Der Tochter eines Bergmanns aus Querenburg ordnete der Fotograf als geschlechtsspezifisches Requisit eine Puppe zu, die sie als Mädchen ausweist. Das Foto entstand 1898 im Bochumer „Photographischen Atelier Louis Frohwein“.
Bild des Monats: September 2005
Beim Fotografen – Mädchen und Puppe um 1900
Mädchen und Puppen – sie gehören zusammen. Sehen wir auf Fotografien ein Mädchen mit Puppe, gehen wir selbstverständlich davon aus, dass das Mädchen mit dieser Puppe auch gespielt hat. Ob wir es auf dem Foto aber tatsächlich mit einem Puppenmütterchen, das mit seinem Puppenkind liebevoll umging, zu tun haben, kann erst gesagt werden, wenn Informationen zu dem Bild überliefert sind. Fotografien sind keine direkten Abbilder der Wirklichkeit, sondern zeigen immer nur einen Ausschnitt. Daher ist es beispielsweise wichtig zu wissen, warum, für wen und wie die Bilder hergestellt wurden, wer in welcher Situation aus welchem Anlass fotografiert wurde, welche technischen Voraussetzungen zum Entstehungszeitpunkt des Fotos gegeben waren etc.
Im Jahr 1898 ließ ein Bergmann im Bochumer Fotoatelier „Louis Frohwein“ sein Töchterchen fotografieren. Zu dieser Zeit war es noch üblich, dass Kinder im Hätschelalter Kleidchen trugen. Um sie nun als männlich oder weiblich auszuweisen, wurden ihnen häufig geschlechtsspezifisch eindeutig festgeschriebene Accessoires beigegeben: dem Jungen ein (Schaukel-)Pferd, Auto oder Spielzeuggewehr, dem Mädchen eine Puppe, zuweilen auch ein Blumenkörbchen. Diese Accessoires gehörten zu den Requisiten, mit denen Fotoateliers ausgestattet waren.
Die abgebildete Puppe dürfte zum Bestand des Ateliers Frohwein gehört haben. Sie ist im Vergleich zum Kind zu groß, trägt Erwachsenenkleidung. Kopf und Hände sind aus Porzellan. Sie ist zerbrechlich, kaum bespielbar, für ein Kleinkind vollkommen ungeeignet. Die Bergmannstochter in ihrem langen karierten Kleid wirkt noch unsicher auf ihren Beinen; es ist wahrscheinlich, dass sie, für den Bildbetrachter unsichtbar, fixiert wurde. Angestrengt schaut sie in die Kamera, zeigt keinerlei Hinwendung zu der vor ihr platzierten Puppe.
Gitta Böth, Hagen/Westfalen
Literatur:
Gitta Böth: Spiel mit Puppen?! Kinderfotos als museologische Quelle für den Umgang mit Puppen. In: Hessische Blätter für Volks- und Kulturforschung NF 39 (2003), S. 84-97
Susanne Regener: Das verzeichnete Mädchen. Zur Darstellung des bürgerlichen Mädchens in Photographie, Puppe, Text im ausgehenden 19. Jahrhundert. Marburg 1988