Clemens Wischermann (Hg.):
Erinnerungskultur in Westfalen: Die Weitergabe der Vergangenheit
Band 51/2001, 700 Seiten, € 69,60 (ISBN 3-402-09230-1)
Warum und auf welche Weise erinnern wir uns gemeinsam an bestimmte Zustände, Ereignisse und handelnde Personen in der Vergangenheit? Dieser Frage geht der 51. Band der Westfälischen Forschungen nach, der in diesem Jahr dem Themenschwerpunkt "Erinnerungskultur in Westfalen: die Weitergabe der Vergangenheit" gewidmet ist.
Der im Auftrag des Westfälischen Instituts für Regionalgeschichte (LWL) vom Konstanzer Historiker Prof. Dr. Clemens Wischermann herausgegebene Band stellt nicht so sehr die Orte und Objekte des Gedächtnisses, sondern vor allem die Methoden des Erinnerns in den Mittelpunkt. 22 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben Beiträge zu diesem Thema verfasst und herausgefunden, dass sich die Art und Weise der Erinnerung in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Das politische Bemühen um ein gemeinsames Gedächtnis, das am Ende des 19. Jahrhunderts einen Höhepunkt erreichte, steht nicht mehr im Vordergrund; vielmehr finden heute engagierte und interessierte Bürger immer häufiger zu individuellen Formen der Erinnerung. Diese Entwicklung wird von den Autoren an zahlreichen Beispielen verdeutlicht. So wird gezeigt, wie das Stadtarchiv Münster die städtische Erinnerungskultur unterstützt und mitgestaltet, wie man sich in Paderborn an die Ordensgründerin Pauline von Mallinckrodt und die Schriftstellerin Luise Hensel erinnert, welche Schwierigkeiten es machte, ein geeignetes Denkmal für Kardinal von Galen auf dem Domplatz in Münster zu finden, und in welcher Form die Erinnerung an NS-Gedenkfeste in Lippe bis heute präsent ist.
Ergänzt wird der Themenschwerpunkt durch einen Beitrag, der die Sennelandschaft als Natur- und Kulturerbe besonderer Art würdigt, durch einen Überblick über die im vergangenen Jahr erschienenen Zeitschriftenaufsätze zur geschichtlichen Landeskunde sowie durch einen umfangreichen Besprechungsteil, in dem die wichtigsten Neuerscheinungen zur westfälischen Geschichte vorgestellt und kommentiert werden.
Inhalt:
A. Zur Konzeption
Clemens Wischermann:
Wettstreit um Gedächtnis und Erinnerung in der Region
Matthias Dümpelmann:
Woran man sich künftig erinnern wird. Bemerkungen zum öffentlich-politischen Gedächtnis
Miriam Gebhardt:
Das Familiengedächtnis zwischen Zuweisung und persönlichem Glück
Katja Patzel-Mattern:
"Erinnerung verbindet uns, Erinnerung trennt uns". Zur Bedeutung lebensgeschichtlicher Erinnerung für die historische Forschung
B. Gedächtnis als Strategie der öffentlichen Gemeinschaftsbildung und Integration: Der Wettstreit der "kulturellen Gedächtnisse" in der Region
Stefan Haas:
Erinnerung in administrativen Systemen. Gedächtnisstrukturen der preußischen Verwaltung in Westfalen im 19. Jahrhundert
Anja Gussek-Revermann, Franz-Josef Jakobi, Hannes Lambacher, Roswitha Link:
Das Stadtarchiv Münster - ein Zentrum städtischer Erinnerungskultur
Armin Owzar:
Fremde Herrschaft - fremdes Recht? Deutungen der napoleonischen Verfassungspolitik in Westfalen im 19. und 20. Jahrhundert
Dietmar Klenke:
"Die friedliche Leier neben dem kriegerischen Schwert". Westfälische Männergesangvereine als Träger der Erinnerungskultur im 19. und 20. Jahrhundert
Barbara Stambolis:
"Es gab nicht nur Pauline von Mallinckrodt und Luise Hensel ...". Bestandsaufnahme und Desiderate weiblicher Erinnerungsräume am Beispiel Paderborns
Gisela Weiß:
Die Konstruktion Westfalens - Museale Sinnstiftung im 19. Jahrhundert
Frank Becker:
Umkämpfte Erinnerung? Sedantage in Münster und Minden (1870-1895)
Uta Rasche:
Erinnerungskultur im katholischen Milieu: Die Ludgerus-Verehrung im Bistum Münster (1840-1910)
Stefan Goebel:
"Kohle und Schwert". Zur Konstruktion der Heimatfront in Kriegswahrzeichen des Ruhrgebietes im Ersten Weltkrieg
Jean-Christoph Caron:
Stolze Erinnerungen an das "Dritte Reich". Ein theatrales NS-Gedenkfest im Gau Westfalen-Nord und seine Wirkungsgeschichte bis in die 1990er Jahre
Thomas Großbölting:
Katholische Brechungen des Umgangs mit der NS-Vergangenheit. Der "Löwe von Münster" in der Erinnerung der Nachkriegszeit
Matthias M. Ester:
Nationaler Opferbegriff und lokale Gedenkkultur. Das Gedenken an die nationalsozialistische Verfolgung und Ermordung der Juden im Münsterland (1970-2000)
Alfons Kenkmann:
Erinnern an die eigene Verstrickung während des "Dritten Reiches" - das Beispiel der Finanzverwaltung in Westfalen
Volker Resing:
Ruinen und Kulissen. Der münsterische Theaterneubau von 1956 als Gedächtnisort
Dietmar Simon:
"So war es früher!" - Sozialdemokratische Erinnerungskultur in autobiographischen Texten des Lokalpolitikers Franz Iserloh
FORSCHUNGSPROJEKT
Willi Oberkrome:
Suffert und Koch. Zum Tätigkeitsprofil deutscher Naturschutzbeauftragter im politischen Systemwechsel der 1920er bis 1950er Jahre
KARL-ZUHORN-STIPENDIUM
Ulrich Harteisen:
Die Sennelandschaft - ein herausragendes Natur- und Kulturerbe in Westfalen
JAHRESBERICHTE 2000
ZEITSCHRIFTENSCHAU
Klaus Schultze:
Ausgewählte Beiträge zur geschichtlichen Landeskunde Westfalens in Periodika des Jahres 2000
BESPRECHUNGEN
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