Barbara Stollberg-Rilinger (Hg.):
Politisch-soziale Praxis und symbolische Kultur der landständischen Verfassungen im westfälischen Raum
Band 53/2003 (ISBN 3-402-09232-8)
Die „kulturalistische Wende“ in der Geschichtswissenschaft erreicht allmählich die Politik- und Verfassungsgeschichte und beginnt auch deren Gegenstände als symbolisch konstituierte soziale Handlungssysteme zu beschreiben. Der von Barbara Stollberg-Rilinger betreute Themenschwerpunkt behandelt deshalb nicht nur die klassischen politischen Kompetenzen der Stände. Erstmals wird auch systematisch danach gefragt, was eine ständische „Verfassung“ als konkrete politisch-soziale Praxis überhaupt ausmachte, auf welchen gesellschaftlichen Grundlagen die politische Standschaft beruhte und welche Rückwirkungen sie umgekehrt auf die soziale Existenz ihrer Mitglieder hatte. Aus dieser Perspektive erschließt sich die Rationalität von Phänomenen, die auf den ersten Blick dysfunktional erscheinen. Dass etwa manche landständische Gremien auch dann noch regelmäßig zusammentraten, wenn sie effektiv keinen politischen Gestaltungsspielraum mehr besaßen, wird erklärbar, wenn man diese Versammlungen als Orte symbolischer Inszenierung und damit als Perpetuierung von Werten und Normen, Rechtsansprüchen und sozialen Positionen versteht.
Weitere Beiträge behandeln u.a. Schiedsgerichtsverfahren in der frühen Neuzeit, die Sozialgeschichte der (Schloss) Holter Eisenhütte im 19. und 20. Jahrhundert und die wirtschaftlenkenden Maßnahmen der Kreiswirtschaftsberater der NSDAP im südlichen Westfalen. Vorgestellt werden außerdem neue Projekte und Quellen zur Geschichte der jüdischen Gemeinden in Westfalen und das am Westfälischen Institut für Regionalgeschichte angesiedelte, z.Zt. im Aufbau befindliche Internet-Portal „Westfälische Geschichte“. Schließlich nimmt Hans Derks erneut Stellung zur Kritik an seinem viel diskutierten Buch über die „Deutsche Westforschung“.
Inhalt:
Barbara Stollberg-Rilinger:
Einleitung, S. 1-11
Wilfried Reininghaus:
Adel, Bauern und Landesherr im Gericht Castrop. Ein Beispiel für „ständische Mikroformen“ in der alten Grafschaft Mark vom 15. bis 18. Jahrhundert, S. 13-41
Oliver Becher:
Landstände und autonome adelige Konfessionalisierung in der Grafschaft Mark, S. 43-70
Michael Kaiser:
Nähe und Distanz. Beobachtungen zum Verhältnis zwischen den Landständen von Kleve und Mark und ihrem Landesherrn im 17. Jahrhundert, S. 71-108
Ute Küppers-Braun:
„Etwas ganz sonderbares aber ist, daß in dem Fürstl. Stifft Essen die erste Claß derer Land-Stände aus lauter Frauenzimmer besteht“ - Die landständische Verfassung des Hochstifts bzw. Fürstentums Essen, S. 109-129
Stephan Laux:
Gravamen und Geleit. Grundlagen, Tendenzen und Konsequenzen ständischer Einflussnahme auf die ‚Judenpolitik’ im Herzogtum Westfalen (ca. 1650-1850), S. 131-158
Johannes Arndt:
Der lippische Landtag - Politisch-soziale Praxis und symbolische Kultur im 18. Jahrhundert, S. 159-182
David Martin Luebke:
Symbolische Konstruktionen politischer Repräsentation im ländlichen Ostfriesland 1719-1727, S. 183-213
Stefan Brakensiek:
Die Reichsstände des Königreichs Westphalen, S. 215-240
WEITERE BEITRÄGE
Christoph Dartmann:
Schiedgerichtsbarkeit und die gütliche Beilegung von Konflikten in Westfalen: das Beispiel der Abtei Liesborn, S. 241-272
Kirstin Amshoff:
Nichteheliche Geburten im Münsterland im 17. und 18. Jahrhundert, S. 273-305
Jutta Nowosadtko:
Nur um die Ehre? Militärpolitische Implikationen einer Schmähschriften- und Beleidigungsaffäre, S. 307-320
Frank Konersmann:
Handwerkerarbeiter und Unternehmerpatriarchen. Zur Sozialgeschichte der Holter Eisenhütte in der Senne (1842-1966), S. 321-344
Ralf Blank:
Ehrenbürgerrecht im „Dritten Reich“. Der Hagener „Ehrenbürgerbrief“ für Adolf Hitler, S. 345-378
Mathias Neigenfind:
Die Kreiswirtschaftsberater der NSDAP - Zuständigkeiten, Aufgabenverständnis und wirtschaftslenkende Maßnahmen in Arnsberg, Brilon und Meschede, S. 379-409
FORSCHUNGSPROJEKT
Susanne Freund/Wilfried Reininghaus:
Das „Handbuch der jüdischen Gemeinden und Gemeinschaften in Westfalen und Lippe“ - ein neues Projekt der Historischen Kommission für Westfalen, S. 411-417
ARCHIVE - BIBLIOTHEKEN - INTERNET
Rita Schlautmann-Overmeyer:
Ein Aktenfund in Hamburg zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Münster, S. 419-427
Gisela Möllenhoff:
Die Allgemeine Zeitung des Judentums und das Israelitische Familienblatt als historische Quellen zur jüdischen Gemeinde- und Personengeschichte Westfalens, S. 429-445
Marcus Weidner:
Westfälische Geschichte im Internet - Projektbericht zum Internet-Portal ‚Westfälische Geschichte’. Ein Kooperationsprojekt des Westfälischen Instituts für Regionalgeschichte und der Stiftung Westfalen-Initiative, S. 447-475
DISKUSSIONSFORUM
Hans Derks
Deutsche Westforschung. Eine Replik, S. 477-480
KARL-ZUHORN-STIPENDIUM
Ortrun Niethammer:
Gender-Differenz als wissenschaftliches Paradigma, S. 481-491
WÜRDIGUNG
Reimund Haas:
Nachruf auf Alois Schröer, S. 493-501
JAHRESBERICHTE 2002
S. 503-532
ZEITSCHRIFTENSCHAU
Klaus Schultze:
Ausgewählte Beiträge zur geschichtlichen Landeskunde Westfalens in Periodika des Jahres 2002, S. 533-621
BUCHBESPRECHUNGEN
S. 623-774
|