
von Melanie Schulte
Inhalt
Seit den 1950er Jahren ist der Anteil der in Städten lebenden Bevölkerung weltweit von ca. 29% auf 50% enorm angestiegen (UN 2006). Viele (allerdings eher Westfalen ferne) Städte liegen in sog. Hochrisikozonen, und sind besonders durch Naturgewalten wie Starkregen und Hochwasser, orkanartigen Stürmen oder Hitzeperioden betroffen. Auf der einen Seite tragen Städte durch einen hohen Anteil an den Gesamtemissionen zum Klimawandel bei, auf der anderen Seite sind sie jedoch auch wesentlich von den Folgen des Wandels betroffen. Aus diesem Grund spielen besonders Klimaschutz- und Klimaanpassungsstrategien und -maßnahmen eine wichtige Rolle auf der kommunalen Ebene (vgl. PIK 2009, S. 243–244).
In der Praxis existieren zwei Strategien im Umgang mit dem Klimawandel, um auf die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt mit Gegenmaßnahmen zu reagieren: Der Klimaschutz und die Anpassung an die Folgen des Klimawandels.
Im Sinne des Klimaschutzes sollen "[...] weitere anthropogene Klimaänderungen durch Verringerung von Treibhausgasemissionen vermieden und Erhalt oder Schaffung von Kohlenstoffsenken" erreicht werden (Bornefeld et al. 2006, S. 162). Ziel des Klimaschutzes ist es, durch raumbezogene Planungsentscheidungen eine günstige Raum- und Siedlungsstruktur zu erreichen. Mögliche Strategien sind hierbei die Verringerung des Flächenverbrauchs, die Verkehrsvermeidung, der Freiraumschutz oder andere spezifische Entwicklungen von CO2-freien oder -einsparenden Technologien. Der Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland, z. B. durch die finanzielle Förderung von Solarstrom, spielt in diesem Zusammenhang ebenfalls eine wichtige Rolle. Der Bereich des Klimaschutzes wird demnach häufig durch (inter)nationale politische Entscheidungen wie der Beschlussdes Kyoto-Protokolls oder einer klimafreundlichen Energiepolitik auf nationaler Ebene maßgeblich beeinflusst (vgl.Gehlen 2010, S. 34f.).
Die Anpassung an den Klimaschutz verfolgt den "[...] Schutz der Gesellschaft vor Klimawirkungen und die Verringerung der gesellschaftlichen Verwundbarkeit" (Fleischhauer et al. 2006, S. 162). In der politischen Diskussion standen in der Vergangenheit vermehrt Klimaschutzkonzepte im Vordergrund, die entsprechend gefördert und umgesetzt worden sind. Im Bereich der Klimaanpassung hingegen gibt es noch Nachholbedarf. Ein Problem ergibt sich daraus, dass bereits heute Anpassungsmaßnahmen initiiert werden müssen, die aber erst zukünftige Veränderungen betreffen und diesen entgegen wirken. Dennoch ist die Entwicklung von geeigneten Maßnahmen zur Adaption an den Klimawandel und an extreme Wetterereignisse ein unverzichtbarer Bestandteil nachhaltiger Entwicklung.
So entstehen besonders in Kernstädten und Agglomerationsräumen – bedingt durch höhere Temperaturen – sog. Hitzeinseln, denen man gezielt mit der Freihaltung von Flächen und dadurch resultierenden Frischluftschneisen städtebaulich entgegen wirken kann, um somit das Stadtklima positiv zu beeinflussen. Ebenso ist mit der Zunahme von Extremwetterlagen zu rechnen, sodass besonders der Hochwasserschutz als Anpassungsmöglichkeit an den Klimawandel an Aktualität gewinnt (vgl. PIK 2009, S. 247f. u. Fleischhauer et al. 2006, S. 165ff.).
Im Gegensatz zu städtischen Ballungsräumen sind kleine ländliche Kommunen in Deutschlandoft kaum auf die Herausforderungen des Klimawandels vorbereitet. Aus diesem Grund hat das Umweltministerium in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2008 beschlossen, den Wettbewerb "Aktion Klimaplus – NRW-Klimakommunen der Zukunft" ins leben zu rufen. Dabei gilt es, eine Modellkommune im ländlichen Raum zu fördern, die ihrerseits konkrete Maßnahmen und Strategien im Umgang mit dem Klimawandel entwickelt, und so wiederum anderen Kommunen als Vorbild dient. Quantitativ messbare Ergebnisse stehen weniger im Mittelpunkt, vielmehr geht es darum, den Klimaschutz und die Klimaanpassungsstrategien direkt in die Praxis zu übertragen.
Insgesamt bewarben sich für den Wettbewerb NRW-weit 59 ländliche Kommunen. Eine unabhängige Jury, u. a. aus Vertretern der Architekten- und der Handwerkskammer, der Verbraucherzentrale sowie des Städte- und Gemeindebundes, wählte anschließend hieraus fünf Kommunen für die Finalrunde aus. Aufgrund ihrer Kurzbewerbungen, die nach Kriterien wie Realisierbarkeit, innovativer Charakter und langfristige Ausrichtung bewertet wurden, konnten die westfälischen Städte und Gemeinden Burbach, Bocholt, Rheine, Saerbeck und Schmallenberg als Finalteilnehmer präsentiert werden. Diese hatten nun die Aufgabe, jeweils ein sog. Integriertes Klimaschutz- und Klimaanpassungskonzept (IKKK) zuentwickeln. Basierend auf diesen IKKK wurden die Kommunen Bocholt (Kreis Borken) und Saerbeck (Kreis Steinfurt, s. Beitrag Lievenbrück) als Sieger gekürt, die sich von nun an "NRW-Klimakommune der Zukunft" nennen dürfen (vgl. MUNLV 2008 u. Gehlen 2010, S. 41ff.).
Unter dem Leitbild "Energieautonomes und nachhaltiges Bocholt – Triebfeder für eine anpassungsfähige Region" sind die Klimaschutz- und Klimaanpassungsstrategien der Stadt zusammengefasst. Gemäß dem Leitbild will sich die Stadt Bocholt besonders in den Themenfeldern "energetische Gebäudesanierung" und "Nutzung erneuerbarer Energien im Gebäudebestand" engagieren, um der Abhängigkeit von fossilen Energie-Importen entgegen zu wirken. Außerdem stehen die CO2-Reduzierung durch den Ausbau einer klimafreundlichen Mobilität sowie die Umsetzung von Anpassungsmaßnahmen zum Schutz gegen Extremwetterereignisse an oberster Stelle. Durch bereits vorhandene Netzwerke sieht sich die Stadt Bocholt zudem als Vorbild für die LEADER-Region "Bocholter Aa" und kann auch Synergieeffekte für die 2016 stattfindende Regionale "ZukunftsLAND" im Westmünsterland erzielen und nutzen. Aufgrund der Analyse der vorhandenen Stärken und Schwächen wurden drei Leitprojekte, jeweils für ein Handlungsfeld, erarbeitet (vgl. Stadt Bocholt 2008, S. 1f.):
► Leitprojekt 1: "Blühendes Fildeken" – Perspektiven im Stadtteil:
Im Stadtteil Fildeken soll die energetische Sanierung des Wohngebäudebestandes und die Umsetzung neuer Instrumente als Vorbildcharakter für die gesamte Stadt erprobt werden. Mit der Erstellung eines integrierten Stadtentwicklungskonzeptes möchte die Kommune mit Aktivitäten zur energetischen Gebäudesanierung (inkl. Förderprogramm), Mustersanierungen und Haus-zu-Haus-Beratungen CO2 einsparen. Gleichzeitig ist es das Ziel, den Stadtteil städtebaulich und architektonisch aufzuwerten (vgl. Stadt Bocholt 2008, S. 37).
► Leitprojekt 2: "Vielfältige Fietse" – Nahmobilität für alle:
Die Stadt Bocholt baut vor allem auf ihren guten Ruf als Fahrradstadt auf. Aus diesem Grund ist der Ausbau des Radverkehrs für die Stadt ein wichtiger Bestandteil, denn die sog. Fietse, die Bocholter Bezeichnung für das Fahrrad, prägt seit Jahren die Stadt der kurzen Wege. Der Anteil der mit dem Rad zurückgelegten Wege soll von derzeit 30% auf 50% gesteigert werden. Dies lässt sich u. a. durch den Ausbau des Radverkehrswegenetzes erreichen. So hat NRW-Klimaschutzminister Johannes Remmel erst kürzlich im März 2011 den ersten Abschnitt eines neuen Schnellradweges eingeweiht und die erste Fahrradmesse in Bocholt im Rahmen der "Aktion Klimaplus" eröffnet (Abbn. 1 u. 2) (vgl. Stadt Bocholt 2008, S. 39).
Mit dieser zukunftsfähigen Nahmobilität soll weiterer CO2-Ausstoß verringert und die Einwohner zum klimafreundlichen Radfahren animiert werden.
► Leitprojekt 3: "Lebenswerter Stadtraum":
Dieses Leitprojekt befasst sich vor allem mit geeigneten Anpassungsmaßnahmen im Rahmen des Klimawandels, um die "Verwundbarkeit" gegenüber Klimafolgen zu reduzieren. So soll aufgrund zukünftig zu erwartender Starkregen- und Hochwasserereignisse eine Umstellung der Straßen- und Oberflächenentwässerung im privaten und öffentlichen Bereich stattfinden. Konkret wird eine Überarbeitung des Generalentwässerungsplans vorgenommen sowie der Einsatz von Hochbordsteinen in Gefahrenzonen anvisiert (vgl. Stadt Bocholt 2008, S. 41).
Die im Rahmen des Integrierten Klimaschutz- und Klimaanpassungskonzeptes aufgestellten Leitprojekte sind auch auf andere Kommunen übertragbar, denn die Themen "Energieeinsparung" sowie "CO2-Reduzierung durch Nutzung erneuerbarer Energien" sind gerade zum jetzigen Zeitpunkt in der Diskussion um die deutsche Energiepolitik aktueller denn je. Die NRW-Klimakommunen können und sollen für andere Städte als Vorbild dienen, aber letztlich ist eine individuelle Erarbeitung eines Integrierten Klimaschutz- und Klimaanpassungskonzeptes – auf Grundlage der jeweiligen städtischen Situation – für jede einzelne Kommune unabdingbar.
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Fleischhauer, M. et al. (2006): Klimawandel und Raumplanung. Ansatzpunkte der Raumordnung und Bauleitplanung für den Klimaschutz und die Anpassung an den Klimawandel. In: Raumforschung und Raumordnung, Heft 3. Bonn, S.161–171 |
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Gehlen, C. (2010): Umgang mit Klimawandel in der Stadt- und Gemeindeentwicklung. Integrierte Klimaschutz- und Klimaanpassungskonzepte in Städten und Gemeinden der ländlichen Räume. Dortmund (unveröffentlichte Diplomarbeit an der Fakultät Raumplanung der Technischen Universität Dortmund) |
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MUNLV Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz NRW (Hg.) (2008): Erstellung eines Integrierten Klimaschutz- und Klimaanpassungskonzeptes – Leitfaden. Düsseldorf (www.umwelt.nrw.de/klima/nrw_klimakommune/erstellung_klimakonzepte/index.php, abgerufen am 20.01.2011) |
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PIK Potsdam-Institut für Klimafolgeforschung (Hg.) (2009): Klimawandel in Nordrhein-Westfalen. Regionale Abschätzung der Anfälligkeit ausgewählter Sektoren. Potsdam (www.umwelt.nrw.de/umwelt/pdf/abschluss_pik_0904.pdf, abgerufen am 19.03.2011) |
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Stadt Bocholt (Hg.) (2008): Wettbewerb "Aktion Klimaplus" NRW Klimakommune der Zukunft. Integriertes Klimaschutz- und Klimaanpassungskonzept. Bocholt (www.bocholt.de/intabox/medienarchive/fb35/klimakommune_antrag_bocholt_komplett.pdf, abgerufen am 19.01.2011) |
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UN United Nations (Hg.) (2006): World Population Prospects. New York |
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www.umwelt.nrw.de/klima/nrw_klimakommune/aktion_klimaplus/index.php |
Erstveröffentlichung 2012