Urbanisierung und ländlicher Raum
Arbeitstitel: Urbanisierung und Moderne aus der Perspektive des ländlichen Raums 1870-1930 (Bearbeiter: Thomas Küster)
Die Hochindustrialisierung veränderte die Wahrnehmung der Stadt und der agrarisch-bäuerlichen Welt durch die Zeitgenossen von Grund auf. Unübersehbar waren z.B. die völlige Umstellung der Arbeits- und Marktverhältnisse sowie die sich intensivierenden Prozesse der Suburbanisierung und kontinuierlichen städtischen Intervention in den ländlichen Raum. Bis weit hinein ins 20. Jahrhundert gehörten die Großstädte dabei zu den entscheidenden Triebkräften für Modernisierung und Innovation. Insbesondere aus der Perspektive der ländlichen Bevölkerung wirkte die „Stadt“ als Verdichtungsraum und „Zentralitätsform“ der Moderne (Werner Troßbach).
In dem Maße, in dem der ländliche Raum seine nahezu ausschließliche Versorgungsfunktion für die Stadt einbüßte und selbst Dienstleistungen und Produkte der Stadt nachfragte, verblasste auch der autarke und oftmals selbstgenügsame Charakter der ländlichen Lebenswelt. Bereits zeitgenössisch war von einer „Verstädterung“ der Dörfer die Rede, womit zunächst nur die Imitation bürgerlicher Architekturformen gemeint war - eine Kritik, die vom akademischen Bürgertum geäußert wurde und in volkskundlich-bewahrender Absicht auf die Erhaltung des typisch ländlichen Stils zielte.
Neue kulturwissenschaftliche Konzepte und Methoden lassen ahnen - eine empirische Umsetzung ist vielfach noch nicht erfolgt -, dass in solchen zeitgenössischen Wahrnehmungen und Deutungen ein spezifischer Zusammenhang zwischen der kulturellen Prägung, der lebensweltlichen Orientierung, den individuellen und kollektiven Identitäten bzw. Mentalitäten, den praktizierten Kommunikationsformen sowie dem sozialen und politischen Handeln zum Ausdruck kam. Abgesehen von der Idealisierung des ländlichen Raums in der Tradition Wilhelm Heinrich Riehls und der „interessegeleiteten“ Stadtkritik agrarischer Verbandsvertreter sind Erfahrungen von Zeitgenossen zum Verhältnis von urbaner und ländlicher Lebensweise aber noch kaum einer historischen Einordnung unterzogen worden. Im kombinierten sozial- und kulturgeschichtlichen Zugriff will das geplante Projekt deshalb die Muster der gewohnten Großstadtkritik in zwei Aspekten ergänzen, die bisher wenig Beachtung gefunden haben: Zum einen richtet sich der Blick nicht mehr auf den „urbanen Diskurs“ an sich, sondern auf die Wahrnehmung der „Stadt“ durch den ländlichen Raum; zum anderen sollen die aus lebensweltlichen Erfahrungen resultierenden Sichtweisen der ländlichen Bevölkerung - und nicht mehr die Auseinandersetzung um ideologisch-politische Deutungen - in den Mittelpunkt gestellt werden.
Die Beschreibung und Einordnung dieser kulturell bestimmten Praktiken und Identitäten stützt sich im Wesentlichen auf die Rekonstruktion struktureller Veränderungen im Verhältnis von Stadt und Land und auf die Auswertung perspektivischer Quellen und Selbstauskünfte. Als Fallbeispiele werden zentrale Bereiche städtisch-ländlichen Interessenausgleichs herangezogen, so etwa die soziale Sicherung (am Beispiel der rechtlichen Harmonisierung der Armenfürsorge), Mobilität und Kommunikation (am Beispiel der Ausweitung des Verkehrs und der Verdichtung der Berichterstattung), schließlich Konsum und Freizeit (am Beispiel kultureller Aktivitäten und Angebote auf dem Dorf). Unter anderem soll die Frage beantwortet werden, ob eine bewusste Adaption städtischer Kulturformen stattfand oder ob diese von den Städten aus in das Umland „exportiert“ wurden? In welchem Umfang forderte die ländliche Bevölkerung städtische Leistungsmerkmale an (z.B. auf dem Gebiet der sozialen Fürsorge oder der Bildungseinrichtungen) oder zeigte sich diesen Angeboten gegenüber reserviert? Ab wann und unter welchen Umständen partizipierten die Dorfbewohner an der allgemeinen Freizeit- und Wohlstandsentwicklung?
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