Rote Quellen im nordsauerländischen Mittelgebirge

von Reinhard Köhne

 

Abb. 1: Historischer Bergbau und rote Quellen im Sauerland

Eine Quelle spendet nach allgemeiner Erfahrung klares und frisches Wasser. Im nördlichen Sauerland fließen sog. rote Quellen versteckt in den Wäldern und können mit ihrer farblichen Trübung geologische Strukturen oder Prozesse des Grundgebirges widerspiegeln. Die hier vorhandenen Gesteinsschichten bestehen überwiegend aus Meeresablagerungen des Erdaltertums, die durch Hebung und Faltung vielfältig verlagert und gestört worden sind. Die oberkarbonischen (vor rd. 323–299 Mio. Jahren) Sand- und Ton­steine des Arnsberger Waldes mit ihrer unterschiedlichen Wasserwegsamkeit sowie der jährlich etwa 1.000 mm hohe Niederschlag begünstigen eine hohe Konzentration der Quellen, namentlich in den Quellmulden der Bäche, die der Ruhr (s. Beitrag Pohlmann) und der Möhne zufließen.

Exemplarisch werden im Folgenden drei dieser roten Quellen genauer betrachtet (Abb. 1).

Abb. 2: Suhle von Rot- und Schwarzwild bei Meschede-Enste (Foto: R. Köhne)

Bei Meschede lieben Wildtiere roten Lehm

Unweit des Holzlagerplatzes "Ens­ter Bahnhof" im Arnsberger Wald, nordöstlich von Meschede, nahe des Kulturdenkmals "Enster Hohlweg", lässt eine rostfarbene Färbung von Quellaus­tritten am Talanfang der Glasmecke (450 m ü. NHN) auf eine Anreicherung des hier vorhandenen schluffigen Lehms mit Eisen schließen. Die flachen Wannen werden vom Rot- und Schwarzwild bevorzugt als Suhlen zur Körperpflege gegen Parasiten und Verletzungen genutzt (Abb. 2). Das mit einer Temperatur von 6–8 °C austretende Grundwasser hält die Quelltöpfe im Winter schnee- und eisfrei und bietet somit auch Vögeln wie der Waldschnepfe ein Überlebensbiotop.

Die Sickerquellen werden von hochkonzentriertem "Eisenwasser" aus der Verwitterung von Pyrit (Schwefeleisen) in den Gebirgsspalten gespeist. Eine Abfahrt nach Osten aus dem tiefen Hohlweg lässt auf einen – wahrscheinlich spätmittelalterlichen – Abtransport des Eisenoxids zur Verhüttung schließen. Brauneisenstein wurde im Tagebau auch in kleineren "Nestern" innerhalb der Arnsberger Sandsteine abgebaut.

Abb. 3: Eisenoxid-Ablagerungen in der Romecke (Foto: R. Köhne)

Bei Rüthen wurde Grünstein zu Brauneisenstein

Der Haarstrang bei Rüthen-Knebling­hausen bildet eine markante Landschaftsgrenze zwischen der Westfälischen Bucht und dem Südergebirge. Die marinen Schichtenfolgen der westfälischen Kreidemulde fallen flach Richtung Norden ein, und die etwa acht Meter mächtige Deckschicht besteht südwestlich von Rüthen-Kneblinghausen aus blau-grünem Kalksandstein, dessen Farbton auf Glaukonit (Kaliumeisen­alumosilikat) beruht. Grünerde wurde ursprünglich im Kreidemeer zu kleinen Körnern verfestigt und dann oberflächennah in dem porösen Sandstein durch Sickerwässer zu sog. Brauneisenstein umgewandelt – diese Eigenschaft führt übrigens bei einigen Werksteinen an Bauten zu Problemen, da unter Umwelteinflüssen der Brauneisenstein den Grünsandstein sprengt. Durch den mehrfachen Wechsel von durchlässigem Grünsandstein und stauendem Mergelstein kommt es zur Anreicherung von schmalen Bändern aus Brauneisenstein, aus denen Eisenoxid ausgewaschen wird. Dies führt dazu, dass die rote Auslaufquelle an der Stufenfront (390 m ü. NHN) im Flurteil "Burggraben" eingefärbt wird. Der feine Eisenschlamm wird in den Kolken der Romecke im unteren Hangbereich abgelagert (Abb. 3) – und wurde in früheren Zeiten ebenfalls wirtschaftlich genutzt. Im Flurteil "Kirschbäumchen" (ca. 500 m westlich des Römerlagers Kneblinghausen) etwa wurde in einem 300 m langen Pingenzug oberflächennah Brauneisenstein abgebaut.

Abb. 4: Antimon-Stollen bei Bestwig-Nuttlar (Foto: R. Köhne)

Die "Haldenquelle" bei Bestwig-Nuttlar

Etwa 2,5 km nördlich von Bestwig-Nuttlar, in einem Längstal des Arnsberger Waldes, das von der Eidmecke entwässert wird, erstreckt sich über 400 m hangaufwärts ein Grubenfeld mit Schachtpingen, Halden und Stollen (Abb. 4). In den Spalten der oberkarbonischen Arnsberger Schichten ist hydrothermal Antimoniterz (Antimonitsulfid) eingelagert worden, das zuletzt bis 1874 in der Grube "Paßauf" gewonnen wurde. Das bleigraue Antimon, auch "Spießglanz" genannt, wurde in der mittelalterlichen Alchemie und Verhüttung zur Goldreinigung und Härtung in Metalllegierungen mit Zinn, Blei und Kupfer genutzt. Am Hangfuß lässt eine 6 m hohe, sichelförmige Halde auf einen verstürzten Stollen schließen, dessen rötliches Grubenwasser in Sekundärquellen – also anthropogen beeinfluss­ten Quellen – an der vorgelagerten Halde (im Flurteil "Wiemecke") austritt. Antimonitmineralien werden durch Sickerwässer in Antimon-Oker umgewandelt.

Abb. 5: Roterden am "Rotloh" bei Sundern-Gehren (Foto: R. Köhne)

Wirtschaftliche Bedeutung der Quellen in der Vergangenheit

Die mineralischen Pigmente der roten Quellen dienten schon in der Jungsteinzeit zur Gewinnung von Erdfarben zur Körperbemalung. In der römischen Kaiserzeit überzog der rote Feinschlamm als Engobe (Flüssigglasur) Keramikprodukte (z.B. das Tafelgeschirr "Terra Sigillata").

In der jüngeren Vergangenheit war die Gewinnung von mineralischen Pigmenten beim Bergbau angesiedelt. Der kurfürstliche Bergmeister Frantze aus Meschede berichtete 1679 über Versuche mit mineralischen Erdfarben mit roter Farbe bei Brilon-Thülen und am Eisenberg bei Marsberg-Giershagen (s. Beitrag Köhne). Davor bereits lieferten die roten Quellen den mit der Lagerstättenprospektion beauftragten "Walen" oder "Venetianern" Hinweise auf Erzvorkommen im Untergrund. Diese mittelalterlichen "Schatzsucher" der oberitalienischen Glas- und Mosaikindustrie sind schriftlichen Quellen nach zwischen 1480 und 1570 schon im Ostharz auf der Suche nach Mangan in Erscheinung getreten. Im Sauerland sind ihre Aktivitäten allerdings nur in dem Namen "Venetianerstollen" in Ramsbeck und Marsberg überliefert.

Die magische Rotfärbung hat sich hierzulande auch in einigen Flurnamen niedergeschlagen. Roterden waren namensgebend z.B. in den historischen Grubenfeldern am "Rotloh" bei Sundern-Gehren (Abb. 5), und von einem ertragreichen Kleinrevier am Baukloh bei Sundern-Kloster Brunnen ist die Bezeichnung "Rosengarten" im 19. Jh. belegt.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2018