von Peter Wittkampf
In den Lehrplänen sowohl der Sekundarstufe II, also der gymnasialen Oberstufe, als auch der Sekundarstufe I wird mit Recht die Bedeutung des Nahraums bei der Vermittlung der räumlichen Strukturen und Prozesse betont (vgl. hierzu die Hinweise auf Seite XI der Buchfassung von WESTFALEN REGIONAL u. Beitrag Wittkampf). Ergänzend hierzu sei noch angemerkt, dass auch der - vom Schuljahr 2007/2008 an gültige - Kernlehrplan Erdkunde für die Jahrgangsstufen 5 bis 9 des achtklassigen Gymnasiums die Bedeutung des Nahraums derjenigen "fremder Lebensräume" gleichrangig an die Seite stellt.
Die Schulbuchverlage können aus nahe liegenden Gründen nicht spezielle Buchausgaben für einzelne Teilregionen eines Bundeslandes herstellen. Sie stellen einen thematischen Aspekt entweder in seiner allgemeinen Bedeutung dar oder berücksichtigen markante, in nationaler bzw. sogar globaler Perspektive relevante Raumbeispiele.
Dennoch bleibt die Verpflichtung für den Schulunterricht bestehen, auch den Nahraum in angemessener Weise zu berücksichtigen.
Wo dies z.B. in Bezug auf die methodische Arbeit mit solchen Darstellungsmedien geschehen könnte, die im Erdkundeunterricht üblicherweise eine besonders wichtige Rolle spielen, wird in dem Beitrag "Medien für den Erdkundeunterricht in WESTFALEN REGIONAL" beschrieben.
Welche Möglichkeiten bietet aber WESTFALEN REGIONAL inhaltlich, um wichtige thematische Lehrplanvorgaben an Beispielen des Nahraums zu realisieren?
Schauen wir zunächst auf die
Der - nach wie vor gültige - Lehrplan für die gymnasiale Oberstufe nennt insgesamt 30 "thematische Bausteine", die in drei verschiedenen Inhaltsfeldern wünschenswerte bzw. relevante Inhalte des Erdkundeunterrichts in der gymnasialen Oberstufe beschreiben. 13 dieser "thematischen Bausteine" sind obligatorisch.
In der Übersichtstabelle "Thematische Bausteine - Sek. II" sind diejenigen dieser Bausteine (mit ihrer Nummerierung aus dem Lehrplan) zitiert worden (Fettdruck: obligatorische Bausteine!), die den Schülerinnen und Schülern auch mit Raumbeispielen aus dem Nahraum nahe gebracht werden können, wobei es hier speziell um das Angebot von WESTFALEN REGIONAL geht. Unberücksichtigt bleiben solche Themen, bei denen Westfalen als Bezugsraum von vornherein irrelevant ist (Beispiel: "Ernährungspotenzial für eine wachsende Weltbevölkerung…"). Zusätzlich wird in der Übersicht angegeben, wie bzw. mit welchen Raumbeispielen die gängigen Oberstufen-Lehrbücher das jeweilige Thema behandeln. Auf diese Weise ergibt sich für die Planung des Erdkundeunterrichts die Möglichkeit, sich relativ schnell über das "Angebot" an verfügbaren Sachdarstellungen zu einem bestimmten Thema zu orientieren.
Die Übersicht zeigt u.a. Folgendes:
a) Mindestens 13 der insgesamt 30 thematischen Bausteine können auch mit Raumbeispielen aus Westfalen und mit Hilfe von WESTFALEN REGIONAL erarbeitet werden. Angesichts der Bedeutung des Nahraums für den Unterricht bietet sich WESTFALEN REGIONAL als Informations- und Materialquelle demnach für eine unterrichtliche Nutzung geradezu an.
b) Die gängigen Lehrbücher bringen bei bestimmten thematischen Bausteinen vorwiegend allgemeine Informationen, aber kaum Raumbeispiele (Beispiel: Baustein I f: "Die Stadt als vom Menschen geschaffenes Ökosystem"). Es sind aber für den Erdkundeunterricht - neben den allgemeingeographischen Darstellungen - vor allem auch Raumbeispiele wichtig. Solche einzelnen Raumbeispiele bringt in diesem Falle WESTFALEN REGIONAL, nämlich z.B. über die Umwelterfassung der Stadt Hamm usw.
c) Wenn in den gängigen Schulbüchern Raumbeispiele zu bestimmten Themen vorkommen, dann kommen diese Raumbeispiele häufig aus völlig anderen Regionen. Beispiel: Zum Baustein I g („Das Spannungsfeld von Landschaftszerstörung und -bewahrung im Zusammenhang mit Freizeitgestaltung“) werden in der Regel Raumbeispiele aus den Alpen oder aus mediterranen Gebieten gebracht. In WESTFALEN REGIONAL dagegen kann das, was der Lehrplan meint, hervorragend auch etwa an Beispielen aus dem Nahraum dargestellt werden, wenn z. B. für die Bestandsaufnahme der bedeutenden Gärten Westfalens sowohl das ökologische Potential als auch der touristische Wert eine wichtige Rolle spielen.
d) Wenn Nordrhein-Westfalen als Bezugsregion vorkommt, dann geht der Blick fast immer auf das Ruhrgebiet insgesamt oder Beispiele aus dem Rheinland, etwa Düsseldorf. Beispiel: Baustein II d: "Wandel von Standortfaktoren in seiner Wirkung auf industrieräumliche Strukturen". WESTFALEN REGIONAL macht deutlich, dass es Industrie und den Wandel von Standortfaktoren auch im westfälischen Nahraum und auch nicht nur im Ruhrgebiet zu beobachten gibt. Auch z.B. im Siegerland, im Münsterland oder in Ostwestfalen können Schülerinnen und Schüler angeregt werden, entsprechende Phänomene quasi "vor der Haustüre" zu erkennen.
Als nächstes soll eingegangen werden auf die
Die Sekundarstufe I des Gymnasiums umfasst für diejenigen Schülerinnen und Schüler, die ab 2005 in die Jahrgangsstufe 5 gekommen sind, nur noch 5 (statt früher 6) Schuljahre. Für diese "G-8-Schüler" musste der "Lehrstoff" der Sekundarstufe I komprimiert werden, die erforderlichen "Kernlehrpläne" sind vom Sommer 2007 an als neue Lehrpläne umzusetzen.
Im Fach Erdkunde ist mit dieser curricularen Neugestaltung, ebenso wie in den anderen Fächern des "Lernbereichs Gesellschaftslehre", laut ministerieller Vorgaben auch eine inhaltliche und methodische Ausrichtung auf bestimmte "Kompetenzen" verbunden, über die die Schülerinnen und Schüler verfügen sollen. Hierbei sind die vier Kompetenzbereiche der "Sachkompetenz", die "Methodenkompetenz", die "Urteils-" und die "Handlungskompetenz" gemeint.
Die Übersichtstabelle "Lehrplan Erdkunde G 8/2007 - Kompetenzerwartungen und zentrale Inhalte" macht deutlich, dass WESTFALEN REGIONAL zur Entwicklung z.B. der Sachkompetenz, über die die Schüler am Ende der Jahrgangsstufe 9 verfügen sollen, sehr viel beitragen kann.
Diese Aufstellung zeigt diejenigen Kompetenzerwartungen, die am Ende der Jahrgangsstufe 9 realisiert sein sollen. Weggelassen wurden lediglich zwei Einzel-Kompetenzerwartungen, nämlich die zur Entwicklung der Weltbevölkerung zum Dritte-Welt-Tourismus. Wenn man einmal von diesen beiden Themenbereichen absieht, zu denen WESTFALEN REGIONAL nun wirklich nichts beitragen kann, so ist doch sehr deutlich zu sehen, dass bei den weitaus meisten der im Lehrplan genannten, insgesamt 13 unterschiedlichen Sachkompetenzaspekte für das Ende der Jahrgangsstufe 9 in WESTFALEN REGIONAL sehr interessante Themenangebote bereit stehen, um entweder die "typischen Schulbuchinhalte" durch ortsnahe Raumbeispiele sinnvoll zu ergänzen oder sogar überhaupt erst Raumbeispiele anzubieten, solange die entsprechenden Schulbücher die neuen Vorgaben noch nicht berücksichtigt haben.
Ein Beispiel:
Eines der für das Ende der Jahrgangsstufe 9 geforderten Kompetenzziele lautet: "…stellen den durch demographische Prozesse, Migration und Globalisierung verursachten Wandel in städtischen und ländlichen Räumen dar".
Die meisten Lehrbücher behandeln das Problem im Zusammenhang mit der Metropolisierung und Slumentwicklung in den Entwicklungsländern. In den Büchern für die Jahrgangsstufe 9 taucht das Problem dann allenfalls noch am Rande auf, z.B. im Zusammenhang mit der Entwicklung von Paris. WESTFALEN REGIONAL bietet hier nun dankenswerterweise ergänzende Informationen über die demographischen Strukturen und Prozesse im Nahraum, über die Wohnmigration von Niederländern im Grenzgebiet usw.
Soviel zum Aspekt der "Sachkompetenz".
Bei den übrigen drei Kompetenzbereichen ist der Rückgriff auf WESTFALEN REGIONAL dann allerdings häufig nur mittelbar möglich. Der Lehrer kann in diesen Belangen den Schülern nicht immer direkt ein "passendes" Kapitel anbieten, er muss vielmehr andere unterrichtsmethodische Wege gehen. Er kann allerdings durchaus Beiträge aus WESTFALEN REGIONAL nutzen, um die Methoden-, Urteils- oder Handlungskompetenz der Schüler zu fördern. WESTFALEN REGIONAL bietet vielfältige Darstellungs- und Arbeitsmittel an, die die methodischen Kompetenzen anregen, es werden Grundlagen präsentiert, die die eigene Urteilsfähigkeit fördern (Urteilskompetenz), und es werden Anregungen zur selbständigen Befragung oder Organisation von Befragungen, Kartierungen, Erkundungen oder Exkursionen gegeben (Handlungskompetenz). Somit ist auch in dieser Perspektive das Projekt WESTFALEN REGIONAL aus unterrichtsdidaktischer Sicht sehr zu begrüßen.
In dem Aufsatz "Möglichkeiten der Nutzung eines Einzelbeitrages..." wird anhand des Beispiels "Windjahre in Westfalen" konkret aufgezeigt, wie die jeweiligen Kompetenzen im Erdkundeunterricht durch WESTFALEN REGIONAL gefördert werden können.
Erstveröffentlichung 2007
