Prof. Dr. Klaus Temlitz

Würdigung als Wissenschaftskoordinator und westfälischer Landeskundler

von Heinz Heineberg (2. Teil)

Frühe Wohn-, Schul- und Studienortmobilität als erste Grundlage landeskundlicher Interessen

Zunächst einmal springt die frühe regionale Mobilität von Klaus Temlitz ins Auge, – als erstes ausgelöst durch das Kriegsende und sodann durch mehrfache Wohnorts- und Schulwechsel, die die berufliche Tätigkeit des Vaters bedingte. So siedelten der Holzkaufmann Max Temlitz und seine Ehefrau Ingeborg gegen Kriegsende, d. h. bereits wenige Jahre nach der Geburt ihres dritten Kindes Klaus (1941) in Berlin, zunächst in den Raum Hannover und dann an den Niederrhein um. Es folgten zwei Jahre Volksschulzeit in der Stadt Gladbeck im westfälischen Ruhrgebiet, zwei weitere Schuljahre in Walsum bei Duisburg und die ersten sieben Jahre der Gymnasialzeit im – ebenfalls niederrheinischen – Dinslaken, bis die Familie nach Münster in Westfalen übersiedelte, wo Klaus Temlitz die beiden letzten Oberstufenjahre absolvierte. Klaus Temlitz hat bei dieser ausgeprägten regionalen Umzugsmobilität nicht nur mehrfach die Grenzen Westfalens und des benachbarten Rheinlands übersprungen, sondern zugleich auch unterschiedliche Lebensräume kennen gelernt, die vielleicht schon früh seine regionalen oder landeskundlichen Interessen geweckt haben.

Das Studium in Münster und Zürich sowie die frühe bewegte Assistentenzeit mit nachhaltigen Folgen

Es lag nahe, dass Klaus Temlitz sein Studium an der Westfälischen Wilhelms-Universität in dem neuen Heimatort Münster begann, wo er ab dem Sommersemester 1963 Geographie, Germanistik und Geschichte studierte; im Oktober 1966 legte er die Allgemeinen Prüfungen in Philosophie und Pädagogik vor dem Wissenschaftlichen Prüfungsamt in Münster ab, 1968 bestand er die Erste Philologische Staatsprüfung für das Lehramt an Höheren Schulen in den Fächern Deutsch und Erdkunde. Klaus Temlitz wurde, wie er mir selbst sagte, maßgeblich beeinflusst von mehreren von ihm sehr geschätzten Hochschullehrern. So verwies er auf den Münsteraner Germanisten Prof. Dr. William Foerste, den Klaus Temlitz nicht nur als Persönlichkeit, sondern auch in der Art seiner Wissensvermittlung besonders schätzte; ähnlich beeindruckend war auch für den jungen Studenten der frühere Vor- und Frühgeschichtler Prof. Dr. Kurt Tackenberg in Münster. In der Geographie begeisterte Klaus Temlitz in den ersten Semestern schon der langjährige Ordinarius und zugleich Vorsitzende der Geographischen Kommission für Westfalen, Prof. Dr. Wilhelm Müller-Wille. Die allgemein-geographischen und landeskundlichen Kenntnisse, die Müller-Wille vor allem in seinen häufig ideenreichen und damit stets anregenden geographischen Vorlesungen – etwa zum Thema „Mensch und Erde“ - vermittelte, haben Klaus Temlitz wohl besonders geprägt.
Studienortwechsel waren zu der damaligen Zeit sehr begehrt. Klaus Temlitz nutzte dazu seine Studienunterstützung (Bafög-Förderung), die im Falle eines Universitätsstudiums in der Schweiz sogar noch durch zusätzliche 400 DM Kaufkraftausgleich belohnt wurde. Letzteres war ein Grund mit für den Beginn eines zweisemestrigen Studiums ab Sommersemester 1965 an der Universität und der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich. In seinem Lebenslauf ist nachzulesen, dass er an der Universität Germanistik und Geographie studierte, an der ETH das Studium der Geographie, Orts-, Regional- und Landesplanung sowie Paläontologie betrieb. Nach eigenen Aussagen war er auch in Zürich von einer Reihe herausragender Hochschullehrer-Persönlichkeiten beeindruckt, und zwar vor allem von dem seinerzeitigen „Germanistik-Papst“ Prof. Dr. Emil Staiger und dem bekannten Alpen-Landeskundler Prof. Dr. Heinrich Gutersohn, der u. a. später maßgeblich an dem „Atlas der Schweiz“ mitgearbeitet hat. Gutersohn war nach der Einschätzung von Klaus Temlitz nicht nur ein herausragender Länderkundler, sondern auch „ein begeisternder Lehrer“.

Beatrix Rosche und Klaus Temlitz während der Studienzeit Beatrix Rosche und Klaus Temlitz während der Studienzeit

Mit derartigen positiven Eindrücken nach Münster zurückgekehrt, wurde Geographie zu seinem Hauptneigungsfach, das er nicht nur bei dem Westfalen-Landeskundler Prof. Dr. Wilhelm Müller-Wille, sondern auch bei dem zweiten neuen Ordinarius im Institut für Geographie, Prof. Dr. Joachim Blüthgen, studierte. Prof. Blüthgen (mein eigener Doktorvater), der nicht nur ein herausragender Klimageograph, sondern auch ein leidenschaftlicher Landeskundler mit Schwerpunkt Nordeuropa war, bewertete Klaus Temlitz für sein Geographiestudium vor allem „wegen dessen fachlich-konkreter Fundierung in der Lehre“ als sehr wichtig. Die ebenso “vorbildliche, systematische Art des Denkens und Lehrens“ schätzte Klaus Temlitz auch an seinem Lehrer Prof. Dr. Hermann Hambloch, der als junger Hochschullehrer eine moderne Anthropogeographie – durchaus in der Tradition Müller-Willes – sowie auch landeskundliche Themen vertrat. Als vierter Hochschullehrer in der Geographie konnte Prof. Dr. Ludwig Hempel den Studenten Klaus Temlitz nicht nur wegen seiner „inhaltlich und didaktisch hervorragenden Exkursionen“, sondern auch wegen seiner fachlichen Fundierung der „Beziehungen zwischen Physischer Geographie und Kulturraum“ begeistern (Zitate K. Temlitz).
Das Studium in Münster war somit durch den Besuch motivierender Vorlesungen und Seminare sowie durch die Teilnahme an landeskundlich interessanten Exkursionen gekennzeichnet. Darüber hinaus engagierte sich Klaus Temlitz in der studentischen Fachschaft des Instituts für Geographie. Auch dies sollte nachhaltige Folgen haben, denn mit der Fachschaftsarbeit lernte er eine Studentin namens Beatrix Rosche kennen, die die Lehrämter Geographie und Mathematik studierte. Jedoch erst einige Jahre später „funkte“ es zwischen den beiden offenbar erst richtig. Kurz und gut – der junge Dr. Klaus Temlitz heiratete im August 1973 Beatrix Rosche, die bis jetzt sehr engagiert als Realschullehrerin für Mathematik, Erdkunde und Informatik in Münster tätig ist. Im März 1975 wurden ihr Sohn Guido und im Dezember 1977 ihre Tochter Sonja geboren.
 

Bevor der junge Klaus Temlitz nach seinem Staatsexamen ab 1970 die Universitätslaufbahn eingeschlagen hatte, qualifizierte er sich noch in anderer Weise. Denn er betätigte sich ab 1969 mit nebenamtlichem Erdkundeunterricht am Städt. Konrad-Schlaun-Gymnasium in Münster mit 12 bis 14 Wochenstunden, den er sogar bis Juli 1974 erteilte. Seine didaktischen Fähigkeiten konnte Klaus Temlitz außerdem durch Beratertätigkeit beim Schulfernsehen des Westdeutschen Rundfunks in Köln unter Beweis stellen. Allerdings hat er zunächst keine Referendarzeit bzw. nicht das gänzliche Überwechseln an das Gymnasium angestrebt, da ihm der damals nach dem berühmten Kieler Geographentag (1969) in der Schulgeographie erfolgte Paradigmenwechsel, d. h. weg von der Länderkunde und hin zum allgemeingeographischen, zunächst vor allem sozialgeographischen Ansatz bei der der Neuorientierung der Lehrpläne im Schulunterricht (Curricula) – zuwider war. Für Klaus Temlitz blieb die „Landeskunde im klassischen Sinne“ ein wesentliches Element der Geographie. D. h. nicht, dass Klaus Temlitz in der wissenschaftlichen Arbeit nicht auch – früher wie heute - für moderne Strömungen, wie etwa die damals aufkommenden Wahrnehmungs- und quantitativen Ansätze in der Stadtforschung (etwa im Sinne einer „numerischen Ästhetik“), aufgeschlossen war. Dies dokumentierte sich deutlich in seiner Dissertationsschrift mit dem Thema „Entwurf und Anwendung eines stadtgeographischen Untersuchungsprogramms zur Bewertung von städtebaulichen Raumeinheiten (dargestellt am Beispiel zweier neuer Wohngebiete in Münster)“; diese wurde im Jahre 1975 veröffentlicht unter dem Titel „Aaseestadt und Neu-Coerde. Bildstrukturen neuer Wohnsiedlungen in Münster und ihre Bewertung“. Die Anregung zu dieser Thematik kam von seinem Doktorvater Prof. Dr. Hermann Hambloch, dessen mathematische Ader sich sicherlich auch in dem statistischen Ansatz der Dissertation niedergeschlagen hat. Das damals behandelte Thema ist – im Rahmen der heutigen Fragestellungen der sog. Stadtbaukultur – immer noch oder wieder aktuell.

Dem wissenschaftlichen Interesse von Klaus Temlitz kam entgegen, dass er – kurz bevor er doch noch im Jahre 1970 die Referendarzeit am Gymnasium antreten wollte -, das Angebot erhielt, eine Prof. Hambloch zugeordnete Verwalterstelle eines Wissenschaftlichen Assistenten am Institut für Geographie der Universität Münster zu übernehmen. Das war eine wesentliche Basis für sein genanntes Promotionsvorhaben, wozu Klaus Temlitz am 1. Dezember 1972 im Rigorosum zum Dr. rer. nat. außer im Hauptfach Geographie auch in den Beifächern Geologie, Paläontologie und Philosophie geprüft wurde.
Während seiner Assistentenzeit engagierte sich Klaus Temlitz in vielfältiger Weise in der Lehre im Rahmen der Grund- und Hauptausbildung am münsterschen Institut für Geographie, wozu z. B. neben anthropogeographischen anthropogeographischen auch zahlreiche landeskundliche Lehrveranstaltungen über die sog. Nordseeregion bzw. Nordwestdeutschland, die BENELUX-Länder, Süddeutschland und die Alpenregion sowie auch kartographische Übungen und Seminare zu Methoden der Regionalanalyse zählten. In der geographischen Forschung betrieb er – vor allem während der vorlesungsfreien Zeiten in den Jahren 1975 und 1976 – mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft erfolgreich vergleichende Studien zur Stadtentwicklung und Stadtgestalt in Nordwestdeutschland, Belgien und in den Niederlanden.
Die frühe Qualifikation sowohl in der fachwissenschaftlichen wie auch in der fachdidaktischen Arbeit ermöglichte es Klaus Temlitz, ein für den Oberstufenunterricht am Gymnasium konzipiertes Lehrbuch mit dem Titel „Stadt und Stadtregion“ zu verfassen und bereits 1975 in erster Auflage zu veröffentlichen. Letzteres hat – mit sehr hoher Auflage und insgesamt drei Ausgaben (bis 1985) – für weit mehr als ein Jahrzehnt den gymnasialen Geographieunterricht im Bereich Stadtgeographie (Grund- und Leistungskurse) in der Bundesrepublik Deutschland maßgeblich mit geprägt.

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Erschienen in: Heineberg, H. u. K. Temlitz (Hg.): Geographische Landeskunde für Westfalen-Lippe. 70 Jahre Geographische Kommission für Westfalen. Eine Zwischenbilanz. Münster (=Siedlung und Landschaft in Westfalen 36, S. 17-24)