von Andreas Weber
Dortmund hat als Messestandort in Westfalen eine lange Tradition. Schon im Vorgängerbau der heutigen Westfalenhalle 1 fanden seit 1927 große Verbraucherausstellungen und Fachmessen statt. Dazu zählten die "Westfälischen Gastwirtsmessen", die "Westfalenschauen", die "Westfälisch-Lippische Handwerks- und Gewerbeschau" sowie "Westdeutsche Büroausstellungen". Die Westfalenmetropole bot sich auch nach dem Krieg und mit Eröffnung der neuen Westfalenhalle als Messeplatz geradezu an. Schließlich war Dortmund eine aufstrebende Industriestadt mit hohem Wirtschaftswachstum.
"Blumenparadies" hieß die Gartenausstellung, die die Westfalenhalle von 1952 bis 1960 buchstäblich erblühen ließ. "Die Frau und ihre Welt" nannte sich 1954 eine Ausstellung, die das damalige Verständnis von der Rolle der Frau widerspiegelte. Die von den Ausstellern angepriesenen Produkte rankten sich um die Themen Küche, Haushalt und Körperpflege. Die Nierentischkultur der Fünfzigerjahre mit Musiktruhe und Gummibaum stand im Blickpunkt der Ausstellung "Wohne und lebe zeitgemäß", die 1956 und 1958 in der Westfalenhalle stattfand. Beide Verbraucherausstellungen lockten jeweils rund 80000 Besucher.
Zu den ersten Fachausstellungen am Messeplatz Dortmund gehörten die "Fachausstellung für das Bäckereihandwerk" (1954), die "Bundesfachschau für das Tankstellen- und Garagengewerbe" (1955) und, anknüpfend an die Gastwirtsmessen der Vorkriegszeit, die "Landesfachschau für das Hotel- und Gaststättengewerbe" (1952/57/60).
Anfang der Sechzigerjahre hatten sich die räumlichen Voraussetzungen für das Messegeschäft deutlich verbessert. Mit Fertigstellung der Westfalenhallen 2, 3 und 4 vergrößerte sich die Ausstellungsfläche auf rund 20000 m2. Das neue Hotel Westfalenhalle, eröffnet 1959, bot Ausstellern und Besuchern Übernachtungsmöglichkeiten nur wenige Meter vom Messegeschehen entfernt.
Wenige Jahre später gelang ein bis dato herausragender Erfolg. Aus der Lehrmittel-Ausstellung "Schule Gestern-Heute-Morgen", die 1960 Premiere hatte, wurde 1967 die "Interschul". Es war zum damaligen Zeitpunkt die einzige bundesweite Bildungsmesse. Mit 140000 Besuchern markierte die Interschul einen Besucherrekord für Fachausstellungen in den Westfalenhallen. Aus dem begleitenden wissenschaftlichen Tagungsprogramm entwickelte sich ein europäisches Forum für pädagogische Fragen, das Anstöße für eine Reform des deutschen Bildungssystems gab.
1972 startete der "Dortmunder Herbst" (Frau-Heim-Hobby), der dem Konzept der regionalen Verbraucherausstellung folgte und zur erfolgreichsten Messe überhaupt in den Westfalenhallen werden sollte. 1973 übernahm die Westfalenhalle GmbH die Durchführung der Fachschau "Elektrotechnik", die 1969 vom Elektrohandwerk im Reinoldisaal der Handwerkskammer Dortmund begründet worden war und sich später zur Fachmesse entwickelte. 1975 folgten als weitere neue Fachausstellungen die "Raumausstattung" und 1978 die "Inter-tabac". Die Messeleitung konnte auch im wachsenden Freizeitbereich Marktnischen besetzen. Die "HobbyTronic Computerschau" (1978) und die "Intermodellbau" (1979) waren völlig neue Ausstellungen, die mit fast 10000 Besuchern täglich schon zum Auftakt beachtliche Erfolge erzielten.
Im Rückblick gehen die Siebzigerjahre als Jahrzehnt des Aufbruchs in die Messegeschichte der Westfalenhallen ein. Steigende Aussteller- und Besucherzahlen führten in den Achtzigerjahren zu einem Wettlauf zwischen den Wachstumsraten der Ausstellungen und dem Wachstum der Ausstellungsfläche. 1985 war die neue Halle 6 fertig, die das Angebot an Ausstellungsfläche um 7000 m2 erweiterte. Gleichzeitig entstand zwischen den Hallen 4 und 5 mit dem "Messezentrum" ein neuer, repräsentativer Eingangsbereich.
1981 hatte die "Creativa", Ausstellung für kreatives Gestalten, Premiere. 1982 versammelte die Ausstellung "Jagd & Hund" erstmals Jäger und Angler in den Westfalenhallen. Im Frühjahr 1985 startete die Messe "Motorräder" und entwickelte sich zur führenden deutschen Ausstellung für die Branche und die Motorradfans.
Weil sich auch die meisten etablierten Messen positiv entwickelten, stellte sich drei Jahre nach Eröffnung der Halle 6 erneut die Frage nach einer Kapazitätserweiterung. 1988 erfolgte der Beschluss, Halle 7 zu bauen. Die neue Halle mit 6500 m2 Ausstellungsfläche entstand in weniger als zehn Monaten Bauzeit.
Das Jahr 1990 stellte alles bisher Dagewesene in den Schatten. Die Westfalenhallen veranstalteten 21 Messen selbst und beherbergten acht weitere als Gastausstellungen, bei denen die Hallen an externe Messeveranstalter vermietet wurden. Mit den "Westdeutschen Mineralientagen" gab es wieder einmal eine Ausstellungspremiere. Das Messeprogramm war jetzt so dicht, dass sich die Ausstellungen im Terminkalender der Halle regelrecht drängten.
Die Verantwortlichen verfolgten das in den Siebzigerjahren entwickelte Konzept der Regionalmessen konsequent weiter. Dortmund hatte sich neben den großen Messestädten in einer Marktnische positioniert und war gefragter Standort für:
![]() |
Messen und Fachausstellungen für Fachbesucher aus dem In- und Ausland, |
![]() |
Regionale Fachmessen für branchenbezogene Fachbesucher aus NRW und angrenzenden Gebieten, |
![]() |
Verbraucherausstellungen für eine breite Besucherschicht aus dem regionalen Einzugsgebiet sowie |
![]() |
"Special-Interest"-Ausstellungen für Hobby und Freizeit mit Besuchern aus dem In- und Ausland. |
Mehrere Trends beschleunigten den Erfolg dieses Konzepts. In einige Branchen erzielten die Aussteller auf den großen, meistens schwer überschaubaren internationalen Messen nicht immer den gewünschten Erfolg. Sie verlegten ihre Marketing-Strategie daher zunehmend darauf, auch auf regionalen Messen präsent zu sein. Umfassende Information auf überschaubarem Raum während eines Tagesbesuchs, kurze Wege und Parkplätze in ausreichender Zahl sind die Trumpfkarten, die der Messeplatz Dortmund vor diesem Hintergrund ausspielen konnte und kann.
Im März 1995 beschloss der Aufsichtsrat den Bau der Westfalenhalle 8. Im August 1996 war die Halle zur Messe "Raumausstattung" fertig. Im dichtgedrängten Messeprogramm war auch in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre noch Platz für Innovationen. Die Europäische Jugendmesse "You" sprach bei ihrer Premiere 1996 eine bisher vernachlässigte Zielgruppe an: die konsumfreudige und markenorientierte Jugend.
Das Konzept der Regionalmessen, die Vielfalt und Attraktivität des Ausstellungsprogramms, die Termindichte und die hohe Auslastung der Hallen ließen Dortmund endgültig zum vierten Messeplatz in NRW neben Köln, Düsseldorf und Essen aufrücken. 1997 geht als historisch in die Geschichte des Unternehmens ein, da erstmals mehr als eine Million Menschen die Ausstellungen besuchten.
Technischer Standard, Komfort und Flächenkapazität verbesserten sich nach 1996 nochmals. Die Hallen 2 und 3 erhielten repräsentative Eingangsbereiche. Vor dem Messezentrum entstand als Verbindung der Hallen 4 und 5 das neue, Anfang 1998 eröffnete Messeforum.
Jüngster Höhepunkt der Expansion war der Bau der Westfalenhalle 3B und, daran angebunden, eines repräsentativen Firmensitzes. Anfang März 2005 wurde die Westfalenhalle 3B in Betrieb genommen mit einem zentralen Verwaltungsgebäude an der Südseite. Sie umfasst eine Nutzfläche von rund 10000 m2 und hat die Flächenkapazität der Messe Westfalenhallen Dortmund um etwa 20 Prozent auf fast 60000 m2 erweitert.
Das Messegelände wird inzwischen, seit 2001, von einer eigenständigen Tochtergesellschaft im Unternehmensverbund Westfalenhallen vermarktet. Die Messe Westfalenhallen Dortmund GmbH erzielt den größten Anteil am Umsatz des gesamten Unternehmensverbundes von rund 41 Mio. Euro jährlich.
Zu den 51 Terminen in der Messe Westfalenhallen Dortmund kamen 2005 insgesamt 913220 Besucher. 12609 Aussteller nahmen teil. Die Gesamtfläche wurde 13,3 Mal umgeschlagen. Legt man nur die für Messen hauptsächlich genutzten Flächen in den Hallen 3B bis 8 zugrunde, steigt die Umschlaghäufigkeit sogar auf 15,7. Im bundesdeutschen Vergleich sind diese Zahlen überdurchschnittlich hoch.
Bewertet man den Weg des Messestandortes Dortmund von 1927 bis heute zusammenfassend, wird schnell klar: Mit der Messe Westfalenhallen Dortmund hat sich fürwahr über Jahrzehnte der Messeplatz in Westfalen etabliert.
Das aktuelle Messeprogramm im Internet: www.messe-dortmund.de (Link: "Messetermine")
Beitrag in der Buchversion ansehen/speichern (PDF-Datei; Größe: 2,3 MB)
![]() |
Westfalenhallen Dortmund GmbH (Hg.) (2000): Westfalenhallen Dortmund - Die Chronik. Dortmund |
Erstveröffentlichung 2007
