Akad. Dir. Dr. Reinhard Ittermann - Prodekan des Fachbereichs Geowissenschaften

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Heineberg,
Sehr geehrter Herr Landesrat Prof. Dr. Teppe,
Sehr geehrter, lieber Herr Prof. Dr. Temlitz,
sehr geehrte Anwesende

Ich freue mich, zu dem heutigen Anlass den Dekan des FB Geowissenschaften Herrn Prof. Kerp vertreten zu dürfen. Er ist wegen einer Verpflichtung in den Niederlanden nicht anwesend und hat mich gebeten, ihn hier zu vertreten.

Zwei Ereignisse fallen für Sie zum Jahresende 2006 zusammen, die heute - bei dieser Jahrestagung und Mitgliederversammlung der Geographischen Kommission für Westfalen - zu würdigen und zu feiern sind.

•    Die Geographische Kommission für Westfalen wird 70 Jahre alt.
•    Herr Prof. Dr. Temlitz wird nach knapp 30 Jahren Referenten- und Geschäftsführertätigkeit in den Ruhestand verabschiedet.

Zu beiden Anlässen überbringe ich die herzlichen Grüße und Glückwünsche des Dekanates und des gesamten Fachbereichs Geowissenschaften.

Die Geographische Kommission für Westfalen wurde im Jahre 1936 gegründet. Ihr Auftrag war sowohl ein wissenschaftlicher wie auch ein kultureller.
Der zuletzt genannte kulturelle Auftrag bestand und besteht u.a. darin, Westfalen – heute Teil des nach dem 2. Weltkrieg synthetisierten Bundeslandes Nordrhein-Westfalen – als eigenständige, individuell geprägte Region und politische Raumeinheit im Bewusstsein der Menschen zu verankern, sowohl nach innen wie auch nach außen. Dies geschieht vor allem über die Publikation und die Verbreitung regionsbezogener Forschungsergebnisse, u.a. auch im weltweiten Bibliotheksschriftentausch, der sogar bis nach Peking reicht.

Wie bedeutsam dieses „Bewusstsein von Raum“ bzw. die „menschliche Wahrnehmung von Raum / Region“ ist, zeigt sich darin, dass derartige Wahrnehmungs- und Einstellungs¬strukturen im Verhältnis Mensch - Region u.a. auch Forschungsobjekt der modernen Humangeographie sind. Begriffe wie „räumliche Identität“, „Konstruktion von Raum“, „Identitätsraum“ usw. spielen dabei eine Rolle. In diesem Forschungsfeld kann – über die landeskundliche Analyse hinaus – ebenfalls eine bedeutende Aufgabe der Geographischen Kommission in den nächsten Jahren liegen, soweit sie es nicht schon ist.

Zur Illustration der kulturell bedingten Motive und Hintergründe in der Gründungszeit  der Geographischen Kommission lässt sich m.E. ein zeitlich bereits viel früher liegendes Zitat von Eduard Spranger, Professor für Philosophie, Pädagogik und Psychologie an der Humboldt-Universität Berlin, heranziehen. „Heimat ist geistiges Wurzelgefühl.“ Es stammt aus dem 1923 gehaltenen und publizierten Vortrag „Der Bildungswert der Heimatkunde“ und beschreibt in damaliger Denkweise und Sprache den Bezug zur Region mit stark emotional geprägten Begriffen wie „Heimat“, „Heimatverbundenheit“ und „Verwurzelung“. Ich möchte diesen heute ebenfalls relevanten, jedoch nüchterner formulierten Zusammenhang nicht vertiefen; festzustellen bleibt hier jedoch, dass dies u.a. von  Spranger entwickelte Begriffs- und Wertesystem zur Zeit des Nationalsozialismus politisch stark instrumentalisiert wurde, woraufhin er selbst von 1933 bis zum Kriegsende nach Japan emigrierte.

Aus Sicht der Universität und ihrer dezentralen mittleren Leitungsebene – heute sind es primär die Fachbereiche, bis etwa 1980 waren es die Fakultäten – möchte ich im folgenden die eher äußere Beziehungsebene zwischen der Westfälischen Wilhelms-Universität und der Geographischen Kommission thematisieren. An ihnen lässt sich verdeutlichen, dass organisatorische Strukturen und personale Bindungen intensive inhaltliche Auswirkungen haben. Damit wird indirekt der Bezug zum wissenschaftlichen Auftrag der Geographischen Kommission hergestellt.

Als erstes ist festzuhalten, dass alle bisherigen Vorsitzenden der Geographischen Kommission zugleich Professoren der Universität gewesen sind bzw. sind. Dies bedeutet zum einen die räumliche Nähe zu den wissenschaftlichen Einrichtungen (z.B. zu den Bibliotheken, Kartenbeständen usw.), vor allem aber die Präsenz der inhaltlich Verantwortlichen im jeweils aktuellen geographischen Forschungsdiskurs. Dies zeigt sich beispielsweise deutlich im Wandel der Themen und Fragestellungen bei den Publikations¬reihen der Kommission.

Weiteres Indiz für die Nähe der Geographischen Kommission zur wissenschaftlichen Geographie ist die Tatsache, dass der weitaus größte Teil ihrer Mitglieder, die heute in Politik und Verwaltung, in Schule und Hochschule sowie in der Wirtschaft tätig sind, hier in Münster Geographie studierte und über die Mitarbeit in der Kommission die Beziehung zum geographischen Institut als Alma mater – als nährender Mutter - aufrechterhalten hat.

Schließlich ist in diesem Zusammenhang auch die räumliche Unterbringung der Geschäftsstelle der Geographischen Kommission zu nennen. Nach meinem Wissensstand befinden sich die Räume der Geographischen Kommission seit mindestens 1964 in unmittelbarer Nähe des „Instituts für Geographie und Länderkunde“ bzw. der geowissenschaftlichen Institute, zuerst zwischen Johannisstraße und Petrikirche idyllisch an der Aa gelegen, dann seit 1970 in diesem Zweckbau hier an der Robert-Koch-Str. Und diese Nachbarschaft sowie die kostenfreie Nutzung universitärer Räume ist durch einen Vertrag zwischen WWU und Landschaftsverband Westfalen-Lippe auch auf Zukunft hin gesichert.

Sowohl die enge räumliche Nähe zwischen Universität und Geographischer Kommission wie auch die stark wirksame personelle Verzahnung einerseits zwischen der Geographischen Kommission und Universität, andererseits zwischen der Geographischen Kommission und ihren Multiplikatoren im gesamten westfälischen Raum, ist ein nicht zu unterschätzender Faktor für die Wirksamkeit der Geographischen Kommission in die Region Westfalen hinein. Letztlich nimmt die Kommission damit eine bedeutsame Brücken- und Transferfunktion zwischen der Wissenschaft einerseits und der Öffentlichkeit sowie der Verwaltung Westfalens andererseits ein.

Um das Ganze mit Leben zu erfüllen, möchte ich über all diese eher organisatorisch relevanten Fakten hinaus an dieser Stelle einige Persönlichkeiten aus der Leitung der Geographischen Kommission ins Spiel bringen. Die Auswahl der Personen ergibt sich aus meiner eigenen Biografie und meinen eigenen Begegnungen mit der Geographischen Kommission, sie ist also sehr subjektiv. Ich hoffe, Sie verzeihen mir diesen Exkurs in die 70er Jahre.

Zunächst also: Wilhelm Müller-Wille und Elisabeth Bertelsmeier. Ersterer, im Hause allgemein als „Chef“ bezeichnet, war Ordinarius im damaligen Institut für Geographie und Länderkunde und Vorsitzender der Geographischen Kommission, letztere wissenschaftliche Referentin und Geschäftsführerin der Kommission – also Vorgängerin von Prof. Dr. Temlitz.
Viele unter Ihnen werden sich daran erinnern, dass Frau Dr. Bertelsmeier ein strenges Regiment führte, das sich hin und wieder auch über den engeren Zuständigkeitsbereich hinaus ausdehnen konnte. Mancher der hier Anwesenden wird sich mit einer gewissen Nostalgie an diese Zeit erinnern.
 
W. Müller-Wille hat zwar überwiegend auf den Raum Westfalen und angrenzendes Niedersachsen bezogen gearbeitet und damit viele regionalgeographische Forschungsergebnisse bereitgestellt. Ihn deshalb jedoch ausschließlich als Landeskundler Westfalens zu kennzeichnen wäre zu kurz gegriffen. Im direkten Umgang und Erleben war stets das intensive Ringen erkennbar, am vorliegenden Raum gewonnene Forschungsergebnisse auf  allgemeingeographische Aussagen und Regelhaftigkeiten zurückzuführen und  theoretisch zu fundieren.
Hervorzuheben ist an dieser Stelle, dass es ihm dabei immer um alle Geofaktoren ging, d.h. um die Physio- und die Anthropogeographie des Raumes. Die heutige sezierende Arbeitsweise der Geographie mit ihrer Ausdifferenzierung in „Landschaftsökologie“ und „Humangeographie“ wäre für ihn bei seiner universalen Sicht des Raumes undenkbar gewesen.


Der zweite Blick richtet sich auf die letzten Jahre und stellt Sie, Herr Prof. Dr. Temlitz, als noch amtierenden Referenten und Geschäftsführer sowie als sozusagen kooptiertes Mitglied des Fachbereichs Geowissenschaften in den Focus. Zusätzlich zu Ihrer Referenten- und Publikationstätigkeit hatten Sie eine dauerhaft enge Verbindung zum IfG und seinen Einrichtungen. Diese zeigte sich vor allem darin, dass Sie das Institut und damit auch den Fachbereich durchgängig - wahrscheinlich in guter Müller-Wille-Tradition – in der Lehre unterstützt haben. U.a. aufgrund dieser großen Verdienste um Institut und Fachbereich ernannte die Universität Sie im Jahre 2002 zum Honorarprofessor.

Lieber Herr Temlitz! Ich selbst hatte in den letzten Jahren Gelegenheit, eng mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Im Rückblick auf diese Zeit kann ich die bereits von Herrn Prof. Dr. Teppe vorgenommene Charakterisierung Ihrer Person aus ganzem Herzen bestätigen. Ihre zuvorkommende, freundliche, jedoch mit Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit gepaarte Art machte die Kooperation mit Ihnen angenehm und erfolgreich.
Mit Bedauern entlassen alle hier im Haus Beschäftigten Sie in den Ruhestand. Das Dekanat des Fachbereichs Geowissenschaften dankt Ihnen im Namen des gesamten Fachbereichs für das kooperative Miteinander und die vielfältige gute Zusammenarbeit in insgesamt über 30 Jahren, die zustande kommen, wenn Ihre Assistentenzeit mitgerechnet wird.

Der 70-jährigen Geographischen Kommission spreche ich noch einmal - auf Zukunft gerichtet – die Glückwünsche des Fachbereichs aus. Ich wünsche ihr unter ihrem gegenwärtigen Vorsitzenden Prof. Dr. Heineberg und ihrem neuen Referenten Herrn Dr. Grothues weiterhin ein erfolgreiches Wirken.

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