
von Reiner Feldmann
Die Verbreitungsgebiete der Tierarten sind nicht konstant. Ihre Ausdehnung und ihr Grenzverlauf verändern sich, und das hat Auswirkungen auf den Artenbestand einer regionalen Fauna, auf die Artenzahl und auf die Artenvielfalt. Dynamik ist ein Wesensmerkmal aller Lebensäußerungen. Überall dort, wo der Mensch als überlegener Partner der frei lebenden Organismen die Hand im Spiel hat - und das ist in allen Ökosystemen unserer Kulturlandschaft der Fall -, wird dieser Wandel über das natürliche Maß hinaus noch beschleunigt und verstärkt.
In der Öffentlichkeit finden vor allem der Rückgang und das Verschwinden einer Art Beachtung. Diesem Vorgang liegen die Rückverlegung einer Arealgrenze und die Schrumpfung des entsprechenden Verbreitungsgebietes zugrunde. In der Artenbilanz einer Region ist das als Verlust zu buchen. Auf der positiven Seite dieser Bilanz stehen demgegenüber expandierende Arten, die im Verlauf einer Arealerweiterung bisher unbesiedelte Räume erreichen. Gleichfalls als quantitativer Zugewinn ist zu verbuchen, wenn der Mensch - geplant oder auch unbeabsichtigt - gebietsfremde Tierarten einführt, denen es gelingt, sich dauerhaft anzusiedeln.
Um diese beiden letztgenannten Fallgruppen geht es hier. Sie sind grundverschieden und sollten daher auch begrifflich klar getrennt werden. Zur Verdeutlichung seien vorweg Beispiele von Brutvögeln genannt, die in den letzten Jahrzehnten in Westfalen dauerhaft ansässig geworden sind: Girlitz (in Westfalen seit 1886), Tafelente (1933), Wacholderdrossel (1944), Türkentaube (1947), Reiherente (1963), Birkenzeisig (1975), Beutelmeise (1983). Diese Arten haben auf natürliche Weise ihr Areal ausgeweitet und sich ohne erkennbares Hinzutun des Menschen aus eigener Kraft in unserem Raum angesiedelt. Sie werden im folgenden als "Einwanderer" bezeichnet.
Die Rosskastanien-Miniermotte, Cameraria ohridella, wurde erst 1985 in Mazedonien entdeckt (Abb. 2). Bereits 1989 wurde sie in Österreich, 1993 in Deutschland nachgewiesen. In einem beispiellos rasch verlaufenden Expansionsprozess eroberte der winzige Falter das gesamte Mitteleuropa. 1998 wurden im Sauerland erste befallene Kastanienbäume registriert, schon im Jahr 2000 kam es zum Massenbefall, und seither beschäftigt der Parasit das öffentliche Interesse, denn das Schadbild (Miniergänge der Raupen) und der vorzeitige Laubfall schon im Juli sind unübersehbar. Als einzige Abhilfe gilt z. Zt. die Laubbeseitigung im Herbst.
Als weitere Beispiele spontaner Einwanderer seien hier genannt: die schwarzrote Streifenwanze, Graphosoma lineata, die Gallische Feldwespe, Polistes dominula, sowie ein echter Weinbergbewohner, die Bodenwanze Horvathiolus superbus. Es handelt sich dabei um thermophile Tierarten, die, so vermuten wir, in der Folge der Wärmejahre der letzten zweieinhalb Jahrzehnte bei uns erschienen sind (Bußmann & Feldmann 2001).
Unter den Neozoen findet besonders die Rhododendron-Zikade, Graphocephala fennahi, Beachtung, weil sie inzwischen auf nahezu allen Friedhöfen, in Parks und größeren Gärten auf Rhododendren lebt (Abb. 3). Sie stammt aus Nordamerika, wurde 1930 nach England eingeschleppt und tauchte 1978 erstmals am Niederrhein und schon 1983 im Rombergpark in Dortmund auf. Sie zapft die Saftleitungen ihrer Wirtpflanzen an, ohne die Sträucher erkennbar zu schädigen. Die gefürchtete Knospenfäule geht auf eine Pilzinfektion zurück, die aber möglicherweise durch den Zikadenstich begünstigt wird.
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Bußmann, M. und R. Feldmann (2001): Tiere des Südens wandern in Westfalen ein - Zeugen oder Vorboten des Klimawandels? In: Geographische Kommission für Westfalen (Hg.): GeKo Aktuell, Heft 1/2001. Münster, S. 7-13 |
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Bußmann, M., R. Feldmann, H.-O. Rehage und H. Terlutter (2002): Die Rosskastanien-Miniermotte Cameraria ohridella Deschka & Dimic 1986 (Lepidoptera: Gracillariidae) in Westfalen: Einwanderung, Ausbreitung und Bestand. In: Natur und Heimat, Nr. 62 (2). o. O., S. 33-39 |
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Feldmann, R. (1988): Neubürger in der Wirbeltierfauna Westfalens. In: Natur- und Landschaftskunde. o. O., S. 79-86 |
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Feldmann, R. (2004): Die Einwanderung der Neuseeländischen Deckelschnecke, Potamopyrgus antipodarum (Gray, 1843), in Gewässern des Ruhrtals. In: Natur und Heimat, Nr. 64 (4). o. O., S. 113-120 |
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Feldmann, R. und M. Bußmann (1993): Die Ausbreitung der Rhododendron-Zikade (Graphocephala fennahi Young) im Sauerland und im Hellwegraum. In: Natur und Heimat, Nr. 53 (3). o. O., S. 93-98 |
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Kinzelbach, R. (1996): Die Neozoen. In: Gebhardt, H. et al. (Hg.): Gebietsfremde Tierarten. Landsberg, S. 6-14 |
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Kordges, T. und A. Kronshage (1997): Zur Verbreitung der Wespenspinne (Argiope bruennichi) in Westfalen (Arachnida: Araneae). In: Natur und Heimat, Nr. 55 (3). o. O., S. 71-78 |
Erstveröffentlichung 2007