Prof. Dr. Paul Reuber - Geschäftsführender Direktor des Instituts für Geographie

Meine Damen und Herren,
es ist mir eine Freude und eine Ehre, heute als Geschäftsführender Direktor des Instituts für Geographie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster die Glückwünsche meiner Kolleginnen und Kollegen übermitteln zu dürfen. Glückwünsche zum einen an die Geographische Kommission für Westfalen, die heute ihr 70-jähriges Bestehen feiert, und Glückwünsche besonders auch an unseren geschätzten Kollegen, Herrn Professor Temlitz, den langjährigen Geschäftsführer der Kommission, zu seiner Pensionierung.
Dieser doppelte Grund zum Feiern ist Anlass für eine Reihe von Rückblicken, die im Laufe dieser Veranstaltung von berufener Seite erfolgen werden. Ich möchte diesen Rednern und ihren Laudationes nicht vorgreifen und habe deshalb überlegt, in meinem Grußwort die Verknüpfung der beiden „Geburtstagskinder“, der Geographischen Kommission für Westfalen und des Kollegen Temlitz, mit dem Münsteraner Institut für Geographie zu beleuchten. Dies erscheint aus zwei Gründen sinnvoll: zum einen gibt es mir inhaltlich die Möglichkeit, die besondere Bedeutung des Wechselverhältnisses von Hochschulgeographie und Geographischer Kommission herauszustellen. Zum anderen gibt es mir personell die Gelegenheit, die besondere Rolle von Herrn Kollegen Klaus Temlitz in seiner Brückenfunktion zwischen Institut und Kommission zu würdigen.
Es ist wohl mehr als zutreffend, wenn man im Rückblick über die gemeinsame Geschichte feststellt: die Geographische Kommission für Westfalen und das Institut für Geographie stehen seit vielen Jahrzehnten, eigentlich seit Gründung der Kommission im Jahr 1936, in einem symbiotischen Verhältnis. Symbiose meint dabei, im besten ökologischen Wortsinn, eine fruchtbare Austausch- und Wechselbeziehung der Partner. Beide haben ihren eigenständigen Charakter, beide liefern eigenständige Produkte, aber gerade in der wechselseitigen Ergänzung und Verknüpfung entsteht ein Mehrwert, der dem gemeinsamen Organismus „Geographie in Münster“ in der Verbindung von Hochschulinstitut und regionaler Forschungsstelle eine unverwechselbare Eigenständigkeit und ein spezifisches Alleinstellungsmerkmal verliehen hat. So etwas gibt es in Deutschland in dieser Form nicht noch einmal. Interessant ist dabei, dass dieses Verhältnis sich im Laufe der gemeinsamen Geschichte nicht als starr und statisch erwiesen hat, sondern immer wieder, den jeweiligen Rahmenbedingungen entsprechend, flexibel angepasst und neu austariert hat. Lassen Sie mich dafür eher einige aufgrund der Kürze der Zeit etwas holzschnittartige Hinweise in dieser Richtung geben, die in den Ausführungen meiner Nachredner sicher noch genauer erläutert und präzisiert werden.
Bereits der Gründungsvater der Kommission, Professor Hans Dörries, insbesondere aber der später das Institut und die Kommission prägende Professor Wilhelm Müller- Wille, haben zu Recht von den zwei Säulen der Geographie am Standort Münster gesprochen, von der Geographischen Kommission für Westfalen und vom Institut für Geographie. Diese Zeit war geprägt von einer Arbeitsteilung, die Müller-Wille selbst in einer seiner Veröffentlichungen als komplementäres Verhältnis bezeichnet hat, als Verhältnis zwischen der allgemeinen geographischen Lehr- und Forschungsfunktion eines Hochschulinstituts und den spezifischen Kompetenzen und Blickrichtungen einer Forschungsstelle mit dezidiert regionalgeographischer Ausrichtung.
Diese Symbiose darf man zumindest anfangs auch im räumlichen Sinne wörtlich nehmen. Die Geographische Kommission für Westfalen verfügte zu Beginn noch nicht über eigene Räumlichkeiten und war im Institut für Geographie untergebracht. Bereits in dieser Zeit entwickelten sich nicht nur inhaltliche, sondern auch institutionelle und wirtschaftliche Synergieeffekte, die bis in die Gegenwart Bestand haben. So trägt die Geographische Kommission zur Unterhaltung, Pflege und Aktualisierung zentraler Einrichtungen der Lehreinheit Geographie bei, so z. B. der Kartensammlung und der Bibliothek. Sie hält dabei nicht nur die Literatur im Sammelgebiet Nordwestdeutschland auf dem aktuellen Stand, sondern bezieht auch eine Reihe von geographischen Fachzeitschriften im Schriftentausch, die auf diese Weise das Angebot für die Studierenden qualitativ hochwertiger ausfallen lassen.
Das symbiotische Verhältnis zwischen Institut und Kommission ist über die Jahre erhalten geblieben, wenn auch – wie gesagt – nach dem Wahlspruch: was Bestand haben soll, muss sich ändern. Heute kann man von einer komplementären, sich wechselseitig ergänzenden Funktion der beiden Einrichtungen im besten Sinne sprechen. Diese Komplementarität lässt sich mit einem Gegensatzpaar umschreiben, das in etwa lauten könnte: hier wissenschaftliche Grundlagenforschung über Regionalität und regionale Identifikation, dort: anwendungsorientierte Arbeit an der Festigung und Verfeinerung der Identifikation der Menschen mit ihrer Region, mit Westfalen.
Lassen Sie mich diesen Aspekt kurz etwas erläutern, weil er auch für Konturen einer zukünftigen Zusammenarbeit Bedeutung haben kann. Die inhaltlichen Transformationen in der Ausrichtung des Instituts für Geographie haben in den letzten Jahren insbesondere an den beiden Lehrstühlen neben den berufsrelevanten Praxisorientierungen, für die Münster ja bekannt ist, die Frage stärker auch auf konzeptionelle Grundlagenforschung gerichtet. Im Rahmen der Arbeiten zur Neuen Kulturgeographie, die von Münster aus für die Bundesrepublik maßgeblich mit vorangetrieben wird, sind theoretische Fragen über die Rolle von Regionen und die Bedeutung regionaler Identität für die Menschen ein bestimmendes Element der Forschungen geworden – auch und nicht zuletzt das politische „making of regions“. Aus dieser Perspektive ist die Geographische Kommission für Westfalen als ein wichtiger, ja zentraler Akteur bei der Produktion und Reproduktion der Region „Westfalen“ anzusehen. Ihre Bedeutung in dieser Hinsicht wird nicht zuletzt durch die stärkere Konzentration auf den Bereich der Öffentlichkeitsarbeit und damit letztendlich der politisch-geographischen Bildung unterstrichen, maßgeblich umgesetzt in den letzten Jahren insbesondere auch unter dem Vorsitz von Herrn Kollegen Heineberg. Die Kommission übernimmt damit eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung und strategischen Sicherung des kollektiven Identitätsraumes Westfalen, der ein solches Engagement nicht zuletzt und gerade vor dem Hintergrund der laufenden Diskussionen um eine regionale administrative Neuordnung im Ruhrgebiet und der damit einhergehenden Sorge um ein dabei übrig bleibendes „Restfalen“ dringend gebrauchen kann.
Meine Damen und Herren, lieber Herr Temlitz, die Zusammenarbeit in der Kommission lebt natürlich in allererster Linie von den Akteuren, von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die diese Verbindung tragen und aufrecht erhalten. Ein lebendiges Beispiel dafür ist die Tatsache, dass die Kommission immer von Geographen aus Münster geführt worden ist, ich erinnere an die Amtsperioden von Herrn Dörries, Herrn Müller-Wille, Herrn Mayr, den ich hier heute ebenfalls herzlich begrüßen darf, und Herrn Heineberg, der diese Tradition derzeit sogar über seine Emeritierung hinaus fortsetzt, wofür ihm die Kolleginnen und Kollegen des Instituts für Geographie anlässlich des Kommissionsjubiläums noch einmal ihren herzlichen Dank und ihre Anerkennung aussprechen möchten.
Gleichzeitig sind aber auch auf der Arbeitsebene viele Verbindungen vorhanden. So ist z. B. Herr Dr. Grothues, der im kommenden Jahr die Aufgabe des Geschäftsführers übernehmen wird, ein Absolvent unseres Instituts, und auch von den Volontären sowie den im Rahmen von Werkverträgen eingebundenen Studierenden, die bei der Kommission erste praktische und oft durchaus berufsentscheidende Erfahrungen in der Aufbereitung und Vermittlung geographischen Wissens in Politik und Öffentlichkeit hinein sammeln konnten, stammte eine Reihe aus der Münsteraner Geographie.
Diese Verflechtungen und Netzwerke wären jedoch nicht möglich ohne solche Personen, die man in der politischen Geographie gerne als „Schlüsselakteure“ bezeichnet. Hierzu zählen zweifellos die schon erwähnten Vorsitzenden der Kommission; aber es bedarf doch – angesichts der Tatsache, dass diese ja auch in bestimmten Abständen wechseln – auf der administrativen Ebene einer Kontinuität in der Pflege der gemeinsamen Beziehungen, die sich nur auf langjähriger Basis verwirklichen lässt. Und an dieser Stelle kommt Herr Professor Temlitz ins Spiel, meine Damen und Herren, den wir heute mit unserer Feier besonders ehren. Herr Temlitz verkörpert wie kaum ein zweiter die Verbindungen zwischen Institut und Kommission. Die prägenden Jahre seiner wissenschaftlichen Karriere verbrachte er in Münster, genannt sei hier nur beispielhaft die Promotion bei Professor Hambloch im Jahr 1972, insbesondere seine Jahre als wissenschaftlicher Assistent am Institut für Geographie von 1973 bis 1977, während derer er eine breite Palette von Lehrveranstaltungen inhaltlicher wie methodischer Art im Grund- und Hauptstudium durchgeführt hat. Danach wechselte Herr Temlitz zur Geographischen Kommission für Westfalen in den Rang eines wissenschaftlichen Referenten und Geschäftsführers.
In Würdigung seiner Verdienste in Forschung und Lehre wurde er 2002 zum Honorarprofessor der Westfälischen Wilhelms-Universität ernannt und bereichert (nach wie vor) unser Institut mit seinen Lehrveranstaltungen im regionalen Schwerpunkt Nordwestdeutschland. Ich habe Herrn Temlitz in meiner Zeit als Hochschullehrer in Münster dabei immer als einen überaus freundlichen, zuverlässigen und sehr entgegenkommenden Kollegen kennengelernt, und ich darf sagen, ich bin sehr froh, dass Sie, lieber Herr Temlitz, auch künftig unserem Institut im Bedarfsfall ehrenamtlich mit Lehrveranstaltungen zur Seite stehen wollen. Dafür möchte ich mich schon jetzt in aller Form und im Namen unseres gesamten Kollegiums sehr herzlich bedanken.
Meine Damen und Herren, lassen sie mich vor diesem Hintergrund abschließend noch einmal gratulieren: der Geographischen Kommission von Westfalen zu ihrem 70- jährigen Bestehen und Herrn Professor Temlitz zu einem reichhaltigen beruflichen Wirken als Hochschullehrer am Institut für Geographie und ganz besonders und eindringlich als langjähriger Geschäftsführer der Geographischen Kommission. Doch wichtiger als die Glückwünsche für das Erreichte sollen meine besten Empfehlungen für die Zukunft wiegen. Der Kommission wünsche ich eine lange und dauerhaft durchschlagskräftige Arbeit als ein Motor der geographisch-landeskundlichen Forschung und der Aufrechterhaltung regionaler Traditionen, Eigenständigkeiten und Identitäten in (und für) Westfalen. In dieser Rolle sehe ich eine produktive Ergänzung und fruchtbare Kooperationsmöglichkeiten zwischen dem Institut für Geographie und der Geographischen Kommission für Westfalen, die durch vielfältige persönliche Netzwerke und produktive Projekte besteht und in die Zukunft fortgeführt werden kann. Herrn Temlitz wünsche ich, dass er die Pläne, die er selbst für die kommenden Jahre in der Kommissionsarbeit und in der universitären Lehre verwirklichen möchte, in guter Gesundheit, mit intellektueller Kraft und mit persönlicher Freude an der Sache ausfüllen kann. Dafür, lieber Herr Temlitz, alles, alles Gute.

Münster, im November 2006
Erschienen in: Heineberg, H. u. K. Temlitz (Hg.): Geographische Landeskunde für Westfalen-Lippe. 70 Jahre Geographische Kommission für Westfalen. Eine Zwischenbilanz. Münster. (=Siedlung und Landschaft in Westfalen 36, S. IX-X)

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