
von Hans Taubken
Inhalt
Es ist erstaunlich, dass es heute nicht einmal zum Alltagswissen der Norddeutschen gehört, dass die angestammte plattdeutsche Sprache einst eine von Westfalen bis Ostpreußen reichende Amts- und Kultursprache war und alle Funktionen ausfüllte, die heute das Hochdeutsche hat.
Zu Beginn des 14. Jh.s setzt die Schriftlichkeit in der Volkssprache wieder ein und weist eine Reihe von Entwicklungen gegenüber dem Altsächsischen auf; diese Sprachstufe wird heute Mittelniederdeutsch genannt (Abb. 2). Innerhalb eines Jh.s erobert sie sich, gestützt von der Hanse und dem städtischen Bürgertum, fast die gesamte Schriftlichkeit in Norddeutschland, das Lateinische bleibt auf den innerkirchlichen und wissenschaftlichen Bereich beschränkt. Bei aller Tendenz zur Vereinheitlichung lassen sich doch regionale mittelniederdeutsche Schreibsprachen herausgliedern, die sich durch sprachliche Variablen unterscheiden. Das Mittelniederdeutsche hat in seinem Geltungsbereich eine beachtliche weltliche und kirchliche Literatur, eine umfangreiche Geschichts- und Rechtsliteratur sowie Geschäftsprosa hinterlassen.
Im gesamten niederdeutschen Raum setzt im Laufe des 16. Jh.s ein Rückgang des geschriebenen Mittelniederdeutschen ein. Nach und nach wird es - beginnend in den landesherrlichen und städtischen Kanzleien - durch die hochdeutsche Schriftsprache ersetzt. Hierfür sind mehrere Ursachen anzuführen: etwa der Untergang der Hanse, die Reformation, der Buchdruck und vor allem die immer stärkere Herausbildung des wirtschaftlichen und kulturellen Schwerpunkts im Süden Deutschlands.
Der gebildete Norddeutsche war seit etwa 1600 multilingual: er sprach eine niederdeutsche Ortsmundart, beherrschte noch die mittelniederdeutsche Schriftsprache, schrieb und sprach auch Hochdeutsch und hatte Lateinbildung; bei einem Teil entfiel die Lateinbildung, beim allergrößten Teil der Bevölkerung aber blieb es zunächst bei der niederdeutschen Muttersprache, und das fremde Hochdeutsche wurde nur sporadisch verstanden. Erst im 18. und 19. Jh. führten der Ausbau des Schulsystems, die allgemeine Schulpflicht, doch auch das Aufkommen von preisgünstigen Druckerzeugnissen zu einem sprachlichen Wandel: auch die einfache Bevölkerung wurde nach und nach zweisprachig, zuerst in den Städten, dann auf dem Lande. In westfälischen Städten war bis zum Ersten Weltkrieg dieser Wandel weitgehend abgeschlossen, auf dem Lande dauerte er etwa eine Generation länger.
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Erstveröffentlichung 2007