Wandel und Kontinuität der Landschaft an der Stever lassen sich durch den Vergleich von Karten aus unterschiedlichen Zeiten feststellen. Die Analyse gleicht dem Zwiebelschälen: Schicht für Schicht wird abgezogen oder zurückgeblättert, um die darunter liegenden Fasern freizulegen.
Die letzten 160 Jahre sind in zusammenhängenden Karten gut dokumentiert. Einige Inselkarten und Skizzen konnten zusätzlich herangezogen werden und reichen teilweise bis in das 18. Jh. zurück. Durch den Vergleich der Landschaft zu unterschiedlichen Zeitpunkten zeigt sich deutlich, wie sich die Landnutzung geändert hat und welche Gebäude wann hinzugekommen oder auch aufgegeben worden sind.
Als Referenzpunkt für die Untersuchung wurde das Jahr 1841 gewählt, in dem die preußische Uraufnahme von Olfen entstand (Abb. 2). Die Karten wurden interpretiert und in ein digitales Flächennutzungskataster überführt. Mit Hilfe entsprechender
GIS-Software sind die folgenden Zeitschichten abgebildet:
1841 - Preußische Uraufnahme,
1894 - Preußische Neuaufnahme,
1955 - Topografische Karte,
2003 - Deutsche Grundkarte.
Methodisch ergeben sich bei der Auswertung und beim Vergleich der Karten eine Reihe von Unschärfen. Nicht nur die Verzerrung in den Karten selbst, sondern auch der unterschiedliche Ausgangsmaßstab erfordern Interpretationsarbeit. Dadurch gelingt es in der Regel, das Einzelobjekt zu lokalisieren und in seinem zeitlichen Wandel zu erkennen.
Im Unterschied zu den späteren Landesaufnahmen waren im Jahre 1841 noch große Heidegebiete vorhanden. Diese ausgebeuteten Flächen galten damals als wüst. Die Heide ist heute bis auf Sekundärstandorte vollständig verschwunden. So entstand eine Waldverteilung, die das Landschaftsbild nachhaltig bestimmt und uns als Zeitgenossen vertraut vorkommt. Einem generellen Trend folgt die Grünlandnutzung im Gebiet. Der Anteil dieser Flächennutzung war 1894 und 1955 gleichmäßig. Danach kam es zu einem großflächigen Verlust, weil die Wiesen und Weiden als Ackerschläge umgebrochen wurden. Davon stark betroffen war die sensible Flussaue. Erst durch ein landesweit beachtetes, koordiniertes Kompensationsflächenkonzept für einen Teil der Steveraue gelang es, den Trend zu brechen und zusammenhängende Weideflächen mit einem Besatz an ursprünglichen Tierrassen wie Heckrinder und Konikpferde zu schaffen.
Eine entscheidende Rolle beim Kulturlandschaftswandel hat das Wachstum der Siedlungsfläche. Sie hat innerhalb der letzten Jahrzehnte rasant zugenommen. Der Vergleich der Zeitschichten 1894 und 1955 zeigt einen geringfügigen Zuwachs der besiedelten Bereiche. Demgegenüber scheinen die Erweiterungen bis 2003 beinahe explosionsartig.
Es ist diese Dynamik, die eine Neubewertung der überkommenen Kulturlandschaftselemente erforderlich macht. Die Wegebeziehungen, die Standorte der bedeutenden
Gräftenhöfe (s. Beitrag
Bockholt/Weber) und der Mühle bilden zusammen mit den kleinen Kotten das Gerüst, das planerisch aufgegriffen werden kann.
Parallel ist die Untersuchung der einzelnen Landschaftsbestandteile auch die Vorarbeit für ein landesweites Kulturlandschaftskataster. Die Objekte von überörtlicher kulturhistorischer Bedeutung sollen hier mit den entsprechenden Hintergrundinformationen eingespeist und in ihrer Beziehung zu weiteren Objekten beschrieben werden. So könnten beispielsweise bei der Beschreibung eines Gutshofes Hinweise auf den alten Gräftenzulauf oder eine zugehörige Jagdhütte aufgenommen werden. Das
Kulturlandschaftsinformationssystem auf der Basis eines Katasters befindet sich beim
Landschaftsverband Westfalen-Lippe zur Zeit im Aufbau.
Ein Leitgedanke im Umgang mit Kulturlandschaft sollte sein, die Kulturlandschaftseinheiten als erkennbar unterschiedliche Räume weiterzuentwickeln. Die typischen und bedeutenden Elemente gilt es dabei insbesondere durch eine sinnvolle, moderne Nutzung zu bewahren. Wichtig erscheint dabei vor allem, dass die geschichtliche Dimension auch bei einem Bedeutungs- oder Funktionswandel gewahrt bleibt. Mit anderen Worten sind sorgfältig platzierte und wohlproportionierte Nutzungen die Motoren einer positiven Kulturlandschaftsentwicklung.