Auf der 1918 entstandenen Radierung stellt sich Corinth in seinem Atelier dicht an der Staffelei stehend dar. Er ist frontal dem Betrachter, das heißt im Grunde seinem eigenen Spiegelbild zugewandt. Hinter ihm hängen links einige mit wenigen Linien angedeutete Gemälde, rechts wird der Raum mit noch weniger Linien fast unkenntlich gestaltet. Vielleicht sind ein Wandschirm und eine Tür gemeint. Corinth konzentriert sich ganz auf seine Selbstdarstellung als arbeitender Künstler. Sein Blick ist düster, sein Gesicht verschattet, die Stirn und die buschigen Augenbrauen gerunzelt.
Im Vergleich zu dem eher schmächtigen Körper erscheint sein Kopf überproportional groß - ein typisches Merkmal für die späten Selbstbildnisse Corinths. Seine Arme hält er eng am Körper, um sich ganz auf die Zeichnung zu konzentrieren. Im Vergleich zu seiner linken Hand, die die Radierplatte hält, ist die zeichnende rechte deutlicher erkennbar. Überhaupt gestaltet Corinth seine linke Körperhälfte hauptsächlich mit Schraffuren von links oben nach rechts unten. Es könnte der durch die Staffelei verursachte Schatten gemeint sein oder auch einen Hinweis geben auf Corinths durch einen Schlaganfall im Dezember 1911 erfolgte Lähmung der linken Körperhälfte.
Abb. 2
Selbstbildnis Lovis Corinth mit Ehefrau Charlotte Berend-Corinth
Radierung und Kaltnadel 1904
19,9 x 17,7 cm (Platte)
Inv. Nr. C-8747 PAD
Rechts unten ins Bild hat Corinth etwas unbeholfen und an einigen Stellen überarbeitet einen Satz geschrieben "Revolution 10. November". Die genaue Entstehungssituation ist festgehalten, die die gedrückte Stimmung des Künstlers erklärt. Am 9. November 1918 war in Berlin die Revolution ausgebrochen.
Der Sozialist Philipp Scheidemann rief die Republik aus, der deutsche Kaiser Wilhelm II. dankte ab und begab sich ins Exil nach Holland. Corinths Tagebuchaufzeichnungen sind aufschlußreich für seine Empfindungen in dieser politisch instabilen Zeit. Am 10. November schreibt er "ich fühle mich als Preuße und kaiserlicher Deutscher. Es wird klar, daß sich alles schlechte in dieser Welt bitter rächt, und wenn der Regent dünkelhaft und einfältig verfährt, so wird der Staat es stets zu büßen haben", und weiter, nachdem er einige Fehler und "Dummheiten" des Kaisers aufgezählt hat: "Der kleinste Bürger hat durch die Eigenwilligkeit Wilhelms II. zu leiden. Z B. Maler: er befiehlt, wie gemalt werden soll: Denkmäler der Siegesallee, eine Schmach deutscher Kunst, nebst der Rede darüber 'An seine Bildhauer'. Und dennoch würde ich selbst für diesen Kaiser stimmen, denn mir schwant, als wenn wir den trübsten Zeiten immer mehr entgegeneilen. Malen und arbeiten will ich, wo kann man das noch?" Große Unsicherheit und Zukunftsangst spricht aus diesen Sätzen.
Corinth hält bei aller Kritik am deutschen Kaiser lieber an der alten Situation fest und fürchtet um seine Arbeitssituation unter einer neuen demokratischen womöglich sozialistischen Regierung. Der unermüdbare Arbeitswille Corinths spricht auch aus seinem Selbstbildnis von 1918.
Abb. 3
Selbstbildnis Lovis Corinth, radierend, 1909, 20 x 16,2 cm (Platte)
Inv. Nr. C-8383 PAD
(Erwerbung des Freundeskreises 1993)
Foto: WLMKuK Münster
Die Staffelei, die so dicht bei dem Künstler steht, ihn fast bedrängt, und die Gemälde erscheinen vor dem Hintergrund des Zitates haltgebend. Hier stellt sich ein Künstler dar, der unbeachtet der politischen Verhältnisse, die nur durch die kleine Unterschrift im Bild vorhanden sind, trotzig zu sagen scheint 'Ich arbeite weiter'.
Corinth war ein passionierter Maler und Radierer, der immer nach öffentlicher Anerkennung gestrebt hat, aber nicht bereit war, sich anzupassen. Stets war er von Selbstzweifeln getrieben. Seine andauernde Selbstbefragung hat sich in einer großen Zahl von Selbstbildnissen niedergeschlagen. Am 21. Juli 1858 im ostpreußischen Tapiau (heute Gwardejsk, GUS) als Sohn des Lohgerbermeisters Franz Heinrich Corinth und seiner Frau Amalie geboren, wurde seine künstlerische Begabung schon früh von seinem Vater erkannt. Er ging auf das Gymnasium in Königsberg, wo er auch den ersten akademischen Unterricht bei Otto Günther (1838-1884> erhielt. Dieser schickte ihn zur Weiterbildung nach München, das in dieser Zeit als bedeutendes Zentrum der Malerei galt. Corinth studierte dort bei Ludwig von Löfftz (1839-1907), der ihm die handwerklichen Grundlagen seiner Malerei vermittelte. Im Sommer 1884 ging Corinth nach Antwerpen und von da aus nach Paris, wo er bei dem damals sehr beliebten Salonmaler William Bougereau (1825-1905) seine Studien fortsetzte, allerdings völlig unbeeinflußt von dessen süßlicher Auffassung der Malerei. Einzig dessen zentrales Thema, die Darstellung des weiblichen Körpers, sollte auch in Corinths Schaffen eine herausragende Rolle spielen. Er begeisterte sich für den Realismus eines Wilhelm Leibl und studierte im Louvre die Gemälde Rembrandts, Rubens, Frans Hals und Velasquez.
Von den impressionistischen Malern blieb Corinth in Paris völlig unberührt. Zurück in München gründete er mit mehreren anderen Malern die Münchner Sezession, die sich von der akademischen Lehre lösen wollte. Unzufrieden mit seiner Malerei infolge der scharfen Kritik, die sein Gemälde "Diogenes" (BC 86) - ein eklektizistisches Bild, das die verschiedenen Einflüsse der Alten Meister verarbeitet - im Münchner Glaspalast geerntet hatte, begann Corinth auf Anraten seines Freundes und Malerkollegen Otto Eckmann mit der Radiertechnik, um seine zeichnerischen Fähigkeiten zu verbessern. Von 1892 bis 1894 entstand der Radierzyklus "Tragikomödien", der seine Auseinandersetzung mit dem Jugendstil zeigt. Bei einem Aufenthalt in Berlin entstand sein erstes Selbstporträt in Öl (BC 49), das Ausgangspunkt einer langen Reihe von gemalten und radierten Selbstbildnissen ist, Zeugnisse seiner lebenslangen kritischen Selbstreflexion, die ihn in die Nähe seines großen Vorbildes Rembrandt rücken.
Im Herbst 1901 zog Corinth vom Münchner Publikum enttäuscht ganz nach Berlin. Sein Gemälde "Salome" (BC 171), das im Münchner Glaspalast von den Kritikern abgelehnt worden war, erntete dort großen Erfolg. München ist mir in vieler Beziehung verleidet, und ich habe keine Lust, mich bei den Schafsköpfen irgendeiner dortigen Partei Liebkind zu machen, und ohne das geht es nicht; dagegen Berlin: Frack, Lackschuhe.. schreibt er in einem Brief an einen Freund. (zit. n. AK München 1996, S.15.)
In Berlin etablierte sich Corinth dann endlich zu einem mit Aufträgen überhäuften, anerkannten Maler. Hier gründete er auch eine eigene Malschule. Eine seiner ersten Schülerinnen, die 23 Jahre jüngere Charlotte Berend, wurde 1903 seine Frau. Sie stellte ihr eigenes Schaffen in den Hintergrund und widmete sich ganz ihrem Mann und später der Familie. In Corinths Selbstbiographie ist sie mit keinem Wort erwähnt. Corinths Radierung von 1904 ist eine der wenigen Selbstdarstellungen mit seiner Frau. (Abb. 2) Der Künstler ist im Begriff zu radieren. Sie steht leicht erhöht rechts hinter ihm und hält eine Rose hoch. Mit ihrer Linken faßt sie leicht auf die Schulter ihres Mannes. Die radierten Linien konzentrieren sich in den Gesichtern, in der die Platte haltenden Hand und als kompositorisches Gegengewicht in der Hand der Frau, welche die Rose hält. Das Bild zeigt die Zusammengehörigkeit der Ehepartner und steht in einer langen Tradition von Selbstbildnisssen, die den Künstler mit seiner Frau zeigen. Von einer Gleichstellung der Ehepartner kann hier allerdings nicht die Rede sein. Charlotte erscheint vielmehr, obwohl offensichtlich auf einem höheren Standpunkt als ihr Mann stehend, fast attributiv zu Corinth, dem Schaffenden, dazugesellt, was ihrer Stellung im Leben als Muse und Modell ihres Mannes entspricht. Der Bildausschnitt ähnelt dem Selbstbildnis von 1909. (Abb. 3) Die Blickintensität ist hier noch sehr viel stärker geworden.
Abb. 4
Selbstbildnis Lovis Corinth, Vernis Mou
1920/21, 11,9 x 9 cm (Platte)
Inv. Nr. K 59-36 LM
Foto: WLMKuK Münster
Die Augen sind weit aufgerissen und drücken nahezu Erstaunen über das eigene Antlitz aus. Durch den leicht nach vorne geneigten Kopf scheint Corinth hier noch näher an den Betrachter bzw. sein eigenes Spiegelbild herangerückt zu sein. Auf dem Doppelbildnis von 1904 hält er den Kopf eher nach hinten, was eine leichte Untersicht bewirkt und ihm dadurch einen etwas hochmütigen Ausdruck verleiht.
Beide Radierungen strahlen im Gegensatz zum Selbstbildnis von 1918 sehr viel Selbstbewußtsein aus. Der 1911 erlittene Schlaganfall hatte Corinths Vitalität gebrochen. Der Tod wird für ihn etwas real vorstellbares. In seinem Münchner Selbstbildnis von 1896 (BC 135) hatte er sich noch neben einem Atelierskelett selbstbewußt stehend dargestellt und so das Skelett als Requisite entlarvt. In späteren Darstellungen ist der Knochen mann dann viel stärker zur konkreten Bedrohung geworden. In seinem Tagebuch lesen wir Oft in der Nacht erschienen meine Verstorbenen und schienen mir zuzuwinken, während von oben herab eine Gewalt mich niederdrückte, immer tiefer. Die Selbstbildnisse werden immer mehr zum Ort grüblerischer Selbstreflexion. Dabei greift Corinth zunehmend zur Kaltnadel, das heißt, daß er direkt in die Radierplatte zeichnet, ohne einen Ätzprozeß anzuschließen. Die so entstandenen Linien wirken im Abdruck schwärzer, da die Radiernadel leichte Unregelmäßigkeiten in der Platte bewirkt und so mehr Farbe absorbiert wird. Die Expressivität des Bildes wird gesteigert.
Abschließend soll noch eines der späten Selbstbildnisse von 1920/21 hinzugezogen werden (Abb. 4), eine Weichgrundätzung (Vernis mou), bei der die Linien den Eindruck einer Kohlezeichnung erwecken. Corinth modelliert sein Gesicht aus Schattenpartien, Details sind unwesentlich, es zählt allein der Ausdruck des traurig blickenden Künstlers.
Während die Radierungen von 1904 und 1909 noch eine realitätsnahe Darstellungsweise zeigen, wird Corinth in seinen späteren Selbstbildnissen immer expressiver. Er zeigt sich als ein vom Schicksal getroffener Künstler, der dennoch unermüdlich weiter arbeiten wird bis zu seinem Tode am 17. Juli 1925.
Kirsten Ahrens
Literatur:
Corinth, Lovis, Selbstbiographie, hrsg. v. Renate Hartleb, Leibzig, 1993; Berend-Corinth, Charlotte, Die Gemälde von Lovis Corinth. Werkkatalog, München 1958 (abgekürzt zitiert BC)
Schwarz, Karl, Das Graphische Werk von Lovis Corinth, Berlin 1922
Ausstellungskatalog "Lovis Corinth. 1858-1925", hrsg. v. Fritz Zdenek, Essen/München 1985/86
Ausstellungskatalog "Lovis Corinth", hrsg. v. Peter-Klaus Schuster, Christoph Vitali und Barbara Butts, München 1996
Bussmann, Georg, Carmencita. Malerei an der Kante, Frankfurt am Main 1985
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