Dieser Beitrag basiert auf Richard Festers Werk "Die Sprache der Eiszeit" (1962), dessen von den Stanford-Linguisten Bengtson und Ruhlen (1994) bestätigte Forschungsergebnisse - trotz exzellenter Beurteilungen (z. B. durch den Anthropologen J. Illies und den Vorgeschichtler H. Kühn) - leider von der deutschen Hochschullinguistik bisher kaum zur Kenntnis genommen worden sind.
Da es zum komplexen Thema "Wie kam der Mensch zur Sprache?" als original deutsch-sprachige Arbeit nur ein Buch des Journalisten D. E. Zimmer (1986) gibt, müssen zunächst notwendige Informationen zur Urworttheorie Festers vorangestellt werden.
Der Forschungsansatz Festers geht (nach H. Kühn) "aus von Urbegriffen, ... die beim Menschen selbst gelagert sind; die Höhe, der Kopf und die Tiefe, ... die Höhlung ...; weiter das Wasser und das Aufrecht-Stehende, der Mensch selber, und der mütterliche Leib ... So gewinnt [er] sechs Archetypen, ...", nämlich die Urwörter BA(L), KALL, TAG, TAL, OS und ACQ (einschließlich ihrer Lautstellentausch-Formen (z. B. von BAL: LAB, ALB, BLA) und der lautgesetzlich begründbaren Wandlungen ihrer Vokale (A>O>U; A>E>I) und Konsonanten (B>P>F>W, K>G >CH>H und T>D>S>Z)).
Von diesen Urwörtern hat nur ACQ (Spiegelform WA), das in Namen wie WAdersloh mit dem AKfeld, EICKelborn, ICKern, BelECKE und EXter steckt - genauso wie in TangaNJIKA- oder TitiCACAsee - nur eine einzige Bedeutung, nämlich WASser. Die anderen Urwörter haben jeweils - wie chinesische Wörter heute noch - bei gleicher Lautform (als Homophone) mehrere, nur aus dem Zusammenhang erschließbare Bedeutungen.
OS/OR als Omen für Körperöffnung (vgl. lat. OS = Mund) bezeichnet Quellen, z. B. in SOESt, WillebadESSen oder PadERborn, und wasserreiche Stellen, z. B. im M-ERfelder Bruch bei Dülmen; außerdem Flussdurchbrüche und Pässe, z. B. bei Pyrmont-OES und bei OERlinghausen.
Das von der FußSOHLe abgeleitete, weltweit häufige TAL (vgl. mongol. DAL oder austr. TALY) ist eine Bezeichnung für UNTen (TUL>TUN>UNT) und die TAL-Hohlform, z. B. in den Namen TELgTE, LÜDinghausen mit dem TÜLlinghof, NOTTULN, BösenSELL oder LADbergen. Die von InSEL (SEL = Meer) ableitbare Bezeichnung SÄULe kommt aber auch in Bergnamen wie DeSENberg, SÜLburg und SAALberg (bei Barntrup) vor. Auch BERG ist mehrdeutig als Wort für hochliegende Orte wie WinterBERG und für Orte in tiefer Lage wie LadBERGen oder HemBERGen, die ihren Namen einem BARen (vgl. BARfuß) - wie die BERggipfel - baumlosen Flussuferstreifen verdanken.
BA(L) als ursprünglicher Doppelbegriff für K-OPF (vgl. dt. OBen und bask. POL = Stirn) und außerdem für BEIN (BEIL>BEIN) und LAUFen (LAB>LAUF) bezeichnet sowohl BergKUPPen wie VELmerstot (analog dazu BELchen!) oder BIELstein und hoch liegende Orte wie BELlenberg (Lipperland) als auch FLUssLÄUFe (lappisch LUOP-PAL): BALwe, ALBachten (ACH = ACQ) und LIPPe (vgl. dazu dt. ELBe und synonym tschech. LABe) sind daher Bezeichnungen für FLUss. Weil die Berge in der Eiszeit FJELLcharakter hatten, lebt BAL/BEL in den Wörtern FELd und VENN als Bezeichnung für waldloses Gelände auch in tiefen Lagen weiter (vgl. BIELe-FELd).
BA(K) in BACH-Ortsnamen bezeichnet nur selten einen Bach i. e. S., sondern meistens wie das Indianerwort BA-JUK (= Boden + WASser) die feuchte Niederung.
KALL - mit der Hauptbedeutung HOHL/RUNd und daher Omen für die HIRN-sCHALe und den GANzen Kopf (vgl. hebr. GOL = SCHÄdel) - ist wie BAL einerseits eine Bezeichnung für BergGI-PFEL, im Weserbergland z. B. KELLerberg oder KELLenberg (vgl. dazu die GOLanhöhen oder den Berg KAILas/Transhimalaja), anderseits aber ein Omen für tiefliegende HOHLformen, wie die Namen KALLetal, CALLE bei Meschede, KAL-KAR, LAGe und LEGden dokumentieren (vgl. dazu die KALi-SCHLUCHt nahe beim KAILas). - Lapp. LANKi (KAL>LAK>LANK) entspricht der Berliner "Krummen LANKe", LANKern am Niederrhein, LAHN (LANK>LAHN), LINGen und in Westfalen LENGerich, LENNe, LÜNNe, LÜNen, LIENen und LÜNten. Der Appallachen-Fluss RANok (KAL>KAR>RAK>RAGN>RAN) oder der südam. ParRANa entsprechen als Wort für RINNendes Wasser (OK in RanOK = ACQ) den Donau-Nebenflüssen REGEN und RANNa, außerdem RHEIN, GAR-(R)ONNe und RHONe sowie in Westfalen RHEINe (Ems) und RINteln (Weser).
TAG (= ZACKig, GROß, aufRECHT) steckt als Homophon in Bergnamen wie TECKlenburg, Hohe TÖDTe, VelmersTOT und KÖTerberg (vgl. dazu PopoKATApetl, KAT-(T)ANGa, ZAGrosgebirge, ZUGspitze und finn. NunaTACKer), aber auch in Bezeichnungen für hohe Bäume (vgl. sibirisch TAIGa) und gespiegelt als GATT (vgl. GATTer) und S-CHED in ZAUN-Wörtern. Baumnamen sind BorgenTREICH; DRÜGgelte bei Soest, DRIburg und LüdensCHEID. Namen wie BexterHEIDe zeigen den ehemaligen Wald der Landschaft an. Namen wie EnsCHEDe oder MesCHEDe spiegeln die UmZÄUNung der frühen Siedlung wider. WilleGASSen, WürGASSen, GÖTTingen an der Lippe oder KATTenvenne (Msterl.) entsprechen den süddeutschen GADen-Orten und dürften von einem TAG/GAT-Wort für den Schenkel (vgl. en. THIG) und GEHen oder für eine GASSe zwischen zwei GATTern abgeleitet sein.
Die vorindustrielle Mythologisierung der Landschaft spiegelt sich in zahlreichen Namen wider. Da KALL weltweit das wichtigste Wort für Frau (mittelhochdeutsch KALLe) und - neben dem Urwort BA(L) - eine Bezeichnung für die steinzeitliche Erd- und ALL-Mutter ist, der Berghöhen und Quellen geweiht waren, reflektieren diesbezügliche Namen eine in steinzeitlichen Mythen wurzelnde KULt-Funktion. Das gilt auch für die Namen von Kultstätten mit megalithischen Großskulpturen wie IST-ER-Berg (bei Bentheim) und ISTEN-Berg (Sauerland). Denn IST ist ein TAG-Wort, das ewig bedeuten kann; ER / EN (KAL>KER>(H)ER) - im Sinn von HEHR/HEILig - könnte auch für die neolithische Kreisgraben-Anlage von Bochum-HARpen namengebend sein.
Im Weserbergland sind der DES(S)ENberg (als Sonnwend-Peilsäule) und der DÜS(S)ENberg mit der SÜLburg (bei Driburg) wahrscheinlich Bezeichnungen von GÖTTlichen SÄULen-Bergen (DAJ>DJA>DIS = GÖTTlich). Diese haben auch eine Beziehung zum Weltenbaum YG-DRA-SIL (vgl. den Kultort DRYGgelte), der mit dem durch paläolithische Großskulpturen und Kulthöhlen gekennnzeichneten IR-MIN-SUL-Symbol der Externsteine identisch ist. Die sächsische Hohen SYburg dürfte ebenfalls eine der HEHRen (IR = HER) WeltenSÄULe geweihte SÜLburg sein.
Zahlreiche "Lautfossilien" geben Hinweise auf die paläolithische "weibliche Trinität" (M. König 1980), die in den steinzeitlichen "Drei Bethen" (Abb.1) und den christlichen Heiligen St. ANNA (= AMBETH), St. BARbara (= WORBETH) und St. Katharina (= WILBETH) bis in die neueste Zeit hinein weiterlebt. Beispiele dafür sind WITTEN-ANNEN (BETH>WIT; ANNEN = AMbeth), WILLEBAD-ESSen und WILLE-GASSen (= Quelle/Straße der WILbeth) und WORMbach bzw. WARburg (Kultstätten der WORbeth). Flurnamen wie BIELstein und BOR(N)berg sind wahrscheinlich genauso Bethen-Namen wie BETTENhausen, BÖDEfeld, WITTEN, WATTberg oder gar FETTE Küche. Die Bethen-Namen gehen weit über den indoeuropäischen Sprachraum hinaus. Dieser Sachverhalt und die von Fester dokumentierte Häufung dieser Namen im eiszeitlichen Höhlenrevier Südfrankreichs zeigen, dass zumindest ein Teil dieser Sprachfossilien mehr als 10.000 Jahre alt sein muss.
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Bengtson, J. D. und M. Ruhlen (1994): Global Etymologies. In: Ruhlen, M. (Hg.): On the Origins of Languages, Studies in Linguistic Taxonomy, Stanford University Press. Stanford, S. 277ff. |
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Campbell, J. (1996): Mythologie der Urvölker: Die Masken Gottes, Band I. München |
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Campbell, J. (1996): Mythologie des Westens: Die Masken Gottes, Band III. München |
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Crystal, D. (1993): Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache. Frankfurt |
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Fester, R. (1962): Die Sprache der Eiszeit. Die ersten sechs Worte der Menschheit. München |
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Fester, R. (Hg.) (1988): Weib und Macht. Fünf Millionen Jahre Urgeschichte der Frau. Frankfurt |
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Gimbutas, M. (1996): Die Zivilisation der Göttin. Das verschüttete Symbolsystem der westlichen Zivilisation (I). Frankfurt |
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König, M. (1980): Unsere Vergangenheit ist älter. Frankfurt |
Erstveröffentlichung 2008
