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Mitmachtourismus – Das Beispiel ''Mittelalterlich Phantasie Spectaculum'' in Telgte
von Vera Stödtke
Inhalt
Der Bereich des Mitmachtourismus kann als neuer Trend im Tourismus angesehen werden, denn er bezieht sich darauf, den Aufenthalt an einem Besuchsort möglichst kreativ und in hoher Eigenregie zu gestalten. Ein solcher "Kreativurlaub" bzw. die kreative Freizeitgestaltung wird dabei meist in Form einer nur wenige Tage dauernden Erholungs-Kurzreise erlebt, wobei eine maximale Aufenthaltsdauer von ein bis vier Tagen typisch ist.
Der Trend hin zu kreativen Angeboten im Bereich der Freizeit- und Urlaubsgestaltung profitiert vor allem von einem Wertewandel in der Gesellschaft seit den 1990er Jahren hin zu mehr Individualität und Erlebnisorientierung, der sich auch in der zunehmenden Nachfrage nach "Erlebnisreisen" ausdrückt. Diese Angebote können dabei von Events über Inszenierungen bis hin zu den neueren Mitmachangeboten reichen, die im Folgenden im Vordergrund stehen. Der kulturhistorische Bereich bildet dabei einen thematischen Schwerpunkt, so dass einzelne kulturhistorische Epochen wie bspw. das Mittelalter Gegenstand von Mitmachangeboten werden. Ein überregional bekanntes Beispiel der Römerzeit findet man in der Inszenierung von "Brot & Spiele" in Trier.
Abb. 1: Die Erlebnissphären (Quelle: Pine/Gilmore 1999, S. 32)
Der Mitmachtourismus
Für den Mitmachtourismus gibt es bisher keine allgemeingültige bzw. klar abgrenzbare Definition. Zunächst kann der Mitmachtourismus als eine Weiterentwicklung der emotionalisierten Inszenierungen im Tourismus betrachtet werden. Unter einer Inszenierung versteht man dabei die "(...) marktorientierte Umsetzung eines tourismusrelevanten Themas mit unterschiedlichen Einrichtungen, Akteuren, Partnern und Medien auf der Grundlage einer klaren Handlungsanweisung" (Arleth/Kagermeier 2008). Wichtig bei emotionalisierten Inszenierungen ist der "emotionale Mehrwert" (Romeiß-Stracke 2006), der mit Hilfe von Emotionen und Erlebnissen durch eine Inszenierung geschaffen werden soll. Ziel ist der Aufbau eines so genannten Flow-Erlebnisses beim Kunden. Nach Pine/Gilmore (1999) kann das Erlebnisempfinden in verschiedene Formen untergliedert werden (Abb. 1).
Das Flow-Erlebnis stellt die intensivste Form eines Erlebnisses dar und prägt sich aus durch eine hohe Konzentration auf das Erlebnis, ein intensives Eingebundensein, einen Verlust des Zeitgefühls und des "Versinken" in das Erlebnis; eine Realitätsflucht geht damit einher (Hartmann 2006). Emotionalisierte Inszenierungen werden im Tourismus daher auch genutzt, um der Forderung der Touristen nach Erlebnissen zu entsprechen. Hervorgehend aus diesen emotionalisierten Inszenierungen haben sich Angebote eines Mitmachtourismus entwickelt, die stärker auf eine aktive Beteiligung der Besucher abzielen. Erkennbar ist eine Entwicklung von Inszenierungen mit passiven Konsumenten (Bsp. Musical-Events) über Inszenierungen mit Elementen aktiver Partizipation (Bsp. Erlebnisführungen wie Nachtwächtertouren) hin zu Mitmach-Angeboten.
Das erste wesentliche Element des Mitmachtourismus ist, dass Mitmachtouristen die Möglichkeit bekommen, selbst kreativ ihren Aufenthalt zu gestalten. Dies bedeutet, sie sind nicht mehr nur passive Konsumenten und externer Faktor, sondern übernehmen einen aktiven Part innerhalb ihres Reiseaufenthaltes. Die Touristen entfalten sich selbstständig, in dem sie im Rahmen ihres Aufenthaltes ähnlich zum Theater eine Rolle übernehmen und diese für die Zeit des Aufenthaltes ausfüllen, wobei Inhalt und Ablauf der Rolle vom Touristen eigenständig durch spielerisches Probieren ausgefüllt werden. Im Zusammenwirken mit den weiteren Besuchern und deren Rollenspiel wird der Tourist zu einem kreativen Teil des Ganzen. Das Schlüpfen in eine andere Rolle und "der Aufenthalt in einem vom Alltag getrennten Raum sollen den Zugang zu einem die Alltagswelt übersteigenden möglichen Anderen eröffnen und dadurch offenbaren, dass der vom und im Alltagsleben gefesselte Mensch ganz anders sein könnte, als er/sie tatsächlich ist" (Fleischmann 2004). Das Spielen einer Rolle bedeutet auch eine hohe innere Beteiligung der Touristen und lässt es zu einem emotionalen Erlebnis werden, wodurch u. a. das genannte Flow-Erlebnis beim Touristen entsteht.
Neben dem Rollenspiel ist für den Mitmachtourismus auch bedeutend, bestimmte Elemente als Setting oder Kulisse wie bspw. historische Stätten zu "bespielen". Ein weiteres wesentliches Element ist, dass so genannte Affinity Groups (AFG) auftreten. Eine Affinity Group ist "ein szenebasiertes Netzwerk von Konsumenten und Anbietern, das sich öffentlich zu einer gemeinsamen Leidenschaft/Affinität bekennt und sich organisiert" (Arleth/Kagermeier 2008). Diese Affinität kann sich etwa auf die Epoche des Mittelalters beziehen. Wichtig im Rahmen des Mitmachtourismus ist zudem, dass durch das Zusammenspiel von Anbietern der Mitmachangebote und Konsumenten (Touristen) sowie durch die gemeinsame "Arbeit" beider Seiten an dem "Drehbuch" des Mitmachangebotes die Grenze zwischen Anbietern und Nachfragern verschwimmt. Die Anbieter bieten ein Mitmachangebot für die Konsumenten, welches diese kreativ nutzen und für weitere Besucher gestalten, wodurch sie selber für die weiteren Besucher zu Anbietern werden.
Abb. 2: Mittelalterliches Lagerleben bei dem "Mittelalterlich Phantasie Spectaculum" Telgte (Quelle: www.spectaculum.de/galerie/index.php?gid=395)
Das Beispiel ''Mittelalterlich Phantasie Spectaculum'' in Telgte
Die Veranstaltung "Mittelalterlich Phantasie Spectaculum" in der westfälischen Stadt Telgte, gelegen im Kreis Warendorf zwischen den Städten Münster und Warendorf, wird hier als ein Beispiel des Mitmachtourismus näher vorgestellt. Es handelt sich um eine Mittelalterinszenierung und einen Teil der seit 1994 vom Veranstalter Gisbert Hiller durchgeführten "Mittelalterlich Phantasie Spectaculum"-Veranstaltungsreihe (siehe auch
www.spectaculum.de). Im Jahre 2010 hat diese Veranstaltung bereits zum 16. Mal in Telgte auf der Planwiese, einem zentral gelegenen, ca. 50.000 m
2 großen Veranstaltungsgelände, stattgefunden. Veranstaltungszeit ist jeweils ein Wochenende im August (Veranstaltungszeit 2010: 07.–08. Aug.).
Das "Spectaculum" inszeniert die Mittelalterzeit mit dem Ziel, diese Epoche und das damalige Leben darzustellen und erlebbar zu machen. Neben idyllischen Marktsituationen und mitreißenden Ritterkämpfen werden das Leben im Heerlager dargestellt sowie in den Abendstunden mit dem Ausruf der Pest auch die düsteren Seiten des Mittelalters thematisiert. Dies geschieht mit Hilfe vieler (Laien-)Darsteller bzw. Amateurgruppen sowie einiger professioneller Gruppen, die sich auf Grund ihres Interesses am Mittelalter organisiert haben und nun im Rahmen des "Mittelalterlich Phantasie Spectaculums" als Ritter, Söldner, Knappen, Handwerker, Händler usw. kreativ an der Veranstaltung mitwirken. Sie sind damit Teil des genannten AFG-Netzwerkes; denn diese Gruppen leben ein gemeinsames Interesse für die Epoche des Mittelalters im Rahmen ihrer Freizeit bzw. ihres Urlaubs aus, organisieren sich und vernetzen sich über den Veranstalter des "Mittelalterlich Phantasie Spectaculum". In Telgte kommen die teilnehmenden Amateurgruppen hauptsächlich aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, während die Profis auch internationaler Herkunft sind (z. B. die Fußkampfgruppe Fictum aus Tschechien). Die Teilnehmer dieser Gruppen schlüpfen für ein Wochenende in die Rolle eines Menschen aus dem Mittelalter (bspw. als Töpfer auf dem Markt) und bespielen eigenständig das mittelalterliche
Setting (Heerlager, mittelalterlicher Markt) (Abb. 2).
Die Einbeziehung der Nachfrager bzw. Amateurgruppen durch den Anbieter Gisbert Hiller erfolgt über Netzwerkkontakte. Allein im Jahre 2008 konnte der Veranstalter in Telgte rund 1.500 Mitwirkende verpflichten. Vorteile dieser Einbeziehung von
Affinity Groups sind dabei die bestmögliche Gestaltung der Veranstaltung durch Expertenwissen, die damit einhergehende erhöhte Authentizität sowie eine erhöhte Kundenzufriedenheit durch die innere Beteiligung und Mitwirkungsmöglichkeit.
Fazit
Der Bereich des Mitmachtourismus gewinnt im Tourismus eine zunehmende Bedeutung. Dies zeigt nicht zuletzt die heutige Größenordnung des Beispiels Telgte: Neben den beteiligten Personen gehörten 2008 ferner 900 Zelte und Installationen sowie über 20 Musikgruppen zum Veranstaltungsprogramm. Darüber hinaus fand in diesem Zusammenhang erstmals ein mittelalterlicher Weihnachtsmarkt in Telgte statt, der laut Veranstalter mit ca. 70 Handwerks-, Handels- und Versorgungsständen sowie rund 120.000 Besuchern an drei Adventswochenenden in Deutschland seinesgleichen sucht.
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Weiterführende Literatur/Quellen
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Erstveröffentlichung 2009, Aktualisierung 2010