Wer war Adolf Risse?
Begibt man sich auf die Spur von Adolf Risse, dessen (foto-)dokumentarische Arbeit einen beträchtlichen Umfang aufweist, so fällt auf, dass zur seiner Person ausgesprochen spärliche Informationen vorliegen. Erst nach eingehenden Recherchen in seinem Heimatdorf Nienberge[1], im Stadtarchiv Münster, bei der Münsterschen Zeitung und den Westfälischen Nachrichten sowie im Universitätsarchiv konnte ich einige grundlegende Daten und Informationen zu seinem Leben zusammentragen, die sich auch auf sein fotografisches Schaffen ausgewirkt haben.
Adolf Risse wird am 27. August 1919 als jüngstes Kind einer Gastwirtsfamilie in dem ländlich geprägten Münster-Nienberge geboren. Nach dem Besuch der örtlichen Volksschule, wechselt Risse zum in der münsterschen Innenstadt gelegenen Gymnasium Paulinum, wo er 1940 die Abiturprüfungen ablegt. Bereits 1937 tritt er in die HJ ein. Vom 20. Januar 1940 bis zum 25. Oktober 1940 erhält Risse eine militärische (Grund-)Ausbildung. 1941 stirbt sein Vater Heinrich Risse. Die Mutter, Pauline Risse führt zusammen mit dem ältesten Sohn Ewald und der Tochter Paula die Gaststätte und den Landhandel weiter. Trotz der Kriegsjahre erlaubt es die finanzielle Situation der Familie, Adolfs Bruder Willi ein Tiermedizin-Studium und Adolf ein Studium der Medizin zu finanzieren, das dieser zum Wintersemester 1941/42 an der Universität München aufnimmt. Für das Studium wird Risse vom Kriegsdienst freigestellt. Zum Sommersemester 1942 wechselt er an die damalige Reichsuniversität Straßburg, wo er im September 1944 auch die Prüfungen zum Physikum ablegt. In den letzten Kriegsmonaten wird Risse in Kriegslazaretten in den Niederlanden als Feld-Unterarzt eingesetzt. Nach Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft beginnt Risse 1945 sein klinisches Studium an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, wo er in das sechste Hochschul- und Fachsemester eingestuft wird. Neben den medizinischen Vorlesungen besucht er auch Veranstaltungen der Germanistik, Kunstgeschichte und Geschichte. Im Januar 1949 legt Risse sein medizinisches Staatsexamen ab. Ab August 1949 arbeitet er unentgeltlich als sogenannter medizinischer Volontär an der Universitäts-Hautklinik in Münster. Eine Bezahlung wird ihm dort erst im Oktober 1950 und dann auch nur für die Dauer eines Monats zuteil: Vom 1. bis zum 31. Oktober 1950 wird er laut Personalakte der Universitäts-Hautklinik mit einer Pauschalvergütung von 150,- Mark als wissenschaftliche Hilfskraft beschäftigt.
Über weitere Beschäftigungsverhältnisse im medizinischen Bereich konnte ich nichts in Erfahrung bringen.
Zu Beginn der 1950er Jahre hatte Risse als „fester freier Mitarbeiter“ bei den Westfälischen Nachrichten und bei der Münsterschen Zeitung angefangen. Diese Tätigkeit beinhaltete die Berichterstattung über alle Ereignisse in Nienberge und Umgebung, die für die Tageszeitungen relevant waren: Schützenfeste, Einweihungen, Karnevalssitzungen, „runde“ Geburtstage und Jubiläen aller Art. Darüber hinaus schrieb er kulturhistorische Beiträge für eine Beilage zu den „Westfälischen Nachrichten“ (Auf roter Erde).
Seit 1955 war Risse außerdem Mitarbeiter im Archiv für Westfälische Volkskunde und 1957/58 wurde er Mitglied in der Fachstelle Volkskunde des Westfälischen Heimatbundes.
Insgesamt kann zur Person Risses gesagt werden, dass dieser zwar umfassend gebildet war, aber über kein festes Einkommen verfügte und eher am Existenzminimum lebte. Mit seiner Tätigkeit als freier Journalist hielt er sich mehr schlecht als recht über Wasser. Die Fotografien, die bei den Zeitungen und auch seitens der Volkskundlichen Kommission relativ gut bezahlt wurden, spielten eine wesentliche Rolle in Hinblick auf die Absicherung seiner Subsistenz. Seinen Mitbürgern galt er als „Sonderling“ und „Original“.
Wie und was hat Adolf Risse fotografiert?
Nach Aussagen von Zeitzeugen besaß Risse in den 1940er Jahren bereits die Iconta-Kamera der Firma Zeiss-Icon, die er jedoch in den 1950er Jahren verkaufte. Er kaufte sich statt dessen eine Kleinbildkamera der Firma Leica. Die wesentlich handlichere Kamera hatte für Risse ganz klare Vorteile: Sie konnte in der Jackentasche stets mitgeführt werden und war so immer schnell zur Hand, wenn sich ein geeignetes Motiv bot.
Risses Lebensverhältnisse und die damit zusammenhängenden Einstellungen spiegeln sich deutlich in den Fotografien wieder: Arme Kötter und reiche Bauern haben vor seiner Kamera die gleiche Wertigkeit. Nicht selten fotografiert er die „kleinen“ Leute, oder diejenigen, die von der Norm abweichen. Auch ist er nicht am vermeintlich Pittoresken, sondern eher an dem Thema „Veränderung des Alltäglichen“ interessiert. Mehr als seine Zeitgenossen ist er sich der Vergänglichkeit kultureller Erscheinungsformen bewusst, die er mit der Kamera festzuhalten versucht.
Vor allem dann, wenn er Menschen bei der Arbeit fotografiert, kann er seine Stellung als „Original“ oder „Sonderling“ durchaus für seine fotografische Tätigkeit nutzen: die fotografierten Personen scheinen dem Fotografen kaum Beachtung zu schenken, sondern fahren fort in ihrem Tun.
Fotografien vom Landleben (am Beispiel des Werkes von Adolf Risse)
Risse steht eindeutig in der Tradition der teilweise als „Bauernfotografen“ bezeichneten künstlerischen und dokumentarisch tätigen Lichtbildner, die sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts den Bauern und ihrer Lebenswelt zuwandten. Die Fotografien, die sie herstellten, befriedigten das Bedüfnis der ländlichen Bevölkerung nach fotografischen Abbildern ihrer Familie und ihres Hofes, sie kamen aber auch einer allgemeinen Begeisterung für das Landleben entgegen, welche besonders in städtisch-bürgerlichen Schichten sehr ausgeprägt war. Fotoamateure, fotografierende Wissenschaftler, Heimatforscher, aber auch professionelle Fotografen machten sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts daran, die „Heimat“ mit ihren Menschen und ihrer spezifischen Objektkultur auf Bildern festzuhalten, die als genaue Kopien der Realität verstanden wurden.
Auch Risse bedient mit seinen Fotografien ein Bedürfnis nach einer Gegenwelt, die anscheinend so ganz anders ist als die Gegenwart der wachsenden (Industrie-)Städte. Viele Fotografien Risses zeigen Relikte der ländlichen Lebens- und Arbeitswelt. Die Mechanisierung der Landwirtschaft und die sich radikal ändernden Lebens- und Arbeitsverhältnisse spielen auf den Fotografien nur selten eine Rolle. Die Fotografien suggerieren eine stehen gebliebene kristalline Zeit. Dass es sich bei der pittoresken Arbeitskleidung und den gezeigten Arbeitstechniken meist um Relikte handelte, wie aus den Bildkommentaren deutlich hervorgeht, machte sie umso sicherer zu Ikonen der Volkskunde, die in den 1950er Jahren noch deutlich vom Bestreben nach Rettung einer im Untergehen befindlichen ländlichen (Ideal-)Welt beseelt war.
Die Fotografien und Bildkommentare Risses charakterisieren die ländliche Lebens- und Arbeitswelt keineswegs als eine Welt, in der es kein Oben und Unten gibt, sondern als eine Welt mit eigenen Regeln und Begriffen, die der Erläuterung bedürfen und die nicht immer verständlich und nachvollziehbar sind. Risse selbst präsentierte sich als Insider, der beliebig nahe an die Protagonisten dieser Lebenswelt herantreten konnte. Er sah sich als Verbindungsglied zwischen der Welt der Bauern und der Welt der Städter. In dieser Funktion erläuterte er Begriffe und Regeln (s. Bildkommentare) und visualisierte genau die Ausschnitte der ländlichen Lebenswelt, die die Außenstehenden sehen wollten. Die Fotografien Risses wenden sich ganz bewusst dem Regionalen zu. Ihr Schauplatz ist ein kleines münsterländisches Dorf mit seinen Bewohnern, deren Leben und Arbeiten die volle Aufmerksamkeit des Fotografen galt. Im Gegensatz zur Heimatfotografie und zur Fotografie in der NS-Zeit ist der regionale Bezug bei Risse deutlich spürbar. Ihm ging es nicht um „den Bauern“, das „deutsche Volksgesicht“ oder „den Münsterländer“, sondern ganz konkret um Bauer Berning, den Buschenmacher Frerink oder die Piggenbrut des Hofes Hölken. Ihre Welt wird dem Bildbetrachter als frei von ideologischen Zuschreibungen präsentiert. Die Fotografien des autodidakten „Bauernfotografen“ Adolf Risse vermitteln dem Betrachter ein Landleben, dass bevölkert ist von namentlich bekannten, „echten“ Individuen und das sich vor allem durch die Nähe zur Natur auszeichnet (Arbeit im Rhythmus der Natur, enge Beziehung zur Tierwelt etc.). Durch die rückwärtsgewandte Bildästhetik und die geschickte Wahl seines Standortes vermied Risse eine eindeutige zeitliche Zuordnung der Fotografien. Die Beschränkung auf einen engen dörflichen Kontext tat ein Übriges, um dem Betrachter den Eindruck von Überschaubarkeit zu vermitteln. Auf diese Weise schuf Risse Fotografien, die mehr sind als Dokumente ländlichen Lebens und Arbeitens. Sie visualisieren ein „Lebensgefühl“, dessen Entstehung bereits in das 19. Jahrhundert datiert und das durchaus als „Mythos vom Ländlichen“ bezeichnet werden kann.
Christiane Cantauw
Literatur:
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Cantauw, Christiane: Adolf Risse und der volkskundliche Blick. Auf den Spuren eines Fotografen im Münsterland, in: Irene Ziege, Ulrich Hägele (Hg.): Der engagierte Blick. Fotoamateure und Amateurfotografen dokumentieren den Alltag, Münster/Berlin 2007, S. 125-138.
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Cantauw, Christiane: Landlust. Von der Lust aufs Land und ihren Visualisierungen, in: Westfälische Forschungen 58, 2008, S. 297-314.
[1] Hier war mir vor allem Herr Josef Schulze-Wermeling, der ehemalige Vorsitzende des Nienberger Heimtvereins, behilflich, der mich dankenswerterweise mit zahlreichen Nienberger Bürgern zusammenbrachte, die mir über die Person Adolf Risses Auskunft zu geben bereit waren.