von Peter Wittkampf
Strukturen und Entwicklungen in der räumlichen Wirklichkeit sind das ureigene Erkenntnisziel der Erdkunde und speziell auch im schulischen Erdkundeunterricht. Gerade im Erdkundeunterricht darf es jedoch bei der Vermittlung der Voraussetzungen, Tendenzen, Chancen und Probleme, die im Zusammenhang mit den räumlichen Strukturen und Prozessen relevant sind, nicht nur um räumlich ferne Natur-, Kultur- und Gesellschaftsphänomene gehen, sondern die Schülerinnen und Schüler sollen ausdrücklich auch die entsprechenden Realitäten des Nahraums kennen und verstehen lernen.
Es sind im Wesentlichen vier Gründe, die generell die Thematisierung des Heimatraumes und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Nahraum für Heranwachsende als besonders wichtig erscheinen lassen:
| 1 | Eine "regionale Identifikation" ist wichtig für eine geordnete Entwicklung der Persönlichkeitsstruktur. Dies wird von Entwicklungspsychologen zunehmend erkannt und betont. Gerade in einer Zeit, in der andere Identifikationsebenen, z. B. die Kirche oder die Familie, ihre früher wirksamen Sozialbindungskräfte mehr und mehr verlieren, sollte die Möglichkeit der regionalen Identifikation für die Jugendlichen gefördert werden. |
| 2 | Ein Hineinwachsen in die kulturelle Tradition ist wichtig für das menschliche Miteinander auf regionaler, nationaler und auch internationaler bzw. interkultureller Ebene. Die Teilhabe an der eigenen - vor allem auch im eigenen, regionalen Umfeld über längere Zeiträume gewachsenen - Kultur macht die Jugendlichen fähig, Werte zu bedenken, Positionen zu prüfen, Tragfähiges zu erkennen sowie Gruppen und Generationen Verbindendes zu fördern. Auch ein sinnvoller Dialog mit Vertretern anderer Kulturkreise ist nur möglich, wenn man die Merkmale und Besonderheiten des eigenen Kulturkreises kennt. |
| 3 | Die Jugendlichen sollen zu mündigen Bürgern erzogen werden und heranwachsen. Eine Mitwirkungsmöglichkeit an Entscheidungsprozessen ist am ehesten im eigenen räumlichen Lebensumfeld möglich. Hierzu ist es aber wichtig, dieses eigene räumliche Lebensumfeld auch wirklich zu kennen. |
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Das "Denken in vernetzten Systemen" wird in der immer komplexer werdenden Welt zunehmend wichtiger. Eindimensionale, singuläre, vordergründige Darstellungen werden der vielfältig vernetzten Struktur der sozial- und wirtschaftsräumlichen, politischen, sozialpsychologischen oder ökologischen Umwelt nicht (mehr) gerecht. Um diese strukturelle Komplexität zu begreifen, eignet sich der Nahraum für die Heranwachsenden weitaus besser als ein bestimmter Filmbeitrag oder ein einzelnes Lehrbuchkapitel über fernere Räume. Im eigenen Nahraum erlebt der Jugendliche tatsächlich und jeden Tag (durch die Presse, durch eigenes Erleben, durch Gespräche usw.) mit, in welch vielschichtigen Kausalketten eine Werksschließung, ein Straßenbauprojekt, Zu- oder Abwanderungen bestimmter Personengruppen oder die Rentabilität von Freizeiteinrichtungen usw. zu sehen und zu beurteilen sind. |
Der Schulunterricht tut also gut daran, auf der Basis dieser Grunderkenntnisse denjenigen Strukturen und Prozessen besondere Aufmerksamkeit zu widmen, die den Nahraum unserer Schülerinnen und Schüler und ihre konkreten räumlichen Lebensbedingungen prägen. Diese nahräumlichen Strukturen und Prozesse können und sollten ein Ausgangspunkt für eine vertiefende Auseinandersetzung mit weiteren Fragestellungen sein. Dabei ermittelt und nutzt die Schule, so sagen es z. B. die generellen Richtlinien für die Sekundarstufe I des Gymnasiums in Nordrhein-Westfalen, die spezifischen Erfahrungsmöglichkeiten, die (...) der Heimatraum mit seiner geographischen wie infrastrukturellen Ausstattung und seinen kulturellen Traditionen bietet (Richtlinien Sek. I, S. 26).
Der bisherige Lehrplan Erdkunde (Gymnasium Nordrhein-Westfalen, Sekundarstufe I) knüpft an diese allgemeinen Zielformulierungen an. Auch er weist bei der Formulierung der "Aufgaben und Ziele des Faches" auf die Bedeutung des Nahraums für den Erkenntnisprozess der Schülerinnen und Schüler hin: Seinen speziellen Beitrag innerhalb dieses allgemeinen Bildungsauftrages leistet der Erdkundeunterricht dadurch, dass er Schülerinnen und Schülern hilft, ihre nahe und ferne räumliche Umwelt zu verstehen (...) (Lehrplan Erdkunde, S. 32).
Und auch der neue "Kernlehrplan" für die verkürzte Sekundarstufe I des Gymnasiums ("G 8") betont die Bedeutung des Nahraums für die Erschließung der Strukturen und Prozesse der "räumlich geprägten Lebenswirklichkeit" der Heranwachsenden: Die Erfassung des Gefüges dieser Strukturen und Prozesse sichert das für den Einzelnen und die Gesellschaft notwendige Wissen über den Raum als Grundlage für eine zukunftsfähige Gestaltung der nah- und fernräumlichen Umwelt (Kernlehrplan Erdkunde, S. 13).
Ähnlich äußern sich die Erdkunde-Lehrpläne anderer Schulformen. Der (seit den neunziger Jahren gültige) Lehrplan Erdkunde für die Realschule in Nordrhein-Westfalen weist dabei zusätzlich auf die Bedeutung der "räumlichen Identität" hin: Die Schülerinnen und Schüler sollen die Fähigkeit und Bereitschaft entwickeln, sich mit Menschen und ihren Problemen im Nahraum und in Deutschland zu identifizieren, ohne die für die Entwicklung räumlicher Identität wichtigen wechselseitigen Verflechtungen mit anderen Ländern und Völkern zu vernachlässigen (Identität). (Lehrplan Erdkunde, Realschule NRW, S. 40).
In einer der Prämissen, die der Verband Deutscher Schulgeographen (VDSG) als didaktische Basis zukünftiger curricularer Entwicklungen des Erdkundeunterrichts der Klassen 5 bis 10 formuliert, wird noch ein weiterer Grund für die Bedeutung einer vertieften Beschäftigung mit dem Nahraum genannt: Die Hinwendung zum eigenen Umfeld, dem Heimatraum, ist Gegenbewegung zur Globalisierung und ihrer identitätsaufhebenden Internationalität. Zugleich ist der Nahraum das Gebiet, in dem die Schülerinnen und Schüler Geographie erleben und für das sie besondere unmittelbare Verantwortung tragen. (VDSG (2005): Grundlehrplan Geographie. Ein Vorschlag für den Geographieunterricht der Klassen 5 bis 10. Bretten, S. 8; online unter: www.erdkunde.com/vdsg_lv/sh/glp2005_neu.pdf) Der VDSG verweist zugleich auf die "Internationale Charta der Geographischen Erziehung", in der bereits 1992 u. a. die bessere Kenntnis des Heimatraumes als Ziel propagiert wurde. Hieraus ergibt sich für den VDSG die Konsequenz, die Schülerinnen und Schüler sollten die Strukturen und Prozesse in ihrer Heimatregion und in Deutschland als ihrem täglichen Handlungsraum kennen, um sich aktiv und kompetent an der Gestaltung und Entwicklung beteiligen zu können.
Die "Deutsche Gesellschaft für Geographie" betont die Wichtigkeit, im Spannungsfeld zwischen lokal und global ein reflektiertes Heimatbewusstsein, ein Bewusstsein als Europäer sowie Weltoffenheit zu entwickeln. (Deutsche Gesellschaft für Geographie (2007): Bildungsstandards im Fach Geographie für den Mittleren Schulabschluss. Berlin, S. 6; online unter: www.geographie.de/docs/geographie_bildungsstandards.pdf).
In der Sekundarstufe II baut der Erdkundeunterricht auf den in der Sekundarstufe I vermittelten Grundlagen auf. Konsequenterweise wird auch im Lehrplan Erdkunde für die gymnasiale Oberstufe (Nordrhein-Westfalen) der Kenntnis des Nahraums die gleiche Bedeutung zuerkannt wie der Auseinandersetzung mit den ferner gelegenen Räumen. Auch der Erdkundeunterricht in diesen Jahrgangsstufen muss abzielen auf die Fähigkeit und die Bereitschaft, die nahe und ferne räumliche Umwelt fachstrukturell zu erfassen und zu durchdringen (...) (Lehrplan Sekundarstufe II, NRW, S. 5). Um hierbei "Grundeinsichten" zu vermitteln, ist sicherzustellen, dass sowohl die lokale und regionale als auch die kontinentale und globale Maßstabsebene im Verlauf der gymnasialen Oberstufe in den Blick genommen werden (ebd., S. 15).
Die von den Schulbuchverlagen angebotenen Lehrwerke bemühen sich zwar insgesamt darum, den in den Lehrplänen geforderten "Maßstabwechsel" bei der Behandlung geographischer Strukturen und Prozesse zu realisieren. Naturgemäß werden aber diese Lehrbücher nicht nur speziell für Schülerinnen und Schüler ganz bestimmter Regionen (zum Beispiel Westfalen) entwickelt. Um also der (berechtigten und didaktisch äußerst sinnvollen!) Forderung nach angemessener Berücksichtigung des Nahraumes im Erdkundeunterricht beider Sekundarstufen zu entsprechen, sollte WESTFALEN REGIONAL - ob in der Buchform oder als Internetversion - mit seinem breiten inhaltlichen Spektrum nahräumlicher Themen und seiner leser- und schülerfreundlichen Verständlichkeit seinen angemessenen Platz in der Vorbereitung und Durchführung des Erdkundeunterrichts in Westfalen finden! Es füllt eine bisher schmerzliche Lücke und verdient gerade auch in den Schulen besondere Beachtung.
Erstveröffentlichung 2007
