Willkommen beim LWL-Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster, <br />Außenstelle Schloss Cappenberg, Selm

Die Ausstellung

In zehn Räumen im Westflügel des Schlosses - erbaut um 1700 als Wohnung für den Propst als Stiftsvorsteher - werden die Geschichte Cappenbergs und die Biographie des Freiherrn vom Stein mit rund 200 Exponaten veranschaulicht. Zur Einführung ist ein Video des LWL-Landesmedienzentrums zu sehen (20 min.).




Cappenberg als Prämonstratenserstift

Gegründet 1122 von Graf Gottfried von Cappenberg, der seine Stammburg und Besitzungen dem Wanderprediger Norbert von Xanten zur Gründung eines Chorherrenstiftes schenkte, war das Stift eines der wichtigsten des Prämonstratenserordens in Westfalen.


Nur Geistliche adeliger Herkunft konnten eintreten; an der Spitze stand ein Propst. Man pflegte später im Stift auch adelige Lebensweisen. 1699-1720 wurden Propstei und Konventsgebäude als repräsentative barocke Dreiflügelanlage neu gebaut. Das Stift wurde 1803 im Rahmen der großen Säkularisation aufgehoben.


Stift und Schloss

Die heute in Cappenberg bestehende Anlage von Kirche und Schloß stammt im wesentlichen aus der älteren Zeit vor 1803. Während Reste der alten Grafenburg nur archäologisch erfaßt werden können, liegt die Kirche der Prämonstratenserpropstei bis heute im Zentrum der Anlage. Erbaut 1122-1149, stammt sie im wesentlichen aus der Gründungszeit des Klosters und empfing mit der gotischen Einwölbung nach 1385 ihre heutige Gestalt.


Das Schloß als Wohngebäude für Propst und Konvent wurde ab 1699 bis etwa 1720 als repräsentativer Barockbau nach Plänen des Gottfried Laurenz Pictorius (1663﷓1729) und Peter Pictorius d.J. (1673﷓1735) ﷓ der Architekten des Schlosses Nordkirchen ﷓ errichtet. Pläne von 1803/05 unterrichten über das Raumprogramm.


Mit Cappenberg zusammen gründete Graf Gottfried die Stifte in Varlar und Ilbenstadt; Stift Clarholz entstand als Filialgründung 1134.




Adel und Kirche im barocken Westfalen

Die heutige Schloßanlage ist ein Denkmal der geistlichen Adelskultur der Frühen Neuzeit: Die Domkapitel, die Ritterorden sowie viele Klöster und Stifte waren Adeligen vorbehalten, die sich durch eine Ahnenprobe qualifizieren mußten. Hier lebte man zwar im geistlichen Stand - in den Damenstiften mit der Möglichkeit, auszutreten und zu heiraten - aber mit einem ähnlichen Lebensstandard wie die Brüder und Vettern auf den Familienschlössern.


Eine Form staatlicher politischer Herrschaft des Adels waren die geistlichen Staaten, in denen ein vom adeligen Domkapitel gewählter Bischof zugleich Landesherr (Fürstbischof) war; sie nahmen zwei Drittel der Fläche Westfalens ein!


Cappenberg bestand bis zur Säkularisation der geistlichen Staaten und vieler Klöster 1803.


Stein im preußischen Dienst ab 1780

Der junge Reichsritter Karl vom und zum Stein, gebürtig aus dem Nassauischen, trat 1780 in den preußischen Staatsdienst. Im Vergleich mit den als relativ rückständig geltenden geistlichen Staaten Westfalens stand der preußische Staat Friedrichs des Großen im Ruf, modern zu sein, d.h. mit einer effektiven Verwaltung das ﷓ vor allem wirtschaftliche ﷓ Wohl der Untertanen zu verfolgen. Das Streben, dem Kreis der europäischen Großmächte anzugehören, konzentrierte indes alle Kräfte des Staates auf die Stärkung und Unterhaltung einer starken Armee. Die preußischen "Westprovinzen" in Westfalen und am Niederrhein waren wirtschaftlich besonders weit entwickelt.


Die Tätigkeit unter Heinitz in der westfälischen Bergverwaltung, die große technische und wirtschaftliche Probleme zu lösen hatte, entsprach seinen Neigungen am ehesten, Nützliches für die Fortschritte der Menschen zu leisten. Bald Direktor des Bergamtes in Wetter (1784), stieg er 1793 zum Kammerdirektor in Kleve und Hamm auf.


Kammerpräsident 1793-1804

Der Freiherr vom Stein machte in der preußischen Verwaltung schnell Karriere. Ab 1793 war es angesichts des Vormarsches der französischen Revolutionsheere an den Niederrhein seine Aufgabe, die Versorgung der preußischen Truppen zu organisieren, bis 1795 der Frieden von Basel den Waffenstillstand herstellte. 1795 ernannte der König ihn zum Präsidenten der Kammer in Kleve und 1796 zum Oberpräsidenten aller westfälischen Kammern in Minden.


Seine Hauptarbeit bestand in der Verbesserung der Verwaltung. Er entwickelte ein neues System indirekter Steuern in Angleichung an das preußische Akzisesystem, führte Neuerungen in der Forstwirtschaft ein, förderte die Wirtschaft durch Straßenbau usw.


Als guter Organisator wurde er nach der Säkularisation 1802 mit der Integration der neu erworbenen geistlichen Staaten (Münster, Paderborn, Essen und Werden) betraut und nahm als Oberpräsident seinen Sitz in Münster. Er setzte auf ein behutsames Vorgehen der in den katholischen Ländern unbeliebten Preußen, um ihnen die Vorteile der neuen Verwaltung nahezubringen.




Stein als Minister 1804-1808

Die Berufung zum preußischen "Staats-Minister für Steuer-, Zoll- und Gewerbe-Sachen" brachte Stein in eine Schlüsselposition: von den Staatsfinanzen hing die Leistungsfähigkeit des preußischen Staates, auch in militärischer Hinsicht, ab. Seine erste Aufgabe war es, durch eine Reform des Steuersystems - insbesondere des Salzmonopols, die Abschaffung der Binnen- und die Vereinheitlichung der Grenzzölle - Einkünfte zu sichern und zu vermehren.


Indes gewann die Außenpolitik zusehends an Bedeutung. Die rücksichtslose Machtpolitik Napoleons führte Preußen 1806 in den Krieg, der mit einer vernichtenden Niederlage endete. Preußen verlor etwa die Hälfte seines Staatsgebietes.


Stein schlug grundlegende Reformen vor: durch Beteiligung der Bürger an öffentlichen Angelegenheiten (z.B. in der Städteordnung bzw. durch die Wehrpflicht) erstrebte er den Wiederaufstieg Preußens. Nach seiner Entlassung 1808 setzte ab 1810 sein zweiter Nachfolger Hardenberg Steins Reformwerk fort.


Flucht und Exil 1809-1812

Durch die Veröffentlichung eines Briefes, der ihn als erbitterten Gegner Napoleons auswies, wurde Stein auf französischen Druck hin 1808 von seinem Amt als Chefminister entlassen; seit Dezember 1808 wurde er von Napoleon geächtet und steckbrieflich verfolgt. Er flüchtete in das Exil nach Böhmen (Prag), bis er 1812 als Berater des Zaren Alexander in russische Dienste trat.


Auf der Flucht vergaß er in einem Pfarrhaus diesen Handstock mit Springklinge, der ihm als Notwehrwaffe dienen konnte. Nach 1814 erhielt er den Stock von dem Pfarrer zurück.


Befreiungskriege 1813-1815

Als Berater des Zaren Alexander arbeitete Stein nach dem für die Franzosen verlustreichen Rußlandfeldzug Anfang 1813 schließlich erfolgreich daran, Preußen und Österreich zum gemeinsamen Krieg gegen Napoleon zu bewegen. Er übernahm es, in den von den Alliierten besetzten Rheinbundstaaten die Verwaltung zu organisieren und für den Krieg nutzbar zu machen.


Nach seinen Ideen gelang es, die Bevökerung in Deutschland gegen Napoleon zu mobilisieren, wobei Publizisten wie Ernst Moritz Arndt durch ihre Schriften eine wichtige Rolle spielten.


1814/15 nahm er in der russischen Gesandtschaft am Wiener Kongreß teil, wo indes statt des von Stein erhofften deutschen Nationalstaates der Deutsche Bund als Gemeinschaft selbständiger Staaten entstand. Stein setzte sich für die Gewährung ständischer Verfassungen in den deutschen Staaten ein.


Stein in Cappenberg 1816-1831

Nach dem Wiener Kongreß zog sich Stein ins Privatleben zurück. Er erwarb 1816 das frühere Stift Cappenberg und wählte es als Ruhesitz, da ihm die politischen Verhältnisse in seiner Nassauer Heimat mißfielen.


Als angesehener Staatsmann wurde Stein auch zu den Beratungen um die Einführung ständischer Verfassungen in Preußen hinzugezogen; 1823 endlich wurden diese, im Zweijahresrhytmus durchgeführten Landtage auf Provinzebene eingeführt. Auf den ersten drei westfälischen Landtagen 1826-1830 wirkte Stein als Landtagsmarschall, d.h. Vorsitzender der Versammlung.




Stein als Geschichtsforscher

Stein setzte sich nun für die Erforschung der mittelalterlichen deutschen Geschichte ein, die ihm als glanzvolle Zeit deutscher Einigkeit in vielem vorbildhaft schien. Er gründete 1819 in Frankfurt die "Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde", die sich die Publikation der deutschen Geschichtsquellen des Mittelalters zur Aufgabe setzte. Unter dem Namen "Monumenta Germaniae historica" erscheint sie seit 1822 bis heute.


Seine Begeisterung für das Mittelalter bewog ihn auch, 1815/16 in Nassau einen "Gotischen Turm" als Denkmal der Befreiung von Napoleon zu bauen, mittelalterliche Glasscheiben zu sammeln (heute im Landesmuseum Münster) und Möbel mit gotisierendem Dekor anfertigen zu lassen.




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Der Freiherr vom Stein & Cappenberg