Die Hochindustrialisierung veränderte die Wahrnehmung der Stadt in ihrer Beziehung zum ländlichen Raum von Grund auf. Die völlige Umstellung der Arbeits- und Marktverhältnisse, der sich beschleunigende Prozess der Suburbanisierung und die kontinuierlichen städtetechnischen Innovationen ließen auch die ländliche Gesellschaft nicht unberührt.
Bis weit hinein ins 20. Jahrhundert gehörten die Großstädte dabei zu den entscheidenden Triebkräften der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Modernisierung. Insbesondere aus der Perspektive der ländlichen Bevölkerung wirkte die „Stadt“ als Verdichtungsraum und „Zentralitätsform“ der Moderne (Werner Troßbach). In dem Maße, in dem der ländliche Raum seine ausschließliche Versorgungsfunktion für die Stadt einbüßte und selbst Dienstleistungen und Produkte der Stadt nachfragte, verblasste auch der autarke und oftmals selbstgenügsame Charakter der ländlichen Lebenswelt. Bereits zeitgenössisch war von einer „Verstädterung“ der Dörfer die Rede – eine Kritik, die allerdings zuerst vom akademisch-städtischen Bürgertum geäußert wurde und in volkskundlich-bewahrender Absicht auf die Erhaltung des typisch ländlichen Stils zielte.
Neue kulturwissenschaftliche Forschungen deuten darauf hin – eine empirische Umsetzung ist vielfach noch nicht erfolgt –, dass in solchen zeitgenössischen Wahrnehmungen und Deutungen ein spezifischer Zusammenhang zwischen der kulturellen Prägung, der lebensweltlichen Orientierung, den individuellen und kollektiven Identitäten bzw. Mentalitäten, den praktizierten Kommunikationsformen sowie dem sozialen und politischen Handeln zum Ausdruck kam. In einem kombinierten sozial- und kulturgeschichtlichen Zugriff will das geplante Projekt (Arbeitstitel „Urbanisierung und Moderne in der Perspektive des ländlichen Raums in Westfalen 1870-1930“) die vorliegenden Arbeiten zur Großstadtkritik und Heimatbewegung in zwei Aspekten ergänzen, die bisher wenig Beachtung gefunden haben: Zum einen richtet sich der Blick nicht mehr auf den „urbanen Diskurs“ der kulturellen Eliten, sondern auf die Wahrnehmung der „Stadt“ durch den ländlichen Raum; zum anderen sollen die auf eigene Erfahrungen gestützten Sichtweisen und Verhaltensänderungen der ländlichen Bevölkerung – und nicht mehr die Auseinandersetzung um ideologisch-politische Deutungen – in den Mittelpunkt gestellt werden.
Abgesehen von der Idealisierung des ländlichen Raums in der Tradition Wilhelm Heinrich Riehls und der „interessegeleiteten“ Stadtkritik agrarischer Verbandsvertreter sind Erfahrungen von Zeitgenossen zum Verhältnis von urbaner und ländlicher Lebensweise noch kaum einer historischen Einordnung unterzogen worden. Wie insbesondere die „Stadt“ und ihre Bewohner als konkret erfahrbares Gegenüber und als Chiffre für die Moderne von der Bevölkerung des ländlichen Raums wahrgenommen wurden, ist nach wie vor eine offene Frage.
Die Beschreibung solcher kulturellen Deutungen und Praktiken wird sich einerseits auf die Rekonstruktion struktureller Veränderungen im Verhältnis von Stadt und Land, andererseits auf die Auswertung perspektivischer Quellen und Selbstauskünfte stützen. Inhaltliche Schwerpunkte des Projekts werden ausgewählte Bereiche städtisch-ländlichen Interessenausgleichs sein. Im Vordergrund stehen die Themenfelder Soziale Sicherung, Mobilität und Kommunikation sowie Konsum und Zeitwahrnehmung. Unter anderem soll die Frage beantwortet werden, ob eine bewusste Adaption städtischer Kulturformen stattfand oder ob diese von den Städten aus in das Umland „exportiert“ wurden? In welchem Umfang forderte die ländliche Bevölkerung städtische Leistungsmerkmale an, wo lehnte sie diese ab?