Prof. Dr. W. Müller-Wille war 1983 verstorben.

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Hauptmerkmale des Atlas Abb. 1.: Hauptmerkmale des Atlas

2. Hauptmerkmale des Atlas

1991 hat K. Temlitz die Entstehung, Struktur und Verbreitung des Atlas in der Kommissions-Veröffentlichungsreihe „Siedlung und Landschaft in Westfalen“, Heft 20, eingehend dargestellt. Diese ausführliche, mit Quellenangaben versehene und die ersten fünf Atlaslieferungen bis 1990 einbeziehende Merkmalsbeschreibung bedarf im Folgenden allenfalls einiger zusammenfassender und ergänzender Anmerkungen.Schon nach fünf Jahren – inzwischen waren 24 erläuterte Doppelblätter sowie eine transparente Deckfolie mit den Verwaltungsgrenzen Westfalens von 1985 erschienen – stellte sich der Atlas als ein Erfolgsprojekt dar. Die Erwartungen der Kommission, mit dem Kartenwerk nicht nur Wissenschaft und Forschung, sondern auch Verwaltungsdienststellen, Schulen, öffentliche Bibliotheken sowie geographisch-landeskundlich interessierte Privatpersonen erreichen und als Abonnenten gewinnen zu können, erfüllten sich voll. Anerkennende Fachrezensionen verschiedener Lieferungen bestärkten insbesondere die Atlasredaktion in der Auffassung, mit der Konzeption sowie Ausgestaltung der Karten und ihrer Erläuterungen einen richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Gegenwärtig – inzwischen sind 12 Lieferungen mit in der Regel 4 bis 5 (gelegentlich bis zu 7) Doppelblättern erschienen – weist das Atlaswerk folgende Hauptmerkmale auf:

  • Inhaltliche Gliederung des gesamten Atlaswerkes in 10 Themenbereiche
  • Formale Gliederung des gesamten Atlaswerkes in – mittig gefalzte – Doppelblätter von („brutto“) je zweimal 33,5 x 41,0 cm Größe; Maßstab der jeweiligen Hauptkarte (links) im Regelfall zwischen 1 : 525 000 und 1 : 750 000. Themenbezogene Nebenkarten verschiedener Maßstäbe und/oder Graphen, Tabellen, Photos, etc. auf rechter Doppelblattseite
  • Je nach Thema und Quellenlage kartographische Darstellung in Form blattfüllender (Teile von 5 Bundesländern sowie der Niederlande umfassender) Rahmenkarten oder Inselkarten von Westfalen-Lippe
  • Angebot von Kartensammelmappen mit Stangenhalterung zum Einlegen der Doppelblätter
  • Textliche Erläuterungen im Regelfall in Form von Begleitheften (Format DIN A4, Umfang zwischen 6 und 60 Seiten, meist versehen mit zusätzlichen Graphen, Tabellen, Karten und Literaturhinweisen)
  • Angebot von Sammelmappen für je etwa 25 Begleithefte
  • Seit 2002 auf mehrfachen Autorenwunsch im Einzelfall Eröffnung der Möglichkeit, an Stelle eines Begleitheftes einen kompakten „Sachkommentar“ neben der jeweiligen Karte, beginnend auf der rechten Doppelblattseite, zu platzieren (ist in 11. und 12. Lfg. bei 4 der 13 Doppelbl. erfolgt)

3. Die laufende Arbeit am Atlas als Kommissionsaufgabe

Inzwischen ist der Geographisch-landeskundliche Atlas von Westfalen aus der täglichen Arbeit der Geographischen Kommission im LWL nicht mehr wegzudenken. Wohl kaum zufällig wird dieses erfolgreiche Projekt als „Flaggschiff“ unter den landeskundlichen Serviceangeboten der GeKo insbesondere im Beitrag von H. Heineberg und K. Temlitz zur 70-Jahres-Feier der Kommission in diesem Band aufgeführt.

Seit den ersten Atlaslieferungen sind Zeichentusche, Ziehfeder, Zirkel und Schraffiergerät längst durch die modernen Gestaltungsmittel der digitalen Kartographie abgelöst worden. So erweist sich insbesondere der digitale „Werkzeugkasten“ macromedia-freehand für den Kommissions-Kartographen Dipl.-Ing. H. Pohlmann als hilfreich zur Bewältigung der vielfältigen (nicht nur auf den Atlas beschränkten) Darstellungsaufgaben. Gleichwohl ist seit Jahren der relative Anteil des Atlas an der von der Kommissions-Geschäftsstelle insgesamt zu leistenden kartographischen Arbeit stark zurückgegangen. Das Projekt „Städte und Gemeinden in Westfalen“ sowie der „Kulturatlas Westfalen“ (vgl. die Beiträge von H. Heineberg/K. Temlitz sowie von R. Grothues/A. Mayr und S. Althaus in diesem Band) beanspruchen inzwischen den Hauptteil des Einsatzes von H. Pohlmann. Gelegentlich erblicken durch die begrenzte Verfügbarkeit fachkartographischer Arbeitskraft GeKo-Veröffentlichungen – und dazu gehören ja auch Atlaslieferungen – später das Licht der Welt als ursprünglich beabsichtigt. Um weder die Möglichkeiten der GeKo-Geschäftsstelle, noch die ehrenamtliche Einsatzbereitschaft der Kartenentwurfs-„Lieferanten“ zu überfordern, wurden bisher Überlegungen zurückgestellt, neuen Lieferungen des Geographisch-landeskundlichen Atlas interaktive elektronische Ausgaben (als CD-ROM und/oder im Internet) an die Seite zu stellen.

Auch nach etwa 22 Jahren des Erscheinens dieses ursprünglich auf insgesamt etwa 100 Doppelblätter angelegten Atlasprojektes sind noch keineswegs alle 10 Themenbereiche mit allen vorgesehenen Karten und Texten abgedeckt; gleichwohl darf auch in Zukunft erwartet werden, dass im Kreise der gegenwärtig rd. 100 Kommissionsmitglieder sowie befreundeter Fachkollegen weitere innovative Kartenentwürfe heranreifen, welche die geographischraumbezogene Vielgestaltigkeit von Westfalen-Lippe in geeigneter Weise thematisch-kartographisch abbilden.
Im Interesse dieser Zielsetzung ist die z. Zt. aus sieben Mitgliedern bestehende Atlasredaktion weiterhin bemüht, die von den Autoren unterbreiteten Angebote durch Vorschläge bestgeeigneter kartographischer Darstellungsmittel zu inhaltsreichen, dabei aber allgemeinverständlichen Informationsquellen zu entwickeln. Seit jeher berücksichtigt die Atlasredaktion bei ihren Überlegungen zur Kartengestaltung, dass viele Nutzer dieses Atlaswerkes ihre Fähigkeit, sich die Inhalte von Themenkarten zu erschließen, vorwiegend aus Schulatlanten und Geographie-Lehrbüchern erworben haben. Das gilt insbesondere für die Eignung des Atlas als geographisch-landeskundlicher Materialfundus in den Mediotheken von Schulen. Die Atlasredaktion wird sich auch in Zukunft dem Auftrag verpflichtet fühlen, die bisher erreichte breite Akzeptanz dieses Projektes durch thematische Aktualität und Vielfalt weiterer Lieferungen zu sichern.

Dass es durchaus möglich ist, die Forderung nach hochwertiger Themenkartographie mit dem Gebot der Allgemeinverständlichkeit derartiger geographisch-landeskundlicher Kartenaussagen in Einklang zu bringen, mögen einige wenige im Abschnitt 5 dargestellte Fallbeispiele zeigen. Die Kartenausschnitte, bei denen die zugehörige Legende z. T. in den jeweils abgebildeten Teilraum hineinprojiziert werden musste, sind keineswegs nach ihrer „Wichtigkeit“ innerhalb des Gesamtkonzeptes ausgewählt worden. Es soll vielmehr erkennbar sein, dass der Themenvielfalt in den Einzelkarten recht unterschiedliche kartographische Darstellungsweisen entsprechen. Am Schluss dieser Anmerkungen ist die gegenwärtig aktuelle prospekthafte achtseitige Gesamtdarstellung des Atlas wiedergegeben. Hier sind alle bis 2005 erschienenen Karten mit ihren Begleittexten, geordnet nach den 10 Themenbereichen, aufgelistet; neben den Bezugsquellen und Preisen findet sich hier ferner ein vollständiges Verzeichnis aller bisherigen Atlaslieferungen mit ihren Karten. Es spiegelt sich darin u. a. das Bemühen der Herausgeber wider, die jeweiligen Lieferungen thematisch gründlich zu durchmischen, insbesondere um den unterschiedlichen Interessenschwerpunkten aller Bezieher und Nutzer gerecht zu werden. Wesentliche Einzelelemente der kartographischen Gestaltung des Atlaswerkes hat bereits K. Temlitz innerhalb seines o. g. Beitrages in Siedlung und Landschaft 20, 1991, eingehend dargestellt.

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4. Atlas: Quo vadis ?

Mit dem seit über zwei Jahrzehnten von der Geographischen Kommission im LWL herausgegebenen Geographisch-landeskundlichen Atlas von Westfalen verhält es sich ähnlich wie mit manchen großen gotischen Sakralbauwerken: Nachdem etwa zwei Drittel ihrer meist langen Entstehungszeit vergangen waren, konnte ihr Bauplan in der Regel von Jedermann bereits klar erkannt werden; „fertig“ waren diese Bauten dann aber noch keineswegs. Während der nachfolgenden Errichtungsphasen wurden nicht selten – neuen Erkenntnissen späterer Baumeister entsprechend – zusätzliche Elemente eingefügt, an die in der ursprünglichen Gebäudekonzeption kaum jemand gedacht hatte. Hinzu kam oftmals die Notwendigkeit, bereits während der eigentlichen Bauzeit einzelne tragende Steine oder Teile des schmückenden Maßwerks aus Gründen der Material-Alterung bzw. -Verwitterung auszutauschen. Die Steinmetze in den Bauhütten wurden früher wie heute also nie arbeitslos.

In den „Gründerjahren“ des Atlaswerkes etwa zwischen 1980 und 1990 war kaum vorauszusehen, dass es im Interesse der Berücksichtigung neu hinzugekommener geographisch-landeskundlicher Einzelthemen sinnvoll sein könnte, etwa Karten des Luftverkehrs, von Potenzialen Regenerativer Energien oder zum westfälischen Fußballsport in den Atlas aufzunehmen (s. auch die nachfolgenden Kartenbeispiele in Ausschnitten). Ferner hat es sich als sinnvoll erwiesen, zeitbedingt „verwitternde“ Atlaskarten im Sinne einer Aktualisierung etliche Jahre später neu zu bearbeiten, um so die zeitliche Entwicklung des jeweiligen Themas in Westfalen-Lippe auch kartographisch erkennbar werden zu lassen. Als Beispiel möge das von P. Schnell für die erste Lieferung 1985 vorgelegte Doppelblatt „Fremdenverkehr – Angebotsstruktur“ dienen: In der 12. Lieferung 2005 wurde diesem Blatt – zusammen mit dem Pendant „Fremdenverkehr – Nachfragestruktur“ – von B. Linden und P. Schnell auf der Basis zeitnaher Daten bzw. neuer Erhebungen eine aktualisierte Variante dieses Themas an die Seite gestellt. Auch das Atlas-Doppelblatt „Umweltbelastung und Umweltschutz in Städten“ im Themenbereich IV Siedlung (7. Lfg. 1993/94) wird gegenwärtig „runderneuert“: Prof. Dr. O. Klemm vom Institut für Landschaftsökologie der Universität Münster erarbeitet z. Zt. mit Studierenden für die 13. Lfg. 2007 ein Rahmenkarten-Doppelblatt zu „Lufthygiene in Westfalen“. Gemäß dem gegenwärtigen Stand der Forschung werden hier Feinstaub, Stickstoffoxid und Ozon in Westfalen-Lippe und den Nachbarräumen als Luftbelastungs-Komponenten analysiert sowie (im Begleitheft) bewertet. – In den Kontext der Erneuerung bzw. Aktualisierung älterer Atlaskarten gehören z. B. auch Überlegungen, dem Doppelblatt „Westfalen im Satellitenbild“ (6. Lfg. 1991) eine zeitnähere Variante zuzugesellen, welche die heutigen Möglichkeiten von Fernerkundungstechnik und Bildinterpretation widerspiegelt.

Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass auch in späteren Berichten der Geographischen Kommission über neue Produkte aus der „Atlas-Bauhütte“ berichtet werden kann. Auch zukünftig werden fachkompetente Autoren das Atlasprojekt in ehrenamtlichem Einsatz voranbringen, zumal da das Ziel unverändert fortbesteht, „vorwiegend geographisch-landeskundliche Forschungsergebnisse über den westfälischen Raum, seine natur-, kultur- und wirtschaftsräumliche Prägung, anschaulich, d. h. auch für eine breitere Öffentlichkeit verständlich zu vermitteln“ (K.Temlitz, s. o., 1991).

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5. Beispiele von Atlas-Hauptkarten aus verschiedenen Themenbereichen und Lieferungen (Ausschnitte)

Geländeformen (aus „Geomorphologie und Naturräume“, 6. Lfg. 1991, II, Bl. 3).

Deduktive Verbreitungskarte als Kombination „geologischer“ Flächenfarben mit formenbeschreibenden Strichelemente-Signaturen.

1 : 750 000

Entw.: E. Th. Seraphim; 
Kartogr.: GeKo (Th. Kaling, H. Pohlmann)

Urlaub auf dem Bauernhof 2002 (aus „Landtourismus“, 12. Lfg. 2004/05, IX, Bl. 3). 

Flächenkartogramm mit Farbstufen von %-Angaben landwirtschaftlicher Betriebe mit Freizeit-Dienstleistungen auf der Basis von Kreisen und kreisfreien Städten; innerhalb der Gemeinden Ferienbauernhof-Übernachtungsangebote dargestellt als merkmalsdifferenzierte Hausform-Bildsignaturen. 

1 : 525 000

Entw.: Chr. Schneider; 
Kartogr.: GeKo (H. Pohlmann)

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