Bild des Monats: Oktober 2005
Ein Diaabend: vergangene Wirklichkeit
Obwohl nur ca. 50 Jahre alt, ist das vorliegende Foto des Diaabends Ausdruck einer längst vergangenen Wirklichkeit. Kleidung und Acessoires der Abgebildeten und nicht zuletzt auch das Interieur des Raumes lassen sich den 1950er Jahren zuordnen. Auch bei dem Diaprojektor handelt es sich um ein Modell, das sich durch die Verarbeitung und die Technik deutlich von Nachfolgemodellen aus den 1970er und 80er Jahren unterscheidet. Das vorliegende Foto dokumentiert in geradezu idealer Weise eine Kulturtechnik, die bis in die 1980er Jahre als alltäglich und weit verbreitet bezeichnet werden könnte: Gemeint ist der Diaabend, bei dem Freunden, Nachbarn und Verwandten die Dias aus dem letzten Urlaub vorgeführt wurden. Diaabende waren ein wichtiger Bestandteil der Installation einer Reise im Alltag. Das Erzählen über die Reise und das Vorzeigen von „Beweisen“ des Dagewesenseins bildete gleichsam den Abschluss des Urlaubs. Ein Diaabend besteht aber nicht nur aus dem Präsentieren von Dias. Unabdingbar sind auch die Erläuterungen des Fotografen und die Bewirtung der Gäste. Die auf dem Foto sichtbare Rollenteilung, die den Hausherrn als die für die Technik zuständige Person zeigt, ist übrigens geradezu idealtypisch. Es fehlt lediglich noch die die Gäste bewirtende Hausfrau, um das Bild abzurunden. Die Kabelführung (über den Unterleib des rechts abgebildeten Herrn) entspricht dahingegen nicht den Tipps aus der einschlägigen Ratgeber-literatur, die sogar „Teppich-Brücken“ vorschlagen, um zu vermeiden, dass die Kabel zu Stolperfallen für die Gäste werden.
Das weitgehende Verschwinden von Diaabenden aus dem alltagskulturellen Leben bedeutet nicht, dass die Bedeutung der Installation des Urlaubs im Alltag in einer Zeit des Vielreisens geschwunden wäre. Der Diaabend stellte auch in den 1950er Jahren schon nicht die einzige Möglichkeit dar, aus einer Reise einen nach außen wahrnehmbaren Gewinn zu schlagen: Neben Dias konnten und können dem sozialen Umfeld auch Fotografien, Souvenirs und selbst Urlaubsbräune oder „gute Laune“ präsentiert werden. Heute kommen noch Videofilme, Tatoos oder besondere Frisuren hinzu. Über sie definiert sich der Gebrauchswert einer Reise. Je spektaku-lärer und einzigartiger die Visualisierungen von Reisen sind desto besser. Selbst Reisedesaster eignen sich immer noch als Beiträge in alltäglichen Erzählsituationen. Auf den Punkt gebracht hat Art Buchwald dies in seinem „Touristengebet“, das 1994 im SZ-Magazin abgedruckt war. Dort heißt es: „Und wenn unsere Reise vorüber ist und wir heimkehren zu unseren Lieben, so gewähre uns die Gnade, daß wir jemanden finden, der sich unsere Filme anschaut und unsere Geschichten anhört, damit unser Touristenleben nicht vergeblich war“.
Christiane Cantauw