Zur Montangeschichte der Olsberger Hütte im Sauerland

01.01.2008 Reinhard Köhne

Inhalt

Die Anfänge des Bergbaus im Frühmittelalter

Der Hochsauerlandkreis liegt überwiegend auf der Nordwestabdachung des süderländischen (= südwestfälischen) Mittelgebirges mit Höhenlagen zwischen 200 und 800 Metern. Die naturräumliche Ausstattung mit Bodenschätzen, Buchenwäldern und der Gewässerreichtum boten seit Jahrhunderten die Standortfaktoren für die Gewinnung, Verhüttung und Verarbeitung von Metallen. In den Gesteinsspalten des Gebirgssockels finden sich überwiegend Eisen-, Blei- und Kupfererze. Die archäologische Forschung hat die Anfänge der Kupferverhüttung für das 7. und 8. Jh. in der Diemelaue östlich von Marsberg nachgewiesen. Der zugehörige Bergbau liegt südlich der Wüstung Twesine auf dem angrenzenden Buchen- und Ohmberg in Form von Pingenbezirken, deren Abraumhalden Malachit anzeigen. Der Bleibergbau auf der Briloner Hochfläche weist ein auffälliges Nebeneinander von germanischen Siedlungen der römischen Kaiserzeit mit trapezförmigen, gelochten Bleibarren und Relikten des Bleibergbaus auf, ohne dass die Zeitgleichheit bisher exakt nachgewiesen wurde. Aus den alten Stollen des Bleibergbaus am Bastenberg bei Ramsbeck erbrachte Holzkohle eine Datierung in das 10. Jh. Obwohl Eisenerz sehr häufig vorkommt, konnten erst 2006 auf einem Siedlungsplatz der vorrömischen Eisenzeit bei Brilon-Madfeld Schlacken der Eisenverhüttung archäologisch nachgewiesen werden.

Abb. 1: Pingenzug am Eisenberg (Foto: R. Köhne)

''Goldne Plätze'' auf dem Eisenberg (590 Meter ü. NN)

Das bedeutendste Bergwerk lag auf dem Eisenberg bei Olsberg (Abbn. 1 u. 2). Die Roteisen-Lagerstätte ist zwischen der vulkanischen Grünsteinschicht und dem Massenkalk der Briloner Hochfläche linsenförmig eingelagert und hatte durchschnittlich einen Eisenanteil von 36%. Der Abbau erfolgte zunächst oberflächennah auf dem Höhenrücken in zwei Grabenpingen, die bis zu 300 m lang, 50 m breit und bis 14 m tief sind. Auf der Südwestflanke des Eisenbergs liegen eine Reihung von Schachtpingen und sechs Stollen 50 bis 170 m tiefer, die den mit 60° einfallenden Erzgang vom Unterhang her erneut erschließen. Während die Stollen überwiegend im 18. Jh. aufgefahren wurden, beginnt die urkundliche Überlieferung schon 1465, als Zehnteinnahmen aus dem Eisenberg erwähnt wurden. Die Tagebaue "Goldne Plätze" auf der Höhe dürften demnach im räumlichen Erschließungsmodell aus dem Spätmittelalter oder älter sein.

''Gut Erz, davon man iseren blasen möge.''

1497 gibt Godert de Wrede von der Burg Schellenstein in Olsberg-Bigge bei einem Streit um Rechte auf dem Eisenberg zu Protokoll, dass man dort gutes Erz gewinnen könne. Davon ließe sich Eisen "blasen" - also in einem Schachtofen, der über einen wasserradbetriebenen Blasebalg mit Sauerstoff  versorgt wird, Roheisen erzeugen. Diese neue Technologie findet seit dem 13. Jh. Eingang in die Täler des Mittelgebirges. Zuvor wurde Eisenerz in kleinen Rennöfen gewonnen, wie ein Pingenfeld mit Schlackenhalden in 700 m Höhe am Schmalenberg bei Olsberg belegt. Offensichtlich eignete sich der Roteisenstein vom Eisenberg wegen seines Kalkanteils gut zur Verhüttung.

Abb. 2: Olsberger Hütte und ehemaliger Bergbau auf dem Eisenberg (Quellen: Grund- u. Seigerriss Briloner Eisenberg 1820/40, Bezirksregierung Köln)

Inbetriebnahme der Olsberger Hütte

Im Jahr 1584 kam es zum Bau der Olsberger Hütte, deren Obergraben schon sieben Jahre zuvor in den Talwiesen am Gierskoppbach angelegt worden war. Günstige Hüttenstandorte waren die Nebenflüsse von Ruhr und Lenne in einem Gefällekorridor auf der Nordwestabdachung des Südergebirges. Das Bachwasser wurde oberhalb des Hüttenplatzes in den Obergraben abgeleitet und mit ausreichendem Gefälle auf das Wasserrad geführt. Obwohl mit Niederschlagsmengen zwischen 900 und 1.400 mm im Jahr zu rechnen ist, weist der Jahresgang doch Schwankungen auf mit Maxima in den Sommer- und Wintermonaten. Trockenperioden und Eisgang begrenzten den Hüttenbetrieb auf durchschnittlich drei Monate jährlich. Die Wärmeenergie lieferte die Holzkohle aus den eigenen Köhlereien in den umliegenden Buchenwäldern von Brilon, Beringhausen und den Waldungen des Landadels in Antfeld und Bruchhausen. Die Produktion von Roheisen war immer mit dem Guss von Ofen- oder Grabplatten verbunden. Drei Hammerwerke in Olsberg übernahmen das Eisen zur Weiterverarbeitung. Die Versorgung mit Eisenerz aus den oberflächennahen Tagebauen und Schächten auf dem Eisenberg wurde wegen der Wasserzuflüsse schwierig und erforderte im 18. Jh. die Anlage von Stollen von der südlichen Hangseite aus, die das Vorkommen neu erschlossen und bis 1916 eine standortnahe Versorgung mit Erz gewährleisteten.

Innovationen in Umbruchzeiten

Als um 1820 englisches Eisen preisgünstig auf den Markt drängte, reagierten die Eigentümer 1823 mit dem Bau eines modernen Schleifwerkes und eines neun m hohen Kupolofens, dessen Zylindergebläse durch ein Wasserrad mit sechs m Durchmesser angetrieben wurde - nach Bewertung des Oberbergamtes eine vorzügliche und beispielhafte Anlage.

Der Urhandriss 1830 zeigt die Lage der Eisenhütte am Hangfuß des Lingelscheids, in dem neben einer Diabaslinse auch Eisenstein gebrochen wurde. Ein zwei km langer Obergraben in der Hüttenwiese leitete das Wasser des Gierskoppbaches zum Hüttengebäude. Am Wege nach Elleringhausen standen kleinere Gebäude der "Hüttenkaserne" für Berg- und Hüttenarbeiter, Köhler und Fuhrleute. 1854 wurde neben dem Hochofen ein neuer Kupolofen errichtet, dessen Gebläse nun unabhängig von der Wasserführung des Baches von einer Dampfmaschine angetrieben wurde. Damit verlagerte sich der Produktionsschwerpunkt von der Roheisenerzeugung zum Guss von eisernen Haushalts- und Heizgeräten.

Die Wärmeenergie lieferte nach einer Verknappung der Holzkohle um 1856 nunmehr die spätestens mit dem Eisenbahnbau 1872 günstiger angelieferte Steinkohle. Diese Phase der Umstellung mit der neuen Konkurrenz der Großanlagen aus dem Ruhrgebiet bedeutete für die meist verkehrsfern gelegenen sauerländischen Eisenhütten das wirtschaftliche Ende. Nachdem bereits 1890 der Verkauf von Eisenerz in das Ruhrgebiet unrentabel geworden war, wurde der Bergbau am Eisenberg 1916 eingestellt.

1866 ersetzten zwei Turbinen das Wasserrad, die mit der Reserve des neuen Hüttenteichs das Gebläse und das Pochwerk antrieben. Der Hüttenteich liefert heute das erforderliche Kühlwasser. Mit dem Anschluss der Olsberger Hütte an das elektrische Stromnetz im Jahre 1910 ersetzt die neue Antriebs- und Heizenergie endgültig die traditionellen Standortfaktoren Wasserkraft und Holzkohle und gewährleistet die Wettbewerbsfähigkeit der Olsberger Hütte. Roheisen und Eisenschrott speisen heute die Öfen.

Abb. 3: Die Olsberger Hütte heute (Foto: Olsberg Hermann Everken GmbH)

Engagierte Unternehmer

Bäuerliche Unternehmer aus Olsberg erweiterten schon 1577 die Nahrungsmittelproduktion durch metallgewerbliche Erwerbsquellen. Im 18. Jh. waren es die aus der Oberschicht in Brilon und Olsberg stammenden Montanunternehmer Ulrich, Unkraut, Kannegießer und Kropff, die Bergbau und Verhüttung am Eisenberg forcierten und deren Ehefrauen auch bereitwillig wertvollen Schmuck veräußerten, um gelegentliche Finanzierungslücken zu schließen.

Nach der Phase der Alleininhaber und der Umwandlung in eine Kapitalgesellschaft sind es innerhalb der drei Inhaberfamilien tüchtige Unternehmer wie Hermann Everken, Edward Kersting und heute Ralf Kersting, die den Familienbetrieb erfolgreich weiterführen.

''Unsere Hütte''

Die Bewertung durch ältere Mitarbeiter charakterisiert die Einstellung der Belegschaft gegenüber dem mittelständischen Unternehmen und seinen Inhabern, das seit 150 Jahren zu den wichtigsten Arbeitgebern der Region gehört. Seit 1882 vertritt eine Belegschaftsvertretung die Interessen der Mitarbeiter, heute organisiert in der Industrie Gewerkschaft Metall, die durch Fleiß, Kreativität und Loyalität stets zur Zukunftssicherung ihrer "OH" beigetragen haben.

Mehrere Eisen im Feuer

In den letzten Jahrzehnten wurde das Unternehmen durch Edward und Ralf Kersting weitgehend und ständig umstrukturiert. Neben der Ausrichtung auf die Investitionsgüterindustrie in den Gießereien wurden mit Kaminöfen und elektrischen Heiz- und Lüftungssystemen in differenzierten Vertriebswegen weltweit neue Absatzmärkte erschlossen.

Außer an dem traditionellen Standort Olsberg fertigt das Unternehmen daher heute auch in Brilon, in Königshütte und in Kistokaj, Ungarn. Über eine eigene Vertriebsgesellschaft mit über 20 Mitarbeitern vertreibt die Olsberger Gruppe auch Produkte in Japan. Damit ist Olsberg eine heimische Erfolgsgeschichte im Zeitalter der Globalisierung.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2008