von Gerhard Henkel
Inhalt
Die Beschäftigung mit ländlichen Siedlungsformen hat nicht nur in der Geographie allgemein, sondern auch in Westfalen eine lange Tradition. Man denke nur an die Namen von Martiny und Müller-Wille, die mit ihren Arbeiten von den 1920er bis 1970er Jahren des letzten Jh.s Maßstäbe setzten, die bis heute Gültigkeit haben. So ist es nicht verwunderlich, dass die letzte große Erfassung der ländlichen Siedlungsformen in Westfalen den Bestand um 1950 darstellt (Abb. 1; vgl. auch Atlasblatt im Geographisch-landeskundlichen Atlas von Westfalen, 10. Lieferung, 2000).
Generell gilt Westfalen als "altbesiedelte" Landschaft, in der die "gewachsenen" Siedlungsformen gegenüber den "geplanten" (wie Straßen- oder Angerdorf) vorherrschen. Die eindeutig dominanten Siedlungstypen Westfalens sind Dorf, Weiler bzw. Drubbel (ländliche Gruppensiedlung von drei bis 15 Haus-/Hofstätten) und Einzelhof; deren regionale Verbreitung zeigt in ihrem Bestand um 1950 jeweils sehr geschlossene Gebiete: In den Börden zwischen Tiefland und Bergland und den Becken Ostwestfalens dominiert das kleine bis mittelgroße Haufendorf, nicht selten aber auch das Großdorf; Müller-Wille spricht deshalb vom "Börde"-Typ. In den Mittelgebirgsregionen des Sauer- und Siegerlandes findet sich der kleine und große Weiler, zum Westen hin häufiger von Einzelhöfen begleitet; Müller-Willes beschreibende Kategorisierung lautet hier: "Waldgebirge"-Typ. Im westfälischen Tiefland dominiert die Einzelhofsiedlung, durchsetzt von einzelnen Verdichtungen (meist der sog. Kirchspiele) in Form von Weilern, denen Müller-Wille im nordwestdeutschen Geestbereich die Bezeichnung Drubbel zugewiesen hat. Analog zum "Börde-" und "Waldgebirge"-Typ könnte man hier von "Tiefland"-Typ sprechen (Müller-Wille unterscheidet hier zwischen "Geest"- und "Klei"-Typ). Die Grenzlinien zwischen den einzelnen Verbreitungsgebieten sind oft sehr scharf, wie der Kartenausschnitt aus dem östlichen Hellwegbereich beweist (Abb. 2).
Generell sind die traditionellen Siedlungsformen und ihre Verbreitungsmuster in Westfalen bis heute erkennbar. Schon bei einer Autofahrt über die jeweiligen Grenzsäume wird die "Dreiteilung" des Landes in Dorf-, Weiler- und Einzelhoflandschaften deutlich. Aber dennoch lassen sich seit 1950 gravierende Wandlungsprozesse beobachten, von denen hier zwei wesentliche skizziert werden. Durch intensive Neubautätigkeit kam es vor allem im Wohnungsbau, aber vielerorts auch im Gewerbebau, zu Verdichtungen und Erweiterungen der tradierten Ortsbilder und -grundrisse (s. Beitrag Henkel). So sind im Tiefland wie im Bergland viele ehemalige Weiler kaum noch zu erkennen: sie sind vielfach durch Neubauten verdichtet worden und zu kleinen und mittelgroßen (bisweilen sogar zu großen) Dörfern herangewachsen. Aber auch in den Dorfgebieten Westfalens sind durch neue Wohnsiedlungen und Gewerbegebiete außerhalb der alten Dorfkerne wesentliche Erweiterungen der tradierten Siedlungsformen und -flächen entstanden. Besonders gravierend sind die Veränderungen im Umfeld größerer Städte wie Dortmund, Münster oder Paderborn: Hier haben sich ehemalige Weiler und Dörfer vielfach zu komplexen Siedlungskörpern in Kleinstadt- oder gar Mittelstadtgröße entwickelt, so dass die ursprüngliche Siedlungsform kaum noch erkennbar ist. Mehrteilige Siedlungsgrundrisse sind so zum Kennzeichen vieler ländlicher Siedlungen geworden. Eine zweite wichtige Veränderung seit 1950 betrifft vor allem die Dorflandschaften der westfälischen Börden und Ostwestfalens. Hier kam es seit 1955 bis etwa 1975 zu zahlreichen Aussiedlungen landwirtschaftlicher Betriebe, die das traditionelle Siedlungsbild der großen Dörfer mit ihren großen siedlungsfreien Gemarkungen nachhaltig verändert haben (Abb. 3). Diese aus Sicht der Landwirtschaft notwendige moderne "Besiedlung" der Feldflur führte sowohl zu Einzelhof- als auch zu Weilerstrukturen. Man kann hier in gewisser Weise von einer Wiederbesiedlung sprechen, da diese großen Gemarkungen bis zur spätmittelalterlichen Wüstungsperiode um 1400 in der Regel von mehreren Kleinsiedlungen besetzt waren.
Zwei Anmerkungen zum Schluss: Zu den Gründen der in Westfalen regional so markant ausgeprägten Siedlungsformen-Landschaften ist schon mancherlei ausgeführt worden, aber letztlich sind diese Fragen bis heute offen. Dass die Siedlungsformenforschung in Westfalen und generell in Deutschland seit etwa dreißig Jahren kaum noch gepflegt wird, wird zunehmend nicht nur in der Wissenschaft als ein Nachteil empfunden: Zum einen wird im Rahmen der erhaltenden Dorferneuerung der überlieferte Ortsgrundriss nicht selten als Entwicklungsperspektive genutzt, zum anderen versuchen die Freilichtmuseen (wie z.B. in Detmold) mehr und mehr, ganze Siedlungstypen grundrissgetreu darzustellen.
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Gläßer, E. (2000): Ländliche Siedlungsformen um 1950. In: Geographische Kommission für Westfalen (Hg.): Geographisch-landeskundlicher Atlas von Westfalen, 10. Lieferung. Münster |
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Henkel, G. (1991): Zur Verdichtung des dörflichen Siedlungsraumes der Paderborner Hochfläche vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. In: Mayr, A. und K. Temlitz (Hg.): Spieker, Nr. 35. Münster, S. 183-200 |
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Henkel, G. (2004): Der Ländliche Raum. Gegenwart und Wandlungsprozesse seit dem 19. Jahrhundert in Deutschland. 4. Aufl. Berlin/Stuttgart |
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Müller-Wille, W. (1977): Westfalen und Niederdeutschland. In: Geographische Kommission für Westfalen (Hg.): Spieker, Nr. 25. 2 Bände. Münster |
Erstveröffentlichung 2007
