Multiplex-Kinos in Westfalen

Mit Multiplex-Kino – auch Multiplex genannt – bezeichnet man den neueren Typ von Großkinos, der nicht nur ein Merkmal der Spezialisierung städtischer Funktionen im Rahmen der postindustriellen Stadtentwicklung darstellt, sondern zugleich kennzeichnend ist für die speziellen oder segmentierten Freizeitansprüche und -mobilität der heutigen "lebensstildifferenzierten Erlebnisgesellschaft" (vgl. Krajewski, Chr., P. Reuber u. G. Wolkersdorfer 2006, S. 26).

Merkmale von Multiplex-Kinos Kasten 1: Merkmale von Multiplex-Kinos

Zeitliche Einordnung und Innovation der Multiplex-Kinos

Die Kinobranche erfuhr in den vergangenen Jahrzehnten bundesweit und damit auch in Westfalen erhebliche Umstrukturierungen. So folgte auf die Blütezeit der 1930er und 1940er Jahre sowie auf die Renaissance in der "Kinolandschaft" der 1950er Jahre eine mehr als drei Jahrzehnte folgende Phase des Niedergangs und schließlich der Entwicklung offensiver Strategien bezüglich einer Neuorientierung. So stieg die Zahl der Kinos (vorherrschend als Einzelhäuser) im westlichen Deutschland zunächst bis Ende der 1950er Jahre auf rd. 6.950 an; z. B. wurden 1956 rd. 817 Mio. Kinobesucher gezählt. Verursacht vor allem durch das Aufkommen des Fernsehens ging die Anzahl der Filmtheater in der Folgezeit jedoch drastisch zurück - bis zu einem absoluten "Tiefpunkt" im Jahre 1976, als nur noch 3.029 Kinos bestanden und lediglich rd. 115 Mio. Besucher gezählt wurden (nach MASSKS 1999). Diese Phase war bereits begleitet von einer Umstrukturierung in der Kinobranche: Während in den ländlichen Gemeinden Filmtheater besonders häufig geschlossen und teilweise zu Supermärkten umfunktioniert wurden, entstanden bis Ende der 1980er Jahre in den Groß- und auch in zahlreichen Mittelstädten zunächst neue Kinocenter nach US-amerikanischen und britischen Vorbildern mit mehreren, teilweise sehr kleinen Sälen (sog. "Schachtelkinos"). Trotz dieser Entwicklung einschließlich des Booms sog. Programmkinos blieb die Kinobesucherzahl allerdings bis Ende der 1980er Jahre mit knapp über 100 Mio. in Deutschland stagnierend. In den 1980er Jahren verstärkte sich nämlich die Medienkonkurrenz (durch Videorekorder, Entstehen privatwirtschaftlicher Fernsehsender, Kabel- und Satellitenfernsehen mit vielfältigen Filmangeboten etc.).

Multiplex-Kinos und große Kino-Center in Westfalen 2007 Abb. 1: Multiplex-Kinos/große Kino-Center in Westfalen 2007 (Entwurf: H. Heineberg, Quellen: FFA 2007 und eigene Erhebungen)

In den 1990er Jahren ist auch die Zahl der Kinobesucher wieder deutlich angestiegen (z. B. 1997 bundesweit auf mehr als 143 Mio., 2001 sogar auf knapp 178 Mio. Besucher laut Filmförderungsanstalt, FFA, Berlin). Dies resultierte nicht zuletzt aus dem Boom einer neuen Filmtheaterform, die an das Konzept der Kinocenter anknüpfte, diese jedoch auf ein neues Niveau hob: die Multiplexe. Deren Erfolg hing von einer ganzen Reihe von Eigenschaften ab, die in Kasten 1 zusammengefasst sind. Allerdings gibt es bislang keine endgültige Definition von Multiplex-Kinos. So versteht der Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF) darunter einen Kinostandort mit acht und mehr Leinwänden (Kinosälen), mehr als 1.600 Sitzplätzen (mit Komfortbestuhlung in amphitheaterförmiger Anordnung),  mit avancierter Technik (beste Tonwiedergabe) etc. Die bundeseigene FFA berücksichtigt in ihren Statistiken Großkinos als Multiplexe mit wenigstens acht Sälen bzw. mit mindestens 1.500 Sitzplätzen, auch bei nur sieben Sälen; dabei handelt es sich nur um Neubauten ab 1990, nicht um Erweiterungen ehemals kleinerer Kinocenter. Nicht zuletzt wegen der Schwierigkeiten der Abgrenzung von Muliplex-Kinos sind in Abb. 1 außer den aus der jüngsten Multiplexauflistung der FFA (Stand 16.4.2007) entnommenen Standorten auch große Kinocenter in Westfalen berücksichtigt, die über mindestens sieben Kinosäle sowie zwischen 1.000 und 1.500 Sitzplätze verfügen.

Mit den Multiplex-Kinos bzw. großen Kinocentern wurden somit neue attraktive Freizeiteinrichtungen geschaffen, die mit den früheren Kinosälen oder "Schachtelkinos" hinsichtlich ihrer Gesamtmerkmale im Allg. nicht mehr vergleichbar sind. Die Innovation der Multiplexe ging von Amerika aus, wo in Toronto im Jahre 1979 das weltweit erste Multiplex-Kino mit 18 Sälen entstand. Erst Mitte der 1980er Jahre wurde in Europa, und zwar nahe London, ein ähnlicher Kinokomplex durch die United Cinema International (UCI) verwirklicht.

UCI KINOWELT Ruhr Park Abb. 2: UCI KINOWELT Ruhr Park (Foto: UCI Multiplex GmbH)

Multiplex-Kinos und Kinocenter in Westfalen

UCI eröffnete 1990 auch das erste Multiplex-Kino in Deutschland in Hürth bei Köln, das gleichzeitig den Startschuss für den neuen Kinoboom in Deutschland bedeutete. Dieser Konzern ist mit der UCI KINOWELT im Ruhr Park Einkaufszentrum/Bochum auch in Westfalen vertreten (Abb. 2, s. Beitrag Heineberg). Dieses Multiplex-Kino entstand bereits im März 1991, d.h. vier Monate nach der Eröffnung in Hürth; es ist mit 14 Leinwänden, 3.500 Sitzplätzen und modernsten Soundsystemen eines der größten und bestausgestatteten Kinocenter in Deutschland.

UCI ist nur eine der zahlreichen Multiplex-Kino-Ketten bzw. -Betreiber. In Westfalen, das heute über 22 Multiplex-Kinos und große Kinocenter (nach der FFA über 16 Multiplexe) verfügt (Abb. 1), sind außerdem die Marktführer CinemaxX (in Bielefeld, Hamm), Cineplex (Lippstadt, Münster, Paderborn), CineStar (Bielefeld, Dortmund, Gütersloh, Hagen, Iserlohn, Siegen) sowie Cinetech (Ahaus, Gronau, Rheine) und Kinoplex (Bad Oeynhausen, Paderborn) vertreten. Hinzu kommen das Kindrom-Multiplex in Bocholt, Village-Cinemas in Gelsenkirchen und das neue CityKino in Rheine (seit 2006 anstelle des 2005 aufgegebenen Cinetech 2 als neues Erlebniskino).

Die meisten der westfälischen Multiplex-Kinos bzw. großen Kinocenter wurden in der Boomphase zwischen 1997 und 2002 eröffnet. Die Standortneugründungen oder -erweiterungen (letztere in Ahaus und Gronau bei bereits existierenden Kinos) betrafen nicht nur Großstädte (Oberzentren) innerhalb und außerhalb des Ruhrgebietes, sondern auch Mittelzentren in Westfalen. Außerdem bestehen in den Groß- wie auch in den meisten Mittelstädten weitere Kinos bzw. kleinere Kinocenter (mit zum Teil fünf bis sieben Sälen und häufig nahezu 1.000 Sitzplätzen), die zwar größenordnungs- und ausstattungsmäßig nicht (ganz) an die großen Multiplex-Kinos bzw. Kinocenter heranreichen, allerdings zumeist auch mit modernster Bild- und Tontechnik eingerichtet sind. Dies gilt z. B. für Borken, Dülmen oder Coesfeld im ländlich geprägten Münsterland ebenso wie für Mittelstädte im Ruhrgebiet (z.B. Dorsten, Hattingen) oder beispielsweise in Arnsberg, Marsberg oder Warburg. Für die jeweilige städtische Freizeitinfrastruktur - insbesondere für die Mittelzentren - sind die bestehenden Multiplex-Kinos und selbst auch die kleineren Kino-Center von erheblicher Bedeutung. Einige Mittelstädte (Ahaus, Rheine) verfügen sogar über zwei derartige Center.

Bedeutungswandel von Multiplex-Kinos?

Welch eine Bedeutung den Multiplex-Kinos heute in der Kinowirtschaft insgesamt zukommt, zeigt die Statistik der FFA, nach der sich der Anteil der Multiplex-Besucher an den Gesamtbesuchern bundesweit z. B. 1997 auf lediglich 22,5%, 2006 aber bereits auf rd. 46% belief. Allerdings können auch selbst die Multiplexe - als attraktive, postmodern geltende Einrichtungen "künstlicher Erlebniswelten" - erheblichen (zyklischen) Besucherschwankungen unterliegen, was z. B. der Einbruch der Besucherzahlen 2004-2005 von knapp -16% bundesweit (in den alten Bundesländern -14%) belegt, wovon auch westfälische Multiplexe betroffen waren. Dies hatte eine Vielzahl von Gründen, die u.a. gesamtwirtschaftlich (z.B. allgemeine Zurückhaltung im Konsumverhalten aufgrund wirtschaftlich-depressiver Stimmung), in der zunehmenden Konkurrenz im Freizeit- und Kulturbereich bzw. in Veränderungen im Freizeitverhalten (Bedeutungszunahme von DVDs, Heimkinos etc.), im allgemein schwachen Filmprogrammangebot des Jahres 2005 etc. zu sehen sind; zwischen 2005 und 2006 war die Besucherzahl der Multiplexe in Deutschland wieder leicht um 4,2% angewachsen, was jedoch keinen stabilen Zukunftstrend bedeuten muss. Nicht zu vernachlässigen ist z. B. auch der demographische Faktor (relativer Rückgang der für den Kinobesuch dominanten jüngeren Altersgruppen, Zunahme der Älteren mit anderen Freizeit- und Kulturbedürfnissen, Gesamtschrumpfung der Bevölkerung, insbesondere im Ruhrgebiet), auf die sich mittel- und langfristig die "Erlebniswelt Kino" - sicherlich auch mit neuen Strategien - einstellen muss.

Ob Filme mit neuester 3D-Technik, die den Besucher in die Illusion versetzt, direkt am Geschehen beteiligt zu sein, zum Heilsbringer der Kinobetreiber werden, wird die Zukunft zeigen. Gegenwärtig sehen viele Kinobetreiber in einer Aufrüstung die Chance, Besucher anzulocken und wieder an sich zu binden.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2007, Aktualisierung 2010