Pferdesport in Westfalen

von Lena Weinreich und Markus Wieneke

 

Über 50.000 Pferde sowie gut 100.000 Mitglieder in fast 600 Reitvereinen sprechen für sich: Westfalen ist eine Pferderegion.

Reiten – eine vielfältige und umsatzstarke Sportart

Reitsport ist nicht einfach nur Reiten. Reitsport ist sehr facettenreich und kann sowohl als Leistungs- wie auch als Breitensport (Freizeitsport) betrieben werden. Zu den verschiedenen Arten des Pferdesports zählen Dressurreiten, Springreiten, Vielseitigkeitsreiten, Voltigieren ("Turnen auf dem Pferd"), Fahren (Kutsche), Galopp- und Trabrennen, Westernreiten, Wanderreiten u.v.m.

Längst ist das Pferd zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor geworden: Ausbildung, (medizinische) Versorgung, Ausrüstung, Zucht sowie Stall-/Hallenbau ließen viele Unternehmen entstehen, die direkt oder indirekt mit dem Reitsport verknüpft sind. Diese beschäftigen in Deutschland heute mehr als 300.000 Menschen. Der Gesamtumsatz der Branche liegt bundesweit schätzungsweise bei weit über fünf Mrd. Euro pro Jahr (www.pferd-aktuell.de).
 

Entwicklung der Mitgliederbestände Westfalens und des Rheinlandes 1992 bis 2012 Abb. 1: Entwicklung der Mitgliederbestände in den Kreisreiterverbänden Westfalens und des Rheinlandes von 1992 bis 2012 (Quelle: Pferdesportverband Rheinland 2012, Tab. I-2)

Organisation und Kennzahlen des westfälischen Reitsports

In Nordrhein-Westfalen ist der Reitsport in die Landesverbände Rheinland und Westfalen eingeteilt. Als untergeordnete Ebene folgen die sog. Kreisreiterverbände (KRV), die hierzulande häufig de­ckungsgleich sind mit den entsprechenden Kreisen und kreisfreien Städten. Vereinzelnd sind diese auch zu einem KRV zusammengefasst (z.B. Ennepe-Ruhr-Hagen, Unna-Hamm). Ebenfalls findet man einzelne Kommunen, deren Reitervereine verschiedenen Kreisreiterverbänden angehören, wie z.B. in Warstein und Lippetal (Abb. 2). Insgesamt kommt Westfalen so auf 21 Kreisreiterverbände, in denen derzeit (Stand 2013) 576 Reitvereine mit knapp 103.000 Mitgliedern organisiert sind (Pferdesportverband Westfalen 2013, S. 10).

Dass sich der Pferdesport in Westfalen – wie auch im Rheinland – einer großen Beliebtheit erfreut, beweist nicht zuletzt die beeindruckende Zahl von Reitvereinen und deren Mitgliedern (Abb. 1). Auch wenn die Mitgliederzahl seit 2006 wieder leicht rückläufig ist, stellt Westfalen nach wie vor den mitgliederstärksten Landesverband in ganz Deutschland (Pferdesportverband Westfalen 2013, S. 13).

Wo viele Reiter, da auch viele Pferde: In Westfalen gibt es knapp 54.000 Tiere (inkl. Ponys und Kleinpferde); im Rheinland, mit 68.000 eingetragenen Reitern bei weitem nicht so mitgliederstark, leben immerhin rund 42.000 (Landwirtschaftskammer NRW 2008, S. 87 u. 2012, S. 90).

Merkmale des Reitsports in Westfalen Abb. 2: Merkmale des Reitsports in Westfalen (Quellen: Landessportbund NRW; Pferdesportverband Westfalen 2013, Tab. 3; Tierärztekammer Westfalen-Lippe; www.it.nrw.de)

Reitsport-Hochburgen in Westfalen

Abbildung 2 zeigt die Grenzen der Kreisreiterverbände innerhalb Westfalens, deren Zahl an Reitvereinen sowie den Anteil der Mitglieder an der dort lebenden Bevölkerung. Aus der Karte sind die innerwestfälischen "Ballungsgebiete" des Reitsports gut erkennbar. Vor allem in weiten Teilen des Münsterlandes sowie vereinzelnd in Ostwestfalen (KRV Höxter-Warburg, Minden-Lübbecke und Gütersloh) sind die Menschen besonders eng mit dem Pferdesport verbunden. Im Müns­terland wird dies durch die hohe Anzahl der hier ansässigen Vereine und die "Mitgliederdichte" deutlich: In vielen KRV-Gebieten sind von 1.000 Einwohnern mehr als 20 in einem Reitverein aktiv. Im KRV Höxter-Warburg ist das Vereinswesen auf den ersten Blick nicht so intensiv ausgeprägt, allerdings muss hier die viel geringere Einwohnerzahl berücksichtigt werden. Im Verhältnis sind auch hier viele Menschen in Reitvereinen engagiert (>20 je 1.000 Ew.). Im Gegensatz dazu ist im bevölkerungsreichen westfälischen Ruhrgebiet (insbes. KRV Dortmund und Recklinghausen) trotz der vielen Vereine die Zugehörigkeit zu einem KRV relativ gering ausgeprägt (z.B. KRV Dortmund: 4,1).

Es ist anzunehmen, dass die Reitsport-Hochburgen Westfalens auch die Regionen sind, in denen besonders viele Pferde gehalten werden. Dementsprechend ist eine Ansiedlung von Tierkliniken, die sich auf die medizinische Versorgung von Pferden spezialisiert haben, in diesen Gebieten zu beobachten (Abb. 2). Aktuell (Stand 2010) gibt es in Westfalen neun Pferdekliniken. Häufig sind die stationären Einrichtungen auf bestimmte medizinische Bereiche spezialisiert. Die Klinik in Telgte (Kreis Warendorf) ist beispielsweise auf Orthopädie und Chirurgie ausgerichtet, die Klinik Hochmoor in Gescher (Kreis Borken) setzt einen Schwerpunkt auf Augenbehandlungen.

Reiten als Leistungssport in Westfalen

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich Westfalen nicht nur im Breiten-, sondern auch im Leistungssport einen Namen gemacht. Bundesweit eine "Top-Adresse" ist dabei die Stadt Warendorf. Hier sind u.a. Institutionen wie die Deutsche Reiterliche Vereinigung, das Deutsche Olympiade-Komitee für Reiterei und nicht zuletzt das Bundesleistungszentrum Reiten als einzige in Deutschland offiziell eingerichtete Bundestrainingsstätte ansässig. Mit der "Reiterstadt" Warendorf eng verbunden sind berühmte Spitzensportler wie Ludger Beerbaum, Bettina Hoy, Franke Sloothaak, Nicole Uphoff oder Hans Günter Winkler. Neben Warendorf existieren in Westfalen heute eine Reihe weiterer Standorte, an denen sog. Landes­leis­tungs­zentren und/oder -stützpunkte für den Reitsport errichtet wurden (Abb. 2).

Fazit und Ausblick

Die genannten Aspekte machen deutlich, warum Westfalen – auch auf nationaler Ebene – dem Beinamen "Pferdeland" durchaus gerecht wird. Der Reitsport ist hier aber nicht nur ein weitverbreitetes (ambitioniertes) Hobby. Das Pferd ist auch Wirtschaftsfaktor, z.B. für den Tourismus. Und sein Potenzial wird weiter erschlossen: Im Münsterland beispielsweise wurde in den vergangenen Jahren das Reitwegenetz samt begleitender Infrastruktur (Gastronomie, Unterkunft etc.) massiv ausgebaut. Seit April 2014 führt nun die "Münsterland-Reitroute" als Hauptstrecke mit einer Länge von insgesamt rund 1.000 km durch die gesamte Region und lockt so noch mehr Freizeitreiter an.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2011, Aktualisierung 2014