von Heinz Heineberg
Die Geographische Kommission für Westfalen (GeKo) im Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hatte 2008 unter den wissenschaftlichen landeskundlichen Kommissionen im LWL das Vorschlagsrecht für die Verleihung des Förderpreises für westfälische Landeskunde. Diese jährlich vom LWL vergebene Auszeichnung gilt der Unterstützung ehrenamtlich tätiger Persönlichkeiten, die ohne den ideellen und materiellen Rückhalt einer wissenschaftlichen Institution die landeskundliche Forschung für Westfalen vorantreiben. Dem Vorschlag des Fachvorstandes der GeKo, Herrn Studiendirektor i. R. Günther Becker aus Lennestadt (Kreis Olpe) mit dieser Förderung auszuzeichnen, sind sowohl zwei mit der Landeskunde Westfalens besonders vertraute Wissenschaftler mit ihren gutachterlichen Stellungnahmen als auch der Rat für Westfälische Landeskunde und der Kulturausschuss im LWL in eindeutigen Abstimmungen gefolgt. Die Verleihung des Förderpreises erfolgte am 22.4.2008 in einer Feierstunde im Kreishaus zu Olpe durch die Kulturdezernentin des LWL, Frau Landesrätin Dr. Barbara Rüschoff-Thale. In einem Grußwort von Herrn Frank Beckehoff, Landrat des Kreises Olpe, wurden vor allem die herausragenden langjährigen Leistungen Günther Beckers für die Orts-, Stadt- und Kreisheimatpflege herausgestellt. Es folgte die Würdigung zur Verleihung des Förderpreises für westfälische Landeskunde durch den Vorsitzenden der Geographischen Kommission für Westfalen, Herrn Prof. em. Dr. Heinz Heineberg, der das umfassende landeskundliche Œuvre im Rahmen des Lebens- und Studienweges von Herrn Günther Becker bewertete (s. Webseite der GeKo).
Günther Becker hat sich als Autor zahlreicher, inzwischen von weit mehr als 250 eigenen landeskundlich relevanten Schriften, d. h. von Monographien, Sammelbänden, zahlreichen Artikeln in landes- und heimatkundlichen Reihen, Fachzeitschriften etc., sowie von mehr als 900 Buchrezensionen ausgezeichnet. Der enorme Umfang an Veröffentlichungen zur westfälischen Landeskunde ist z. B. dokumentiert durch eine umfassende Bibliographie, die anlässlich des 65. Geburtstages von Herrn Becker von Heinz Quellmalz für den Zeitraum 1957 bis 1996 in den "Quellen und Beiträgen des Stadtarchivs Olpe", Bd. 5, veröffentlicht wurde. Herr Becker hat zwischen 1997 und 2006 mehr als 30 weitere Artikel sowie 175 Rezensionen in Zeitschriften verfasst. Einer der beiden wissenschaftlichen Fachgutachter für die Vergabe des Förderpreises hat in seiner Bewertung treffend formuliert, dass "Günther Becker vom Umfang her ein Œuvre vorgelegt (hat), das auch gestandenen Wissenschaftlern mit einem spezifischen landeskundlichen bzw. regionalgeographischen Hintergrund zur Ehre gereichen würde". Vor allem wegen seiner herausragenden langjährigen heimatpflegerischen Leistungen für das Sauerland und speziell für den Kreis Olpe und seine Städte und Gemeinden hat Günther Becker bereits gewichtige Ehrungen erfahren, und zwar die Verleihung des Verdienstordens am Bande der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1996 und die Auszeichnung mit dem Kulturpreis des Kreises Olpe in 1997.
Günther Becker, am 21. Mai 1931 in Altenhundem geboren, besuchte in Attendorn das Gymnasium und studierte zwischen 1952 und 1957 an der Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster die Fächer Germanistik, Geschichte und Geographie. Seine wissenschaftlichen Interessen wurden - insbesondere in Bezug auf die Landeskunde Westfalens - maßgeblich durch den Geographen bzw. landeskundlichen Experten Prof. Dr. Wilhelm Müller-Wille gefördert. Der Lehrstuhlinhaber Müller-Wille, der zugleich langjähriger Vorsitzender der GeKo war, berief Günther Becker 1977 zum Mitglied der Geographischen Kommission für Westfalen.
Unter Müller-Willes Betreuung schrieb Günther Becker 1957 seine Staatsexamensarbeit über "Siedlung und Flur im östlichen Olper Land"; damit begann vor gut fünf Jahrzehnten die nachhaltige Forschungsleidenschaft für seinen Heimatraum. Als Studienreferendar in Warendorf und Bochum sowie danach als Studienassessor in Herne veröffentlichte Günther Becker bis 1961 in den Olper "Heimatstimmen" 17 Folgen über Wüstungen, d. h. über aufgegebene Siedlungen, Fluren etc., im Südsauerland.
Günther Becker wurde seit den 1960er Jahren - neben seiner schulischen Tätigkeit am Gymnasium in Altenhundem/Lennestadt mit der Fakultas für Deutsch und Erdkunde - zu einer Vielzahl landes- und ortskundlicher Publikationen quasi vor Ort aufgefordert; dies betraf z. B. 1963 die Mitgestaltung einer Festschrift für die Sparkasse des Amtes Kirchhundem. Es folgte die Verfassung von Wanderführern für die Jugendherbergen Oberhundem und Bilstein sowie einer ganzen Serie von Ortsgeschichten, d. h. über Heinsberg, Bilstein, Lennestadt-Kirchveischede, die Geschichte des Dorfes Bonzel, des Dorfes Saalhausen in der Stadt Lennestadt oder etwa des Dorfes und Kirchspiels Rhode etc. Diese und andere Publikationen ließen den Bekanntheitsgrad Beckers als kompetenter und engagierter Heimatkundler in der Region rasch weiter anwachsen.
Früh wurde auch das organisatorische, integrative und gestaltende Profil von Günther Becker erkannt. Dies führte dazu, dass Becker bereits 1965 zum Ortsheimatpfleger von Altenhundem ernannt wurde. Es folgten langjährige Aktivitäten als Stadtheimatpfleger von Lennestadt (ab 1973), als Kreisheimatpfleger des Kreises Olpe (1977 - 2003), als Mitbegründer und Geschäftsführer des Kreisheimatbundes Olpe e. V. (1980 - 2003), als Redaktionsleiter der "Heimatstimmen aus dem Kreis Olpe" (1978 - 1994) sowie verschiedene weitere Ehrenämter in Gremien der Kultur-, Heimat- und Landschaftspflege Westfalens und speziell des Sauerlandes, z. B. seit 1963 als gewähltes Mitglied der Fachstelle "Geographische Landeskunde" des Westfälischen Heimatbundes oder seit 1978 als korrespondierendes Mitglied der Historischen Kommission für Westfalen.
In den zahlreichen Schriften Beckers wird sein wissenschaftlicher landes- und heimatkundlicher Ansatz deutlich, und zwar die profunde Analyse und Beschreibung raumrelevanter Sachverhalte, vor allem der Orts- oder Siedlungsentwicklung - und dies im historischen Kontext jeweils von den Ursprüngen bis zur Gegenwart sowie auch in größeren landeskundlichen oder regionalen Zusammenhängen. Kennzeichnend für Günther Beckers Arbeiten sind auch stets intensive Archivrecherchen. Dazu reist er z. B. häufig nach Münster, wo er seinen dortigen Zweitwohnsitz nicht nur für familiäre Bindungen in der Stadt, sondern auch deren oberzentrale Einrichtungen, z. B. das Staatsarchiv oder die Universitätsbibliothek, nutzt.
Beckers fächerübergreifende interdisziplinäre Denkweise ist gepaart mit einer ausgeprägten Neigung zur Visualisierung räumlicher Strukturen und Gegebenheiten in thematischen Karten. Günther Becker profitiert bezüglich dieser Fähigkeiten nicht nur von seiner Geographieausbildung und dreijährigen Tätigkeit als Lehrer an der Pädagogischen Hochschule in Münster (1969 - 1972), sondern auch von seinem langjährigen, ebenfalls stark durch Medieneinsatz geprägten Erdkundeunterricht am Gymnasium. Becker hat in seinen Publikationen eine Vielzahl eigener handgezeichneter kartographischer Darstellungen, vor allem über das Südsauerland, veröffentlicht.
Im Rahmen der landeskundlichen Veröffentlichungen der Geographischen Kommission für Westfalen hat sich Günther Becker vor allem als Mitherausgeber und Autor an zwei größeren Werken maßgeblich beteiligt, und zwar zum einen an dem Band "Sauerland - Siegerland - Wittgensteiner Land", der zur Jahrestagung der GeKo in Olpe 1989 in der Reihe "Spieker. Landeskundliche Beiträge und Berichte", Bd. 33, veröffentlicht wurde (Abb. 2). Das Werk bildet mit seinen 24 Beiträgen auf rd. 360 Seiten einen gewichtigen Baustein zu einer Landeskunde Südwestfalens.
Hinzu kommt zum anderen das Werk "Der Kreis Olpe" als Bd. 5 der Reihe "Städte und Gemeinden in Westfalen" der Geographischen Kommission für Westfalen (Abb. 3). In diesem reich mit Medien ausgestatteten Band hat Günther Becker nicht nur eine profunde historisch-landeskundliche Einführung in den Kreis Olpe, sondern ebenso genetisch fundierte Gemeindebeiträge über Finnentrop, Kirchhundem und Lennestadt verfasst.
Seine in nunmehr über fünf Jahrzehnten geleistete, außerordentlich beeindruckende ehrenamtliche landes-, regional- und ortskundliche Arbeit hat Günther Becker allerdings keineswegs abgeschlossen. Denn Becker ist in ungebrochener Leidenschaft voller aktueller landeskundlicher Beschäftigungen und Zukunftspläne.
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Erstveröffentlichung 2008
