von Rudolf Grothues
"Solange ich lebe, bleibt Oetker ein Familienunternehmen." Dieses war einer der Grundsätze, an denen Rudolf-August Oetker, einer der größten deutschen Familienunternehmer, immer festgehalten hat. Oetker, der im September 2006 seinen 90. Geburtstag feierte und am 16. Januar 2007 verstarb, hat den kleinen Backmittelhersteller zu einem weltweit operierenden Konzern, einem "global player", gemacht.
Angefangen hatte alles 1891 im Hinterstübchen einer Bielefelder Apotheke. Der promovierte Botaniker und Apotheker Dr. August Oetker entwickelte das Backpulver Backin. Zwar hatte zuvor schon der Chemiker Justus Liebig ein Backpulver erfunden, dieses war aber weder lagerfähig noch geschmacksneutral. Oetker gelang der Marketingerfolg vor allem durch seine Portionierung: Er füllte genau die Menge Backpulver in ein Tütchen, welches exakt für ein Pfund Mehl ausreichte. Damit konnte er - bei richtigem Mischungsverhältnis - garantieren, dass jeder Kuchen gelingt. Er versah das Produkt mit seinem Namen und entwickelte damit einen der ersten "Markenartikel" des Landes. Der Erfolg des Backpulvers "Backin" war enorm. Schon 1900 war die Backpulverproduktion von der Apotheke in ein Fabrikgebäude in Bielefeld verlegt worden. Als er 1918 starb, hinterließ er eines der bedeutendsten Unternehmen seiner Branche in Europa. Zu dieser Zeit arbeiteten schon über 600 Menschen in der Firma. 1920 übernahm Dr. Richard Kaselowsky, den die Witwe des Gründersohnes in zweiter Ehe geheiratet hatte, die Führung des Unternehmens. Dr. Kaselowsky setzte den Erfolg fort und weitete Produktion und Vertrieb weiter ins Ausland aus: In Frankreich, Polen, Belgien, Dänemark und Italien wurden Schwesterfirmen gegründet.
Rudolf-August Oetker, der Enkel des Firmengründers, übernahm die Unternehmensführung nach dem Tod von Kaselowsky im Jahre 1944 und begann schon kurz nach dem Krieg mit dem Wiederaufbau des Unternehmens.
Zahlreiche weitere Produkte aus dem Nahrungsmittelbereich kamen in das Sortiment. In den 1960er Jahren machte "Marie-Luise Haase" als Versuchsküchenleiterin die Dr. Oetker Versuchsküche mit zahlreichen Fernsehspots berühmt. Außerdem wurde das Sortiment durch Eiskrem erweitert. 1970 brachte die Firma die erste Tiefkühlpizza auf den Markt, nachdem immer mehr Tiefkühltruhen in den privaten Haushalten Einzug hielten. Unter dem Motto "Qualität ist das beste Rezept" erarbeitete sich das Unternehmen ein außergewöhnliches Kundenvertrauen.
1981 trat der heutige Geschäftsführer Dr. h. c. August Oetker, Urenkel des Firmengründers, in das Unternehmen ein. Unter seiner Führung wurde insbesondere die Internationalisierung des Nahrungsmittelgeschäftes unter dem Dach der Dr. Oetker GmbH vorangetrieben. Heute ist Dr. Oetker europäischer Marktführer bei Backartikeln, Backmischungen, Dessertprodukten und Pizzen. Rund 98% der Deutschen kennen der Namen Dr. Oetker.
"Man soll nicht alle Eier in einen Korb legen", ist ein weiteres Credo von RAO, wie der Seniorchef, der sich nach dem Einstieg seines ältesten Sohnes aus dem Tagesgeschäft zurückzog, von seinen Mitarbeitern auch genannt wird. Danach wurde das Unternehmen langfristig auf weitere Füße gestellt. Heute ist Dr. Oetker nicht mehr nur ein Lebensmittelproduzent, sondern ein branchenübergreifendes Unternehmen (Tab. 1). Während die Dr. Oetker GmbH in Deutschland (Hauptsitz Bielefeld) allein rd. 3.600 und weltweit weitere 3.500 Menschen beschäftigt, sind in den übrigen Dr. Oetker Produktions- und Vertriebsgesellschaften, die in 35 Ländern tätig sind (Abb. 2) und rund 3.500 verschiedene Produkte herstellen, weitere 15.000 Menschen tätig.
Im Nahrungsmittelbereich zählen dazu bekannte Marken wie Costa Meeresspezialitäten GmbH & Co. KG in Emden und Dr. Oetker Onken in Moers. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Getränkeherstellung. Mit der Radeberger Gruppe sowie Brau und Brunnen befinden sich zwei große Brauereigruppen unter dem Dach der RB Brauholding, die das Biergeschäft der Oetker-Gruppe leitet. Sie bieten Premiumbiere wie Radeberger und Jever, Bierspezialitäten wie Clausthaler und Schöfferhofer Weizen sowie bekannte Regionalmarken an. Dazu gesellt sich auch die Selters Mineralquelle. Die Henkell & Söhnlein Sektkellereien KG ist das führende Sekthaus in Mitteleuropa. Zu diesem Bereich zählen bekannte Marken wie Deinhard KG, Koblenz, Fürst von Metternich Sektkellerei GmbH, Johannisberg, Kurpfalz Sektkellerei AG, Speyer, Schloß Johannisberger Weingüterverwaltung GbR, Johannisberg, aber auch die Gorbatschow Wodka KG in Berlin.
Mit der Hamburg Süd befindet sich Deutschlands größte Reederei im Besitz der Firma Oetker. Mit einer Flotte von 140 Schiffen, davon 23 reedereieigenen, und einem Containerbestand von über 180.000 Einheiten gehört sie zu den 20 weltweit größten Linienreedereien. Für die Hamburg Süd arbeiten weltweit ca. 3.700 Mitarbeiter. Das Reedereigeschäft macht mit 43,2% den größten Anteil des Konzernumsatzes von 7 Mrd. Euro (2005) aus. Auf die Nahrungsmittelsparte entfallen 25,8% und auf die Biersparte 18,8% (Tab. 1).
Weitere Aktivitäten unternimmt die Firma im Finanzbereich: Mit dem Bankhaus Lampe, eines der führenden Privatbankhäuser in Deutschland, und der Versicherungsgruppe Condor ist die Oetker-Gruppe im Bereich der Finanzdienstleistungen aktiv. Dazu zählen auch die Optima Versicherungs-AG, Schuster GmbH, Atlantic Vermögensverwaltungsbank AG.
Weitere Interessen des Unternehmens liegen in der chemischen Industrie, im Verlagswesen (Dr. Oetker Verlag KG) sowie in fünf Luxushotels (Brenner's Park Hotel, Baden-Baden; Park Hotel Vitznau, Vitznau/Schweiz; Hotel Le Bristol, Paris; Hotel du Cap - Eden Roc, Cap d'Antibes; Château du Domaine St. Martin, Vence).
Mit ganz besonderer Sorgfalt widmet sich das Unternehmen dem Personalbereich, um Beschäftigung dauerhaft zu sichern und Mitarbeiter langfristig zu binden. Langjährige Betriebszugehörigkeiten unterstreichen die hohe Identifikation mit dem Unternehmen, welches nicht nur berufliche Perspektiven, sondern auch vielfältige Sozialleistungen bietet.
Auch außerhalb des Unternehmens wird Verantwortung für soziale und kulturelle Angelegenheiten übernommen. Zwei Stiftungen dienen gemeinnützigen Zielen: Die Rudolf-August Oetker Stiftung unterstützt Projekte in Kultur, Kunst, Wissenschaft und Umwelt, während sich die Ida und Richard Kaselowsky Stiftung sozialen beziehungsweise wohltätigen Zwecke widmet. Die Familie Oetker stiftete die im Jahr 1930 erbaute Rudolf-Oetker-Halle und finanzierte maßgeblich den Bau der 1968 eröffneten Bielefelder Kunsthalle, die sich mit Ausstellungen zur modernen und zeitgenössischen Kunst einen Namen gemacht hat.
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Die Glocke (2006): Oetker-Gruppe mit Rekordumsatz. (Ausgabe vom 28.06.2006) |
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Die Glocke (2006): Pudding-König baute Formen-Imperium auf. (Ausgabe vom 20.09.2006) |
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Dr. August Oetker KG (o. J.): Unternehmen, Marke, Produkte. Bielefeld (Broschüre) |
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Dr. August Oetker KG (2006): Konzern-Geschäftsbericht 2005. Bielefeld |
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www.oetker.de (abgerufen am 27.09.2006) |
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www.oetker-gruppe.de (abgerufen am 27.09.06) |
Erstveröffentlichung 2007
