Landschaftsverband Westfalen-Lippe - 12.12.17 - 03:44 Uhr

URL: http://www.lwl.org/LWL/Kultur/fremde-impulse/ueber_das_projekt

Fremde Impulse - Streifzüge durch den Denkmalbestand des Ruhrgebietes

Migration, Wandel und Veränderung sind bestimmend für Menschen, für das Leben überhaupt, für Entwicklungen in jeder Gesellschaft und in jeder Kultur. Es hat immer schon Wanderungsbewegungen, Migration, reisende Menschen in allen gesellschaftlichen Schichten gegeben. Die europäische Geschichte im Gesamten und die Geschichte des heutigen Ruhrgebiets im Besonderen wurde durch Migration und Integration wesentlich geprägt. Mit beinahe allen deutschen Regionen und Ländern Europas war oder ist das Ruhrgebiet verbunden: Westfalen – Rheinland – Hessen – Lothringen – Belgien – Niederlande – Frankreich – Irland – England – Österreich – Polen – Italien – Portugal – Spanien – Türkei – Griechenland – Russland und viele andere mehr. Menschen aus aller Welt kommen auch heute ins Ruhrgebiet, um hier zu leben, zu arbeiten oder zu studieren. Sie alle bringen fremde Impulse mit.

Die ausgewählten Denkmale zum Thema „Fremde Impulse“ dokumentieren die historische Tiefe der Region. Dazu gehören sowohl der römische Hafentempel in Xanten als auch flämische Schnitzaltäre des 16. Jahrhunderts, die aus Antwerpen geliefert wurden. Aber auch die Abtei Werden in Essen, um 800 gegründet und für die Strukturbildung dieser Region und darüber hinaus bedeutend, sowie das Kloster Cappenberg, als erstes Prämonstratenserkloster östlich des Rheins 1122 entstanden, zählen dazu. Ebenso in der Sammlung finden sich die ehemalige Pilgerkirche in Breckerfeld aus dem 13. oder 14. Jahrhundert und der mittelalterliche Stadtmauerrest in Duisburg, wo schon seit dem 9. Jahrhundert Händler aus aller Welt ihr Waren stapelten. Das Römerlager in Haltern und die Reste des spanischen Kanalbauprojektes Fossa Eugeniana bei Rheinberg, 1626 begonnen, stehen als Relikte für wechselnde Territorialherrschaften in der Region. Das Epitaph des 1594 gestorbenen Begründers der winkeltreuen Kartenprojektion Gerhard Mercator in der Salvatorkirche in Duisburg verweist auf den aus den Niederlanden stammenden Wissenschaftler und seine Impulse im Bereich Technik.

Anhand von ausgewählten Baudenkmalen und der ihnen eigenen Geschichte werden punktuell die historischen Überlagerungen im Ruhrgebiet transparent gemacht und die städtebauliche „Vielschichtigkeit“ dieser Stadtlandschaft erklärt. Ein Anspruch auf Vollständigkeit wird dabei zwar nicht erhoben, doch sollen diese Seiten die spannende Vielfalt der Region RUHR.2010 verdeutlichen und die Denkmale in ihrem Reichtum und in ihrer spezifischen Authentizität darstellen. Einige wenige hier vorgestellten Gebäude finden sich nicht im Bestand der eingetragenen Baudenkmale, da sie erst in den letzten Jahrzehnten entstanden und daher noch nicht in das Blickfeld der Denkmalpflege gerückt sind. Es bedarf immer eines gewissen zeitlichen Abstandes, um den historischen Zeugniswert eines Gebäudes beurteilen zu können. So wird es zukünftigen Generationen von Denkmalpflegerinnen und Denkmalpflegern überlassen bleiben, die jüngsten Entwicklungen zu beurteilen. Die Objekte wurden dennoch in diese Sammlung aufgenommen, weil an ihnen wesentliche Aspekte des Themas aufgezeigt werden können.

Die Denkmale berichten von fremden Einflüssen in der weit zurückreichenden Geschichte des Ruhrgebietes auf Kunst und Architektur, auf Glaube und Herrschaft, auf die Bevölkerung, auf Kapital und Technologie. Exemplarisch können anhand der Baudenkmale die Wechselwirkungen zwischen dem heutigen Ruhrgebiet und anderen Regionen in Europa dargestellt, Spuren und Zeugnisse von Migration, von Austausch und Kommunikation aufgezeigt werden. Besonders im 19. und 20. Jahrhundert prägten Wechselbeziehungen das Gebiet und sind seit dieser Zeit sogar als sein herausgehobenes Merkmal zu verstehen. Die ausgewählten Bauten sind in die fünf Themenbereiche Kunst und Architektur, Glaube, Leute, Herrschaft, Technologie und Kapital gegliedert. Sie verdeutlichen die Vielfalt der fremden Impulse, die in der Vergangenheit im Raum des heutigen Ruhrgebiets wirksam wurden.

Ausgewählte Beispiele aus dem Denkmalbestand zeigen Austausch und Migration, das heißt Zu- und Abwanderung, als „Normalfall“ gesellschaftlichen und kulturellen Wandels. Sie machen – jedes auf seine Art – deutlich, dass vieles, was heute als altbekannt und vertraut wahrgenommen wird, im Laufe der Geschichte als Impuls von außen, als etwas zunächst Fremdes und Neues in die Region hineingekommen ist. Ebenso wird vieles, was heute noch fremd erscheint, es nicht bleiben, sondern sich zu Bekanntem und Vertrautem entwickeln. Der Titel „Fremde Impulse“ ist spielerisch zu verstehen, die Mehrdeutigkeit der Begriffskombination ist bewusst gewählt. Die Zuschreibung von „fremd“ ist immer subjektiv definiert, sie kann nicht objektiv sein.
 

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