von Bernd Mielke
Inhalt
Nicht nur bei der Bevölkerung, sondern auch bei der Beschäftigung hat es in den letzten Jahrzehnten eine deutliche Dezentralisierung gegeben. Dadurch haben sich die Beschäftigtenzahlen in vielen ländlichen Kreisen Westfalens deutlich erhöht, während es in den Städten vielfach zu einem Beschäftigungsabbau gekommen ist (Abb. 1). Besonders deutlich haben sich die Beschäftigtenzahlen im Verarbeitenden Gewerbe auseinander entwickelt. Das "industrielle Herz" Westfalens schlägt schon lange nicht mehr im Ruhrgebiet, sondern im Sauerland und Siegerland, in Teilen Ostwestfalen-Lippes und im Münsterland. Diese Räume weisen mit ihrer guten Erreichbarkeit, ausreichenden Flächenpotenzialen, niedrigen Bodenpreisen sowie zuverlässigen und motivierten Arbeitskräften sehr gute Standortvoraussetzungen gerade für diesen Sektor auf. Dabei handelt es sich meist um mittelständische Unternehmen, die jedoch in ihrem Segment teilweise zu den Weltmarktführern zählen ("hidden champions").
Westfalen wies im Juni 2005 eine Arbeitslosenquote von 12,46% auf. Es lag damit unter dem Durchschnitt NRWs (12,90%), aber über dem Bundesdurchschnitt (11,30%) und deutlich über dem Durchschnitt der westlichen Bundesländer (9,5%).
Innerhalb Westfalens gab es allerdings deutliche räumliche Unterschiede. Tendenziell wiesen die großen Städte überdurchschnittliche Werte auf. Die niedrigsten Werte finden sich im Münsterland und im Kreis Olpe (Abb. 2).
Die Arbeitslosenquote wird als Quotient aus der Zahl der Arbeitslosen und der Zahl der Erwerbspersonen berechnet. Diese beiden Größen können sich durchaus unterschiedlich entwickeln. Ein Rückgang der Arbeitslosenquote kann sich daher aufgrund einer Abnahme der Zahl der Arbeitslosen ergeben, aber auch bei einer Zunahme, wenn die Zahl der Erwerbspersonen noch stärker zunimmt.
Abb. 3 verdeutlicht diesen Zusammenhang auf der Ebene der Regionen. Die Zahl der Erwerbspersonen hat sich im Zeitraum 1998 bis 2004 aufgrund der Zunahme der geringfügigen bzw. Teilzeitbeschäftigung und einer höheren Erwerbsbeteiligung der Frauen in allen Regionen erhöht. In den Regionen mit Wanderungsgewinnen, z.B. im Münsterland, kommt noch ein gestiegenes Erwerbspersonenpotenzial hinzu. Die Zahl der Arbeitslosen ist in der Mehrzahl der Regionen ebenfalls angestiegen. Dennoch ist die Arbeitslosenquote in den Regionen überwiegend zurückgegangen. Im Einzelnen ist die Zahl der Erwerbspersonen in den Regionen Hellweg-Hochsauerland und OWL deutlich gestiegen, die Zahl der Arbeitslosen aber noch stärker; infolgedessen hat sich die Arbeitslosenquote hier erhöht. In anderen Regionen ist es zu einer vergleichbaren Zunahme der Zahl der Erwerbspersonen gekommen, die Zahl der Arbeitslosen ist aber in geringerem Maße gestiegen oder wie in der Region Siegen sogar gesunken.
Der vergleichsweise niedrige Anstieg der Zahl der Arbeitslosen in den ländlichen Regionen ist allerdings teilweise dadurch bedingt, dass sich der negative Auspendlersaldo weiter erhöht hat. Die günstige Arbeitsmarktentwicklung ist damit nur zum Teil Ergebnis der Beschäftigungsexpansion in den Regionen. Demgegenüber ist der Einpendlerüberschuss z.B. von Dortmund trotz der hohen Arbeitslosenquote noch gestiegen. Hier liegt offenbar ein Mismatch zwischen den Qualifikationserwartungen der Arbeitgeber und den von den Dortmunder Arbeitslosen angebotenen Qualifikationen vor. Die Arbeitslosenquote ist daher als Indikator wirtschaftlicher Prosperität nur sehr bedingt geeignet. Wegen ihres Bezugs auf die Wohnorte der Arbeitslosen hat sie eher soziale Bedeutung.
Bei den Erwerbspersonengruppen hat sich die Arbeitslosigkeit z.T. unterschiedlich entwickelt. Von besonderem Interesse sind dabei zwei Strukturentwicklungen:
► Arbeitslose Männer und Frauen:
In Westfalen waren im Juni 2005 13,10% der Männer, aber nur 12,50% der Frauen arbeitslos. Im Dezember 1997 lagen beide Quoten noch gemeinsam bei 12,06%. Dass sich die Arbeitslosenquoten auseinander entwickelt haben, dürfte u.a. daran liegen, dass typischerweise von Männern ausgeübte Tätigkeiten stärker von Rationalisierung und Verlagerung bedroht sind. Frauen sind mehr im Dienstleistungsbereich tätig, der in den letzten Jahren - wenn auch z.T. als Teilzeitbeschäftigung - noch Arbeitsplätze geschaffen bzw. in geringerem Maße abgebaut hat.
► Arbeitslosigkeit bei Ausländern:
Im September 2004 waren in Westfalen 24,9% der nichtdeutschen Erwerbspersonen - verglichen mit 10,2% bei den Deutschen - arbeitslos. Der Abstand hat sich in den letzten Jahren noch erhöht. In den Teilräumen wiesen die Regionen Emscher-Lippe und Östliches Ruhrgebiet extrem hohe Werte auf. Vergleichsweise günstige Werte wiesen die Regionen Siegen, Hellweg-Hochsauerland, Düsseldorf und die Märkische Region auf. Die Arbeitslosenquote der Ausländer lag jedoch auch in der Region Siegen, die hier am besten abschneidet, noch über der Arbeitslosenquote für die Deutschen in der Region Emscher-Lippe. Die hohe Arbeitslosenquote der Ausländer ist Indiz mangelhafter Integration und zugleich ein Integrationshemmnis ersten Ranges.
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Bade, F.-J. (2004): Die regionale Entwicklung der Erwerbstätigkeit bis 2020. In: Informationen zur Raumentwicklung, Heft 3/4. Bonn, S. 169ff. |
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Danielzyk, R. und B. Mielke (2006): Strukturwandel in ländlichen Gebieten des westlichen Münsterlands und Ostwestfalen-Lippes. In: Geographische Rundschau, Nr. 1/2006. Braunschweig |
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Mielke, B. und R. Weber (2005): Arbeitslosigkeit in NRW. In: ILS-Trends, Ausgabe 1/2005. Dortmund |
Erstveröffentlichung 2007
