von Wolfgang Brinkmann und Bernd Mielke
Inhalt
Pendelverflechtungen sind für die Raumentwicklung und die Verkehrsplanung von erheblicher Bedeutung. Sie sind ein wichtiger Indikator für den Bedeutungsüberschuss von Orten und lassen im Zusammenhang mit anderen Indikatoren Aussagen über die Situation regionaler Arbeitsmärkte zu. Weiter ist das Pendeln für einen erheblichen Anteil der täglich im Personenverkehr zurückgelegten Entfernungen verantwortlich. Die Verkehrsströme, die zudem zeitlich und räumlich konzentriert auftreten, belasten die Verkehrsinfrastruktur, die Umwelt, aber auch die Pendler erheblich. Allerdings ist die Suche nach Beschäftigungsmöglichkeiten in anderen Gemeinden auch volkswirtschaftlich erwünscht, weil dies tendenziell zu einer höheren Arbeitsproduktivität führt. Eine entsprechende Mobilitätsbereitschaft der Beschäftigten wird gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten auch politisch eingefordert.
Insgesamt gab es im Jahr 2002 in Westfalen etwa 1,8 Mio. Berufspendler. Zwischen 1987 und 2002 hat sich die Zahl der Pendler um 76% erhöht. Damit pendelte 2002 fast jeder zweite Erwerbstätige über die Grenzen seines Wohnortes - und dies, obwohl die Gemeinden in NRW im Bundesvergleich gemessen sowohl an ihrer Flächengröße als auch an ihrer Einwohnerzahl sehr groß sind. Auch die durchschnittliche Pendelentfernung hat sich von 1987 bis 2002 von 15,4 km auf 17,4 km weiter erhöht.
Der Anstieg der Pendlerzahlen weist auf eine zunehmende Entkopplung von Wohnstandorten und Beschäftigungsorten hin. Hierfür sind unterschiedliche Einflussfaktoren verantwortlich, die ursächlich oder verstärkend auf die Entwicklung einwirken. So dürfte die hohe Arbeitslosigkeit dazu beitragen, dass auch in größerer Entfernung vom Wohnort nach Beschäftigungsmöglichkeiten gesucht wird, gleichzeitig wird bei den zunehmend angebotenen befristeten Beschäftigungsverhältnissen der Wohnort zunächst oft beibehalten. Daneben ist der massive Ausbau der Verkehrsinfrastruktur zu nennen, der im Straßenverkehr und abgeschwächt auch im Schienennetz in vielen Teilräumen sehr hohe Erreichbarkeitspotentiale geschaffen hat. Ein bedeutsamer Einfluss dürfte weiter den Verkehrskosten zukommen, deren Anteil im Budget der Haushalte - im Gegensatz zu den Wohnungskosten - über einen sehr langen Zeitraum kontinuierlich gesunken war.
Der Pendlersaldo je 100 Einwohner gibt den relativen Bedeutungsüberschuss der Orte in Bezug auf die Arbeitsplätze wieder und vermittelt damit den besten Überblick über die Zentralität in diesem Bereich. Abb. 1 zeigt, dass erwartungsgemäß die großen Zentren, u.a. Münster, Bielefeld, Paderborn und Siegen, hohe positive Werte aufweisen. Daneben gibt es aber auch starke Mittelzentren, für die hohe Einpendlerüberschüsse je Einwohner ermittelt wurden, etwa Gütersloh, Coesfeld und Arnsberg. Besonders hohe Auspendlersalden je Einwohner finden sich demgegenüber u.a. in den Gemeinden östlich von Paderborn.
Bei getrennter Betrachtung der Einpendler und Auspendler zeigt sich, dass sich die Zahl der Auspendler im Zeitraum 1987 bis 2002 in ausnahmslos allen Gemeinden Westfalens erhöht hat. Gleiches trifft mit nur drei Ausnahmen auch auf die Zahl der Einpendler zu (vgl. Abb. 2). Die Zahl der Einpendler hat sich in 23% der Gemeinden sogar mehr als verdoppelt. Dass der ländliche Raum dabei besonders hohe relative Zunahmen aufweist, macht die Dispersion der Beschäftigung deutlich, liegt aber auch an den niedrigen Ausgangswerten vieler Gemeinden. Besonders auffällig sind der Gemeindering um Münster, das Westmünsterland sowie die Umgebung von Paderborn und Siegen. Dabei weisen einzelne Gemeinden, die sich zu einem Arbeitsplatzzentrum entwickelt haben, teilweise hohe Einpendler-, aber niedrigere Auspendlerzunahmen auf, während andere Gemeinden höhere Zunahmen bei den Auspendlern haben. Viele Gemeinden haben aber auch Zunahmen der Ein- und der Auspendlerzahlen um über 100% zu verzeichnen.
Besonders für die Verkehrsplanung sind Informationen über die Intensität von Pendlerströmen von hoher Bedeutung. Die größeren Pendlerströme im Jahr 2002 - ab 100 Pendlern - zeigt Abb. 3. Deutlich zu erkennen sind einige solitäre Oberzentren wie Münster, Bielefeld und Paderborn, aber auch die kleineren Zentren z.B. des Münsterlandes. In Ostwestfalen und insbesondere in der Rhein-Ruhr-Region stellen sich die Ströme als ein dichtes Geflecht dar. Auch einige Achsen, Dortmund - Bielefeld, sind gut erkennbar.
Das im Berufsverkehr hauptsächlich genutzte Verkehrsmittel ist das Auto. Rechnet man Fahrer und Mitfahrer zusammen, so legen etwa 75% der Erwerbstätigen in NRW den Weg zur Arbeit mit dem motorisierten Individualverkehr zurück. In den ländlichen Kreisen liegt der Anteil sogar bei 85%. Bei den Pendlern dürfte der Wert wegen der allgemeinen größeren Entfernung zwischen Wohnung und Arbeitsstätte noch höher sein.
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Dittrich-Westbuer, A. und A. Körbel (2003): Siedlungs- und Verkehrsentwicklung in vier Umlandgemeinden von Münster - Modellvorhaben Everswinkel, Altenberge, Drensteinfurt und Laer. Dortmund |
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Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik Nordrhein-Westfalen (LDS) (2002) (Hg.): Pendlerrechnung Nordrhein-Westfalen, Methodenbeschreibung. Düsseldorf |
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Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik Nordrhein-Westfalen (LDS) (2005): Pendlerrechnung Nordrhein-Westfalen 2002. Düsseldorf (CD-ROM) |
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Scharmer, M. (2005): Pendlerverflechtungen in Nordrhein-Westfalen - Analyse der revidierten Ergebnisse. In: Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik Nordrhein-Westfalen (Hg.): Statistische Analysen und Studien in NRW, Band 22. Düsseldorf |
Erstveröffentlichung 2007
