Bronzezeit und vorrömische Eisenzeit in Westfalen

von Kai Niederhöfer

 

Wenn ab ca. 2.200 v. Chr. von der Bronzezeit gesprochen wird, handelt es sich dabei nicht um einen kulturellen Neubeginn, sondern um eine Entwicklung, ist doch bereits seit dem Jungneolithikum z. B. Schmuck aus Kupfer bekannt, der als Beigabe vereinzelt in Gräber gelangte. In Mittel- und Nordeuropa wurden seit dem Endneolithikum Dolche und Äxte aus Metall in Stein nachgeahmt. Für Westfalen spricht man mangels früher Metallfunde erst ab ca. 1.900 v. Chr. von der Bronzezeit.

Bis auf wenige Hausgrundrisse in Bocholt, Rhede (beide Kr. Borken) und Telgte (Kr. Warendorf) sind kaum frühbronzezeitliche Hausgrundrisse in Westfalen bekannt und Bronzefunde aus Siedlungen äußerst selten. Ursache ist der Wert des Metalls. Die Rohstoffe zur Herstellung von Bronze kommen in Westfalen nicht natürlich vor und mussten importiert, ihr Gegenwert in Naturalien erwirtschaftet werden.

Eine Besonderheit des frühbronzezeitlichen Siedlungswesens in Westfalen ist die Wallburg auf dem Schweinskopf bei Tecklenburg-Brochterbeck (Kr. Steinfurt). Im 17. Jh. v. Chr. wurde sie auf einem Bergsporn errichtet, vermutlich um einen Passübergang des Teutoburger Waldes zu kontrollieren. Als bisher singuläre Anlage in Westfalen ist sie Indikator für eine Machtkonzentration in der frühen Bronzezeit. Zu ihrer Errichtung war ein funktionierendes Gemeinwesen mit hierarchischen Strukturen notwendig.
Beigaben aus einem Männergrab der mittleren Bronzezeit aus Petershagen-Döhren Abb. 1: Beigaben aus einem Männergrab (Sögel-Wohlde-Kreis) der mittleren Bronzezeit aus Petershagen-Döhren (Kr. Minden-Lübbecke) (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen)

Die Hauptquellen für die Bronzezeit Westfalens sind die Gräber. In der frühen Bronzezeit wurden offenbar nur Angehörige einer Oberschicht individuell unter monumentalen Grabhügeln bestattet. Die Toten wurden in seitlicher Hockerlage niedergelegt, ohne Bronzebeigaben, jedoch mit Äxten und Dolchen aus Stein, die häufig den Bronzegeräten nachempfunden waren.

In der mittleren Bronzezeit bestattete man die Toten weiterhin unter Grabhügeln, nun allerdings in gestreckter Rückenlage mit Beigaben aus Bronze, häufig Schwerter der Typen Sögel und Wohlde, kombiniert mit Lanze oder Beil (Abb. 1). Der Grabbezirk wurde durch Pfostenkränze, Steinkreise o. ä. abgegrenzt. Die Verbreitung dieser Männergräber des so genannten Sögel-Wohlde-Kreises beschränkt sich auf Ostwestfalen und Lippe, ebenso wie die etwas jüngeren Frauenbestattungen mit Schmuckbeigaben, meistens Doppelradnadeln. Eine Besonderheit in Westfalen sind Brandbestattungen unter den Grabhügeln, in denen z. T. sogar Holzsärge oder aus Eichenbohlen gezimmerte "Totenhütten" mit verbrannt wurden (Paderborner Gruppe). Dadurch setzen sie sich von der üblichen Bestattungsweise in Körpergräbern der Hügelgräberbronzezeit im umliegenden Nordhessen und Niedersachsen ab.

Rekonstruktionszeichnung des jungbronzezeitlichen Friedhofs von Nordrheda Abb. 2: Rekonstruktionszeichnung des jungbronzezeitlichen Friedhofs von Nordrheda (Kr. Gütersloh) mit den charakteristischen "Schlüssellochgräben" um die Grabhügel (Zeichnung: LWL-Archäologie für Westfalen)

Erst ab der jüngeren Bronzezeit finden sich größere Gräberfelder, auf denen die Toten grundsätzlich verbrannt bestattet wurden, so z. B. ab 1.200 v. Chr. in Warendorf-Neuwarendorf mit über 3.000 Gräbern. Der Leichenbrand (ca. 1,6-2,0 kg/Erwachsener) wurde aus der Asche ausgelesen, gewaschen und in einem Tongefäß als Urne (Urnengrab) oder einem Beutel oder Tuch (Leichenbrandnest) beigesetzt. Zusätzlich wurden die Urnen häufig mit einem Stein oder einer umgedrehten Schale abgedeckt und mit Beigaben (Gefäße mit Speisen, bronzene Pinzetten und Rasiermesser) ausgestattet. Die Gräber wurden durch Hügel mit Kreis- oder Schlüssellochgräben gekennzeichnet (Abb. 2). Letztere sind gerade für Westfalen und das südwestliche Niedersachsen (Ems-Gruppe) charakteristisch. Eine außergewöhnliche Beigabe stammt aus einem Kindergrab in Rheda-Wiedenbrück (Kr. Gütersloh). Es handelt sich um ein verziertes, vermutlich aus Sachsen-Anhalt importiertes kostbares Bronzebecken, das die Zugehörigkeit zu einer Oberschicht anzeigt, ebenso wie eine reich verzierte Bronzeamphore aus Gevelinghausen (Hochsauerlandkreis) aus dem 8. Jh. v. Chr., die als Urne diente, ursprünglich aber ein Kultgefäß war (Abb. 3).

Weitere Metallfunde stammen aus Horten, die als Rohstoff- oder Warenlager, Schatzverstecke oder als Opfergaben gedeutet werden (letzteres vor allem bei Gewässer- oder Moorfunden). Ein großer Teil dieser Deponierungen entzieht sich einer sicheren Deutung, es fällt aber auf, dass es sich häufig um wertvolle importierte Stücke handelt. An diesen wird deutlich, dass man in Westfalen wirtschaftlich in der Lage war, sich diese Gegenstände trotz Rohstoffmangels zu besorgen. Wogegen sie getauscht wurden, lässt sich im Einzelnen kaum erschließen. Lediglich ein "Handelsplatz" in Dortmund ist aus dieser Zeit bekannt, an dem wohl Getreide und Eicheln für Handelszwecke aufbereitet worden sind.

Bronzeamphore aus Gevelinghausen, 9./8. Jh. v. Chr. Abb. 3: Bronzeamphore aus Gevelinghausen (Hochsauerlandkr.), 9./8. Jh. v. Chr., Höhe: 36,2 cm (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen)

Mit der Kenntnis der Eisentechnologie ab ca. 750 v. Chr. verbesserte sich die Rohstoffversorgung deutlich. Man spricht daher von der vorrömischen Eisenzeit. Eisenerz steht fast überall in verschiedenen Formen an, und die notwendige Holzkohle konnte vor Ort vermeilert werden. In aus Lehm aufgebauten Öfen wurde im Rennfeuerverfahren das Roheisenerz von der Schlacke getrennt. Das bislang kaum besiedelte Siegerland war ab ca. 500 v. Chr. auf Erzabbau und dessen Weiterverarbeitung regelrecht spezialisiert (s. Beitrag Eichenauer). Eisen wurde als schwertförmige Barren, Tüllenmeißel, Tüllenbeile und Pflugscharen vertrieben. Der Großteil siegerländischen Eisens ging in keltische Gebiete (in die Wetterau und an den Rhein), mit deren Niedergang kurz vor Chr. Geb. auch die Nachfrage nach Eisen zusammenbrach.

Ein weiteres Handelsgut war Salz. Am Hellweg und am Südfuß des Teutoburger Waldes verläuft ein Streifen mit Salzquellen, deren Nutzung schon seit dem 6. Jh. v. Chr. (zumindest in Werl, Kr. Soest) vermutet wird (s. Beitrag Harnischmacher).

Auch in der Landwirtschaft konnten Überschüsse produziert werden, so dass die gängige Vorstellung einer Gesellschaft aus Selbstversorgern, wie sie die Siedlungsplätze in Westfalen mit Keramik geringer Qualität und kaum Metallobjekten suggerieren, vielleicht unzutreffend ist. Auf einem Siedlungsplatz in Nordrheda (Kr. Gütersloh) wurde eine große Zahl Speicherbauten entdeckt, die für eine solche Überproduktion sprechen könnte. Häufig finden sich auch importierte Drehmühlen aus Mayener Basalt, die in spezialisierten Werkstätten hergestellt wurden. Der Import dieser schweren Drehmühlen wirft ein weiteres Licht auf die logistischen Fähigkeiten in der vorrömischen Eisenzeit.

Vor allem im 3./2. Jh. v. Chr. wurden in Westfalen zahlreiche Höhensiedlungen befestigt. Man hat sie häufig als Fluchtburgen angesehen, mittlerweile gibt es aber auch Spuren dauerhafter Besiedlung, z. B. aus der Wittekindsburg an der Porta Westfalica oder der Babilonie bei Blasheim (beide Kr. Minden-Lübbecke). In Ostwestfalen und Lippe gibt es ca. 30 solcher Wallburgen, die mit Holz-Erde-Mauern oder Pfostenschlitzmauern befestigt waren.

Auch aus der Eisenzeit stammen zahlreiche Hort- und Opferfunde, z. B. aus den Höhlen des Sauerlandes, wie der Balver Höhle (Märkischer Kreis) oder dem "Hohlen Stein" bei Kallenhardt (Kr. Soest) oder Gewässer- und Mooropferplätze wie in Hille-Unterlübbe (Kr. Minden-Lübbecke), Nieheim-Sommersell (Kr. Höxter) und vermutlich auch Soest-Ardey.

Die Sitte der Totenverbrennung wurde in der Eisenzeit fortgeführt. Daher sind Grabbeigaben meistens schlecht erhalten. Eine Ausnahme ist der Friedhof Petershagen-Ilse (Kr. Minden-Lübbecke). Dort wurden fast nur Frauen, allesamt unverbrannt, bestattet. Anhand ihrer Tracht und durch Strontium-Isotopen-Analysen steht fest, dass sie nicht aus Westfalen, sondern aus Südwestdeutschland, dem Elsass oder der Schweiz stammen und um 550 v. Chr. hier bestattet wurden. Im südlichen Westfalen vollzog sich um 300 v. Chr. ein grundlegender Wandel der Bestattungssitten. Es steht nicht mehr das Urnengrab im Mittelpunkt, sondern der Bestattungsvorgang, also der Verbrennungsprozess selbst. Die Grabgrube diente fortan dazu, die Reste des Scheiterhaufens zu entsorgen. Man spricht von Brandgrubengräbern. Trotz der scheinbaren Sorglosigkeit, mit der die Toten verscharrt wurden, finden sich immer wieder "schöne" Beigaben, z. B. Fibeln, geschmolzene Glasperlen oder Schmuckgarnituren, wie z. B. aus Milte (Kr. Warendorf). Im letzten vorchristlichen Jh. zeigt sich in den Gräbern von Petershagen-Lahde (Kr. Minden-Lübbecke) ein elbgermanischer Einfluss, der einen gewissen Druck von Ost nach West widerspiegelt und letztlich Kaiser Augustus dazu bewog, Legionen vom Rhein aus ostwärts nach Germanien zu entsenden. Mit den in den antiken Schriftquellen überlieferten Militäroperationen der römischen Kaiserzeit beginnt in Westfalen die Frühgeschichte, wenngleich "einheimische" Schriftquellen bis zum Mittelalter noch fehlen.

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Weiterführende Literatur/Quellen

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Erstveröffentlichung 2008