Grußwort Prof. Dr. Karl Teppe - Landesrat für Kultur des LWL

Lieber Herr Professor Heineberg,
lieber Herr Professor Temlitz,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich sehr, dass ich heute bei der Geographischen Kommission für Westfalen das Grußwort für den Landschaftsverband Westfalen-Lippe sprechen darf. Und ich nehme gerne die Gelegenheit wahr, um Ihnen auch die Grüße und Glückwünsche des LWL-Direktors, Herrn Dr. Kirsch, zu übermitteln.
Die Gründe, warum ich gerne die Einladung von Herrn Heineberg und des Vorstandes der Geographischen Kommission angenommen habe, liegen auf der Hand. Wenn eine wissenschaftliche Kommission ihren 70. Geburtstag feiert und dies zum Anlass nimmt, zugleich ihren langjährigen Geschäftsführer zu verabschieden, so ist dies nicht nur eine noble Geste, sondern auch eine bemerkenswerte Referenz gegenüber einer Persönlichkeit, die als Wissenschaftler wie als Mitarbeiter des LWL eine besondere Wertschätzung besitzt.
Insofern verbinde ich meine Glückwünsche an die Geographische Kommission mit einem herzlichen Dank. Dieser Dank gilt nicht nur für das in den zurückliegenden Jahrzehnten Geleistete, sondern auch und vor allem für das ehrenamtliche Wirken ihrer Mitglieder, ihrer Vorstände und Vorsitzenden.
Das ehrenamtliche Engagement ist das besondere Charakteristikum aller sechs „Westfälischen Kommissionen für Landeskunde“. Es versteht sich von selbst und entspricht dem Grundverständnis wissenschaftlicher Vereinigungen, dass sie ihre Forschungen in eigener Verantwortung definieren und betreiben und auch ihre Mitglieder im Wege der Kooptation gewinnen. Gleichzeitig hat sich der Landschaftsverband Westfalen-Lippe aufgrund seiner Zuständigkeiten für die Kulturpflege und -förderung in Westfalen und Lippe verpflichtet, die erforderlichen Personal- und Sachmittel zu übernehmen.
Ich glaube, dass sich dieses Zusammenspiel von Politik, Verwaltung und Wissenschaft bewährt hat. Dem LWL jedenfalls ist bewusst und ich weiß es zu schätzen, dass der hohe Standard der wissenschaftlichen Landesforschung in Westfalen ursächlich mit der Existenz der wissenschaftlichen Kommissionen zusammenhängt, mit der Art und Weise, wie sie sowohl mit langem Atem Grundlagenforschung betreiben als auch Projekte mit aktuellen Fragestellungen organisieren.
Dabei ist mir durchaus gegenwärtig, dass in den letzten Jahren die Realitäten des finanzpolitischen Alltags auch an den Kommissionen nicht spurlos vorübergegangen sind. Gleichwohl bin ich zuversichtlich, dass es Politik und Verwaltung auch weiterhin gelingen wird, den Kommissionen die Rahmenbedingungen zu ermöglichen, die sie für eine erfolgreiche landeskundliche Arbeit für Westfalen benötigen.
Profil und Reputation einer Kommission werden von ihren Arbeitsergebnissen bestimmt, aber ebenso sicher ist, dass sich in ihnen auch die Handschrift des Vorstandes beziehungsweise des Vorsitzenden wiederfindet. Dies trifft auch auf die Geographische Kommission zu, die in ihrer 70-jährigen Geschichte nur vier Vorsitzende gehabt hat, und zwar die Professoren Hans Dörries (1936 – 1945), Wilhelm Müller-Wille (1946 – 1983), Alois Mayr (1983 bis 1996) und seit 10 Jahren Heinz Heineberg.
Sie alle haben, ohne die kollegialen Verdienste der jeweiligen Vorstände schmälern zu wollen, die Arbeit der Kommissionen mit ihren wissenschaftlichen Vorstellungen und Interessen beeinflusst und geprägt. Insofern spiegeln sich in den Forschungsergebnissen der Geographischen Kommission immer auch die Amtszeiten ihrer Vorsitzenden.
Unter dem ersten Vorsitzenden Hans Dörries wurde gleichsam ein wissenschaftliches Leitbild entwickelt, das bis heute für die Geographische Kommission Gültigkeit besitzt, nämlich, wie es im Tätigkeitsbericht der Kommission von 1938 hieß, „die Verbindung zwischen Forschung und Verwaltung, zwischen Theorie und Praxis, zwischen Wissenschaft und Leben möglichst eng und fruchtbar zu gestalten.“
Unter Wilhelm Müller-Wille – allein seine 37-jährige Amtszeit erlaubt nichts anderes als von einer Ära zu sprechen – wurden die Grundlagen für wissenschaftliche Standardwerke und Reihen gelegt, die heute zum Kanon der geographisch-landeskundlichen Literatur über Westfalen gehören. Mit Müller-Wille hatte die Geographische Kommission einen Großen ihres Faches zum Vorsitzenden, der ihre Arbeit bis an sein Lebensende, er starb mit 77 Jahren, Jahrzehnte lang geprägt, ja geradezu dominiert hat.
Die Wahl des 45-jährigen Alois Mayr zum Vorsitzenden markierte 1983 nicht nur einen Generationenwechsel, sondern mit ihm kam auch ein neuer Führungs- und Arbeitsstil. So wie sich die Kommission für neue Themen öffnete und ihre Mitgliederzahl verdoppelte, so suchte sie gleichzeitig die wissenschaftliche wie politische Öffentlichkeit. Vor allem gelang es Alois Mayr, dass sich die Mitglieder so sehr mit den neuen Aufgaben der Kommission identifizierten, dass sie eine Autorenschaft gleichsam als Selbstverpflichtung verstanden. Nur dadurch war es möglich, so ehrgeizige wie wegweisende Projekte wie den „Geographisch-landeskundlichen Atlas von Westfalen“ oder die Reihe „Städte und Gemeinden in Westfalen“ in bemerkenswert kurzer Zeit herauszubringen. Mit dem Wechsel von Alois Mayr auf eine renommierte Professur in Leipzig fiel der Vorsitz 1996 an Heinz Heineberg. Ausgewiesen als Kenner der Stadt- und Regionalentwicklung sowie der Wirtschafts- und Verkehrsgeographie, forcierte Heinz Heineberg namentlich die Zuwahl von jüngeren Wissenschaftlern aus der angewandten Geographie, das heißt von Geographen und Geographinnen, die bereits in der außeruniversitären Berufspraxis arbeiteten. Auf diese Weise erweiterte und verdichtete er zugleich das wissenschaftliche wie berufliche Netzwerk der Kommission. Fortan war in der Kommissionsarbeit verstärkt eine Gewichtung des Servicegedankens gegenüber der wissenschaftlichen wie politischen Praxis ebenso spürbar wie eine Sensibilität für die Bedürfnisse des digitalen Zeitalters. Beides dokumentiert sich exemplarisch in dem „Kulturatlas Westfalen“, im Internetservice zur Geographischen Landeskunde Westfalens und schließlich in dem jüngsten Buch- und Internet-Projekt „Westfalen Regional“.
Wenn Westfalen heute unter den deutschen Regionen als besonders gut erforschte Kulturlandschaft gilt, so hat die Geographische Kommission wesentlich mit dazu beigetragen. All diese Forschungen und Publikationen dienen ursächlich der geographischen Landeskunde Westfalens; sie sind zugleich ein unverzichtbarer Leitfaden zur Orientierung in der modernen Welt und leisten darüber hinaus einen genuinen Beitrag zur Identität Westfalens und seiner Teilregionen. Es gibt also viele Gründe dafür, dass die Geographische Kommission an diesem Tag eine erfolgreiche Forschungs- und Publikationstätigkeit aus sieben Jahrzehnten mit Stolz Revue passieren lassen kann. Sie sind das Ergebnis von kollektiven wie individuellen Leistungen, in die ich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Geschäftsstelle ausdrücklich miteinschließen möchte. Ihnen allen gilt mein besonderer Dank.

Last but not least möchte ich einen besonderen, herzlichen Dank Herrn Professor Dr. Klaus Temlitz aussprechen. Er hat seit fast 30 Jahren als wissenschaftlicher Referent und Geschäftsführer das Schiff der Geschäftsstelle der Geographischen Kommission für Westfalen erfolgreich gesteuert und wird zum Jahresende wegen Erreichen der Altersgrenze von Bord gehen. Er verlässt, wie meine knappen Ausführungen gezeigt haben, ein Schiff in flotter Fahrt, das ab Jahresbeginn 2007 von dem bisherigen zweiten Referenten der Geographischen Kommission, dem frisch promovierten Diplom-Geografen Rudolf Grothues, als neuer Geschäftsführer gelenkt werden wird. Herr Professor Heineberg wird als Vorsitzender der Geographischen Kommission die besonderen wissenschaftlichen Verdienste von Herrn Temlitz noch würdigen. Umso mehr ist es mir ein Bedürfnis, Herrn Temlitz für seine Arbeit als Geschäftsführer der Geographischen Kommission und damit als Mitarbeiter des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe zu danken. Herr Temlitz hat in seiner langjährigen Dienstzeit die geschäftlichen Interessen der Geographischen Kommission sowohl nach innen – das heißt auch im Rahmen der Kulturabteilung des LWL – wie nach außen in hervorragender Weise vertreten. Seine Geschäftsführung, die Kooperation mit dem Fachvorstand, den jeweiligen Vorsitzenden, mit der inzwischen großen Zahl ehrenamtlicher Mitglieder sowie mit externen Autoren und Referenten von Veröffentlichungen und Jahrestagungen waren beispielhaft.
Herr Temlitz hat den Typus eines Kommissions-Geschäftsführers verkörpert, der seine persönlichen wissenschaftlichen Interessen ohne Weiteres den Ansprüchen seiner hauptamtlichen Aufgabe unterordnete, wenn dies die Situation erforderte, der aber immer mit seinem profunden Wissen, mit Rat und Tat zur Stelle war, wenn diese benötigt wurden. Insofern sind seine Anteile und Verdienste an der Entwicklung der Geographischen Kommission, aber auch an deren Reputation im LWL und besonders in der Kulturabteilung hoch zu veranschlagen. Herr Temlitz war ein geschätzter Ratgeber: umsichtig und uneigennützig, verlässlich und diskret.
Diese dienende wie produktive Rolle kann man nur ausfüllen, wenn sie auf der wechselseitigen Wertschätzung von Vorstand und Geschäftsführung beruht. Deshalb hat es mich außerordentlich gefreut, als Herr Dr. Temlitz vor einigen Jahren unter Mitwirkung des Vorstands der Geographischen Kommission zum Honorarprofessor der Westfälischen Wilhelms-Universität ernannt worden ist. Dadurch erhielten die geographisch-landeskundlichen und wissenschaftsorganisatorischen Leistungen von Herrn Dr. Temlitz auch die angemessene universitäre Würdigung.
Ich wünsche Herrn Professor Temlitz für den bald bevorstehenden sogenannten Ruhestand alles Gute, vor allem beste Gesundheit und weiterhin viel Schaffenskraft. Ich bin mir sicher, dass Herr Temlitz auch in Zukunft der Geographischen Kommission für Westfalen eng verbunden sein wird und ihr mit seiner langjährigen Erfahrung und Qualifikation weiterhin als landeskundlicher Autor und Ratgeber zur Verfügung steht. 

Münster, im November 2006 Prof. Dr. Karl Teppe Landesrat für Kultur des LWL.

Erschienen in: Heineberg, H. u. K. Temlitz (Hg.): Geographische Landeskunde für Westfalen-Lippe. 70 Jahre Geographische Kommission für Westfalen. Eine Zwischenbilanz. Münster. (=Siedlung und Landschaft in Westfalen 36,  S. VII-VIII)

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