von Wolfgang Seidel
Inhalt
Das "integrierte Handlungskonzept für den Stadtteil Herten-Süd" ist Grundlage für einen seit Juni 2005 angelaufenen Prozess, die öffentliche Infrastruktur und die wirtschaftliche und soziale Situation in einem Stadtteil zu verbessern, der ohne konzertierte Gegensteuerung "umzukippen" droht. Dementsprechend vielgestaltig sind die Projektbausteine. Sie umfassen Maßnahmen zur städtebaulichen Aufwertung von Geschäfts- und Wohngebäuden, zur Umnutzungen von nicht oder unterwertig genutzten Immobilien entlang von Hauptverkehrsstraßen und zur Entwicklung freiwerdender Gründstücke ebenso wie soziale Maßnahmen im Bereich der Integration, der Jugend- und Seniorenarbeit, in Ordnungspartnerschaften sowie in der Kultur und Öffentlichkeitsarbeit. Ein breit angelegter, kontinuierlich laufender Beteiligungsprozess bildet die wichtige Klammer um das Konzept, das unter dem Logo "Süd erblüht" für den Stadtteil Herten-Süd eine neue Zukunft gestalten will.
Das zunächst bis zum Jahr 2010 angelegte Handlungskonzept in Herten-Süd wird gefördert aus dem Bund-Länder-Programm "Stadtumbau-West" und ist eine von 38 geförderten Maßnahmen aus diesem Programm in 31 Städten Nordrhein-Westfalens (Stand 2006).
In Nordrhein-Westfalen ist "Stadtumbau-West" "ein Beitrag zur Lösung der sich aus dem demografischen und wirtschaftlichen Strukturwandel …ergebenden Problemlagen" (Arbeitshilfe zu den Förderrichtlinien, Juli 2005, S.2). Er soll dem drohenden Funktions- und Attraktivitätsverlust der Städte und dem schwindenden Stellenwert ganzer Quartiere entgegenwirken. "Der Stadtumbau ist ein integratives Programm, das insbesondere die Anliegen von Städtebau und Wohnungsbau miteinander verzahnt und zukunftsweisenden Lösungen für die Probleme in den Städten, Stadtteilen und Wohnquartieren entwickelt" (ebd.). Und es ist - bundesweit - nicht zuletzt die Reaktion auf die Erkenntnis, dass tiefgreifende Veränderungen durch Bevölkerungsverlust, Rückzug von Einzelhandel und Handwerk sowie leere öffentliche Kassen nicht nur in ostdeutschen Städten bereits gefährliche Erosionen ausgelöst haben.
Herten verzeichnet - wie andere Städte des Ruhrgebietes auch - seit Mitte der 1990er Jahre einen stetig steigenden Bevölkerungsrückgang: von derzeit ca. 65000 Einwohnern wird bis zum Jahr 2015 ein Rückgang auf ca. 59000 Einwohner prognostiziert. Innerhalb Hertens verzeichnet der Stadteil Herten-Süd einen besonders hohen Bevölkerungsverlust - von 1982 bis 2005 von 13682 auf 11985 Einwohner, was einen Rückgang von 12,4% bedeutet.
Im Wesentlichen ist dies durch den Abbau von Arbeitsplätzen verursacht worden. Herten als ehemals größte Bergbaustadt Europas hat seit April 2000 keine fördernde Schachtanlage mehr. Einher geht dieser Verlust mit einer gravierenden Verschiebung der Erwerbs-, Alters- und Sozialstruktur in der Stadt. Wanderungsverluste in die nördlich angrenzenden Städte und Gemeinden sowie eine Überalterung der verbleibenden Wohnbevölkerung haben diesen Prozess verschärft. Diese Veränderungen haben sich vor allem in Herten-Süd bemerkbar gemacht - einem Stadtteil, der durch die Nähe zur Zeche Ewald mit ehemals über 6000 Beschäftigten geprägt wurde und von ihr "gelebt" hat.
Herten-Süd verzeichnet einen überdurchschnittlichen Anteil älterer Menschen, sozial benachteiligter Bevölkerungsgruppen und Menschen mit Migrationshintergrund. 40% der 3- bis 6-jährigen Kinder stammen aus dieser Bevölkerungsgruppe - der städtische Durchschnitt beträgt rd. 25%.
Nicht nur sozialräumlich, sondern vor allem auch städtebaulich und wirtschaftlich wirkt sich diese Entwicklung im Stadtteil sichtbar aus. Leerstände und "trading down", sanierungsbedürftige Immobilien und unerwünschte Nutzungen, prägen partiell das Straßenbild entlang der Hauptverkehrsachsen Ewaldstraße - als dem Rückgrat des Stadtteils (Abb. 1) - und der Herner Straße.
Als Ergebnis intensiver Kooperation der Stadt mit Vereinen, Kirchen und Verbänden sowie einer breiten Beteiligung der Bevölkerung (Stadtteilbegehungen und -konferenzen, Zukunftswerkstätten, Dialogreihen, Abb. 2) hat der Rat der Stadt Herten bisher eine Reihe wichtiger Projektbausteine verabschiedet und zur Förderung durch "Stadtumbau-West" angemeldet:
Im Nutzungsmanagement kooperieren Behörden, Eigentümer, Kammern, Banken - gesteuert durch ein von der Stadt beauftragtes externes Büro - mit der Zielsetzung, Haus- und Hofflächen zu sanieren (Abbn. 3a u. 3b), neue Nutzungen in leeren Gebäuden zu etablieren und freie Grundstücke passgenau zu entwickeln. Das Zwischenergebnis - erste sanierte Fassaden und Hofflächen sowie Immobilien mit neuen Nutzungen und Ankauf von entwicklungsfähigen Grundstücken - sind wichtige "Signale des Aufbruchs" für den Ortsteil.
Das Quartiersmanagement konzentriert sich auf ein sozialräumlich besonders auffälliges Wohnquartier und versucht unter dem Motto "Gute Nachbarschaft im Viertel" durch Bewohnerversammlungen und gemeinschaftliche Akitivitäten soziale Konflikte abzubauen, Integration zu fördern, speziell Kinder und Jugendliche anzusprechen und so die heterogenen, von Migrantinnen und Migranten geprägten Hausgemeinschaften zu stärken. Intensiv in diese Maßnahmen werden Vereine, Kirchen und Ehrenamtliche mit eingebunden und somit das bürgerschaftliche Engagement im Stadtteil gefördert. Ziel ist es, selbstregulierende Strukturen für diesen Entwicklungsprozess zu erlangen.
Als komplementärer Baustein zum Quartiersmanagement ist die Integration von Migrantinnen und Migranten im gesamten Stadtteil unter der Überschrift "Viele Kulturen, ein Leben" (Abb. 4) zu sehen, bei der in zahlreichen kleinen Aktionen der Fokus auf Bildung, Kommunikation und Gemeinschaftssinn gelegt wird. Mit der Mobilen Jugendarbeit sollen den Kindern und Jugendlichen im Stadtteil durch Beratungs- und Freizeitangebote neue Perspektiven gegeben werden.
Die Zunahme des Anteils älterer Mitbürgerinnen und Mitbürger erfordert deren Bedürfnissen angepassten Wohnraum im Stadtteil. Neben der Ergänzung vorhandener Altenwohnungen in unterschiedlichen Wohnformen wird vor allem der Verbleib in der eigenen Wohnung gefördert. Hierzu dient die Beratung zur Wohnraumanpassung, die durch einen sozialen Träger durchgeführt wird.
Der Aufbau und Betrieb des HyBike Herten, einer Fahrradstation mit wasserstoffbetriebenen Fahrrädern, ist Ausdruck für das Bemühen, neue, innovative Nutzungen im Stadtteil aufzubauen, gleichzeitig die inhaltliche und räumliche Brücke zu schlagen zu den Entwicklungen, die weiter südlich im Hertener Stadtgebiet auf dem Zukunftsstandort Ewald im Landschaftspark Emscherbruch den Stadtumbau u.a. mit dem technologiebetonten Schwerpunkt "Wasserstoffkompetenz" prägen (s. Beitrag Seidel). Aus dem HyBike Herten wird als weiterer Projektbaustein der Aufbau eines Eventbüros angestrebt, das im Netzwerk des Ruhrgebietstourismus verankert werden soll.
Geplant sind verschiedene Maßnahmen zur Umgestaltung von öffentlichen und privaten Flächen, die für den Stadtteil im Hinblick auf Aufenthaltsqualität und Umfeldgestaltung von besonderer Bedeutung sind.
Für den Förderzeitraum von 2005 bis 2010 ist insgesamt ein Mittelvolumen von ca. 5,9 Mio. Euro veranschlagt. Davon beträgt der Förderanteil ca. 4,1 Mio. Euro.
Außerhalb der Förderung durch das Programm "Stadtumbau West", aber als wesentlicher Bestandteil des Handlungsprogramms für Herten-Süd ist die Erneuerung der beiden Hauptverkehrsstraßen im Stadtteil zu sehen. Dies wird bei der Herner Straße in den Jahren 2007 und 2008 durch Mittel aus dem GVFG (Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz) umgesetzt; für die Ewaldstraße ist allerdings vor allem die Finanzierung noch nicht geklärt.
Es zeigt sich, dass im Stadtumbau Herten-Süd nicht die einzelne Maßnahme für einen Erfolg stehen wird, sondern das ein Bündel aufeinander bezogener und ineinander greifender Bausteine und Aktivitäten entscheidend sein wird - entwickelt und umgesetzt aus einem Netzwerk von zahlreichen Akteuren.
Angesichts vergleichbarer Situationen in anderen Städten des Ruhrgebietes sowie der westlichen Bundesländer kann diesem Projekt daher ein Modellcharakter attestiert werden.
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Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (Hg.) (2004): Stadtumbau West - 16 Pilotstädte bauen um. Berlin/Oldenburg |
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Mayr, A. (2002): Herten. In: Heineberg, H., A. Mayr, W. Seidel und K. Temlitz (Hg.): Städte und Gemeinden in Westfalen, Band 8. Münster, S. 167-182 |
Erstveröffentlichung 2007
