Die Entwicklung des Brauereiwesens in Westfalen

05.01.2015 Alexander Altemeyer

Kategorie: Wirtschaft

Schlagworte: Westfalen · Geschichte · Brauereiwesen

Inhalt

Dass Deutschland mit seinen über 1.300 Braustätten (Stand 2014) zu den größten Bierproduzenten der Welt zählt, ist kein Geheimnis. Dabei lag NRW im Jahr 2014 mit 22,1 Mio. Hektolitern Gesamtbierabsatz deutschlandweit nach Bayern (23,1 Mio.) an zweiter Stelle (www.brauereiverband-nrw.de, www.bayrisch-bier.de). Einen bedeutenden Anteil daran hat der Landesteil Westfalen, der neben einer Reihe kleiner und mittelgroßer regionaler Braustätten ebenso Sitz von drei der größten deutschen Brauereigruppen Deutschlands ist. Mit den Marken Krombacher, Warsteiner und Veltins stammen drei der zehn erfolgreichsten Marken auf dem innerdeutschen Biermarkt aus der Region.

Die Anfänge des westfälischen Brauwesens

Die Herstellung von Bier in Westfalen geht bis auf die Germanen zurück. Bereits um 800 v. Chr. war es ihnen möglich, Bier aus gegorenem Brot herzustellen. Der in der vorchristlichen Zeit seitdem stetig modifizierte Brauprozess war dabei nicht nur ein kulinarischer, sondern auch kultischer Vorgang. Das Brauen fiel, als Teil der Nahrungsherstellung, in den Aufgabenbereich der Haushalte und lag somit meist in den Händen der Frauen. Zunächst wurde nur für den Eigenbedarf gebraut. Erst mit der fortschreitenden Chris­tianisierung um 1.000 n. Chr. und damit verbundenen äußeren Einflüssen entwi­ckelte sich eine eigenständige Braukunst, die über den Hausbedarf hinaus in erster Linie in Klöstern Anwendung fand. Mönchen war es erlaubt, in der Fastenzeit Bier zu trinken, da es als flüssiges Nahrungsmittel das Fasten nicht brach. Die Einrichtung von Klos­terschenken und ein beginnender wirtschaftlicher Handel zogen schnell Verbote und Einschränkungen durch die Landesherren nach sich. Im 15. und 16. Jh. verlagerte sich die Bierproduktion zunehmend auf die Städte und erlebte als ein wichtiger Träger der städtischen Wirtschaft und des Außenhandels eine regelrechte Blütezeit. Nach der Ernennung des Brauens als städtisches Privileg war die Bierproduktion auf dem Lande lediglich den adeligen Gütern, Ämtern und Domänen für den eigenen Bedarf gestattet. In der Stadt organisierte sich das Brauwesen in Form von Gilden, die sich der Bä­cker- und Müllerzunft angliederten. Erst ab dem Ende des 17. Jh.s bildete sich aus den Gilden eine eigene Zunft. Auch eine Brauordnung wurde formuliert, deren Existenz jedoch nach kurzer Zeit durch neue Steuerauflagen und -verordnungen (Bierakzise) bedroht wurde.

Von der Industrialisierung bis zum Zweiten Weltkrieg

Im 18. Jh. vollzog sich ein Strukturwandel im Brauereiwesen: Die Aufhebung der traditionellen Brauverfassung führte zu einer neuen Gewerbefreiheit und einer Standortverschiebung der Brauereien zugunsten der Landbrauereien. Gleichzeitig be­gannen einzelne Betriebe, allen voran die Paderborner Brauerei im Jahr 1838, mit der Produktion untergärigen Bieres, das aufgrund seiner besseren Haltbarkeit über weite Strecken transportfähig war und den Brauereien neue Absatzmärkte eröffnete. In Westfalen wuchs die Zahl im Jahr 1831 ohne Berücksichtigung der Hausbrauereien auf 1.651 ländliche Brauereien. Fast jedes Dorf war im Besitz einer Brauerei mit einem Versorgungsradius von 5.000 bis 8.000 Einwohnern (Ellerbrock 2004). Demgegenüber standen 1.080 städtische Brauereien, von denen sich die größten Betriebe in den zu damaliger Zeit am dichtesten besiedelten, wirtschaftlich stärksten Gebieten um Bielefeld, Herford und Minden befanden. Insgesamt war der Bierausstoß zu dieser Zeit jedoch vergleichsweise gering, da das Brauereiwesen bis in das späte 18. Jh. weitestgehend kleingewerblich blieb. Im Jahr 1860 standen 2.044 Hausbrauereien, die ausschließlich für den eigenen Bedarf produzierten, 1.261 gewerblichen Brau­ereien gegenüber (ebd.). Erst die im 19. Jh. eingeführten technischen Errungenschaften der Industrialisierung, zunehmende Urbanisierungstendenzen und die damit verbundene Konzentration einer bisher nicht gekannten Massennachfrage in den Großstädten führten zur Transformation der traditionellen Manufakturbetriebe zu Industriebetrieben. Die Entwicklung moderner Kühltechnik, neuer Transportmöglichkeiten (Eisenbahn und Kanalschifffahrt) und die Verbesserung kommunaler Versorgungssysteme (Was­ser und Elektrizität) zogen eine deutliche Ausweitung der Absatzmärkte nach sich; die Nachfrage blieb aber zunächst auf enge regionale Grenzen beschränkt. Eine weitere Neuerung stellte die Rechtsform der Aktienbrauerei dar, durch die sich die Brauereien vor allem im Ruhrgebiet zu einem wichtigen Wachstumsträger der Ernährungs- und Genussmittelindustrie entwickelten (ebd.). Der Anstieg der Aktienbrauereien von 191 im Jahr 1886 auf 564 im Jahr 1909 war der Beginn eines starken Konkurrenzkampfes, da in Verbindung mit der konjunkturellen Entwicklung immer weniger Brauereien immer mehr Bier produzierten.

Abb. 1: Brauereistandorte in Westfalen (Quellen: Geographisch-landeskundlicher Atlas von Westfalen, http://de.wikipedia.org, www.brauereiverband-nrw.de)

Aufschwung und Nachfragerückgang

Nach dem Zweiten Weltkrieg – bis zum Ende der 1950er Jahre ließ sich in Verbindung mit dem steigenden Masseneinkommen, dem Nachholbedarf der Nachkriegsjahre und der durch die Migrationsbewegungen steigenden Be­völkerungsanzahl ein deutlicher Produktionszuwachs beobachten. Die in Westdeutschland durchschnittlich konsumierte Menge Bier pro Kopf und Jahr stieg innerhalb von zehn Jahren von 39,4 Liter (1950/51) auf 96,8 Liter (1960/61) und führte auch in den westfälischen Brauereien zu einer Verdopplung des Ausstoßes. Dieses positive Wachstum setzte sich – wenn auch weniger stark als in der vorausgegangenen Expansionsphase – bis in die 1970er Jahre fort. 1970/71 betrug der Pro-Kopf-Konsum 142,7 Li­ter Bier. Gleichzeitig wurden die Brauereien aber auch mit steigenden Personalkosten und zunehmendem Konkurrenzdruck aus dem In- und Ausland konfrontiert, was zu ersten Rationalisierungsmaßnahmen führte. Die im Jahr 1976 erreichte Wachstumsgrenze im Bierkonsum von 149 Litern pro Kopf markiert einen Umschwung, der sich auch durch einen bis heute andauernden Schrumpfungs- bzw. Konzentrationsprozess in der Brauereibranche niederschlug (Niggemann 1991). Dabei waren in den 1970er und 1980er Jahren neben dem stagnierenden bis rückläufigen Verbrauch vor allem ein ruinöser Wettbewerb, ein steigendes Angebot an Billigbieren sowie ein massiver Druck seitens des Handels für das beginnende Brauereisterben verantwortlich.

Von dem auch in Westfalen einsetzenden Schrumpfungs- bzw. Konzentrationsprozess waren vor allem kleinere, regionale Braustätten wie beispielsweise in Rüthen, Schlangen und Ascheberg, teilweise aber auch größere Betriebe wie in Hamm (Isenbeck-Brauerei) oder Lippstadt (Brauerei Weissenburg) be­troffen. Ne­ben dem nördlichen Ruhrgebiet mit einer Reihe ehemaliger Aktienbrauereien verteilen sich die Brauereistandorte bis heute auf das mittlere und östliche Westfalen, während der nordwestliche Teil nur noch vereinzelt Braustätten aufweist (Abb. 1). Bis zum Ende der 1980er Jahre stellte Dortmund mit sieben Brauereien und einem jährlichen Gesamtausstoß von rund 26 Mio. Hektolitern den größten Brauereistandort Westfalens dar. Zu den größten Brauereien Westfalens entwi­ckelten sich in dieser Zeit die ehemals mittelständischen, regional ausgerichteten Privatbrauereien Warsteiner, Krombacher und Veltins. Durch konsequente Markenstrategie, Imagepflege und preislicher Zurückhaltung gelang es den Unternehmen, auf nationaler Ebene große Marktanteile zu gewinnen. Beispielhaft für die beginnenden Konzentrationsprozesse, die die westfälische Brauereilandschaft bis heute deutlich prägen sollten, kann die Übernahme der Paderborner Brauerei durch Warsteiner angeführt werden, durch die das sauerländische Unternehmen im Jahr 1990 zur größten Brauerei Deutschlands aufstieg.

Die älteste, heute noch produzierende Brauerei in Westfalen ist die 1680 gegründete Brauerei "Stiefel-Jürgens" in Beckum.

Jüngste Entwicklungen

Seit Mitte der 1990er Jahre ist der Bierverbrauch in Deutschland weiter deutlich gesunken. Während 1995 135,9 Liter pro Einwohner konsumiert wurden, nahm der Verbrauch bis 2014 um 29,0 auf 106,9 Liter ab (www.brauer-bund.de). Zusätzlich zu dem immer stärker gesättigten Getränkemarkt ist bis heute vor allem die zunehmende Konkurrenz durch Biermix- und alkoholfreie Getränke für die gesunkene Nachfrage verantwortlich. Diese problematische Marktsituation trug in den vergangenen Jahren maßgeblich zur Verschärfung des Konzentrationsprozesses in der Branche bei, was auch in Westfalen zu einem weiteren Rückgang der regionalen Brauereien mittlerer Betriebsgröße bzw. zu einer Übernahme der Privatbrauereien durch die Konzerne führte (Niederhut-Bollmann 2006). In ganz NRW vereinnahmten die zehn größten deutschen Brauereigruppen im Jahr 1999 bereits 71,4% des Marktes. Den großen Brauereigruppen in Westfalen, allen voran Krombacher und Warsteiner, gelang es durch Expansion, ihre Marktposition weiter zu stabilisieren. Ihre Spitzenposition im deutschlandweiten Vergleich mussten sie jedoch zugunsten deutlich internationaler aufgestellten Gruppen wie Radeberger (Oetker-Konzern, Bielefeld) und InBev Deutschland (Bremen) räumen.

Auch wenn die Brauereiwirtschaft in Westfalen bis heute unter der geschilderten Marktsituation zu leiden hat, kann aufgrund der sich abzeichnenden Rückbesinnung auf regional bedingte Geschmackspräferenzen und der Einstellung der Verbraucher gegenüber lokalen Markenpersönlichkeiten prognostiziert werden, dass in Zukunft kleinere Anbieter wieder an Bedeutung gewinnen werden (ISA Consult GmbH 2000).

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2009, Aktualisierung 2015