Zur Geschichte der Volkskundlichen Kommission

Gegründet wurde die Volkskundliche Kommission 1928 unter dem Dach der westfälischen Provinzialverwaltung. Einer der damaligen Gründungsgedanken war, eine behauptete kulturelle Sonderstellung Westfalens durch wissenschaftliche Untersuchungen zu untermauern. Dementsprechend war in der Anfangszeit die Erforschung von raumgeographischen Fragen und Kulturströmungen eines der Hauptanliegen der Kommission. Ein Teil dieses Forschungszweiges war die Mitarbeit an dem seit 1929 entstehenden Atlas der deutschen Volkskunde. Methodisch waren die Anfangsjahre der Kommission aber auch durch die seinerzeit innovative funktionalistische Methode und soziologische Betrachtungsweise des ersten Kommissionsvorsitzenden Julius Schwietering geprägt. Daneben gab es Forschungsschwerpunkte sprachgeschichtlicher Natur: Man arbeitete an einem Westfälischen Wörterbuch und baute ein Volksliedarchiv auf.

In den 1930er Jahren entstand unter dem Vorsitzenden Jost Trier der Münsteraner Arbeitskreis für Hausforschung, deren Mitglieder die regionalen Hausformen im Sinne der Kulturraumforschung deuteten, aber auch an der methodisch zukunftsweisenden hauskundlichen Gefügeforschung arbeiteten. Überdies gab es Projekte zur Trachtenforschung, zur religiösen Volkskunde, zur Volkserzählforschung und zur Flurnamenforschung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden seitens der Volkskundlichen Kommission erhebliche Anstrengungen unternommen, um die Sachkultur Westfalens zu dokumentieren. Wichtigstes Ergebnis dieser Bemühungen war 1960 die Gründung des Westfälischen Freilichtmuseums in Detmold. Daneben entstanden in den 1950er und 1960er Jahren umfangreiche Fotodokumentationen zur Sachkultur. Niedergelegt wurde das Material im seit den 1950er Jahren aufgebauten Bildarchiv der Kommission.

Seit 1950 erfolgte unter Federführung von Martha Bringemeier der Aufbau eines Archivs für westfälische Volkskunde. Dazu wurden bis 1984 Berichte von Gewährspersonen zu 46 verschiedenen Themen der Alltagskultur aus der Zeit um 1900 archiviert. Mehrere Filme zum ländlichen Handwerk entstanden in Zusammenarbeit mit dem Institut für den wissenschaftlichen Film in Göttingen. In Kooperation mit dem Volkskundlichen Seminar der Universität Bonn begann 1954 die Herausgabe der Rheinisch-westfälischen Zeitschrift für Volkskunde.

Eine wichtige Zäsur erfolgte 1971, als die sprachgeschichtliche Abteilung mit der Arbeitsstelle des Westfälischen Wörterbuchs ausgegliedert und in die nun selbständige Kommission für Mundart- und Namenforschung übertragen wurde. Auch die Dokumentation, Sammlung und wissenschaftliche Aufbereitung der historischen Sachgüter blieb nicht mehr Aufgabe der Volkskundlichen Kommission; sie konnte den inzwischen sehr leistungsfähigen Museen überlassen werden. Es war daher nur konsequent, dass sich die Kommission auf die Auswertung, Präsentation und Archivierung vor allem von nicht-materiellen Zeugnissen der Volkskultur konzentrierte.

Ab 1970 nahm die Kommission unter ihrem Vorsitzenden Günter Wiegelmann und ihrem Geschäftsführer Dietmar Sauermann eine rege Publikationstätigkeit auf. So wurde 1972 die Schriftenreihe „Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland“ ins Leben gerufen, in der mittlerweile über 120 Bände erschienen sind.

Als eine von sechs wissenschaftlichen Kommissionen für Landeskunde des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe hat sich die Volkskundliche Kommission mit ihrer Geschäftsstelle heute als Anlaufstelle für alle etabliert, die sich mit volkskundlichen Fragen beschäftigen.

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