In den Momenten hilfloser Ohnmacht und verzweifelter Sinnsuche entwickeln Angehörige oder Freunde von Unfallopfern zunehmend das Bedürfnis, eine Art Mahnmal aufzustellen. Besonders in den ersten Tagen nach einem Unfall wird der Ort des Todes durch Blumen und Erinnerungsobjekte gekennzeichnet. Bald werden einfache Holzkreuze aufgestellt, die zumeist nur mit dem Vornamen und dem Todesdatum des/der Verunglückten beschriftet sind. Es finden sich Kerzen, Kuscheltiere, Schleifen mit Liebesbezeugungen, Abschiedsbriefe oder Grußkarten. Auch Bäume oder Ampeln werden geschmückt.
All diese Dinge sind oft erschütternder Ausdruck einer verzweifelten Trauer über das plötzliche und als vorzeitig empfundene Ende eines Lebens. Die Frage Warum wird massiv nach Außen getragen, es wird öffentlich Abschied genommen und klagende Trauer bekundet. Die Unfallstellen scheinen auf säkularisierte Weise sakralisiert, es zeigt sich dort das Bedürfnis nach fixierten Orten der Trauer- und Schmerzbewältigung und, wenn wir so wollen, für Übergangsriten.
Mit der Intention, auf diese Folgen des Individualverkehrs aufmerksam zu machen, übertrug der Landschaftsverband Westfalen-Lippe der Volkskundlichen Kommission im Januar 2000 die Aufgabe, eine Studie über das vermehrte Auftauchen von Todeszeichen an den Straßen durchzuführen. Dieses Forschungsprojekt wurde von Dr. Christine Aka unter der Leitung von Prof. Dr. Ruth-E. Mohrmann bis 2002 durchgeführt. Auf den Ergebnissen baut Dr. Christine Aka eine Habilitationsschrift auf.
Der Tod in der Öffentlichkeit, der plötzliche Tod im öffentlichen Raum schafft besondere Orte. Es sind nicht nur Erinnerungsorte, die lieux de memoire, sondern Orte, die etwas auslösen, das mehr ist als Erinnerung. Es mag Ehrfurcht, Erschrecken, Angst, Schmerz oder Schauder sein; durch die Aura, die Todesorte umgibt, entsteht emotionale Betroffenheit. Diese Orte müssen, um sich als Erinnerungsorte zu manifestieren, gekennzeichnet werden. Indem Trauernde Zeichen setzen, Zeichen für einen Übergang, der an diesem Ort seine Ursache gefunden hat, schreiben sie dem Ort ihre Geschichte ein, geben ihm eine Bedeutung für die Verortung von Leid und ritualisierten Bewältigungsstrategien. Wie die Beliebtheit authentischer Gedenkstätten im öffentlichen Raum insgesamt zu zeigen scheint, ermöglichen sie offensichtlich dem Einzelnen - will man es in der Sprache der Psychotherapie sagen - mit den eigenen Gefühlen in Kontakt zu kommen.
Die Markierung von Orten eines jähen Todes hat eine lange Tradition - man denke an Wegekreuze, Bildstöcke und Gebetsnischen. Bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts war es üblich, in der Tradition der ars moriendi, die gute Todesstunde, das gute Sterben des Individuums der Öffentlichkeit mitzuteilen. Die Todesstunde galt als Bilanz. Der plötzliche Tod verhinderte die Bilanz und damit die Ganzheit und setzte die Seele der Ungewissheit aus. Markierungen von Orten einer jähen Todesstunde sollten als memento mori die Vorbeikommenden an die Vergänglichkeit des Lebens und die Allgegenwart des Todes erinnern. Auch an den Verstorbenen selbst sollte erinnert werden. Außerdem wurde der Vorbeikommende zum Gebet für das Seelenheil des Toten aufgefordert, das nach katholischer Vorstellung den Seelen im Fegefeuer zugute kommen kann.
Diese Überlegungen bilden die Grundlage für Fragen an heutige Markierungen von Stätten eines jähen Todes. Es kann sicherlich von 300 bis 350 solcher Stellen in Westfalen ausgegangen werden. Die Typologie und Kartierung der Unfallkreuze sollen Informationen über Inschriften, Schmuck und Gestaltung des Umfeldes bündeln, um zu sehen, ob Interpretationen hinsichtlich sozial-, alters-, geschlechts-, regional- und eventuell auch konfessionsspezifischer moderner Gebrauchsweien von Trauersymbolen und Trauerformen möglich sind. Weitere Fragen werden sein: Wer ist Initiator dieser Form des Gedenkens? Ist es ein Charakteristikum der Jugendkultur? Einzelne Fälle sollen intensiv untersucht werden. Wir möchten mit Angehörigen und Freunden sprechen.
Dabei soll es weniger um das Schicksal des Einzelnen gehen, als vielmehr um die Frage, wie der Tod im öffentlichen Raum von der Öffentlichkeit selbst integriert wird. Sind mit diesen Orten bestimmte Erzählungen verbunden? Welche Bedeutung haben die Straßen, Kurven, Bäume etc. im Geschehen? Wird der Ort zu einem aktiv handelnden Subjekt, indem zum Beispiel der Kurve, der Kreuzung die Schuld zugewiesen wird?
Haben die Orte noch andere Funktionen, zum Beispiel als mythische Plätze, an denen man dem Verstorbenen real näher zu kommen meint, als beispielsweise auf dem Friedhof, an seinem Grab? Mögen an der Stelle des Unfalls die letzten Momente eines Lebens den Hinterbliebenen fast konserviert im Raum anwesend erscheinen? Bekommt der Ort Bedeutung durch die Vorstellung, dass dort die Seele den Körper verlassen hat? Spielen bei solchen Vorstellungen vielleicht die Veröffentlichungen und filmischen Darstellungen sogenannter Nahtoderlebnisse eine Rolle, die vom Schweben der Seele über dem Unfallort berichten? Zumindest werden die Orte des Todes als Kommunikationsorte gesehen: Sie geben eine für jeden zugängliche Möglichkeit, gedanklich und auch tätig mit dem Toten zu kommunizieren.
Verhaltensweisen bzw. Rituale, die früher an dem aufgebahrten Leichnam durchgeführt wurden, um ihm die letzte Ehre zu erweisen, werden heute an diese Orte verlagert. Während man früher Heiligenbilder und Blumen auf die Toten legte - besonders, wenn es sich um Kinder oder Jugendliche handelte -, bringt man heute Spielzeug und Blumen an die Todesorte; es werden Briefe geschrieben und Fotos als letzter Gruß dort angeheftet. Diese Kommunikation spiegelt die Vorstellung von einer Weiterexistenz des Verunglückten in einem Jenseits und dass es dem Verstorbenen wichtig sein könnte, nicht vergessen zu werden. Da kaum mehr traditional überlieferte Todes- und Jenseitsvorstellungen, aber auch ritualisierte Gefühlsbewältigungen zur Verfügung stehen, werden - so scheint es - unterschiedliche religiöse bzw. spirituelle Überzeugungen erst durch den Verlust eines nahestehenden Menschen provoziert. Er macht Sinnstiftung und Jenseitsvorstellungen zur emotionalen Verarbeitung des Geschehenen notwendig. Religiös motivierte Bewältigungsformen sind nicht verschwunden, sondern äußern sich diffus, unstrukturiert und individuell. Der Glaube an die Seele und ein Jenseits sucht sich in der postmodernen Gegenwart seine Ausdrucksformen, auch wenn sie aus zusammengebastelten Fragmenten bestehen. Die letzten Dinge machen aufmerksam, drücken Bedürfnisse aus, die veröffentlicht werden wollen. Als Reaktion auf den eingeebneten, ausgeblendeten Tod werden Zeichen gesetzt. Unfallzeichen tauchen immer eindringlicher im Raum auf, vermehren sich beständig. Werden in einer Gesellschaft, die sich ansonsten bemüht, den Tod zu verdrängen, so Ventile gefunden für Sinnsuche, ohne die es keine Chance auf Trost mehr gibt?