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Dass Deutschland mit seinen insgesamt über 1.200 Braustätten zu den größten Bierproduzenten der Welt zählt, ist kein Geheimnis. Dabei lag Nordrhein-Westfalen im Jahr 2007 mit 22,9 Mio. Hektolitern deutschlandweit hinter Bayern (23,6 Mio. Hektoliter) beim Bierausstoß an zweiter Stelle (www.brauer-bund.de). Einen bedeutenden Anteil daran hat der Landesteil Westfalen, der neben einer Reihe kleiner und mittelgroßer regionaler Braustätten ebenso Sitz von drei der größten deutschen Brauereigruppen Deutschlands ist. Mit den Marken Krombacher, Warsteiner, Veltins und Dortmunder Union stammen vier der zehn erfolgreichsten Marken auf dem innerdeutschen Biermarkt aus der Region.
Im 18. Jh. vollzog sich ein Strukturwandel im Brauereiwesen: Die Aufhebung der traditionellen Brauverfassung führte zu einer neuen Gewerbefreiheit und einer Standortverschiebung der Brauereien zugunsten der Landbrauereien. Gleichzeitig begannen einzelne Betriebe, allen voran die Paderborner Brauerei im Jahr 1838, mit der Produktion untergärigen Bieres, das aufgrund seiner besseren Haltbarkeit über weite Strecken transportfähig war und den Brauereien neue Absatzmärkte eröffnete. In Westfalen wuchs die Zahl im Jahr 1831 ohne Berücksichtigung der Hausbrauereien auf 1.651 ländliche Brauereien. Fast jedes Dorf war im Besitz einer Brauerei mit einem Versorgungsradius von 5.000 bis 8.000 Einwohnern (Ellerbrock 2004). Demgegenüber standen 1.080 städtische Brauereien, von denen sich die größten Betriebe in den zu damaliger Zeit am dichtesten besiedelten, wirtschaftlich stärksten Gebieten um Bielefeld, Herford und Minden befanden. Insgesamt war der Bierausstoß zu dieser Zeit jedoch vergleichsweise gering, da das Brauereiwesen bis in das späte 18. Jh. weitestgehend kleingewerblich blieb. Im Jahr 1860 standen 2.044 Hausbrauereien, die ausschließlich für den eigenen Bedarf produzierten, 1.261 gewerblichen Brauereien gegenüber (Ellerbrock 2004). Erst die im 19. Jh. eingeführten technischen Errungenschaften der Industrialisierung sowie zunehmende Urbanisierungstendenzen und die damit verbundene Konzentration einer bisher nicht gekannten Massennachfrage in den Großstädten führten zur Transformation der traditionellen Manufakturbetriebe zu Industriebetrieben. Die Entwicklung moderner Kühltechnik, neuer Transportmöglichkeiten (Eisenbahn und Kanalschifffahrt) und die Verbesserung kommunaler Versorgungssysteme (Wasser und Elektrizität) zogen eine deutliche Ausweitung der Absatzmärkte nach sich; die Nachfrage blieb aber zunächst auf enge regionale Grenzen beschränkt. Eine weitere Neuerung stellte die Rechtsform der Aktienbrauerei dar, durch die sich die Brauereien vor allem im Ruhrgebiet zu einem wichtigen Wachstumsträger der Ernährungs- und Genussmittelindustrie entwickelten (Ellerbrock 2004). Der Anstieg der Aktienbrauereien von 191 im Jahr 1886 auf 564 im Jahr 1909 war der Beginn eines starken Konkurrenzkampfes, da in Verbindung mit der konjunkturellen Entwicklung immer weniger Brauereien immer mehr Bier produzierten.
Seit den 1990er Jahren ist der Bierverbrauch in Deutschland weiter deutlich gesunken. Während 1993 130,3 Liter pro Einwohner konsumiert wurden, nahm der Verbrauch bis 2008 um 23,5 Liter auf 106,8 Liter ab (Statistisches Bundesamt 2009). Zusätzlich zu dem immer stärker gesättigten Getränkemarkt ist bis heute vor allem die zunehmende Konkurrenz durch Biermix- und alkoholfreie Getränke für die gesunkene Nachfrage verantwortlich. Diese problematische Marktsituation trug in den vergangenen Jahren maßgeblich zur Verschärfung des Konzentrationsprozesses in der Branche bei, was auch in Westfalen zu einem weiteren Rückgang der regionalen Brauereien mittlerer Betriebsgröße bzw. zu einer Übernahme der Privatbrauereien durch die Konzerne führte (Niederhut-Bollmann 2006). In ganz NRW vereinnahmten die zehn größten deutschen Brauereigruppen im Jahr 1999 bereits 71,4% des Marktes. Den großen Brauereigruppen in Westfalen, allen voran Warsteiner und Krombacher, gelang es durch Expansion, ihre Marktposition weiter zu stabilisieren. Ihre Spitzenposition im deutschlandweiten Vergleich mussten sie jedoch zugunsten deutlich internationaler aufgestellten Gruppen wie Radeberger (Oetker-Konzern, Bielefeld) und InBev Deutschland (Bremen) räumen.
Auch wenn die Brauereiwirtschaft in Westfalen bis heute unter der geschilderten Marktsituation zu leiden hat, kann aufgrund der sich abzeichnenden Rückbesinnung auf regional bedingte Geschmackspräferenzen und der Einstellung der Verbraucher gegenüber lokalen Markenpersönlichkeiten prognostiziert werden, dass in Zukunft kleinere Anbieter wieder an Bedeutung gewinnen werden (ISA Consult GmbH 2000).
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Böth, G. (1998): "Baierisches Bier" aus Westfalen. Zur Geschichte westfälischer Brauereien und Biere. Hagen |
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Deutscher Brauer-Bund e. V. (Hg.) (2009): Die deutsche Brauwirtschaft in Zahlen 2008. Berlin (www.brauer-bund.de/brauereien/download/Statistik_Brauwirtschaft.pdf) |
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Ellerbrock, K. (1993): Geschichte der deutschen Nahrungs- und Genußmittelindustrie 1750–1914. Stuttgart |
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Ellerbrock, K. (2004): Die Lebensmittelindustrie als Wegbereiter moderner Marktwirtschaft. Von der Manufaktur des 18. Jahrhunderts zur Aktiengesellschaft um 1900. In: Teuteberg, H. J. (Hg.): Die Revolution am Esstisch. Neue Studien zur Nahrungskultur im 19./20. Jahrhundert. Stuttgart, S. 69–83 |
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ISA Consult GmbH (2000): Die Brauereiwirtschaft in Nordrhein-Westfalen. Studie im Auftrag der Nordrhein-Westfälische ErnährungsWirtschaft – Sozialpartnerprojekt. Bochum (www.ernaehrungswirtschaft-nrw.de/fileadmin/pdfs/service_pdfs/2000/brau2000.pdf, abgerufen am 15.05.2008) |
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Niederhut-Bollmann, C. (2006): Strategische Gruppen in der deutschen Brauwirtschaft. Göttingen (http://webdoc.sub.gwdg.de/diss/2006/niederhut_bollmann/niederhut_bollmann.pdf, abgerufen am: 19.05.2008) |
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Niggemann, J. (1991): Nahrungs- und Genussmittelindustrie. In: Geographische Kommission für Westfalen (Hg.): Geographisch-Landeskundlicher Atlas von Westfalen, 6. Lieferung. Münster |
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Statistisches Bundesamt (Hg.) (2009): Brauereiwirtschaft 2008. Wiesbaden (https://www-ec.destatis.de/csp/shop/sfg/bpm.html.cms.cBroker. cls?cmspath=struktur,vollanzeige.csp&ID=1023580, abgerufen am 20.01.2009) |
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Zatsch, A. (1987): Die Brauereiwirtschaft Westfalens. Ein Wegbereiter modernen Getränkekonsums. In: Teuteberg, H. J. (Hg.): Durchbruch zum modernen Massenkonsum. Lebensmittelmärkte und Lebensmittelqualität im Städtewachstum des Industriezeitalters. Stuttgart, S. 238–275 |
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www.brauereiverband-nrw.de |
Erstveröffentlichung 2009