
von Lena Weinreich und Markus Wieneke
Inhalt
Über 50.000 Pferde sowie gut 100.000 Mitglieder in fast 600 Reitvereinen sprechen für sich: Westfalen ist eine Pferderegion.
Reitsport ist nicht einfach nur Reiten. Reitsport ist sehr facettenreich und kann sowohl als Leistungs- wie auch als Breitensport (Freizeitsport) betrieben werden. Zu den verschiedenen Arten des Pferdesports zählen Dressurreiten, Springreiten, Vielseitigkeitsreiten, Voltigieren ("Turnen auf dem Pferd"), Fahren (Kutsche), Galopp- und Trabrennen, Westernreiten, Wanderreiten u.v.m.
Längst ist das Pferd zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor geworden: Ausbildung, (medizinische) Versorgung, Ausrüstung, Zucht sowie Stall-/Hallenbau ließen viele Unternehmen entstehen, die direkt oder indirekt mit dem Reitsport verknüpft sind. Diese beschäftigen in Deutschland heute mehr als 300.000 Menschen. Der Gesamtumsatz der Branche liegt bundesweit schätzungsweise bei weit über fünf Mrd. Euro pro Jahr (www.pferd-aktuell.de).
In Nordrhein-Westfalen ist der Reitsport in die Landesverbände Rheinland und Westfalen eingeteilt. Als untergeordnete Ebene folgen die sog. Kreisreiterverbände (KRV), die hierzulande häufig deckungsgleich sind mit den entsprechenden Kreisen und kreisfreien Städten. Vereinzelnd sind diese auch zu einem KRV zusammengefasst (z.B. Ennepe-Ruhr-Hagen, Unna-Hamm). Ebenfalls findet man einzelne Kommunen, deren Reitervereine verschiedenen Kreisreiterverbänden angehören, wie z.B. in Warstein und Lippetal (Abb. 2). Insgesamt kommt Westfalen so auf 21 Kreisreiterverbände, in denen derzeit (Stand 2010) 576 Reitvereine mit knapp 110.000 Mitgliedern organisiert sind (Pferdesportverband Westfalen 2010, S. 9).
Dass sich der Pferdesport in Westfalen – wie übrigens auch im Rheinland – einer stetig wachsenden Beliebtheit erfreut, beweisen nicht zuletzt die steigenden Zahlen von Reitvereinen und deren Mitgliedern. Diese haben im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte um 23% (Westf.) bzw. 26% (Rheinl.) zugenommen (Abb. 1). Auch wenn die Mitgliederzahl seit 2006 wieder leicht rückläufig ist, stellt Westfalen nach wie vor den mitgliederstärksten Landesverband in ganz Deutschland (Pferdesportverband Westfalen 2010, S. 14).
Wo viele Reiter, da auch viele Pferde: In Westfalen gibt es knapp 54.000 Tiere; im Rheinland, mit 68.000 eingetragenen Reitern bei weitem nicht so mitgliederstark, leben immerhin rund 42.000 (Landwirtschaftskammer NRW 2008, S. 87).
Abbildung 2 zeigt die Grenzen der Kreisreiterverbände innerhalb Westfalens, deren Zahl an Reitvereinen sowie den Anteil der Mitglieder an der dort lebenden Bevölkerung. Aus der Karte sind die innerwestfälischen "Ballungsgebiete" des Reitsports gut erkennbar. Vor allem in weiten Teilen des Münsterlandes sowie vereinzelnd in Ostwestfalen (KRV Höxter und Minden-Lübbecke) sind die Menschen besonders eng mit dem Pferdesport verbunden. Im Münsterland wird dies durch die hohe Anzahl der hier ansässigen Vereine und die "Mitgliederdichte" deutlich: In vielen KRV-Gebieten sind von 1.000 Einwohnern mehr als 20 in einem Reitverein aktiv. Im KRV Höxter-Warburg ist das Vereinswesen auf den ersten Blick nicht so intensiv ausgeprägt, allerdings muss hier die viel geringere Einwohnerzahl berücksichtigt werden. Im Verhältnis sind auch hier – ebenso wie im KRV Minden-Lübbecke – viele Menschen in Reitvereinen engagiert (>20 je 1.000 Ew.). Im Gegensatz dazu ist im bevölkerungsreichen westfälischen Ruhrgebiet (insbes. KRV Dortmund und Recklinghausen) trotz der vielen Vereine die Zugehörigkeit zu einem KRV relativ gering ausgeprägt (z.B. KRV Dortmund: 4,5).
Es ist anzunehmen, dass die Reitsport-Hochburgen Westfalens auch die Regionen sind, in denen besonders viele Pferde gehalten werden. Dementsprechend ist eine Ansiedlung von Tierkliniken, die sich auf die medizinische Versorgung von Pferden spezialisiert haben, in diesen Gebieten zu beobachten (Abb. 2). Aktuell (Stand 2010) gibt es in Westfalen neun Pferdekliniken. Häufig sind die stationären Einrichtungen auf bestimmte medizinische Bereiche spezialisiert. Die Klinik in Telgte (Kreis Warendorf) ist beispielsweise auf Orthopädie und Chirurgie ausgerichtet, die Klinik Hochmoor in Gescher (Kreis Borken) setzt einen Schwerpunkt auf Augenbehandlungen.
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich Westfalen nicht nur im Breiten-, sondern auch im Leistungssport einen Namen gemacht. Bundesweit eine "Top-Adresse" ist dabei die Stadt Warendorf. Hier sind u.a. Institutionen wie die Deutsche Reiterliche Vereinigung, das Deutsche Olympiade-Komitee für Reiterei und nicht zuletzt das Bundesleistungszentrum Reiten als einzige in Deutschland offiziell eingerichtete Bundestrainingsstätte ansässig. Mit der "Reiterstadt" Warendorf eng verbunden sind berühmte Spitzensportler wie Ludger Beerbaum, Bettina Hoy, Franke Sloothaak, Nicole Uphoff oder Hans Günter Winkler. Neben Warendorf existieren in Westfalen heute eine Reihe weiterer Standorte, an denen sog. Landesleistungszentren und/oder -stützpunkte für den Reitsport errichtet wurden (Abb. 2).
Die genannten Aspekte machen deutlich, warum Westfalen – auch auf nationaler Ebene – dem Beinamen "Pferdeland" durchaus gerecht wird. Der Reitsport ist hier aber nicht nur ein weitverbreitetes (ambitioniertes) Hobby. Das Pferd ist auch Wirtschaftsfaktor, z.B. für den Tourismus. Und sein Potenzial soll zukünftig noch weiter erschlossen werden: Im Münsterland beispielsweise wird in den kommenden Jahren das Reitwegenetz samt begleitender Infrastruktur (Gastronomie, Unterkunft etc.) massiv ausgebaut. Ab 2013 soll dann die "Münsterland-Reitroute" als Hauptstrecke mit einer Länge von insgesamt 1.000 km durch die gesamte Region führen und so noch mehr Freizeitreiter anlocken.
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Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen (Hg.) (2008): Zahlen zur Landwirtschaft in Nordrhein-Westfalen 2008. Bonn |
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Pferdesportverband Rheinland e.V. (Hg.) (2010): Jahresbericht 2009. Langenfeld |
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Pferdesportverband Westfalen e.V. (Hg.) (2010): Jahresbericht 2010. Münster |
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Wetterau, B. (2010): Wo trainieren Westfalens (zukünftige) Olympioniken? In: Heineberg, H., M. Wieneke und P. Wittkampf (Hg.): WESTFALEN REGIONAL, Band 2. Münster, S. 248f. |
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www.it.nrw.de |
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www.pferd-aktuell.de |
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www.pferdesport-rheinland.de |
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www.pferdesportwestfalen.de |
Erstveröffentlichung 2011