von Christian Krajewski und Paul Reuber
Inhalt
Mit der Ausdifferenzierung und Fragmentierung gesellschaftlicher Gruppen sowie der "Pluralisierung des Geschmacks" in der Erlebnisgesellschaft ist auch der Freizeit- und Tourismusmarkt immer segmentierter und heterogener geworden. Dadurch ist die Situation für Planung, Entwicklung und Marketing im Bereich Freizeit und Tourismus zwar um bestimmte Segmente - und Destinationen - bereichert, gleichzeitig jedoch aufgrund schnelllebiger Moden und hoher Abhängigkeit von Zyklusverläufen auch immer unkalkulierbarer geworden. Gleichwohl bieten sich für die Transformation des Ruhrgebietes, mit 5,3 Mio. Einwohnern einer der größten Ballungsräume Europas, dadurch neue Chancen:
Zwar gilt die Region mit einer im NRW-Vergleich eher geringen übernachtungstouristischen Nachfrage (jährlich ca. 4 Mio. Übernachtungen) derzeit noch als "touristisches Entwicklungsland" (Steiner 2004). Mit der zunehmenden Positionierung des Reviers als neuem Reiseziel für den Städte- und Kulturtourismus sowie dem Alleinstellungsmerkmal Industriekultur wird das touristische Potenzial allerdings zusehends stärker ausgeschöpft. Im Rahmen des Strukturwandels wird neben der eher langfristig ausgerichteten Strategie, das Ruhrgebiet zu einer postindustriellen Dienstleistungs- und Technologieregion zu machen, in Anpassung an die neuen gesellschaftlichen Lebensstil- und Konsummuster und gemäß dem "Masterplan für Reisen ins Revier" (Bausteine: Industriekultur u. Industrienatur, Entertainment, Kultur- und Kultur-Events, Messen u. Kongresse) zunehmend auch auf gezielte Investitionen in den Konsum- und Freizeitkultursektor gesetzt. Diese Investitionen haben das Ruhrgebiet mittlerweile zu einer Schwerpunktregion für postmoderne Freizeiteinrichtungen werden lassen (Tab. 1). Das installierte Set "künstlicher Erlebniswelten" hat einerseits dazu geführt, dass sich bereits nach wenigen Jahren erste Effekte im aktions- und sozialräumlichen Verhalten der Menschen erkennen lassen, andererseits hat sich das Image der Region bereits merkbar verändert: Das Ruhrgebiet wird zwar als durch Kohle, Stahl und Großindustrie geprägter Wirtschaftsraum gesehen, die über die Medien kommunizierten Themen Kultur, Fußball, Wandel der Region, Industriekultur und Sportereignisse sind jedoch in der Wahrnehmung als Imagefacetten hinzugetreten.
Als Ergebnis eines mehrstufigen Rationalisierungsprozesses in der Freizeitwirtschaft haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten komplexe, multifunktionale Freizeitgroßeinrichtungen entwickelt, die sich in Anlehnung an Hatzfeld (2001) zu verschiedenen Typen zusammenfassen lassen (Tab. 1). Gemeinsam ist allen diesen Einrichtungen, die an der Schnittstelle von Freizeit, Konsum, Unterhaltung, Gastronomie, Kultur, Sport und Tourismus angesiedelt sind, ein vielfältiges und standardisiertes Angebotsspektrum. Aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte, der guten Verkehrsinfrastruktur (15 Mio. Menschen erreichen das zentrale Ruhrgebiet in 60 Min. Fahrzeit, weitere 30 Mio. in 120 Min.) und des großen Angebots an lagegünstigen Alt(industrie)flächen hat sich das Ruhrgebiet mit 53 Freizeitgroßeinrichtungen (davon 32 im westfälischen Teil) heute zu "dem" bevorzugten postmodernen Freizeitraum entwickelt (Abb. 1 und Tab. 1). Diese sollen im Folgenden überblicksartig vorgestellt werden.
Die bekannteste und am häufigsten angesteuerte Destination ist das Urban Entertainment Center (UEC) CentrO Oberhausen. UEC verbinden Einkaufen, Erlebnis, Unterhaltung und Freizeit miteinander. Das 1996 auf einer ehemaligen industriellen Brachfläche entstandene CentrO, Teil des städtebaulichen Projektes Neue Mitte Oberhausen, umfasst neben einer überdachten Shopping Mall (70.000 m2) mit 200 Einzelhandelsgeschäften eine außenorientierte gastronomische Promenade, ein Multiplexkino, die Arena Oberhausen, ein Musical-Theater sowie einen 80.000 m2 großen Freizeitpark.
Mit der Festivalisierung der Stadtpolitik haben insbesondere Arenen als Veranstaltungsorte für Großevents auch im Ruhrgebiet eine zunehmende Bedeutung für das Stadtimage und Stadtmarketing erhalten. Arenen sind kommerziell betriebene, multifunktional nutzbare Großveranstaltungshallen, die für Sport-, Unterhaltungs- oder Kultur-Großveranstaltungen genutzt werden können. Als bedeutendste Arena im Ruhrgebiet ist die 2001 eingeweihte Arena AufSchalke (seit 2005: Veltins-Arena, s. Beitrag Wehling) einzustufen. Zwar dient die Arena mit 60.000 Zuschauersitzplätzen primär als Heimstadion des FC Schalke 04, Popmusikkonzerte oder Motocross-Shows zeugen jedoch von der multifunktionalen Ausrichtung. Rechtzeitig zur Fußball-WM 2006 ist auch das Westfalenstadion in Dortmund zur Großarena umgebaut worden. Aufgrund einer nicht ausreichenden Anzahl an Großveranstaltungen haben jedoch gerade die Arenen im Ruhrgebiet Probleme, rentabel zu arbeiten.
Neben Hamburg und Stuttgart hat sich NRW seit Ende der 1980er Jahre zu einer Hochburg im Ensuite-Musicalmarkt (Produktionen in festen Musical-Theaterhäusern) entwickelt. Seit 1988 wird in Bochum das erfolgreichste deutsche Musical "Starlight Express" aufgeführt. Der Standort des Theatergebäudes ist - ebenso wie das Musical-Theater im CentrO Oberhausen - eingebettet in einen postmodernen Freizeitkomplex aus Multiplex-Kino, Veranstaltungshalle, Hotel- und Sportanlagen. Die Musical-Bühne Colosseum in Essen dagegen entstand aus einer denkmalgeschützten Industriehalle der Krupp-Werke und bildet zugleich das Eintrittstor in das neue Quartier Essener Weststadt. Kennzeichnend für den heutigen Musicalmarkt sind - abgesehen vom Langzeitklassiker "Starlight Express" - insgesamt zunehmend kürzere Laufzeiten und Standortwechsel von Produktionen in andere Musical-Theater zur Lebenszyklusverlängerung. Von den derzeit bundesweit 18 Ensuite-Musicals werden fünf Produktionen in NRW aufgeführt - drei davon am "Broadway an der Ruhr" (Abb. 1).
Besonders bei jüngeren Bevölkerungsschichten erfreut sich der Besuch eines Multiplex-Kinos als Freizeiterlebnis großer Beliebtheit. Der Anteil der Multiplex-Kinos mit zusammen mindestens 1.500 Sitzplätzen stieg - gemessen am Besucheraufkommen - in Deutschland von weniger als 10% Anfang der 1990er Jahre auf derzeit rund 47%. Von den bundesweit 172 Großkinokomplexen befindet sich heute jeder vierte in NRW, insgesamt 11 Einrichtungen haben im Ruhrgebiet ihren Standort (s. Beitrag Heineberg).
Seit 2001 existiert mit dem Alpincenter Bottrop auf einer ehemaligen Bergehalde in unmittelbarer Nachbarschaft zur Landmarke Tetraeder im Ruhrgebiet zudem eine Indoor-Skianlage (Tab. 1). Mit einer Pistenlänge von 640 Metern gilt die Bottroper Wintersportanlage als längste Skihalle der Welt. Solche kommerzialisierten, multifunktionalen Sportkunstwelten umfassen neben themenbezogenem Einzelhandel auch ein breites Gastronomieangebot. In den Restaurants soll mit alpenländischem Speiseangebot und entsprechendem Einrichtungsstil alpine Hüttenatmosphäre erzeugt werden, wobei den Apres-Ski-Angeboten eine hohe Bedeutung hinsichtlich der Akzeptanz der Anlage zukommt. Mit 750.000 Wintersportbegeisterten jährlich blieb die Nachfrage allerdings häufig hinter den Kalkulationen zurück, die zum kostendeckenden Betrieb der Anlage notwendig sind. Der "Jahrhundertsommer" 2003 bescherte der Indooranlage so große finanzielle Probleme, dass der Ski-Betrieb erst nach einer Landesbürgschaft fortgeführt werden konnte. Im Zuge des Wechsels der Besitz- und Betriebsgesellschaft im Sommer 2004 sind das Konzept der Halle weiterentwickelt und zahlreiche bauliche Veränderungen vorgenommen worden. Die Probleme verdeutlichen jedoch die Krisenanfälligkeit solcher Großanlagen.
Als schwierig ist auch die Situation des Film- und Entertainmentparks Movie Park Germany in Bottrop-Kirchhellen zu bewerten. In dem Freizeit-Themenpark (mit 1,5 Mio. Besuchern Platz 18 EU-weit) werden den Gästen über 40 verschiedene Shows, Filmvorführungen, Fahrgeschäfte und Attraktionen zum Thema "Faszination Film" geboten. 1996 als Warner Bros. Movie World gestartet, wurde der Freizeitpark nach mehreren Betreiberwechseln 2005 als Movie Park Germany neu eröffnet, stößt aber weiterhin auf Akzeptanzprobleme.
Freizeitorientierte Erlebnisbäder häufen sich ebenfalls in den Großstädten und Verdichtungsräumen. Hierbei handelt es sich um ca. 5.000 - 6.000 m2 große Indoor-Wasserparks mit meist "subtropischer" architektonischer Konzeption, die in der Regel mehrere Becken, verschiedene Wasserattraktionen sowie ein vielfältiges Saunaangebot umfassen. Heute existieren in NRW 62 Freizeit- u. Erlebnisbäder, davon 27 im Ruhrgebiet (Tab. 1 u. Abb. 1). Auch das Angebot in Zoologischen Gärten wird seit einigen Jahren thematisch und erlebnisorientiert umgestellt (Bsp. Zoom-Erlebniswelt in Gelsenkirchen). Die Freizeitlandschaft des Reviers wird darüber hinaus durch zahlreiche Großparks geprägt, von denen die Gruga in Essen und der Westfalenpark in Dortmund die bekanntesten sind.
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Hatzfeld, U. (2001): Freizeitsuburbanisierung - Löst sich die Freizeit aus der Stadt? In: Brake, K., S. Dangschat und G. Herfert (Hg.): Suburbanisierung in Deutschland - aktuelle Tendenzen. Opladen, S. 81-95 |
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Kommunalverband Ruhrgebiet (KVR) (o. J.): Image Ruhrgebiet. Bericht 2004. Essen (www.rvr-online.de/freizeit/freizeitmarketing/projekt.php?p=1,8,2; abgerufen am 18.07.2007) |
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Krajewski, Chr., P. Reuber und G. Wolkersdorfer (2006): Das Ruhrgebiet als postmoderner Freizeitraum. In: Geographische Rundschau, Nr. 1/2006. Braunschweig, S. 20-27 |
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Ministerium für Wirtschaft und Mittelstand, Technologie und Verkehr, NRW (1997): Masterplan für Reisen ins Revier. Düsseldorf |
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Reuber, P. und G. Wolkersdorfer (Hg.) (2003): Postmoderne Freizeitstile und Freizeiträume im Ruhrgebiet. Münster (= Working Papers Anthropogeographie, Band 1) |
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Steiner, J. (2004): Destinationsmanagement am Beispiel Ruhrgebiet. In: Landgrebe, S. und P. Schnell (Hg.): Städtetourismus. Oldenburg, S. 51-66 |
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Tuma, T. (2007): Die Kraft der Kleinen. Kaum eine Branche ist weltweit so im Griff von Konzernen und Finanzinvestoren wie das Freizeitparkgeschäft. In: Der Spiegel, Heft 21/2007. Hamburg, S. 84-85 |
Erstveröffentlichung 2007
