Die Menschen in Westfalen sind - verglichen mit dem Bundesdurchschnitt - relativ religiös. Die Religiosität nimmt hier zwar nicht zu, wird aber vielfältiger. Insgesamt sind rund 78 Prozent der westfälischen Bevölkerung Mitglieder einer Religionsgemeinschaft oder, wo es keine formale Mitgliedschaft gibt, engagieren sich in einer: von den christlichen Großkirchen sowie den islamischen Verbänden und Moscheevereinen über kleine christlichen Gemeinschaften, orthodoxe Kirchen (s. Beitrag
Katsaros) und das Judentum bis zu den östlichen Religionen und neureligiösen Strömungen. In Abb. 1 ist anhand der linken Säulen die prozentuale Verteilung zu sehen, die Säulen rechts daneben geben Auskunft über die organisatorische Differenzierung. Der römische Katholizismus ist mit 40,65 Prozent stärker als im Bundesdurchschnitt vertreten, die evangelischen Landeskirchen liegen mit 33,36 Prozent leicht darüber. Angehörige islamischer Organisationen machen 2,7 Prozent aus, Mitglieder kleiner christlicher Religionsgemeinschaften etwa ein Prozent, Angehörige orthodoxer Kirchen kommen auf 0,14 Prozent, jüdische Gemeinden auf 0,11, östliche Religionen auf 0,05 und weitere Religionen aus dem neureligiösen Spektrum auf 0,08 Prozent. Solche Zahlen sagen allerdings wenig über religiöse Differenzierung aus, denn bei den kleinen christlichen Gemeinschaften ist sie mit 73 Organisationen am stärksten.
Schaut man sich die
regionale Verteilung und Ausprägung der Religionsgemeinschaften an, so ergibt sich folgendes Bild:
Der
Römische Katholizismus ist besonders stark im Münsterland und im Sauerland vertreten, schwach hingegen in Ostwestfalen, im Siegerland und im Ruhrgebiet. Die Präsenz variiert zwischen 72 (im Hochsauerlandkreis) und 9 Prozent (im Kreis Minden-Lübbecke).
Für die
Evangelische Kirche von Westfalen gilt geradewegs das Umgekehrte: Sie ist stark ausgeprägt in Ostwestfalen, im Siegerland, im Märkischen Kreis sowie relativ stark im Ruhrgebiet. Die Präsenz variiert zwischen 63,6 (im Kreis Minden-Lübbecke) und 13 Prozent (im Kreis Olpe). Die Lippische Landeskirche und die Landeskirche Schaumburg-Lippe vertreten nahezu 55 Prozent der im Kreis Lippe ansässigen Bevölkerung.
Das
Gemeindeleben beider christlichen Großkirchen ist folgendermaßen zu charakterisieren: So genannte Kernmitglieder, d.h. solche, die sich mit der Kirchenorganisation stark verbunden fühlen, den christlichen Glauben in seinem traditionellen Bestand teilen, regelmäßig zum Gottesdienst gehen und an Gemeindeveranstaltungen vergleichsweise häufig teilnehmen, machen etwa 15 Prozent aller Kirchenmitglieder aus. Weitere 15 Prozent fühlen sich der Kirchenorganisation kaum oder gar nicht verbunden, gehen sehr selten oder gar nicht zum Gottesdienst und nehmen auch sonst nicht am Gemeindeleben teil. Die restlichen 70 Prozent der Kirchenmitglieder hegen ein ambivalentes Verhältnis zur Kirchenorganisation, besuchen sporadisch den Gottesdienst und nehmen gelegentlich an Gemeindeveranstaltungen teil.
Von den ca. 1 Mio. in Nordrhein-Westfalen lebenden
Muslimen - das sind 5,5 Prozent der Gesamtbevölkerung - ist die Hälfte in Moscheegemeinden engagiert. Das gilt in etwa auch für Westfalen. Religiöse islamische Gemeinschaften sind im westfälischen Raum besonders stark in Gelsenkirchen vertreten, aber auch im nördlichen und östlichen Ruhrgebiet (Hamm) sowie im Märkischen Kreis. Die Präsenz variiert zwischen 6,63 (in Gelsenkirchen) und 0,31 Prozent (in Coesfeld).
Die Herkunftsländer der Muslime reichen von der Türkei (mit dem größten Anteil von nahezu 77 Prozent) über Jugoslawien, Bosnien-Herzegowina, den Kosovo, Albanien, arabische Länder, Marokko und andere afrikanische Länder, den Libanon und Aserbaidschan bis zum Irak und Afghanistan. Neben dieser ethnischen Pluralität gibt es eine Vielfalt religiöser Richtungen. Zwar dominieren die Sunniten, zu denen mehr als 86 Prozent der Gemeinden und etwa 95 Prozent der Muslime gehören. Darüber hinaus sind aber zahlreiche weiterer Gruppen vertreten: unter anderem die Aleviten mit fünf Prozent der Gemeinden sowie die Ahmadiyya und die Schiiten mit jeweils drei Prozent.
Den größten Anteil vertritt die "Türkisch Islamische Union" (DITIP) mit 41 Prozent aller in Nordrhein-Westfalen lebenden türkischen Muslime (das sind 26 Prozent aller Muslime in Nordrhein-Westfalen). Die zweitgrößte Organisation stellt der "Verband der Islamischen Kulturzentren" dar; in ihm engagieren sich 9,5 Prozent aller in Nordrhein-Westfalen lebenden türkischen Muslime (das sind sechs Prozent aller Muslime in Nordrhein-Westfalen), und in der Vereinigung "Milli Görüs" (IGMG) als der drittgrößten Organisation sieben Prozent der türkischen Muslime (das sind 4,5 Prozent aller in Nordrhein-Westfalen lebenden Muslime). Außerdem gibt es zwei Dachverbände und 29 weitere Organisationen und Strömungen sowie viele Moscheegemeinden, die nicht organisiert sind.
Die
kleinen christlichen Gemeinschaften sind besonders stark in Ostwestfalen, im Siegerland, im südöstlichen Ruhrgebiet und im Märkischen Kreis vertreten. Die Präsenz variiert zwischen 3,4 (in Bielefeld) und 0,1 Prozent (in Olpe und Coesfeld). Die Vielfalt der - mehrheitlich evangelikal ausgerichteten - kleineren christlichen Gemeinschaften ist wesentlich größer, als bisher angenommen (s. Beitrag
Altevogt).
Das evangelikale Spektrum wird in Westfalen stark von
Russlanddeutschen geprägt. Von den in ganz Nordrhein-Westfalen lebenden ca. 700000 Russlanddeutschen gehört etwa ein Siebtel kleinen protestantischen Gemeinschaften an, vor allem den Baptisten (etwa den Evangeliumschristen-Baptisten), aber auch den Mennoniten und Methodisten. Das Gemeindeleben ist im Vergleich zu den christlichen Großkirchen sehr intensiv. Insgesamt wird man sagen können, dass jeder Mensch, der einer Gemeinde angehört, in ihr stark engagiert ist - und zwar durch alle Generationen hindurch. Die russlanddeutschen Gemeinden haben sehr viel bewegt: Sie haben Gemeinden gegründet, große Versammlungshäuser gebaut, Jugendarbeit, Inlands-Mission und Sozialarbeit initiiert, Schulen in eigener Trägerschaft geschaffen, Verlage und Zeitschriften aufgebaut und Ausbildungsschulen für gemeindliche Führungskräfte errichtet. Allerdings stagnieren die Mitgliederzahlen beziehungsweise gehen trotz intensiver Missionsbemühungen zurück.