Der niederländische Theologe und Philologe Erasmus Desiderius von Rotterdam (1469-1536) gilt als der bedeutendste Humanist in der Renaissance, der nördlich der Alpen gelebt hat.
Seine Geburt liegt im Dunkeln: Vermutlich kam er am 27. oder 28. Oktober 1469 in Gouda zur Welt. Nach dem Besuch der Kapitelschule in Deventer trat er 1487 in das Augustinerkloster in Steyn ein. 1492 wurde er zum Priester geweiht. Zwischen 1495 und 1499 studierte Erasmus an der Universität in Paris.
Während seiner wissenschaftlichen Laufbahn hielt er sich in England, Deutschland, in den Niederlanden, in Frankreich und in der Schweiz auf. Er korrespondierte mit den wichtigsten Gelehrten in ganz Europa. Allein seine gesammelten Briefe füllen eine elfbändige Ausgabe.
Als ausgebildeter Theologe und Philologe hat er sich vor allem um die Übersetzung und Verbreitung lateinischer und griechischer Texte antiker Autoren verdient gemacht. Sein populärstes Werk, die "Adagia", ist eine Sammlung lateinischer und griechischer Spruchweisheiten, die in den Lehrkanon der Lateinschulen eingeflossen ist.
Viele seiner Schriften und Traktate werden zur historischen Beschreibung der Zeit an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert herangezogen. Obwohl nie der reformatorischen Bewegung beigetreten, gilt Erasmus als ein Kritiker seiner Zeit. In "Das Lob der Torheit", einem seiner Hauptwerke, übt er in satirischer Form unverhohlene Kritik an der Gesellschaft.
Abb. 2: Petschaft und Siegelring des Erasmus' mit der Ursprungsdarstellung des Grenzgottes Terminus.
Foto: WLMKuK Münster
Das Bildnis
Erasmus von Rotterdam ist streng im Profil nach rechts dargestellt. Auf dem Kopf trägt er eine Kappe. Sein Hals verschwindet unter dem großen pelzverbrämten Kragen eines weiten Mantels. Die gleichmäßig in einem Viertelkreisbogen aufsteigende Kragenlinie akzentuiert das Gesicht und trennt es zugleich vom Rest des Körpers.
Die Umrisse des Erasmus` heben sich metallisch klar vor dem hellen Bildgrund ab. Mit einem leicht spöttisch wirkenden Lächeln blickt er nach oben.
Am unteren Bildrand erhebt sich über einem grasbewachsenen Erdhügel ein kleiner Grenzstein in Form einer Büste. Auf ihrem Postament ist das Wort "MARCKSTAIN" (= Flur-, Grenzstein) eingraviert. Die Büste stellt den altrömischen Gott "Terminus", den Gott der Grenzen, dar; ihn hatte Erasmus einst zu seinem Emblem erkoren, worauf im weiteren Verlauf noch einzugehen sein wird.
Das Gesicht des jungen bärtigen Gottes ist scharf nach links gewandt, während der Hals und die Schulter von vorne gesehen sind. Deutlich heben sich die dunklen Umrisse des Kopfes vom hellen Mantel des Erasmus` ab. Die gewellten struppigen, im Wind flatternden Haare des Terminus` geben der Gestalt etwas Verwegenes. Der Pro-
filkopf des römischen Gottes wiederholt "en miniature" die Kopfhaltung des Erasmus`. Mit ihm teilt die Figur auch die Physiognomie: Sowohl Augen, Nase und Mund als auch das vorstehende Kinn weisen verwandtschaftliche Züge mit der äußeren Erscheinung des Erasmus` auf.
Hopfers Darstellung des Erasmus von Rotterdam wirkt auf den ersten Blick etwas steif, nicht zuletzt durch die "eingefrorene" Mimik des Dargestellten. Aber auch die künstlerischen Mittel, die Behandlung des Lichts, die metallische Schärfe in der Modellierung, tragen dazu bei. In den Details entfaltet die Komposition ein malerisches Eigenleben. Dem Künstler gelingt es, das Stoffliche -etwa den Pelzbesatz oder die Haare - anschaulich in seiner Radierung zum Ausdruck zu bringen.
Quentin Metsijs (1465/66-1530), Medaille auf Erasmus von Rotterdam, 1519, Bronze, gegossen, Durchmesser 106,2 mm, Historisches Museum der Stadt Basel, HMB Inv.-Nr. 1916288
Vorderseite: Brustbild des Erasmus' im Profil nach links zwischen , ER [asmus] und ROT [erodamus]., Am underen Rand die Jahreszahl 1519, in Griechisch und Latein folgende Inschrift: "Das bessere Bild werden die geschriebenen Worte zeigen" und "Das Abbild ist nach dem Lebenden dargestellt".
Der Künstler
Der Radierer und Waffenätzer Hieronymus Hopfer (um 1500-1536) stammt aus einer berühmten süddeutschen Familie von Kupferstechern. Er kam um 1500 in Augsburg zu Welt. Der genaue Zeitpunkt ist unklar. Vermutlich trat er in die väterliche Werkstatt ein. 1529 hielt er sich in Nürnberg auf. Am 13.11.1531 verzichtete Hieronymus Hopfer schließlich auf das Bürgerrecht von Augsburg und siedelte sich endgültig in Nürnberg an, wo er vermutlich im Jahre 1563 verstarb.
Rückseite: Büste des Gottes der Grenzen im Profil nach links auf einem Postament mit der Inschrift "TERMI/NVS"; im Feld: CONCEDO - NVLLI". Am unteren Rand Devisen des Erasmus in Griechisch und Latein: "Sieh das Ende eines langen Lebens" und "Tod ist das Ende aller Dinge".
Sein schmales Oeuvre besteht hauptsächlich aus Radierungen. Der größte Teil seines graphischen Werkes umfaßt Kopien nach Holzschnitten und Kupferstichen von Lucas Cranach, Albrecht Dürer, Jacopo de` Barbari und Andrea Mantegna. Daneben gibt es vereinzelt eigenständige Kompositionen. Im Gegensatz zu seinem Vater Daniel Hopfer ist Hieronymus Hopfer dem Formenvokabular der Renaissance weitgehend verpflichtet. Die Nachahmung der Natur, die anatomisch korrekte Darstellung des Menschen und die Gesetze der Perspektive finden in seinem Werk Niederschlag.
Bei den Bildnisdarstellungen erscheinen die Figuren nicht - wie noch beim Vater üblich - vor einem mit Ornamenten überzogenen Bildgrund, sondern stehen frei vor einem neutralen Hintergrund.
Hopfers "Erasmus-Radierung" gehört zu den eher eigenständigen Kompositionen des Künstlers. Stolz hat er sie mit seinem Monogramm in der rechten oberen Ecke signiert. Zwischen den beiden Buchstaben fügte er den Augsburger "Pyr" ein: eine Hopfendolde, eine Art Zunftzeichen seiner Heimatstadt Augsburg.
Originalradierungen aus der Hand Hieronymus Hopfers sind äußerst selten auf dem Kunstmarkt vertreten. Die meisten Abzüge stammen aus späterer Zeit. Der Nürnberger Verleger David Funck kaufte im 17. Jahrhundert die Platten der Familie Hopfer auf, versah jede mit einer Nummer und brachte von diesen durchnummerierten Platten Abzüge in Umlauf, die sich heute in den bedeutenden Kupferstichkabinetten der Welt befinden. Die unten links eingravierte Zahl "70" auf unserer "Erasmus-Radierung" deutet daraufhin, daß es sich um einen späteren Abzug von der Eisenplatte handelt.
Die Vorlage und ihre Umsetzung
Hieronymus Hopfer schuf das Porträt des Erasmus von Rotterdam nicht nach der Natur, wie die Inschrift unter dem Kinn des Dargestellten fälschlicherweise behauptet: "DIE BILDNVS NACH LEBLICHER GESTALT AVS GETRVCKT".
Vielmehr dürfte Hopfer das Antlitz des großen Humanisten aus einer prachtvollen, in Bronze gegossenen Medaille des flämischen Malers Quentin Metsijs (um 1465/66-1530) bekannt gewesen sein (Abb. 3a und (Abb. 3b.
Diese Medaille, die auf der Vorderseite das Profilbildnis des Erasmus' und auf der Rückseite eine Büste des Grenzgottes "Terminus" zeigt, lieferte die Vorlage für den Radierer Hieronymus Hopfer. Die beiden Reliefdarstellungen auf der Münze fügte er zu einem neuen kompositorischen Ganzen zusammen.
Das Profilbildnis des Erasmus' erscheint bei Hopfer nahezu identisch, nur im Gegensinn. Das bedeutet: Der Künstler hat das Bildnis nach der Medaille radiert;
der anschließende Abzug von der Platte ließ das Porträt jedoch seitenverkehrt erscheinen. Auffallend bei Hopfers Komposition ist die metallisch-plastische Wiedergabe der Dinge, für die vielleicht die aus Bronze gefertigte Vorlage der Grund gewesen sein mag. An einigen Stellen hat Hieronymus Änderungen vorgenommen, da er die Komposition in ein hochrechteckiges Bildfeld übertragen mußte. So ist im Vergleich mit der Medaille in der Radierung die Schulter stärker hervorgehoben und der Kragen schmaler. Den Gesichtsausdruck des Erasmus` hat Hopser überspitzt - man ist geneigt zu sagen - fast karikierend dargestellt. Während der Gelehrte auf der Medaille eine heitere Gelassenheit ausstrahlt, wirkt er im Druck leicht blasiert.
Die Darstellung des "Terminus" auf der Rückseite der Medaille hat Hopfer ebenfalls im Gegensinn in seine Komposition einfließen lassen. Er erscheint am unteren Bildrand, auf der Höhe der Mittelsenkrechten, eingerahmt von dem deutschen Vers "Der Tod ist die letzte Grenze der Dinge, der ich weichen muß" - der deutschen Zusammenfassung der lateinischen Sprüche "concedo nulli" ("Ich weiche niemandem") und "mors ultima linea rerum" ("Der Tod ist die letzte Grenze der Dinge" nach Horaz).
Terminus - der Gott der Grenzen
Eigentlich ist Terminus nur durch eine Verwechslung zum Emblem des Erasmus geworden. Im Jahre 1509 erhielt der Humanist auf einer Reise durch Italien von seinem damaligen Schüler, dem schottischen Königssohn Alexander Stuart, einen goldenen Fingerring mit einem römischen Carneol geschenkt. Auf dem Schmuckstück war frontal das bärtige Gesicht des griechischen Gottes Dionysos zu sehen (Abb. 2). In einem Brief berichtet Erasmus, ein italienischer Antiquar hätte den Kopf als den des Terminus` gedeutet. Fortan wählte Erasmus den Grenzgott als sein Emblem.
Seit dieser Zeit taucht das Motiv des Terminus` in der Graphik und auf Medaillen auf, meistens unter der Verwendung des Zusatzes "concedo nulli". Dieser Ausspruch geht auf eine Geschichte des Grenzgottes Terminus zurück, der Jupiter nicht weichen wollte, als man zu seinen Ehren einen Tempel auf dem Kapitolinischen Hügel errichten wollte. Als Zugeständnis für Terminus ließ man im Dach des Tempels ein Loch und baute so das Gotteshaus um den Grenzstein herum.
Von seinen Feinden wurde Erasmus` Emblem als Zeichen der Intoleranz und Arroganz gewertet. In einer Verteidigungsschrift (1528) erklärt Erasmus, mit den Worten "concedo nulli" seien nicht seine eigenen, sondern die des Gottes Terminus gemeint. Für ihn symbolisiert Terminus nicht nur die irdischen Grenzen, sondern auch die Grenze zwischen Leben und Tod. In Erasmus` Devise kommt also die Erinnerung an den Tod zum Ausdruck.
Dieser Interpretation scheint auch Hieronymus Hopfer in seiner Radierung zu folgen, in dem er das "concedo nulli" mit dem Tod und dem Grenzgott Terminus in Verbindung bringt.
Michael Henning
Literaturhinweise:
Johan Huizinga: Erasmus (deutschsprachige Ausgabe des 1924 erschienen Buches, übersetzt von Werner Kaeggi). Basel 1936. - Kat. Rotterdam: Erasmus en zijn tijd, Museum Boymans van Beuningen. Rotterdam 1969 - Erwin Panofsky: Erasmus and the visual arts, in: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes, London 1969, S. 200227. -Anton J. Gail: Erasmus von Rotterdam. Hamburg 1974. - Edgar Wind: AENIGMA TERMINI. The Emblems of Erasmus of Rotterdam, in: The Eloquence of Symbols. Studies in Humanist Art, Oxford 1983, S.77-82. - Kat. Basel: Erasmus von Rotterdam: Vorkämpfer für Frieden und Toleranz, Ausstellung zum 450. Todestag des Erasmus von Rotterdam, Historisches Museum. Basel 1986. - Elizabeth Landolt u. Felix Ackermann (Hrsg.): Sammeln in der Renaissance. Das AmerbachKabinett. Die Objekte im Historischen Museum Basel. Basel 1991.
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